Der erste Januar 2137 war ein Freitag, und Aiko Taira war um 04:20 an der Feldstelle am Ostufer.
Die Feldstelle war ein Bau aus Beton mit zwei Fenstern nach Norden, und im Dezember war sie geheizt worden und im Januar nicht mehr.
Und der Ofen brauchte vierzig Minuten, bis er etwas hergab, und sie machte ihn nicht an, weil sie um 07:00 wieder draußen sein würde.
Auf dem Tisch lagen zwei Blätter, und beide waren ihr eigenes Papier.
Auf dem ersten stand die Liste.
Und auf dem zweiten stand, was um 09:20 gesagt werden würde, und das zweite hatte sie nicht geschrieben.
Die Liste hatte drei Spalten, und die Spalten hießen Name, Stelle und Tag.
Und der Name stand vorn, weil ein Name nicht wartet, bis eine Behörde eine Zeile freigibt.
Und sie hatte sie am neunten Dezember angelegt und seitdem viermal abgeschrieben, weil sie zwischen die Zeilen schrieb und danach nichts mehr lesen konnte.
Die Nachtmeldungen kamen um 04:50 herein, und es waren vier, und drei davon waren leer.
Und die vierte kam von der Absperrung Nord drei und betraf einen Mann, der um 02:40 von der Straße weggetragen worden war.
Sie trug ihn nicht in die Liste ein, weil er lebte und weil sie in dieser Liste niemanden führte, der lebte.
Sie legte den Zettel quer über das Blatt, damit sie ihn um sechs noch einmal sah.
Und danach schrieb sie den Stand hin.
1. Januar 2137, 05:40.
Vierunddreißig Zeilen seit dem achtundzwanzigsten November.
Neunzehn Tote. Sieben Vermisste. Acht, die nicht wieder an ein Ufer gehen.
Auf einem zweiten Blatt standen einundsechzig, die wieder standen, und dieses Blatt lag unten.
Und es lag unten, weil es seit dem fünfzehnten Dezember niemand verlangt hatte, und weil sie es trotzdem führte.
Sechs Zeilen standen an Messpunkt neun.
Fünf standen an der Absperrung Nord drei, vier an der Sammelstelle zwei, drei an der Uferstraße am Nordbecken.
Und der Rest verteilte sich auf neun Stellen, an denen je eine oder zwei standen, und an Messpunkt vier stand seit dem dreißigsten November keine.
Der Text aus Tokio kam um 06:10 und hatte vier Sätze.
Und er kam mit einer Notiz, in der stand, dass er abgestimmt sei, und es stand nicht dabei, mit wem.
Sie las ihn zweimal.
Und beim zweiten Mal blieb sie in der zweiten Zeile hängen, und danach las sie ihn kein drittes Mal.
Wir danken für die Bereitschaft.
Aiko Taira dankte nicht für Hilfe.
Und sie hatte das nie aufgeschrieben und nie erklärt, und es hatte auch nie jemand gefragt.
Sie änderte an dem Text nichts.
Und sie änderte nichts daran, weil er nicht ihrer war, und weil eine Rückfrage nach Tokio und zurück zwischen zwei und fünf Stunden dauerte.
Und um 09:20 würden sechzig Leute an diesem Wasser stehen, ob der Satz nun stimmte oder nicht.
Unter den vier Sätzen stand eine fünfte Zeile, und die fünfte Zeile war eine Angabe und kein Satz.
Es begrüßt für die japanische Seite: Taira Aiko, Einsatzleitung vor Ort.
Die Verbindungsstelle kam um 07:00 und brachte den Aufstellungsplan.
„Frau Taira, es ist gestern Abend noch geändert worden."
„Was?"
„Die fünfte Zeile."
„Wie stand sie vorher da?"
„Vorher stand dort das Haus", sagte der Mann.
„Und jetzt steht dort Ihr Name."
„Warum?"
„Weil hinter Ihrem Namen eine Familie steht."
Sie sah eine Weile auf die fünfte Zeile, und danach schob sie das Blatt zwei Handbreit von sich weg und ließ es liegen.
„Das ist der Grund", sagte sie.
„Und es ist der einzige."
„Frau Taira, das ist keine Kleinigkeit."
„Doch."
„Und?"
„Die Leitung führe ich deshalb nicht", sagte sie. „Über mir stehen zwei Häuser, und daran ändert eine fünfte Zeile nichts."
Er sagte dazu nichts mehr.
Und sie legte den Plan neben die Liste und drehte ihn nicht um, und auf dem Plan war der Boden vor dem Bogen des Nordbeckens in acht Kästen geteilt.
In dem hintersten Kasten stand Zusätzliche Spezialisten (3), ohne Namen und ohne Rang.
„Die Pressestelle fragt, wo der SS steht."
„Im hintersten Kasten."
„Und?"
„Und in dem Kasten steht keiner", sagte Aiko Taira. „Dort steht eine Zahl."
Um 07:25 kam die Präfektur, und die Präfektur kam wegen der Räumung und nicht wegen der Bilder.
„Frau Taira, wir haben den Plan noch einmal gerechnet."
„Und?"
„Neunzehn Stunden."
„Das war er im Dezember auch."
„Ja."
„Was ist neu?"
„Und neu ist, dass wir jetzt wissen, welche zwei Straßen wir dabei zumachen", sagte die Frau von der Präfektur.
„Und die zwei Straßen stehen auf meiner Liste."
„Mit wie vielen Zeilen?"
„Mit dreien."
„Vierundsechzigtausend sind gemeldet", sagte Aiko Taira. „Werktags zwischen sieben und neun stehen etwa elftausend mehr im Ring."
„Heute?"
„Heute ist der erste Januar."
„Weniger?"
„Etwa neuntausend weniger", sagte sie.
„Und morgen ist es wieder anders, und übermorgen auch, und der vierte ist ein Montag."
Die Frau von der Präfektur schrieb es auf, und sie schrieb es in ihr eigenes Heft und nicht in den Plan.
Und Aiko Taira sah es und sagte nichts dazu, weil sie es genauso machte.
Die Kameralinie wurde um 07:50 gezogen, und sie wurde von zwei Leuten der Feldstelle gezogen.
Und sie lief in einem Bogen von der Böschung bis an die Betonkante, und sie war neunzehn Meter von der Aufstellung entfernt.
Vier Leute hielten sie, und die vier standen an jedem anderen Tag an der Sammelstelle zwei, und Aiko Taira wusste das, weil sie die Schichtliste selbst geschrieben hatte.
Um 08:35 kam die Pressestelle mit einem Blatt und einem Stift.
„Frau Taira, die Namenseinblendung."
„Was ist damit?"
„Wir haben vierzehn."
„Woher?"
„Aus der Anlage zum Ersuchen."
„Wer hat Ja gesagt?"
Der Mann sah auf sein Blatt und dann hoch und dann wieder auf das Blatt.
„Frau Taira, das ist eine amtliche Namensliste."
„Ja."
„Und?"
„Und sie sagt, wie die Leute heißen", sagte sie. „Sie sagt nicht, dass sie unter ihr Gesicht geschrieben werden wollen."
Sie nahm ihm das Blatt aus der Hand und strich vierzehn Zeilen durch, und sie strich sie in Anwesenheit von drei Leuten seines Hauses durch.
Und danach gab sie es zurück und schrieb keinen Vermerk dazu.
„Welche bleiben?"
„Das weiß ich nicht", sagte Aiko Taira.
„Und Sie haben trotzdem alle gestrichen."
„Vier davon kommen zurück, und sie liegen bei Fräulein Gu in Songjiang und nicht bei Ihnen."
„Wenn wir sie bis 09:20 nicht haben?"
„Dann läuft es ohne Namen."
„Das ist ein schlechtes Bild."
„Und das ist ein Bild", sagte sie.
Der Wagen aus der Unterkunft fuhr um 08:40 und war um 09:04 am Nordbecken.
Sie zählte die, die ausstiegen, nicht, und sie sah trotzdem, dass es siebzehn waren, weil sie in drei Gruppen ausstiegen und nicht in einer.
Lu Chen kam als Erster an die Linie und ging sie ab.
Und er ging sie von innen ab und nicht von außen, und er ging sie ganz ab, von der Böschung bis an die Betonkante.
„Frau Taira."
„Herr Lu."
„Neunzehn Meter."
„Ja."
„Wer hat sie gezogen?"
„Zwei Leute von meiner Feldstelle", sagte sie.
„Und ihre Namen stehen auf der Schichtliste und nicht auf dem Boden."
„Dann nehme ich sie ab."
Er ging sie ein zweites Mal ab und ließ sie liegen, wo sie lag.
Und er sagte nichts über die acht Kästen und fragte auch nicht, wer sie eingeteilt hatte, und das fiel ihr auf, weil sie sich eine Antwort darauf zurechtgelegt hatte.
Um 09:12 stellte sich die japanische Seite auf, und es dauerte vier Minuten.
Um 09:16 stellte sich Nightfall auf, und es dauerte eine.
Die vierzehn standen in derselben Jacke, und man sah der Jacke nicht an, wer von ihnen einen Namen bekommen würde.
Und die drei standen dahinter, und einer von den dreien stand am Ende der Reihe, dort, wo die Messkoffer abgestellt waren.
Um 09:20 gingen die Bilder an.
Aiko Taira sagte die vier Sätze, und sie sagte sie so, wie sie dastanden.
Und die Dolmetscherin übersetzte sie, und die Dolmetscherin las an jedem anderen Tag um 09:30 die Meldung von Messpunkt sieben vor.
Sie sagte den Satz mit dem Dank an der Stelle, an der er stand, und sie hörte ihn dabei, wie man einen fremden Gegenstand in der eigenen Hand spürt.
Um 09:22 stand ihr Gewicht auf dem linken Fuß.
Sie merkte es, und sie merkte es hinterher, und das war der Teil, der nicht stimmte, weil sie es sonst wusste, bevor es passierte.
Und der linke war der Fuß, von dem sie sich abstieß.
Es gab an diesem Bogen nichts, wovon sie sich hätte abstoßen müssen.
Und sie stellte es zurück und sprach weiter, und in der Übersetzung war Zeit dafür.
Um 09:29 hatte sich die Scheide gedreht.
Es waren wenige Grad, und die Klinge war drin, und ihre Hand lag danach dort, wo sie vor einer Schrittfolge lag.
Und sie stand still und sagte einen Text auf, den jemand in Tokio geschrieben hatte.
Und sie ging durch, was es gewesen sein konnte, und sie ging es durch, ohne den Kopf zu drehen.
Die Kälte. Am dreißigsten Dezember war es kälter gewesen und sie hatte sechs Stunden am selben Bogen gestanden.
Die sechzig Leute. Sie hatte im Juli vor mehr gestanden, und im September vor dreihundert, und beide Male hatte ihre Hand dort gelegen, wo sie hingehörte.
Und das Wasser im Rücken lag seit dem achtundzwanzigsten November in ihrem Rücken.
Um 09:31 kam der Krankentransport an die Uferstraße.
Es war der Mann von der Absperrung Nord drei, und er war um 02:40 weggetragen worden, und er fuhr jetzt nach Otsu.
Und die Uferstraße lief hinter der Aufstellung durch und war im Bild.
Die Pressestelle kam an die Linie und fragte nicht sie, sondern Lu Chen.
„Herr Lu, elf Minuten."
„Wofür?"
„Bis die Bilder aus sind."
Lu Chen sah auf die Straße und nicht auf die Kameras.
„Das entscheide nicht ich."
„Es ist Ihr Bild."
„Und es ist nicht mein Wagen", sagte Lu Chen.
„Wer entscheidet es?"
„Die Stelle, die ihn fährt."
„Und nicht der Mann auf der Trage?"
„Und nicht der Mann auf der Trage", sagte Lu Chen.
„Frau Taira, das ist Ihre Stelle."
„Ja."
„Und?"
„Und er fährt jetzt", sagte Aiko Taira.
Der Wagen fuhr um 09:32 durch das Bild und war in vierzehn Sekunden durch.
Und niemand aus der chinesischen Reihe drehte den Kopf, und niemand aus ihrer trat einen Schritt zur Seite, um Platz zu machen.
Um 09:41 sah sie die Reihe entlang.
Sie tat es, wie sie am dreißigsten November den Boden abgegangen war, als er nachgegeben hatte: eine Stelle nach der anderen und immer in dieselbe Richtung.
Und sie merkte sich, wo etwas war und wo nichts war.
Vorn war nichts.
In der Mitte war nichts.
Und hinten, dort, wo die Messkoffer standen, war ihr Gewicht wieder auf dem linken Fuß.
Sie drehte den Kopf auch jetzt nicht.
Und sie brauchte ihn nicht zu drehen, weil sie den Bogen kannte und weil der hinterste Kasten auf dem Plan an derselben Stelle stand wie der Mann.
Er war als zusätzlicher Kernspezialist angekündigt worden, ohne Rang.
Und er verhielt sich genau so, und das war das Erste, was ihr auffiel, und es war das Einzige, was in eine Akte gepasst hätte.
Und sie sah sich in den zweiunddreißig Minuten an, was er tat, und sie sah es sich an wie eine Schrittfolge auf einem Band.
Er stand am Ende der Reihe bei den Koffern, und die Koffer gehörten nicht ihm.
Und er stand, während die erste Kamera schwenkte, hinter dem Dritten der hinteren Reihe, und während des zweiten Schwenks stand er hinter dem Vierten.
Beide Male hatte er sich vorher bewegt und nicht danach.
Als die Pressestelle ein breiteres Bild wollte und mit dem Arm winkte, ging er eine halbe Schrittlänge zurück.
Und er sah dabei nicht zu der Kamera hin, und er sah auch nicht zu dem Arm hin.
Aiko Taira hatte seit 2131 an einundvierzig Toren oberhalb A gestanden, und sie hatte dort Leute gesehen, die nicht angesehen werden wollten.
Und die meisten davon standen einfach falsch und merkten es nicht.
Wer nicht angesehen wird, muss nicht daran arbeiten.
Und er arbeitete daran, und er machte dabei keinen Fehler, und wer keinen Fehler macht, hat es geübt.
Das war der ganze Schluss, und sie zog keinen zweiten.
Sie wusste nicht, was er konnte, und sie wusste nicht, wie stark er war, und sie wusste nicht, ob das eine mit dem anderen zusammenhing.
Und sie hatte kein Blatt, auf das sich so etwas hätte schreiben lassen.
Sie wusste, dass er sich kleiner machte, und dass er es mit Absicht tat.
Die Bilder gingen um 09:52 aus.
Die japanische Seite löste sich in vier Minuten auf und Nightfall in einer, und Aiko Taira ging nicht zu den Kameras hinüber und ließ sich auch nicht dorthin bringen.
„Herr Lu."
„Frau Taira?"
„Kommen Sie mit."
Und sie ging voraus, und sie ging den Weg an der Böschung entlang, weil er kürzer war als der über den Beton.
Und sie sagte auf diesem Weg nichts über das, was hinter ihnen abgebaut wurde.
In der Feldstelle war es kalt, und der Ofen war immer noch aus, und sie machte ihn auch jetzt nicht an.
Sie schob den Aufstellungsplan vom Tisch und legte die Liste in die Mitte.
„Das ist der Stand von heute früh, 05:40."
„Wovon?"
„Von allem seit dem achtundzwanzigsten November", sagte Aiko Taira.
Lu Chen setzte sich nicht hin.
Und er zog das Blatt zu sich und las es im Stehen, und er las es von oben nach unten und danach ein zweites Mal von unten nach oben.
„Vierunddreißig."
„Vierunddreißig."
„Neunzehn tot."
„Neunzehn tot, sieben vermisst, acht, die nicht wieder an ein Ufer gehen", sagte sie.
„Wo sind die acht?"
„Sechs in Otsu. Zwei zu Hause."
„Seit wann?"
„Der Letzte seit vorgestern."
„Wie viele von den achten standen an Messpunkt neun?"
„Zwei."
„Und von den neunzehn?"
„Vier."
Gu Tian war mit hereingekommen und stand an der Wand neben der Tür.
Und er hatte nichts in der Hand, und er sah einmal auf das zweite Blatt, das unter der Liste lag, und danach nicht mehr.
Lu Chen las die Spalte Tag.
„Zwei am achtundzwanzigsten November", sagte er. „Drei am achten Dezember. Eine am dreizehnten. Sieben am achtzehnten. Zwei am vierundzwanzigsten. Elf am dreißigsten."
„Ja."
„Das sind sechsundzwanzig an sechs Tagen."
„Ja."
„Und acht an neun anderen Tagen."
Aiko Taira wartete, ob die Frage kam, die alle stellten.
Und sie war seit dem fünfzehnten Dezember viermal gestellt worden, und sie lautete jedes Mal, wie viele es am vierten Januar sein würden.
Sie kam nicht.
„Was passiert an den neun anderen Tagen?", sagte Lu Chen.
Und sie sah ihn an, so wie sie am neunzehnten Dezember auf einen schlechten Bildschirm gesehen hatte.
„Das weiß ich nicht."
„Seit wann wissen Sie es nicht?"
„Seit dem achten Dezember", sagte sie.
„Und?"
„Und deshalb habe ich Sie zuerst hierhergeführt und nicht an das Wasser."
Lu Chen legte das Blatt hin und ließ die Hand darauf liegen.
„Die sechs Tage kann ich lesen. Die stehen in Ihrer Wachstumstafel, und zwei davon sind Stufen."
„Der achtzehnte und der dreißigste."
„Und die neun anderen stehen nirgends."
„Nein."
„Und niemand hat danach gefragt."
„Doch", sagte Aiko Taira. „Ich habe zweimal danach gefragt."
„Und ich habe zweimal keine Antwort bekommen, und beim zweiten Mal habe ich sie schriftlich verlangt."
„Wann?"
„Am zweiundzwanzigsten Dezember."
„Und?"
„Und sie ist nicht gekommen."
„Von wem haben Sie sie verlangt?"
„Von der Stelle, die die Anlage schließt."
„Und die steht nicht am Wasser."
„Und die steht nicht am Wasser", sagte Aiko Taira.
Lu Chen ging die Spalte Stelle durch, und er ging sie langsamer durch als die Spalte Tag.
„Sechs an Messpunkt neun."
„Sechs."
„In Anlage sechs steht, dass Messpunkt neun seit dem achten Dezember immer in dieselbe Richtung abweicht."
„Das steht darin."
„Und dass ihn niemand geglättet hat."
„Auch das", sagte sie.
„Wer steht heute an Messpunkt neun?"
„Niemand."
„Seit wann?"
„Seit gestern 19:00", sagte Aiko Taira.
„Auf wessen Anordnung?"
„Auf meine."
„Steht das in einer Anlage?"
„Nein. Die Anlage ist am dreiundzwanzigsten geschlossen worden."
„Dann steht es jetzt auf einem Blatt von mir", sagte Lu Chen, und er schrieb es auf sein eigenes Papier und nicht auf ihres.
„Und an Messpunkt vier steht nichts."
„Nein."
„Warum nicht?"
„Weil ich ihn am dreißigsten November elf Meter nach Süden versetzt habe", sagte Aiko Taira.
„Und?"
„Und ich weiß nicht, ob das der Grund ist."
Lu Chen sah auf und sah sie an und schrieb es hin.
Und er schrieb den Satz mit, den sie dazu gesagt hatte, und nicht nur die Tatsache, und sie sah es an der Länge dessen, was er schrieb.
„Frau Taira, warum steht Ihre Liste nach Stelle und nicht nach Tag?"
„Ein Tag sagt mir, was passiert ist."
„Und eine Stelle?"
„Und eine Stelle sagt mir, wo es wieder passiert."
Es blieb einen Moment still in der Feldstelle, und es war die Art von Stille, in der jemand rechnet.
„Was liegt darunter?"
Und sie zog das zweite Blatt unter der Liste hervor und legte es daneben, und sie legte es nicht auf die Liste, sondern neben sie.
„Einundsechzig, die wieder stehen."
„Seit wann führen Sie das?"
„Seit dem neunten Dezember, mit demselben Kopf und denselben drei Spalten."
„Wer hat es verlangt?"
„Niemand", sagte Aiko Taira.
„Ich hätte gern eine Abschrift."
„Wovon?"
„Von beiden", sagte Lu Chen.
„Und ich brauche das zweite mehr als das erste."
„Warum?"
„Weil auf dem ersten steht, was Ihr Ufer kostet."
„Und auf dem zweiten?"
„Und auf dem zweiten steht, was es aushält", sagte Lu Chen.
„Wie viele von Ihren Leuten stehen morgen am Wasser?"
„Achtundfünfzig", sagte sie.
„Und am dreißigsten November waren es dreiundsiebzig."
Und Lu Chen las die Liste ein drittes Mal und legte sie danach zurück in die Mitte des Tisches.
„Ich habe dazu drei Sachen."
„Sagen Sie sie."
„An Messpunkt neun steht ab morgen niemand von Ihnen und niemand von uns, bis Fräulein Luo dort gewesen ist."
„Einverstanden."
„Und wenn Ihre Leitung es anders will?"
„Dann will sie es anders", sagte Lu Chen. „Und dann steht es auf einem Blatt."
„Die neun anderen Tage bekommen ein eigenes Blatt, und darauf steht, was an ihnen nicht gemessen worden ist."
„Wer schreibt es?"
„Sie", sagte Lu Chen.
„Und ich lese es."
„Das dritte?"
„Und das dritte ist keine Anordnung."
„Was ist es?"
„Am neunzehnten Dezember hat mir jemand aus Ihrem Land gesagt: Wir danken für die Bereitschaft", sagte Lu Chen.
„Und heute morgen stand es in meinen vier Sätzen."
„Ja."
„Wer hat sie geschrieben?"
„Eine Stelle in Tokio", sagte Aiko Taira. „Und die Stelle steht heute nicht am Wasser."
„Und Sie danken nicht für Hilfe."
„Nein."
„Und Sie haben es trotzdem gesagt."
„Ich habe es gesagt", sagte sie.
„Und ich habe nichts daran geändert, und ich sage Ihnen auch, warum."
„Warum?"
„Weil eine Rückfrage nach Tokio zwischen zwei und fünf Stunden dauert."
Lu Chen sagte dazu nichts.
Und er sagte auch nichts über die Zeremonie, und er sagte nicht, dass sie zu lang gewesen sei oder zu kurz oder falsch, und Aiko Taira merkte an ihrer eigenen Ungeduld, dass sie darauf gewartet hatte.
„Herr Lu, halten Sie mich für beleidigt?"
„Nein."
„Wofür halten Sie zweiunddreißig Minuten?"
„Für zweiunddreißig Minuten", sagte Lu Chen.
„Dann sage ich Ihnen, wo sie fehlen."
„Sagen Sie es."
„Vier Leute haben die Linie gehalten, und die vier stehen sonst an der Sammelstelle zwei, und dort stand von 09:00 bis 10:10 niemand."
„Die Dolmetscherin liest um 09:30 die Meldung von Messpunkt sieben vor. Heute hat sie sie um 10:04 vorgelesen."
„Und der Wagen zur Absperrung Nord drei fährt um 09:15, und heute ist er um 09:55 gefahren."
„Und der Krankentransport wäre um 09:31 nicht gefahren, wenn Ihre Pressestelle mich gefragt hätte statt Sie."
„Wann steht das alles wieder?"
„Die Sammelstelle stand um 10:10 wieder", sagte Aiko Taira.
„Und der Wagen kommt heute Abend eine Stunde später zurück, und die Schicht danach ist eine Stunde kürzer."
„Ist das die Liste?"
„Das ist die ganze Liste", sagte Aiko Taira.
„Und ich halte die Zeremonie nicht für falsch."
„Wofür halten Sie sie?"
„Für etwas, das woanders steht."
Um 11:20 kam Luo Shuang mit zwei Koffern herein und stellte sie neben die Tür.
Und sie stellte sie nicht dorthin, wo Platz war, sondern dorthin, wo sie sie im Dunkeln wiederfand.
„Frau Taira."
„Fräulein Luo."
„Ich habe für dieses Ufer keine Grundlinie."
„Seit wann?"
„Seit immer", sagte Luo Shuang.
„Und ich bekomme sie auch bis zum vierten nicht."
„Und?"
„Eine Schwankung, und daneben den Satz, dass es eine Schwankung ist."
Und Aiko Taira nahm ein Blatt und schrieb ohne Grundlinie darauf und legte es zu der Liste.
Und sie schrieb es auf ihr eigenes Papier, weil es in kein Formblatt passte.
„Frau Taira, eine Frage."
„Ja?"
„Hat der Boden heute morgen etwas getan, was er sonst nicht tut?"
Aiko Taira sah auf ihre Hand, und ihre Hand lag auf dem Tisch.
„Nein", sagte sie. „Der Boden nicht."
Luo Shuang schrieb nein hin und schrieb den Namen daneben und ging.
Und Aiko Taira hängte den Satz, den sie hätte anhängen können, nicht an.
Gu Tian stand immer noch an der Wand neben der Tür.
Und er hatte in einer Stunde und zwanzig Minuten nichts gesagt, und sie hatte in dieser Stunde zweimal vergessen, dass er da war, und beide Male hatte sie es in dem Augenblick gemerkt, in dem sie es wieder wusste.
„Frau Taira."
„Herr Gu?"
„Die Kiste."
Und sie sah ihn an und brauchte einen Moment, weil vor dem Wort kein Satz gestanden hatte.
„Welche Kiste?"
„Die, in die der Stein gelegt worden ist", sagte Gu Tian. „Am achtundzwanzigsten November, an der Absperrung, von dem Mann, der abgelöst worden ist."
„Steht sie noch dort?"
Es kam sofort, und es kam ohne Anlauf.
Und es war die erste Frage an diesem Vormittag, auf die sie keine vorbereitete Antwort hatte.
„Das weiß ich nicht."
„Wer weiß es?"
„Die Regionalstelle Shiga, wenn sie ein Buch geführt hat", sagte Aiko Taira.
„Und sie hat an dem Tag keines geführt."
„Dann die Kiste selbst."
„Ja."
„Wie lange brauchen Sie?"
„Bis heute Abend", sagte sie.
„Gut."
Und er sagte danach nichts mehr, und er ging auch nicht von der Wand weg.
Lu Chen hatte den Kopf nicht gehoben.
„Frau Taira, das ist der Punkt aus dem Feld Was fehlt", sagte er. „Abgeber, Ort, Zeit, vor dem ersten Eintritt."
„Ich weiß."
„Und die Kiste steht nicht darin."
„Nein", sagte Aiko Taira.
„Und?"
„Und sie ist trotzdem die kürzeste Frage, die mir seit dem fünfzehnten Dezember jemand dazu gestellt hat."
Um 12:10 gingen sie hinaus.
Und Lu Chen ging voraus, und die drei gingen hinter ihm, und der eine von den dreien ging als Letzter und trug einen Koffer, der nicht ihm gehörte.
Aiko Taira blieb an der Tür stehen und sah ihnen nach, bis sie an der Böschung waren.
Und danach ging sie hinein und schrieb die Uhrzeit auf, zu der sie hinausgegangen waren, weil sie an diesem Ufer alle Uhrzeiten aufschrieb.
Um 14:00 fuhr sie selbst zur Regionalstelle Shiga.
Und sie fuhr allein, und sie sagte niemandem, weshalb, und sie nahm den Zettel von der Nachtmeldung mit, weil er noch quer über der Liste lag.
Der Mann von der Absperrung war seit dem einundzwanzigsten Dezember im Norden eingeteilt und an diesem Nachmittag nicht zu erreichen.
Und sie ließ ihn nicht holen, weil er dort etwas tat, und weil sie nicht wusste, ob er es besser wusste als eine Kiste.
Die Kisten standen im hinteren Raum unter einem Regal, und es waren fünf, und sie waren gleich.
Und in keiner der fünf lag ein Blatt, auf dem stand, was in ihr gelegen hatte.
Sie schrieb auf, wie viele es waren, wo sie standen und dass sie nicht beschriftet waren.
Und sie schrieb dazu, dass sie nicht wusste, welche von den fünfen es war, und dass sie es nach diesem Nachmittag auch nicht besser wusste als um zwei.
Um 18:40 ging das Blatt an Lu Chen, und es war eine halbe Seite.
Und darunter stand ihr Name in der Reihenfolge, in der sie ihn selbst schrieb.
Um 21:40 saß sie an der Feldstelle und machte den Ofen an, weil sie bis Mitternacht bleiben würde.
Und der Ofen brauchte vierzig Minuten, und sie schrieb in diesen vierzig Minuten sechs Zeilen in ihr Heft.
Vierunddreißig, Stand 05:40. Zweiunddreißig Minuten. Vier Namen von vierzehn. Messpunkt neun ab morgen leer. Fünf Kisten ohne Beschriftung. Ein eigenes Blatt für neun Tage, geschrieben von ihr, gelesen von ihm.
Danach blätterte sie um und schrieb das Datum für den zweiten Januar an den oberen Rand.
Und darunter schrieb sie nichts.
Sie hatte drei Stellen gehabt, an die es gepasst hätte.
In das Heft. In das Blatt, das um 18:40 hinausgegangen war. Und in den Satz, den sie um 11:35 an Fräulein Luos Nein hätte anhängen können.
Es passte an keine von den dreien, weil sie an keiner der dreien hätte hinschreiben können, woran sie es gemerkt hatte.
Und woran sie es gemerkt hatte, war ihr Gewicht auf dem linken Fuß und waren wenige Grad an einer Scheide, in der die Klinge steckte.
Sie machte das Heft zu.
Und sie sagte es niemandem.