Die Testkammer unter dem Westflügel war bis zum elften Dezember ein Vorratskeller gewesen, und an der Westwand hingen noch die Haken dafür.
Und am fünfzehnten Dezember 2136 um 13:40 war darin nichts mehr zu messen.
Zixuan kam um 13:44 herein und blieb drei Schritte hinter der Tür stehen.
Und sie sah zuerst auf den Tisch und dann auf die Leute und zählte beides, und das tat sie, seit sie sieben war.
Neun Streifen Papier. Zwei Trägerplatten. Ein Heft. Sechs Leute.
Seit 10:50 war die Tür von innen verriegelt gewesen, und Shen Zhaoxi hatte sie verriegelt.
Und außer diesen sechsen war seither niemand im Raum gewesen, und das war nicht abgesprochen worden, sondern hatte sich aus der Bauweise ergeben: Die Kammer hat zweiundzwanzig Stufen, eine Tür und kein Fenster.
Luo Shuang stand am Gerät und hatte die Hände nicht daran.
„Fräulein Luo."
„Fräulein Gu?"
„Was liegt hier?"
„Rohwerte", sagte Luo Shuang.
„Wie viel davon?"
„Alles."
„Und abgeschrieben ist noch nichts davon", sagte sie.
Zixuan ging an den Tisch und fasste nichts an.
Denn ein Archiv fasst zuletzt an und nicht zuerst, und wer zuerst anfasst, hat schon sortiert.
„Wo ist es überall?"
„Auf den Streifen. Auf den beiden Platten. Im Gerät."
„Und?"
„Und in der Leitung nach nebenan", sagte Luo Shuang.
Die Leitung lag seit dem elften Dezember und ging vier Meter durch die Wand in den zweiten Raum, und im zweiten Raum stand die Maschine, die mitschrieb.
Und die Maschine im zweiten Raum hing am Hausnetz.
„Seit wann?"
„Seit 09:20."
„Während gemessen wurde?"
Luo Shuang sah dabei nicht nach.
„Die ganze Zeit", sagte sie.
„Und niemand hat es angeordnet, und niemand hat es verboten."
Und Zixuan schrieb es auf, bevor sie etwas dazu sagte, und danach sagte sie nichts dazu.
Denn Luo Shuang stand schon auf.
Um 13:58 zog sie den Stecker aus der Wand.
Und danach ging sie in den zweiten Raum und zog dort das Kabel aus der Maschine, und dann trug sie es hinaus und legte es nicht daneben.
Und sie brachte es über den Hof in die Werkstatt und hängte es an einen Nagel, an dem drei andere hingen.
„Fräulein Luo, das Kabel ist nicht das Problem."
„Nein", sagte Luo Shuang. „Und ein Kabel, das daneben liegt, steckt in vier Wochen wieder drin."
Sie kam um 14:11 zurück und hatte einen Bogen mitgebracht, auf dem stand, wohin an diesem Vormittag Zahlen gegangen waren.
Und sie hatte ihn selbst geschrieben, und sie legte ihn hin, bevor jemand danach fragte.
Neun Streifen im Raum. Zwei Platten im Raum. Ein Gerätespeicher im Raum. Die Maschine nebenan.
Und eine Zeile in der Laufliste der Kontrollreihe, die seit dem zwölften Dezember mit dem Rechner im Ostflügel geführt wurde.
„Was steht in der Zeile?"
„Die Nummer des Laufs, das Datum, die Uhrzeit."
„Und?"
„Und das Feld für das Ergebnis", sagte Luo Shuang.
„Was steht darin?"
„Eine Zahl."
„Seit wann?"
„Seit 11:47", sagte sie. „Und sie steht in einem Rechner, an dem vier Leute arbeiten, und zwei davon sitzen nicht in diesem Raum."
„Heute Abend?"
„Und heute Abend arbeiten beide daran weiter."
Es blieb einen Moment still am Tisch.
„Löschen Sie es", sagte Shen Zhaoxi.
Und Luo Shuang drehte den Bogen nicht um.
„Nein", sagte sie.
„Warum nicht?"
„Weil eine gelöschte Messung keine ist, die nicht stattgefunden hat."
„Was ist sie dann?"
„Eine, die niemand mehr nachrechnen kann", sagte Luo Shuang.
Und Zhaoxi legte die Mappe hin, die sie den ganzen Vormittag verkehrt herum vor sich gehabt hatte.
„Und wenn in drei Jahren jemand sagt, Ihr Gerät habe geirrt?"
„Dann brauche ich Papier und nicht mein Gedächtnis", sagte Luo Shuang. „Und das ist die zweite Antwort auf dieselbe Frage."
„Die dritte?"
Und Luo Shuang zeigte auf die Laufliste und nicht auf das Feld.
„Wer löscht, macht ein Loch. Und in einer Reihe ist ein Loch auffälliger als ein Wert."
Und Zixuan sah eine Weile auf den Bogen.
„Das habe ich im November gesagt."
„Ich weiß", sagte Luo Shuang.
„Sagen Sie den Rest."
„Wer löscht, hat einmal entschieden und für immer."
„Und?"
„Und wer wegschließt, hat entschieden, bis jemand aufschließt", sagte sie.
Gu Tian hatte bis dahin am Fenster gestanden und nichts gesagt.
„Fräulein Luo."
„Herr Gu."
„Machen Sie es so."
Was mit der Zeile in der Laufliste geschah, dauerte bis 15:05.
Und es war das Unangenehmste des ganzen Nachmittags, und es sah von außen aus wie Schreibarbeit.
Der Lauf blieb stehen, mit Nummer und Datum und Uhrzeit.
Und das Feld für das Ergebnis wurde leer, und darunter kam eine Zeile, die Zixuan diktierte und Luo Shuang schrieb.
Ergebnis nicht in dieser Liste geführt.
„Fräulein Gu, das ist auffällig."
„Ja."
„Und eine leere Zelle in elf vollen ist eine Adresse."
„Das ist sie", sagte Zixuan. „Und eine Nummer, die fehlt, ist zwei Adressen."
„Und Sie nehmen lieber eine."
„Ich nehme lieber eine, Fräulein Luo."
Denn zwischen dem Lauf davor und dem Lauf danach hätte sonst nichts gestanden, und wer eine Liste liest, liest zuerst die Abstände.
Und Zixuan hatte in diesem Jahr genug Felder leer gelassen, um zu wissen, wie oft, und sie wusste auch, dass keines davon jemandem aufgefallen war, der es hätte finden sollen.
„Und wenn jemand fragt, was in der Zelle stand?"
„Dann bekommt er den Satz, der darunter steht", sagte Zixuan.
„Immer denselben?"
„Und immer denselben."
Die Streifen waren an der Wurzelseite kürzer als an der Kampfseite.
Und der Wurzelstreifen hörte mitten in einer Linie auf, und danach lief das Papier weiter, und auf dem Papier danach stand nichts.
Zixuan legte die Hand flach auf den leeren Teil.
„Der kommt mit."
„Das ist leeres Papier", sagte Luo Shuang.
„Und es ist leeres Papier von heute", sagte Zixuan.
Und Luo Shuang sah es sich an und schnitt es nicht ab.
„Sie haben recht, und zwar aus dem Grund, den Sie nicht gesagt haben."
„Sagen Sie ihn."
„Wer die Stelle sucht, an der der Kreis abgekoppelt wurde, findet sie am Papier und nicht an der Zahl", sagte sie.
„Und die Stelle ist das, was ich am wenigsten hergeben will."
Um 15:20 stand fest, was in den Schrank musste, und der Schrank stand noch nicht.
Und Zixuan hatte auf dem Herweg drei Räume angesehen und zwei davon im Gehen aussortiert.
Der eine hatte eine Tür in den Hof, die von außen nicht einsehbar war, und das ist bequem und deshalb schlecht.
Und der andere lag über der Küche, und über einer Küche ist es warm, und Papier, das warm liegt, wird in zwanzig Jahren ein anderes Papier.
Der dritte lag im Nordbau neben der Kammer mit den Dienstplänen, war vier Meter auf drei, hatte ein Fenster nach Norden und seit 2131 keinen Strom.
Und Zhaoxi ging um 15:40 mit ihr hinüber und tat dort, was sie in Fujian getan hätte: Sie ging an der Wand entlang und sah nicht in den Raum, sondern in die Fugen.
„Fräulein Gu."
„Fräulein Shen?"
„Hier ist ein Draht."
Er kam unter der Fußleiste heraus, war grau geworden und ging in Kopfhöhe durch die Wand nach Osten.
Und er hing an nichts, und er hatte seit 2131 an nichts gehangen, und vor 2131 war er eine Klingel gewesen.
„Er hängt an nichts."
„Nein."
„Und?"
„Und er geht durch eine Wand", sagte Zhaoxi. „Ein Draht, der durch eine Wand geht, ist ein Weg, auch wenn ihn niemand benutzt."
„Ein Weg, den keiner benutzt, wird zuerst vergessen und zuletzt gefunden."
Sie zogen ihn heraus, und es dauerte zwanzig Minuten, und es kamen zwei Meter Draht und ein Stück Putz mit.
Und Zhaoxi legte den Draht auf die Fensterbank und ließ ihn dort liegen, wo man ihn sah.
„Warum lassen Sie ihn liegen?"
„Damit niemand in drei Jahren denkt, hier sei nie einer gewesen."
„Und?"
„Und wer ihn sieht, sucht nicht weiter", sagte sie.
Sie sagte danach noch etwas, und es war der einzige Satz, den sie an diesem Tag über ihre eigene Arbeit sagte.
„Ein Raum ist eine Formation, Fräulein Gu."
„Und?"
„Und eine Formation hat keine Mitte. Sie hat Ränder, und man baut sie an den Rändern, und wer in die Mitte sieht, sieht sich satt und findet nichts."
„Dieser Raum hat drei Ränder aus Stein und einen aus Holz."
Han Da trug den Schrank um 16:00 herüber, und er trug ihn mit einem Mann aus der Küche, und der Mann aus der Küche ging vor.
Es war der Schrank aus der alten Kreisstelle, hatte zwei Schlösser übereinander und war schwerer, als er aussah.
Und Han Da stellte ihn an die Nordwand und schob ihn zweimal, bis er nicht mehr wackelte.
„Fräulein Gu, der Boden hängt."
„Wie viel?"
„Genug, dass die Tür von allein aufgeht", sagte er.
„Und eine Tür, die von allein aufgeht, tut das zweimal am Tag."
Er legte ein Stück Blech unter das rechte Bein und ging wieder hinaus.
Und er fragte nichts, und er sah nicht auf den Tisch, und er nahm das Werkzeug mit, mit dem er gekommen war.
Zixuan schrieb danach etwas auf, das ihr nicht gefiel.
Herr Han weiß, dass in diesem Raum ein Schrank steht.
Und Gu Tian stand in der Tür, als sie es schrieb.
„Zixuan."
„Bruder?"
„Herr Han hat den langen Tisch gebaut."
„Ich weiß", sagte sie. „Und ich schreibe nicht auf, dass ich ihm nicht traue."
„Was schreibst du auf?"
„Dass es ihn gibt."
„Und dass er heute Nachmittag hier war", sagte sie.
Denn ein Schrank hat Kanten, die man versiegeln kann, und er hat einen Weg vom Hof herüber, den man nicht versiegeln kann.
Und den Weg vom Hof herüber hatten an diesem Nachmittag zwei Männer getragen, und der eine hieß Han Da, und den Namen des anderen musste Zixuan erst erfragen.
Sie erfragte ihn um 16:20 und schrieb ihn daneben.
Und das war der Augenblick, in dem ihr zum ersten Mal an diesem Tag auffiel, dass sie nicht dabei war, etwas zu verbergen, sondern dabei, etwas zu bewachen.
Um 16:30 lag auf dem Tisch im Nordbau ein leeres Blatt, und Zixuan hatte den Stift noch nicht angesetzt.
„Bruder, wie viele?"
„Wie viele wofür?"
„Wie viele Leute dürfen es lesen."
Und Gu Tian sah auf den Schrank und nicht auf sie.
„Die, die heute Vormittag im Raum waren."
„Nein", sagte Zixuan.
Und er drehte sich um.
„Sag es."
„Und wer im Raum war, ist keine Begründung. Das ist eine Abzählung."
„Es kommt dasselbe heraus."
„Heute", sagte Zixuan. „Und in vierzig Jahren liest jemand wer im Raum war und weiß nicht, warum er es lesen darf, und dann macht er sich selbst einen Grund."
„Was schreibst du?"
„Sechs Namen. Und hinter jeden Namen einen Satz."
„Und wenn dir zu einem kein Satz einfällt?"
„Dann steht er nicht drauf", sagte Zixuan.
„Und dann fehlt er."
„Und dann fehlt er", sagte Zixuan.
Sie schrieb den ersten Namen um 16:34 und den letzten um 16:52, und dazwischen strich sie zweimal einen halben Satz durch.
Luo Shuang. Weil sie es gemessen hat und als Einzige sagen kann, was daran falsch sein könnte.
Shen Zhaoxi. Weil sie abbrechen darf und niemand abbricht, was er nicht kennt.
Song Meifeng. Weil er eines Tages liegen wird und dann jemand wissen muss, wogegen sie behandelt.
Tang Shu. Weil jede Sache in diesem Haus eine Person braucht, die fragt, wer sie verantwortet.
Gu Zixuan. Weil jemand wissen muss, wo es liegt, wenn die anderen fünf es vergessen haben.
Beim sechsten saß sie länger.
Gu Tian.
Und dahinter schrieb sie zuerst nichts, und dann schrieb sie den kürzesten Satz auf dem ganzen Blatt.
Weil über ihn geschrieben wird.
Und sie las das Blatt danach von oben nach unten und stellte fest, dass der sechste Satz der schwächste war.
Sie ließ ihn stehen, weil er trotzdem stimmte.
Und Meifeng kam um 17:00 und las die sechs Sätze im Stehen.
„Zixuan."
„Frau Song?"
„Meiner ist der einzige, der von einem Kranken handelt."
„Ja."
„Dann sage ich Ihnen, was ich damit habe."
„Und?"
„Ich habe keine Grundlinie", sagte Meifeng. „Ich habe eine Hälfte davon."
Und Luo Shuang stand an der Tür und hatte das gehört.
„Frau Song."
„Fräulein Luo?"
„Es ist keine Hälfte."
„Was ist es?"
„Ein Ausschnitt", sagte Luo Shuang. „Und eine Hälfte hat eine zweite Hälfte, die man dazurechnen kann. Ein Ausschnitt hat einen Rand, und hinter dem Rand steht keine Zahl."
Und Meifeng nahm die Hände nicht aus den Ärmeln.
„Dann schreiben Sie mir das Wort Ausschnitt auf das Blatt."
„Wohin?"
„Neben meinen Namen", sagte sie. „Und damit ich in zwölf Jahren nicht glaube, ich hätte einen ganzen Menschen gemessen."
Zixuan schrieb es dazu.
Und es war das einzige Wort auf dem Blatt, das jemand gefordert hatte, der selbst darauf stand.
Meifeng fragte danach noch eine Sache, und sie fragte sie an Luo Shuang und nicht an Zixuan.
„Fräulein Luo, ich führe eigene Blätter."
„Ich weiß."
„Darf eine Zahl von heute in eines davon?"
„Nein."
„Ein Satz?"
Und Luo Shuang überlegte länger, als sie sonst überlegte.
„Ein Satz ohne Zahl", sagte sie. „Und ohne Vergleich."
„Und?"
„Und ohne das Wort Prozent."
„Dann sagen Sie mir den Satz, und ich schreibe ihn genau so."
„Der Mann verträgt mehr, als in seiner Akte steht, und wie viel mehr, weiß Ihre Heilhalle nicht."
„Das ist unangenehm."
„Ja", sagte Luo Shuang. „Und es ist alles, was Sie brauchen, wenn er einmal liegt."
Tang Shu kam um 17:20 und setzte sich, weil sie im siebten Monat war und weil der Weg vom Ostflügel lang ist.
Und sie las die Namen und rechnete nichts nach.
„Zixuan."
„Frau Tang?"
„Wer trägt es, wenn eine von uns stirbt?"
„Dann sind es fünf."
„Und wenn vier sterben?"
„Dann sind es zwei", sagte Zixuan.
„Und wenn der letzte stirbt?"
Es blieb im Raum eine Weile still, und draußen ging jemand über den Hof.
Und Zixuan nahm den Stift und schrieb unter die sechs Namen eine siebte Zeile, und die siebte Zeile war eine Frage.
Was geschieht, wenn niemand mehr lebt, der auf diesem Blatt steht?
Darunter schrieb sie nichts.
„Sie lassen es leer."
„Ja."
„Und?"
„Und ich weiß es nicht", sagte Zixuan. „Und wenn ich heute etwas hinschreibe, hält sich in achtzig Jahren jemand daran, der mich nicht fragen kann."
Tang Shu sah die leere Zeile eine Weile an.
„Frau Song hat das Wort Ausschnitt verlangt."
„Ja."
„Und?"
„Dann verlange ich, dass diese Zeile mit auf das Blatt kommt und nicht daneben."
„Sie steht darauf."
„Auf demselben Papier?"
„Auf demselben Papier", sagte Zixuan.
Und sie hatte danach eine zweite Frage, und die zweite war praktischer als die erste.
„Weiß der Clan, dass hier etwas weggeschlossen wird?"
„Nein."
„Dreihundertsechsundzwanzig Leute wohnen hier", sagte Tang Shu. „Und heute Vormittag sind Geräte in den Westflügel getragen worden, und heute Nachmittag ist ein Schrank in den Nordbau getragen worden."
„Und beides haben Leute gesehen, die nicht nachfragen werden."
„Ja."
„Was sagen wir denen, die es gesehen haben?"
Zixuan legte den Stift quer über das Blatt.
„Die Wahrheit", sagte sie. „Und zwar die ganze, die sie angeht."
„Sagen Sie sie."
„Das neue Verfahren wurde drei Tage lang an elf Leuten erprobt, und die Ergebnisse gehen heute Abend hinaus, und jeder von den elfen bekommt seines."
„Der Westflügel?"
„Unter dem Westflügel steht die Kammer für Einzelmessungen", sagte Zixuan. „Und Einzelmessungen sind vertraulich, und das war sie im Juni auch schon."
Tang Shu sah sie an und sagte einen Moment nichts.
„Das ist kein Satz, der lügt."
„Nein."
„Und es ist einer, der jemanden zufriedenstellt, der nicht weiterfragt", sagte Tang Shu.
„Ja."
„Wer weiterfragt?"
„Und der bekommt denselben Satz noch einmal", sagte Zixuan.
Sie ging um 17:40 in den Ostflügel, um den zweiten Schlüssel zu holen, und sie ging den Gang an der Nordseite, weil der kürzer war.
Die Tür der kleinen Kammer neben der Wäsche stand einen Spalt offen, und drinnen brannte Licht.
Es waren zwei Frauen darin und sonst niemand.
„Meifeng, du hast — Sie haben seit heute früh nichts getrunken."
„Ich trinke gleich etwas, Shu", sagte Meifeng.
„Der Krug steht in der Halle."
„Dann hole ich ihn mir in der Halle."
Und Zixuan ging weiter und hatte den zweiten Schlüssel um 17:46.
Es waren zwei Schlüssel, und sie gehörten zu zwei Schlössern, und beide Schlösser mussten auf.
Und der erste Schlüssel blieb bei Zixuan, und der zweite ging an Luo Shuang.
„Warum zwei?"
„Weil ein Schlüssel in einem Haus kein Schlüssel ist, sondern eine Wette", sagte Zixuan.
„Auf was?"
„Darauf, dass es nicht brennt."
„Und wenn es brennt?"
„Dann liegt der zweite in der Messwerkstatt, und die steht auf der anderen Seite des Hofes."
„Wenn es dort brennt?"
„Und dann liegt der erste hier."
Luo Shuang nahm den Schlüssel und hängte ihn nicht an ihren Ring.
Sie legte ihn in die Innentasche und schrieb sich auf, dass sie ihn hatte.
Um 18:10 lag alles im Schrank.
Neun Streifen, der leere Teil des Wurzelstreifens, zwei Trägerplatten, der Gerätespeicher und das Heft, in dem Zhaoxi den Aufbau protokolliert hatte.
Die Maschine aus dem zweiten Raum passte nicht in den Schrank, und deshalb stand sie daneben, und deshalb wurde der Raum abgeschlossen und nicht nur der Schrank.
Und der Raum hatte seit 2131 keinen Strom, und seit 16:20 auch keinen Draht.
Zixuan legte zuletzt das Blatt mit den sechs Namen obenauf, und dann nahm sie es wieder heraus.
Denn ein Blatt, das sagt, wer aufschließen darf, gehört nicht hinter das Schloss.
Und sie legte es in ein leeres Buch, das sie um 18:20 aus dem Archiv geholt hatte, und das Buch war das dritte, das sie in diesem Jahr anlegte.
Sie hatte vor dem Regal gestanden und sich gefragt, ob ein drittes Buch nötig war, und sie hatte die Frage ernst genommen, weil ein Buch behauptet, dass es etwas zu führen gibt.
Und dann hatte sie sie beantwortet, und die Antwort war kurz.
Ein Buch, das zählt, behauptet etwas. Ein Buch, das eine Tür bewacht, behauptet nur, dass es eine Tür gibt.
Sie schrieb auf die erste Seite ein Datum und darunter drei Zeilen.
Wer diesen Schrank öffnet, schreibt hier seinen Namen, das Datum und den Grund, bevor er etwas herausnimmt.
Wer nichts herausnimmt, schreibt es trotzdem.
Wer keinen Grund hat, hat keinen Grund.
Auf die zweite Seite kamen die sechs Namen mit ihren sechs Sätzen und der leeren siebten Zeile.
Und auf die dritte Seite kam der erste Eintrag, und er lautete: 15. Dezember 2136, 18:24, Gu Zixuan, angelegt.
Sie unterschrieb ihn, und das war die einzige Unterschrift des Tages.
Gu Tian kam um 18:30 und blieb an der Tür stehen, so wie er es meistens tat.
„Zixuan."
„Bruder?"
„Nimm mich herunter."
Sie legte den Stift hin.
„Nein."
„Warum nicht?"
„Weil ein Mann, der nicht lesen darf, was über ihn geschrieben steht, kein Mann ist, sondern ein Vorgang", sagte Zixuan.
Und er sah das Buch an und nahm es nicht hoch.
„Dann vernichtet Fräulein Luo es."
Luo Shuang stand im Gang und kam einen Schritt herein.
„Nein, Herr Gu."
„Sie haben es gemessen."
„Ja."
„Und es ist meines."
„Es ist Ihres, und es ist gemessen", sagte Luo Shuang. „Und gemessen ist gemessen. Das nimmt man nicht zurück. Man schließt es weg oder man verliert es."
„Und ich habe mich für das Wegschließen entschieden, bevor Sie gefragt haben."
Er sagte darauf eine Weile nichts.
„Gut", sagte er.
Und Zixuan schlug das Buch wieder auf und schrieb unter seinen Namen eine zweite Zeile.
Er hat am 15. Dezember 2136 um 18:33 die Vernichtung verlangt. Sie wurde abgelehnt.
„Muss das da stehen?"
„Nein."
„Warum steht es da?"
„Damit in vierzig Jahren niemand denkt, du hättest das gewollt", sagte Zixuan.
Und er las die Zeile, und der violette Rand um seine Iris lief dabei nicht schneller.
„Lass sie stehen."
„Und darunter, wer abgelehnt hat?"
„Das steht schon darunter", sagte Zixuan.
Er fragte danach noch etwas, und es war die einzige Frage an diesem Tag, auf die Zixuan mit einem Ja antwortete.
„Darf ich es sagen?"
„Wem?"
„Irgendwem."
Und Zixuan sah in das Buch und dann auf ihn.
„Ja", sagte sie. „Das Blatt gehört dem Haus. Der Satz gehört dir."
„Und dann?"
„Und dann sind es sieben, und ich schreibe den siebten dazu, und ich frage dich nicht, warum."
Er stand eine Weile in der Tür.
„Ich sage es niemandem."
„Ich weiß."
„Woher?"
„Und weil du sonst schon jemanden im Kopf hättest", sagte Zixuan.
Sie schloss um 18:40 ab, beide Schlösser, und danach klebte sie zwei Papierstreifen über den Spalt der Schranktür und schrieb quer darüber ihren Namen und das Datum.
Und sie klebte einen dritten über den Türrahmen des Raums, weil die Maschine draußen stand.
Danach saßen sie noch eine halbe Stunde in der Kammer mit den Dienstplänen, und es ging um die, die nicht auf dem Blatt standen.
„Bruder, ich sage dir drei Namen und schreibe sie nicht auf."
„Und?"
„Ich schreibe sie deshalb nicht auf, weil eine Liste derer, die nichts wissen, ein Weg zu denen ist, die etwas wissen."
„Sag sie."
„Herr Wei."
„Weiter."
„Fräulein Chen."
„Und?"
„Und Herr Lu", sagte Zixuan.
„Fang mit Herrn Wei an."
„Herr Wei ist ehrlich."
„Ja."
„Und deshalb geht alles, was er weiß, in eine Akte", sagte sie. „Nicht weil er will. Weil er muss."
„Und eine Akte ist kein Mensch. Eine Akte ist ein Weg."
„Fräulein Chen?"
„Fräulein Chen plant mit dem, was sie verantworten kann."
„Und?"
„Und was sie nicht sagen darf, kann sie in keinen Plan schreiben. Ein Plan, in dem etwas fehlt, ist kein Plan, sondern eine Hoffnung."
„Fräulein Chen hofft nicht. Sie plant."
Gu Tian sah aus dem Fenster in den Hof, in dem seit einer Woche nichts stand.
„Und Herr Lu."
Zixuan drehte den Stift um und legte ihn hin.
„Herr Lu sitzt am Montag wieder Leuten gegenüber, die wissen wollen, was Nightfall kann."
„Er kann schweigen."
„Er kann schweigen", sagte sie. „Er kann nicht so schweigen, dass es nicht auffällt."
„Das ist wenig."
„Ja", sagte Zixuan. „Und das andere ist mehr."
„Sag es."
„Er trägt seit dem vierten Dezember einen Grund, den er nicht sagen darf."
Es blieb einen Moment still in der Kammer.
„Ja", sagte Gu Tian.
„Und ich lege ihm keinen zweiten dazu", sagte Zixuan.
Und sie sagte danach noch einen Satz, und bei dem änderte sie die Stimme nicht.
„Sein Widerspruch läuft seit dem siebenundzwanzigsten November."
„Ich weiß."
„Und darin steht das Wort SS", sagte sie. „Und er schreibt es hin und meint es, und ich möchte, dass er es weiter meint."
Gu Tian nickte einmal und stand auf.
„Zixuan."
„Bruder?"
„Sag ihm nichts davon, dass es einen Grund gibt."
„Das habe ich nicht vor."
„Warum nicht?"
„Weil ein Mann, der weiß, dass man ihn schont, geschont ist", sagte sie.
„Und dann ist er es zweimal."
Und er blieb an der Tür stehen und sagte den letzten Satz dieses Gesprächs über die Schulter.
„Er hat am vierten Dezember Nein gesagt, und niemand hat ihn danach angesehen."
„Ja."
„Und heute sieht ihn wieder niemand an, und diesmal weiß er es nicht", sagte Gu Tian.
Zixuan schrieb das nicht auf.
Und sie schrieb es deshalb nicht auf, weil es kein Vorgang war, sondern der Preis dafür, und Preise stehen in keinem Feld.
Die öffentliche Akte kam zuletzt, und sie war die kürzeste Arbeit des Tages und dauerte vier Minuten.
Und Zixuan schlug den Eintrag auf, in dem seit dem Frühjahr 2135 dasselbe stand.
Rang: SS-9.
Sie fasste das Feld nicht an.
„Fräulein Gu."
„Fräulein Luo?"
„Das ist jetzt falsch."
„Nein", sagte Zixuan.
„Es liegt eine höhere Zahl in dem Schrank."
„Ja."
„Und?"
„Und SS neun heißt nicht so stark ist er", sagte Zixuan. „Es heißt mindestens das, und es heißt hier hört die Eintragung auf. Beides stimmt heute genauso wie gestern."
„Beides hat gestern niemanden gestört."
Luo Shuang sah das Feld an und dann den Bogen mit der Kontrollreihe.
„Wir tragen die neue Skala für elf Leute ein und für ihn nicht."
„Ja."
„Und das fällt auf."
„Fällt es auf?", sagte Zixuan.
Und Luo Shuang antwortete darauf langsamer als sonst.
„Nein", sagte sie. „Er stand nie in der Reihe."
„Sagen Sie es genauer."
„Eine Reihe braucht Vergleichbare", sagte Luo Shuang. „Und die Kontrollreihe hat elf davon, und er ist keiner, und deshalb fehlt er nirgends."
„Und wer eine Reihe liest, sucht Vergleichbare und keine Menschen."
Und Zixuan schrieb das auf und schrieb den Namen daneben, der es gesagt hatte.
Denn es war der einzige Satz an diesem Tag, der eine Lücke wegnahm, statt eine zu machen.
Das Abgangsbuch stand am Morgen bei dreihundertzwei.
Und am fünfzehnten Dezember um 19:50 ging Blatt dreihundertdrei hinaus, und darin standen die Ergebnisse der Kontrollreihe aus drei Tagen, elf Namen, zwei Messkreise, keine Wertung.
Und darin stand kein Name aus der Kammer.
Sie las es zweimal, bevor sie es weggab, und beim zweiten Mal las sie nur die Kopfzeile.
Kontrollreihe der zweigeteilten Messung, 12. bis 15. Dezember 2136.
Es war wahr, und es war vollständig, und beides zusammen war selten.
Um 21:00 saß im Ostflügel niemand mehr, und in der Halle brannte eine Lampe, weil Han Da sie brennen ließ, solange noch jemand im Haus wach war.
Und Zixuan ging um 21:20 noch einmal in den Nordbau hinüber.
Sie schloss nicht auf.
Sie sah nach, ob die drei Papierstreifen glatt lagen, und sie lagen glatt.
Auf dem Rückweg blieb sie im Hof stehen und rechnete etwas aus, weil sie das immer tat.
Sechs Leute. Zwei Schlüssel. Ein Buch mit einem Eintrag.
Und ein Draht auf einer Fensterbank, den sie liegen ließ.
Und sie hatte an diesem Tag nichts erfunden, nichts gelöscht und nichts behauptet.
Sie hatte trotzdem etwas gemacht, das es am Morgen noch nicht gegeben hatte.
Denn eine Zahl, die niemand weiß, kann man nicht verlieren.
Und eine Zahl, die sechs Leute wissen, ist vom ersten Tag an eine Sache mit sechs Rändern, und Ränder werden nicht dicht, sondern nur bewacht.
Und der Mann, um den es ging, hatte davon am wenigsten.
Er durfte es lesen und nicht ändern, und er durfte es sagen und nicht zurücknehmen, und beides war weniger, als jeder andere im Haus über sich selbst hatte.
Sie ging um 21:40 schlafen und ließ das Buch in der Kammer mit den Dienstplänen liegen, in der zweiten Lade von oben, und die Lade hatte kein Schloss.
Und das war Absicht.
Denn wer das Buch findet, findet sechs Namen und eine Frage ohne Antwort.
Und wo etwas liegt, steht nicht darin.