Meifeng zählte am siebten Oktober um 05:20 zum ersten Mal in ihrem Leben Meter.
Und sie hatte vierzehn Jahre lang Leute gezählt, ohne es zu wollen, und an diesem Morgen zählte sie den Abstand zwischen zwei Holzpflöcken auf einer Straße, die vom Tor weg fiel.
Es waren einhundert, und sie waren am Vorabend abgeschritten und nicht gemessen worden.
Das Tor war seit dem sechsten Oktober geschlossen.
Und die Senke am Talkopf war leer, und auf der Steinplatte lag nichts mehr, und vierhundertdreißig Menschen aus drei Dörfern durften am zwölften wieder zurück.
Alles daran war ein Erfolg.
Gu Tian saß auf der niedrigen Mauer vor der ehemaligen Straßenmeisterei.
Und er saß seit 04:00 dort, und er war unverletzt, und er hatte in der Nacht dreimal Wasser getrunken und einmal gegessen.
Meifeng stand einhundert Meter entfernt und konnte ihn nicht ansehen wie einen Kranken, weil an ihm nichts krank war.
Sie versuchte es trotzdem.
Und sie tat, was sie bei jedem Menschen tat, bevor sie irgendetwas anderes tat: Sie sah, wie er saß.
Er saß, wie jemand sitzt, der gleich aufsteht.
Ye Zhiheng kam um 07:12 aus der Messstation.
Und er kam mit zwei Streifen Papier in der Hand, und er ging in Richtung Mauer, weil auf der Mauer der Mann saß, für den die Streifen bestimmt waren, und er kam bis auf ungefähr fünfundfünfzig Meter heran.
Dann blieb er stehen und fasste sich an die Nase.
Es dauerte etwa vier Sekunden.
Und danach lief es ihm über das Kinn auf das Papier, und er sah nicht auf das Papier, sondern auf seine Hand, so wie Menschen das tun, wenn sie noch nicht wissen, dass es ihr eigenes Blut ist.
Meifeng war bei ihm, bevor er sich hinsetzte.
„Herr Ye."
„Frau Song."
„Setzen Sie sich nicht hin. Gehen Sie rückwärts."
Und sie nahm ihm die Streifen ab und drehte ihn an der Schulter.
„Und zwar dreißig Schritte, und dann setzen Sie sich", sagte sie.
Er saß nach dreißig Schritten.
Und das Nasenbluten hörte nach zwei Minuten auf, und sein Puls war bei einhundertsechzehn und nach acht Minuten bei zweiundachtzig, und er hatte keinen Schwindel und kein Loch in der Erinnerung.
Er war vierundzwanzig Jahre alt und Messtechniker und hatte nie eine Wurzel gehabt, über die jemand ein Wort verloren hätte.
„Frau Song, ich habe nichts gemerkt."
„Herr Ye, ungefähr zehn Meter früher hätten Sie müssen", sagte sie.
Um 09:34 fiel ein Mann der Provinzstelle.
Und er war D-Rang und siebenunddreißig und trug einen Kasten, und er ging die Straße hinauf und kam auf achtunddreißig Meter, und dann gingen seine Knie zuerst nach vorn und dann weg.
Der Kasten fiel zuerst.
Er war ungefähr neunzig Sekunden nicht bei Bewusstsein.
Und Meifeng zählte die Sekunden nicht selbst, sondern las sie später bei Fräulein Luo ab, und sie stimmten auf zwei Sekunden mit dem überein, was sie gefühlt hatte.
Als er aufwachte, war das Erste, was er sagte, eine Entschuldigung.
„Frau Song, es tut mir leid."
„Wofür?"
„Ich weiß es nicht."
Und Meifeng hielt ihm den Kopf, damit er ihn nicht drehte.
„Und das ist die richtige Antwort, und Sie behalten sie", sagte sie.
Sie schrieb es danach auf ein Blatt, weil es die vierte Sache an diesem Vormittag war.
07:12 — Nasenbluten bei fünfundfünfzig Metern. Kein Vorzeichen.
08:40 — Zittern in beiden Händen bei einundsechzig Metern. Frau ohne Rang.
09:34 — Knie und Bewusstsein bei achtunddreißig Metern. D-Rang.
10:05 — Weinen bei siebzig Metern, ohne Grund, ohne Vorgeschichte, zweiundzwanzig Jahre alt.
Und unter die vier Zeilen schrieb sie eine fünfte.
Alle vier haben angegeben, dass sie Angst hatten, und alle vier hatten sie erst, nachdem es angefangen hatte.
Sie ging um 10:40 auf sechs Meter an ihn heran.
Und sie ging langsam, nicht aus Vorsicht, sondern weil sie beim Gehen prüfen wollte, wo es anfing.
Es fing bei ungefähr vierzig Metern an, und es war kein Druck und kein Schmerz und kein Lärm.
Es war, als würde etwas an ihr entlanggehen und jedes Mal fast stehen bleiben.
„Ah Tian."
„Meifeng."
„Ich stelle mich hierhin."
Und er sah sie an, und das Violett um die Iris lief langsam, so wie es lief, wenn er nichts betrachtete.
„Sechs Meter", sagte er.
„Und?"
„Und du kommst nicht näher."
„Sagst du mir das gerade als mein Mann oder als Auftraggeber?"
Und er dachte etwa vier Sekunden nach, und in diesen vier Sekunden bewegte er sich nicht.
„Meifeng, ich sage es dir als jemand, der es nicht abstellen kann", sagte er.
Seine rechte Hand lag auf dem Knie.
Und sie war offen.
Meifeng kannte diese Hand seit sechs Jahren.
Und sie kannte sie so, wie man ein Gesicht kennt, und sie hatte am siebten Juli 2136 in einer Heilhalle gesehen, wie sie aufging und wieder zuging, und dazwischen hatten ungefähr vier Sekunden gelegen, und das war alles gewesen, was er an diesem Morgen gezeigt hatte.
An diesem siebten Oktober ging sie nicht zu.
Sie sah eine Stunde lang hin.
Und sie sah nicht auf die Hand, sondern in ihn hinein, und sie tat es so, wie sie es immer tat, indem sie die eigene Wurzel weich machte und wartete, statt zu greifen.
Sie fand nichts.
Sie fand keine Verletzung.
Und sie fand keinen Riss und keine Fehlleitung und keine Stelle, an der etwas zu schnell oder zu langsam lief, und die drei Meridiane, die am fünften Oktober falsch gelaufen waren, liefen wieder richtig, und die linke Hand war nicht mehr taub.
Die Reserve war voll.
Das war der Satz, an dem sie hängen blieb.
Denn ein Mensch, der einundzwanzig Stunden mit allem, was er hat, gearbeitet hat, ist danach leer, und die Leere ist der Beweis dafür, dass es vorbei ist.
Und Gu Tian war nicht leer.
„Ah Tian, wie voll?"
„Ganz."
„Wie voll warst du am sechsten um vier Uhr?"
Er antwortete darauf sofort, weil er es wusste.
„Meifeng, ganz", sagte er.
Sie nahm die Hände weg und ging vier Schritte zurück, ohne es zu merken.
Und ihre Finger waren bis zum zweiten Gelenk kalt, und das war seit vierzehn Jahren so, und daran war nichts Neues.
Neu war, dass es diesmal nicht das Hinsehen gewesen war.
Er versuchte die Verschleierung um 14:06.
Und er versuchte es viermal bis 14:40, und Fräulein Luo saß währenddessen an drei Geräten, von denen zwei seit dem fünften Oktober um 11:31 am Anschlag standen, und keines von ihnen bewegte sich.
Beim vierten Mal stand er auf.
„Herr Gu?"
„Nein."
„Was passiert, wenn Sie es versuchen?"
Er sah auf seine eigene offene Hand, als sei sie ein Gegenstand, den jemand dort abgelegt hatte.
„Fräulein Luo, nichts. Es passiert überhaupt nichts", sagte er.
Er erklärte es Meifeng am Abend über sechs Meter hinweg.
„Die Verschleierung ist keine Decke, die man über etwas legt."
„Nein?"
„Sie ist ein Entschluss, den ich seit sechs Jahren jeden Morgen wiederhole."
Und Meifeng wartete, weil er noch nicht fertig war.
„Und ich komme an den Entschluss nicht heran", sagte er.
Shen Zhaoxi las an diesem Abend ihre Anker aus.
Und neun davon hatten am fünften Oktober den Rhythmus einer Öffnung gemessen, und die Öffnung gab es nicht mehr, und sie stellte sie um.
Sie stellte sie nicht auf Höhe, sondern auf Uhrzeit.
„Frau Song."
„Fräulein Shen?"
„Ich lese ab jetzt alle zehn Minuten ab."
Und sie hatte die Mappe unter dem Arm, und auf dem Rücken standen zwei Wörter.
„Und ich lese nicht, wie hoch es ist. Das weiß ich seit vorgestern nicht mehr", sagte sie.
Tang Shu kam am achten Oktober um 06:40.
Und niemand hatte sie geholt, und Meifeng hatte ausdrücklich niemanden nach ihr geschickt, und sie stieg auf dem Schulhof des mittleren Dorfes aus einem Fahrzeug der Stadtstelle Nantong und hatte eine Tasche dabei, die für vier Tage zu groß war.
Sie war im vierten Monat.
„Frau Tang."
„Frau Song."
„Ich habe Sie nicht gerufen."
Und Tang Shu stellte die Tasche ab und richtete sich auf, und sie tat es langsamer, als sie es im Juli getan hätte.
„Nein. Sie haben mir am sechsten geschrieben, dass er zurück ist", sagte sie.
„Daraus haben Sie was geschlossen?"
„Frau Song, aus dem Satz nichts."
„Woraus dann?"
Tang Shu sah über den Schulhof zu dem alten Feigenbaum, der seit sechzig Jahren mit seinen Wurzeln die Ostmauer trug.
„Daraus, dass Sie mir seit dem sechsten nichts mehr geschrieben haben", sagte sie.
Sie besprachen es im Sitzen und nicht im Stehen.
„Frau Tang, ich sage Ihnen, was ich weiß, und dann sagen Sie mir, was Sie tun."
„Ja."
„Und ich sage Ihnen nicht, was Sie tun sollen", sagte sie.
Sie brauchte dafür vier Sätze.
„Er ist nicht verletzt."
„Er ist nicht leer."
„Er ist bei klarem Verstand, und er rechnet, und er erinnert sich an alles."
„Und Menschen fallen um, wenn sie ihm zu nahe kommen", sagte sie.
Tang Shu stellte darauf genau eine Frage.
„Frau Song, ab wo?"
„Das wissen wir nicht."
„Und?"
Meifeng legte das Blatt mit den fünf Zeilen zwischen sie auf den Tisch.
„Und deswegen habe ich seit gestern viermal geraten", sagte sie.
Sie legten die Linien am achten Oktober zwischen 08:00 und 15:30.
Und sie legten sie zu zweit, und sie legten sie nicht als Formation, weil keine von beiden Formationen baute, und Fräulein Shen sagte an diesem Tag noch nichts dazu.
Sie legten sie als Messung.
Meifeng ging voran.
Und sie ging von einhundertzwanzig Metern sehr langsam auf ihn zu, mit weicher Wurzel, und sie sah dabei nicht ihn an, sondern die Leute, die hinter ihr in einer Reihe standen.
Sie suchte die Stelle, an der Leben dünn wurde.
Es war keine Linie, es waren zweiundzwanzig.
Denn jeder Mensch in dieser Reihe wurde an einer anderen Stelle dünn, und der Erste bei fünfundsiebzig Metern und der Letzte bei achtundzwanzig, und Meifeng rechnete nichts zusammen, weil man Menschen nicht zusammenrechnet.
Und dann schrieb sie die kleinste Zahl auf.
Lebenslinie: vierundvierzig Meter.
Tang Shu maß etwas anderes.
Und sie maß es im Sitzen, auf einem Klappstuhl, mit den Händen auf den Knien, und sie ließ sich von zwei Leuten der Reihe nacheinander die Handgelenke geben und hielt sie jeweils vierzig Sekunden.
Sie suchte die Stelle, an der ein Takt anfing, nicht mehr sich selbst zu gehören.
Ihre Zahl war größer.
Rhythmuslinie: einundsechzig Meter.
„Frau Song, meine ist weiter draußen."
„Ja."
„Was heißt das?"
Meifeng sah auf die beiden Zahlen und dann die Straße hinauf.
„Frau Tang, das heißt, dass etwas an den Leuten zieht, bevor es ihnen schadet", sagte sie.
Sie nahmen die äußere.
Und sie nahmen sie ohne Diskussion, weil es zwischen den beiden Zahlen keine fachliche Frage gab, sondern nur eine bequeme und eine unbequeme Antwort.
Dann legten sie neun Meter darauf und machten siebzig daraus.
Fräulein Luo schlug um 15:40 einen Pflock ein.
Und sie schlug ihn bei siebzig Metern ein, gemessen mit einem Band und nicht abgeschritten, und dann band sie ein Seil um das Tal und nicht um den Mann.
Das Seil lief in einem Kreis, und der Kreis hatte den Radius siebzig, und in seiner Mitte saß jemand auf einer Mauer.
Es sah aus wie eine Absperrung.
Und Meifeng dachte, dass es umgekehrt war, und sie sagte es an diesem Tag niemandem.
Denn eine Absperrung hält Leute von einer Sache fern, und hier war die Sache in der Mitte und ging nicht weg.
Um 13:20 war ein Kasten aus der Kreisstadt gekommen.
Und er war versiegelt und von einer Ärztin der Provinzstelle geschickt, die Gu Tian nie gesehen hatte, und im Begleitschreiben stand ein Wort, das medizinisch und zuständig und vollkommen vernünftig war.
Dämpfung.
Meifeng brachte ihn selbst an die Linie.
Und sie brachte ihn, weil sie in vierzehn Jahren gelernt hatte, dass ein Vorschlag, den niemand ausspricht, im Haus bleibt und dort größer wird.
Sie ging damit auf sechs Meter.
„Ah Tian."
„Meifeng?"
„Es gibt ein Mittel."
Und sie stellte den Kasten nicht ab, sondern behielt ihn in der Hand, damit er ihn sah.
„Und ich frage dich, bevor jemand anderes dich fragt", sagte sie.
Er sah zwei Sekunden auf den Kasten.
„Nein."
„Der Grund?"
„Mein Körper hält es für einen Angriff."
Und Meifeng ließ das stehen, weil sie den Rest hören wollte.
„Woher weißt du das?"
„Weil es drüben viermal passiert ist."
„Was ist viermal passiert?"
Und Gu Tian sprach danach länger als sonst, und er sprach ruhig, und er sah sie dabei an.
„Etwas hat versucht, mich langsamer zu machen", sagte er.
„Und?"
„Und es war jedes Mal der Anfang von etwas."
„Immer?"
„Meifeng, einundzwanzig Stunden lang immer. Und mein Körper hat in diesen einundzwanzig Stunden nichts Falsches gelernt", sagte er.
Es blieb einen Moment still an der Linie.
„Ah Tian, das ist ein sehr guter Grund."
„Ja."
„Und es ist auch ein sehr bequemer."
Er nickte darauf, als hätte sie ihm etwas bestätigt.
„Meifeng, das weiß ich", sagte er.
Shen Zhaoxi stand um 15:00 mit der Mappe auf dem Schulhof.
Und sie schlug sie vorn auf und nahm das Blatt heraus, das seit dem vierten Oktober ganz vorn lag und nicht bei den Protokollen, und sie las es laut vor, obwohl außer Meifeng und Tang Shu niemand in Hörweite war.
Er hat am 4. Oktober um 12:44 gesagt, dass er hinterher nicht über sich selbst entscheidet.
„Frau Song."
„Fräulein Shen?"
„Ich habe diese Zeile vier Tage lang jeden Morgen gesehen."
Und sie legte sie nicht zurück, sondern behielt sie in der Hand.
„Und heute lese ich sie zum ersten Mal", sagte sie.
„Was steht da?"
„Dass sein Nein nichts wiegt."
„Fräulein Shen, das steht da nicht."
Und Shen Zhaoxi sah auf das Blatt und dann auf Meifeng, und sie war sachlich dabei, wie sie bei allem sachlich war.
„Frau Song, dann steht da: Wir entscheiden. Und er hat gerade zufällig dieselbe Meinung", sagte sie.
Es blieb einen Moment still auf dem Schulhof.
„Und ist es dieselbe?"
„Das weiß ich nicht."
„Und was tun wir dann?"
Meifeng gab Tang Shu den Kasten und wischte sich die Hände an der Hose ab, so wie man es tut, bevor man etwas anfasst.
„Und dann prüfe ich es, und zwar ohne ihn zu fragen", sagte sie.
Sie tat es um 16:50.
Und sie tat es auf sechs Metern und kündigte es nicht an, und das war das erste Mal in vierzehn Jahren, dass sie etwas an einem Menschen tat, ohne ihn zu fragen.
Sie tat es an ihrem Mann.
Es war das Kleinste, was möglich war.
Denn sie ging nicht mit einem Mittel hinein und nicht mit einer Nadel, sondern mit sich, so wie immer, und sie machte die eigene Wurzel weich und legte sie an den Rand seines Rhythmus.
Und dann tat sie, als wolle sie ihn eine Spur langsamer machen.
Sie tat es nicht wirklich.
Sie hatte nur den Vorsatz.
Die Antwort kam vor ihrem zweiten Gedanken.
Und sie kam nicht gegen sie, und das war das Genaue daran: Etwas in ihm richtete sich auf eine Stelle aus, an der es sie nicht gab, und es tat es vollständig und ohne Zögern und in einer Zeit, die kürzer war als die Zeit, in der ein Mensch die Absicht fasst.
Dann stand es dort und wartete.
Meifeng zog sich zurück.
Und sie brauchte dafür sechs Atemzüge und nicht vier, und ihr Mund schmeckte nach Metall, und sie setzte sich auf den Boden, weil das ehrlicher war als stehen zu bleiben.
Gu Tian hatte sich in diesen sechs Atemzügen nicht bewegt.
„Meifeng."
„Ja."
„Was hast du gerade gemacht?"
Und sie sah zu ihm hoch, und sie war nicht in der Lage aufzustehen, und sie fand, dass sie ihm die Wahrheit schuldig war und nicht die Kurzfassung.
„Ich habe geprüft, ob du dich irrst", sagte sie.
„Und?"
„Und du irrst dich nicht."
„Meifeng."
„Ah Tian, wenn du dich geirrt hättest, hätte ich es getan. Heute Abend. Gegen dich", sagte sie.
Es blieb sehr lange still zwischen den beiden.
„Ich weiß."
„Und du bist nicht wütend."
„Nein."
Und er sah auf seine offene Hand und dann wieder zu ihr.
„Meifeng, ich habe am vierten Oktober darum gebeten", sagte er.
Ihre Hände waren an diesem Abend bis 21:40 kalt.
Und sie waren es damit fünf Stunden statt zwei, und sie schrieb die Uhrzeit auf, und sie schrieb sie auf dasselbe Blatt, auf dem am siebten Juli zwei Zeilen gestanden hatten.
Sie gab das Blatt niemandem.
Tang Shu setzte sich um 22:00 neben sie.
Und sie setzte sich ungeschickt, wie sie alles Körperliche ungeschickt tat, und sie legte Meifeng eine Schale mit heißem Wasser in beide Hände und nahm dann ihre eigenen Hände weg.
„Frau Song."
„Frau Tang?"
„Sie halten sie nicht ruhig", sagte sie.
„Seit 16:50."
„Und es ist 22:00."
Tang Shu fragte nicht, ob es schlimmer werde, und sie nahm ihr die Schale wieder ab und stellte sie hin, bevor sie fiel.
Am neunten Oktober um 06:00 war Fräulein Luos zweite Spalte leer.
Und sie führte seit dem zweiundzwanzigsten Juni zwei getrennte Kurven, und die erste hieß Kampfleistung und die zweite hieß seit dem zweiten September Übergang, und in der zweiten Spalte stand seit dem sechsten Oktober kein einziger Wert.
Sie brachte das Blatt zu Shen Zhaoxi und nicht zu Gu Tian.
„Fräulein Shen, meine zweite Spalte ist leer."
„Ja."
„Und sie war seit dem zweiundzwanzigsten Juni nie leer."
Shen Zhaoxi nahm das Blatt und legte es neben ihre eigenen Ablesungen.
„Fräulein Luo, meine erste ist eine Gerade", sagte sie.
Sie hatte seit dem siebten Oktober um 06:00 alle zehn Minuten abgelesen.
Und das waren am neunten um 06:00 zweihundertneunundachtzig Ablesungen, und sie lagen alle innerhalb dessen, was ihre Anker überhaupt auseinanderhalten konnten.
Das war der Befund.
Sie erklärte ihn Meifeng um 09:00 auf dem Schulhof, in vier Schritten und ohne ein einziges Mal die Stimme zu heben.
„Frau Song, ein Überschuss läuft ab."
„Ja."
„Er wird zu Wärme, oder zu Licht, oder er geht in den Boden, oder der Mensch schläft, oder er hat Hunger."
Und sie zeigte auf die Gerade.
„Und nichts davon geschieht", sagte sie.
„Der zweite Schritt?"
„Ein Schaden schwankt."
„Fräulein Shen?"
„Eine Verletzung hat gute Stunden und schlechte. Ein Fluch hat einen Takt. Eine falsch laufende Bahn hat einen Fehler, den man zweimal findet."
Und sie legte den Finger auf zweihundertneunundachtzig Punkte, die auf einer Linie lagen.
„Und das hier schwankt nicht", sagte sie.
„Der dritte?"
„Seine Reserve ist voll."
„Ja."
„Und sie war am sechsten um vier Uhr voll und ist es am neunten um sechs."
Shen Zhaoxi klappte die Mappe nicht zu.
„Und etwas, das nicht abfließt und nicht abnimmt, wird gehalten", sagte sie.
Es blieb einen Moment still auf dem Schulhof.
„Fräulein Shen, sagen Sie es ganz."
„Das ist kein Überschuss."
„Und was?"
Sie sagte es ohne jede Betonung, so wie sie am ersten September gesagt hatte, dass an einer Stelle eine Tür sei.
„Das ist ein Befehl, den niemand zurückgenommen hat", sagte sie.
Meifeng brauchte danach ungefähr vier Sekunden.
„Und wer nimmt ihn zurück?"
„Der, der ihn gegeben hat."
„Fräulein Shen."
Und Shen Zhaoxi sah auf das Blatt, das seit dem vierten Oktober vorn in ihrer Mappe lag.
„Ich weiß, was Sie jetzt sagen werden", sagte sie.
Meifeng sagte es trotzdem.
„Und der entscheidet gerade nicht über sich selbst."
Es blieb sehr lange still auf dem Schulhof.
„Frau Song, das ist die Stelle, an der ich nicht weiterkomme."
„Ja."
„Und ich habe zwei Jahre lang gemessen, wie hoch etwas steht."
Und sie hob das Blatt mit der Geraden ein Stück an und ließ es wieder sinken.
„Und heute messe ich, wie etwas gehalten wird, und dafür habe ich kein Gerät", sagte sie.
„Was brauchen Sie?"
„Keine Skala."
„Und?"
Und Shen Zhaoxi antwortete darauf so, wie sie am vierten Oktober geantwortet hatte, als er sie gefragt hatte, was sie ab jetzt vorbereite.
„Frau Song, einen zweiten Tag. Und dann einen dritten", sagte sie.
Am Nachmittag des neunten Oktober stimmte die Linie nicht mehr.
Und ein Mann fiel bei achtundsiebzig Metern, obwohl bei achtundsiebzig Metern seit dem achten niemand gefallen war, und er fiel auf der Straße, acht Meter außerhalb des Seils.
Und Meifeng war vor Fräulein Luo bei ihm.
Er war seit zwanzig Stunden wach.
Und das war das Einzige, was an diesem Tag anders an ihm war, und er hatte nicht weniger gegessen und nichts getrunken und keine Erkältung, und er hatte am Vortag bei sechzig Metern eine Stunde lang gestanden, ohne dass ihm etwas gefehlt hätte.
Und Meifeng saß danach vierzig Minuten auf dem Bordstein und rechnete etwas nach, das keine Zahl war.
Dann ging sie zu Tang Shu und sagte einen Satz, der den Rest des Arcs bestimmte.
„Frau Tang, die Linie gehört nicht ihm."
„Frau Song?"
„Sie gehört uns", sagte sie.
„Und woran sehen Sie das?"
„Daran, dass sie sich bewegt, obwohl er sich nicht bewegt."
Und Tang Shu sah die Straße hinauf zu der Mauer, auf der seit drei Tagen jemand saß.
„Frau Song, dann ist es keine Absperrung, sondern ein Wetterbericht", sagte sie.
Sie machten daraus zwei Zahlen und eine Bedingung.
Siebzig Meter für alle.
Einhundert Meter für jeden, der länger als sechzehn Stunden wach ist.
Und wer nicht weiß, wie lange er wach ist, geht auf einhundert.
Fräulein Luo schrieb die drei Zeilen mit der Hand ab und hängte sie an beide Container.
Und dann trat sie einen Schritt zurück und las sie selbst.
Sie fragte an diesem Nachmittag etwas nicht.
Und Meifeng sah es genau: Fräulein Luo sah zu Tang Shu, die auf dem Klappstuhl saß, und sie hatte eine Frage im Gesicht, und die Frage betraf nicht Tang Shu.
Und sie stellte sie nicht.
„Fräulein Luo."
„Frau Song?"
„Sie haben gerade etwas nicht gefragt."
Und Fräulein Luo sah auf ihre eigene Liste, auf der zwei Spalten waren, von denen eine leer blieb.
„Frau Song, am vierzehnten September", sagte sie.
Tang Shu hatte es gehört.
Und sie beantwortete es selbst, weil sie es selbst beantwortete, seit sie es am vierzehnten September zum ersten Mal getan hatte, und weil in diesem Haus niemand für sie sprach.
„Fräulein Luo, Sie dürfen alles messen, was mich betrifft."
„Frau Tang."
„Und Sie dürfen zweimal am Tag fragen, wie es mir geht, und ich antworte ehrlich", sagte sie.
„Das andere?"
„Fräulein Luo, das andere ist im März geboren, und dann fragen Sie es selbst."
Und Fräulein Luo schrieb an diesem Nachmittag nichts in ihre Liste, was sie nicht gefragt hatte.
Meifeng maß Tang Shus Gesundheit an diesen vier Tagen achtmal und sonst nichts.
Und der Puls war ruhig, und die Frau schlief in vier Nächten sechs, sechs, fünf und sieben Stunden.
Und die kleinste Entfernung, auf die sie an diesen Tagen ging, hatte sie selbst genannt.
„Frau Song, ich gehe nicht unter sechzehn."
„Frau Tang, ich hätte Ihnen zwanzig gesagt."
„Ja."
Und Tang Shu setzte sich hin, bevor sie den Rest sagte, weil sie sich seit dem achten immer hinsetzte, bevor sie etwas Wichtiges sagte.
„Und dann hätten wir uns geeinigt, und die Zahl wäre trotzdem meine gewesen", sagte sie.
Gu Tian hätte etwas dazu gesagt.
Und Meifeng wusste genau, was er gesagt hätte, und sie wusste auch, wann er es gesagt hätte, nämlich sofort, und in einem Ton, den er sonst nie benutzte.
Und er sagte es nicht, weil zwischen ihm und Tang Shu sechzehn Meter lagen und ein Blatt vom vierten Oktober.
Er versuchte es einmal.
„Shu."
„Tian?"
„Du bist im vierten Monat."
Und Tang Shu blieb sitzen, wo sie saß, und sie rückte den Stuhl nicht einmal.
„Und ich habe heute Morgen sechs Stunden geschlafen und zweimal gegessen, und Frau Song hat mich um sieben angesehen", sagte sie.
Es blieb einen Moment still auf der Straße.
„Und?"
„Und du hast am vierten Oktober um 12:44 etwas gesagt."
„Ja."
Und sie sah ihn an über sechzehn Meter, und das Violett um seine Iris lief langsam.
„Und du hast nicht gesagt, dass du stattdessen über mich entscheidest", sagte sie.
Er antwortete darauf nichts.
Und Meifeng sah, dass seine rechte Hand offen blieb.
Xingchen kam am neunten Oktober um 19:00 vom Dach der Messstation herunter.
Und sie war seit dem dritten Oktober nicht armlang, und sie ging die Straße nicht entlang, sondern kam von oben, und sie legte sich neben die niedrige Mauer und rollte sich zusammen.
Und sie lag ungefähr vier Meter von ihm entfernt und es geschah ihr nichts.
„Frau Song."
„Xingchen?"
„Es stört mich nicht, und das ist nicht, weil ich stark bin", sagte sie.
„Und warum dann?"
„Weil ich weiß, worauf er wartet."
„Und worauf wartet er?"
Und Xingchen antwortete darauf so kurz, wie sie fast alles beantwortete.
„Auf das Nächste", sagte sie.
Meifeng ging an diesem Abend nicht auf sechs Meter.
Und sie ging auf zwölf, und sie tat es nicht aus Angst und nicht aus Vernunft.
Sie tat es, weil sie an diesem Abend nicht wusste, ob sie ihn ansehen oder anfassen wollte, und weil man so nicht auf sechs Meter geht.
„Ah Tian."
„Meifeng."
„Ich muss dir das jetzt zurufen."
Und sie hörte selbst, wie laut ihre eigene Stimme über zwölf Meter war.
„Und ich habe dir in sechs Jahren nie etwas zurufen müssen", sagte sie.
Er lachte.
Und es war ein kurzes Lachen und ein echtes, und es war das erste Geräusch dieser Art seit dem dritten Oktober, und Meifeng merkte sich die Uhrzeit, weil sie in diesem Moment nicht wusste, was sie sonst mit ihm anfangen sollte.
Und dann war es 19:40 und wieder still.
Am zehnten Oktober um 05:00 stand er auf.
Und Meifeng war wach, weil sie seit dem siebten um 05:00 wach war, und sie sah es von der Tür des Containers aus, und er stand nicht auf wie jemand, der sich streckt.
Er stand auf wie jemand, der etwas entschieden hat.
Er sagte es um 06:20 und sagte es allen gleichzeitig, damit niemand es zweimal hören musste.
„Ich gehe."
„Herr Gu?"
„Und ich gehe allein."
Und Fräulein Luo hatte den Stift in der Hand und schrieb es nicht auf.
Shen Zhaoxi widersprach als Einzige.
Und sie widersprach nicht laut, und sie widersprach nicht aus Fürsorge, sondern aus dem Grund, aus dem sie alles tat.
„Herr Gu, das ist eine Entscheidung über sich selbst."
„Ja."
„Und Sie treffen sie gerade", sagte sie.
Es blieb einen Moment still auf dem Schulhof.
„Fräulein Shen, das ist richtig."
„Und?"
„Und deswegen frage ich Sie und Frau Song."
Er stand dabei siebzig Meter entfernt und sprach lauter, als er je gesprochen hatte.
„Und wenn Sie nein sagen, bleibe ich sitzen", sagte er.
Meifeng und Shen Zhaoxi gingen vier Schritte beiseite.
Und sie brauchten dafür ungefähr zwei Minuten, und sie sprachen leise, und niemand sonst hörte, was gesagt wurde.
Und danach antwortete Shen Zhaoxi, weil Meifeng darum gebeten hatte, dass es nicht seine Frau tat.
„Herr Gu, Sie gehen."
„Fräulein Shen."
„Und es ist nicht Ihre Entscheidung, sondern unsere, und sie fällt heute zufällig genauso aus."
Und sie hatte das Blatt vom vierten Oktober dabei und hielt es nicht hoch.
„Und ich sage Ihnen den Grund, damit Sie ihn nachprüfen können", sagte sie.
Der Grund hatte zwei Teile.
„Erstens: Hier stehen dreißig Menschen, und jeden Tag kommen neue, die die drei Zeilen nicht gelesen haben."
„Ja."
„Und zweitens: Sie werden nicht schwächer, und in Songjiang gibt es einen Hof mit einer Mauer, und ich brauche ab morgen Linien und keine Straße", sagte sie.
Er ging um 07:10.
Und er ging nicht in einem Fahrzeug, weil in einem Fahrzeug ein Fahrer sitzt, und er ging nicht mit Xingchen, weil er sie nicht gefragt hatte.
Er ging allein, zu Fuß bis zur Kreuzung und ab dort anders.
Meifeng ging bis zum Seil mit.
Und sie ging bis zum Pflock bei siebzig Metern und legte die Hand darauf, und das war so nahe, wie eine Frau an diesem Morgen an ihren Mann herankam, wenn sie danach noch arbeiten wollte.
Und er blieb an der Kreuzung stehen und drehte sich um.
„Meifeng."
„Ah Tian?"
„Ich habe seit dem sechsten Oktober um vier Uhr kein einziges Mal gedacht, dass es vorbei ist."
Und sie hielt die Hand auf dem Pflock, weil sie sonst gewinkt hätte.
„Ich weiß", sagte sie.
„Woher?"
Und Meifeng antwortete ihm über zweitausendachthundert Meter Straße hinweg mit einer Zahl, die sie vier Tage lang gezählt hatte.
„Weil deine Hand seit dem siebten Oktober nicht ein einziges Mal zugegangen ist", sagte sie.
Er sah auf seine rechte Hand.
Und er sah sie ungefähr vier Sekunden lang an, so wie man eine fremde Sache ansieht, die auf dem eigenen Tisch liegt.
Und sie ging nicht zu.
Dann ging er.
Meifeng blieb am Pflock stehen und tat, was sie immer tat.
Und sie zählte nicht die Meter und nicht die Sekunden und nicht die Ablesungen, sondern die Leute, die neben und hinter ihr am Seil standen und dorthin sahen, wo er gewesen war.
Und es waren einunddreißig.
Keiner von ihnen hätte mitgehen können.
Shen Zhaoxi fragte sie um 07:40 etwas, das sie ihr in vier Tagen dreimal gefragt hatte.
„Frau Song, sind Sie gerade Heilerin oder seine Frau?"
Und Meifeng hatte am siebten Heilerin gesagt und am achten Heilerin und am neunten sehr lange nichts.
„Fräulein Shen, heute das andere", sagte sie.
Shen Zhaoxi nahm die Mappe unter den Arm.
Und auf ihrem Rücken standen seit dem zweiundzwanzigsten Juni und dem vierten Oktober zwei Wörter, und das zweite hieß Rückkehr, und sie strich es an diesem Morgen nicht durch und klebte es nicht zu.
„Frau Song, ich habe dieses Wort zu früh geschrieben."
„Nein."
Und Meifeng nahm die Hand vom Pflock.
„Fräulein Shen, Sie haben es zu klein geschrieben", sagte sie.
Sie fuhren am Nachmittag des zehnten Oktober nach Songjiang.
Und Tang Shu schlief im Fahrzeug, und Fräulein Luo hatte zwei Kurven dabei, von denen eine eine Gerade war und die andere leer, und Shen Zhaoxi saß vorn und schrieb sechs Stunden lang nichts auf.
Und Meifeng sah aus dem Fenster und dachte an eine Hand, die offen blieb.