Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 4 · Arc 02
Kapitel 446Hundert Prozent

Schutz ohne Käfig

4.615 Wörter · Band 4 — Vorhänge vor dem Himmel

Tang Shu zählte Schläge.

Und das machte sie seit neunzehn Jahren, und sie hatte damit angefangen, als ihre eigene Uhr aufgehört hatte, und seitdem zählte sie fremde: Handgelenke, Hälse, Fußrücken, und bei sehr alten Leuten die Stelle unter dem Kiefer, weil dort noch etwas war, wenn woanders nichts mehr war.

Sie hatte in diesen neunzehn Jahren gelernt, dass ein Mensch nicht am Zählen stirbt.

Am neunten August 2136 war sie um 05:20 wach.

Und sie war es, weil um 05:20 ein Umlauf endete, und weil sie seit dem sechsten Juli bei jedem Umlauf wach wurde, ob sie wollte oder nicht.

Sie hatte in dieser Nacht sechs Stunden und vierzig Minuten geschlafen.

Auf dem Blatt neben ihrem Bett standen sieben.

Und das Blatt hatte Meifeng am siebten Juli beschrieben, und die dritte Zeile lautete Sieben Stunden Schlaf. Nicht vier., und darunter hatte Tang Shu seit dem zwölften Juli jeden Morgen selbst eine Zahl geschrieben.

Sie schrieb an diesem Morgen 6:40 und machte keinen Strich darunter, mit dem sie es hätte erklären können.

Fang Xiuying stand um 06:50 in der Küche.

Und sie stand dort seit 04:40, und sie maß seit dem achten Juli zwei Schalen ab, und die eine war voller als die andere, und niemand hatte je darüber gesprochen, wessen welche war.

„Frau Tang."

„Frau Fang."

„Heute ist Fisch übrig", sagte sie.

„Und?"

Fang Xiuying stellte die vollere Schale hin, ohne hinzusehen.

„Und ich habe ihn nicht in die Suppe getan, weil Sie ihn am dritten Juli nicht gemocht haben", sagte sie.

Tang Shu aß im Stehen und ging um 07:00 über den Wohnhof.

Und der neunte August war ein heller Morgen ohne Wind, und das Gras hinter dem Westflügel stand noch voll Wasser vom siebten, und auf dem Weg zur Yin-Yang-Halle kam sie an einer Mauer vorbei, an der ein Mann mit einem Winkel stand.

Han Da hatte Kreide in der Hand.

Und er hatte bereits vier Linien auf den Boden gezogen, und drei davon waren gerade, und die vierte war die Wand entlang, und er sah nicht auf, als sie stehen blieb.

„Frau Tang."

„Herr Han."

„Sie stehen im Türsturz", sagte er.

Tang Shu ging einen Schritt zur Seite.

„Herr Han, hier ist keine Tür."

„Nein."

„Und?"

Er zog die Kreide über den Boden.

„Und deshalb male ich sie hin", sagte er.

Sie sah sich die Linien an.

Und es waren die Umrisse eines Raumes, und der Raum lag zwischen dem Westflügel und der Rückwand der Heilhalle, und es war der Vorratsraum, in dem seit zwei Jahren Bretter und ein kaputter Wagen standen.

Von der Heilhalle her hatte er eine Tür.

Sonst keine.

„Herr Han, was wird das?"

„Ein Zimmer."

„Für wen?"

Han Da richtete sich auf und klopfte sich die Kreide von der Hand.

„Frau Tang, das hat man mir nicht gesagt", sagte er.

Es blieb einen Moment still an der Mauer.

„Wer hat es angeordnet?"

„Der Junge Herr."

„Wann?"

Er nahm den Winkel wieder auf.

„Am fünften August, um 06:30", sagte er.

Tang Shu rechnete das im Kopf nach.

Und der fünfte August war vier Tage her, und am fünften August war Gu Tian den ganzen Vormittag im Trainingshof gewesen, und am Abend hatte er ihr erzählt, dass die Anpassung sich nicht schieben lässt.

Von einem Zimmer hatte er nichts gesagt.

„Herr Han."

„Frau Tang?"

„Wie viele Türen?"

Und Han Da sah auf seine vier Kreidelinien.

„Eine", sagte er.

Es blieb einen Moment still an der Mauer.

„Frau Tang, ich sage das nur, damit später niemand behauptet, ich hätte es nicht gesagt."

„Ja."

„Und?"

Er klopfte mit dem Winkel gegen die Wand.

„Und ein Zimmer mit einer Tür in eine Heilhalle ist kein Zimmer, sondern ein Nebenraum", sagte er.

Tang Shu ging weiter und kam um 07:12 in der Yin-Yang-Halle an.

Und sie war zu früh, weil Listenzeit um 08:00 war, und sie war seit dem siebten Juli jeden Tag zu früh, und der Grund dafür war einfach: Sie hatte weniger zu tun als vorher.

Denn seit dem siebten Juli nahm sie keine fremde Uhr mehr in die Hand.

Und das hieß nicht, dass sie nicht arbeitete.

Es hieß, dass sie sagte, was jemand anderes tun sollte, und danebensaß, während er es tat, und dass sie die vier Sekunden, in denen ein Übergang kippt, nicht mehr selbst hielt, sondern beschrieb.

Und sie hatte in fünf Wochen gelernt, dass Beschreiben schwerer ist.

Um 07:40 kam eine junge Heilerin mit einer Liste.

Und es war dieselbe, die im Juli in der Heilhalle an der Tür gestanden hatte, und sie war seit dem Frühjahr im Haus, und sie hatte inzwischen aufgehört, Fragen ganz zu Ende zu stellen, weil ihr in diesem Haus zweimal dazwischengeantwortet worden war.

„Frau Tang, elf Namen."

„Wie viele davon heute?"

„Vier", sagte sie.

Sie gingen die vier durch.

Und drei davon waren Leute aus den Höfen, denen etwas gebrochen war oder wieder zusammenwuchs, und der vierte war ein Mann aus der Küchengruppe, dessen Kreislauf seit April nachts stehen blieb und morgens wieder anlief.

„Was machen Sie bei ihm?"

„Ich lege die Hand auf."

„Wann nehmen Sie sie weg?"

Die junge Heilerin sah auf die Liste.

„Frau Tang, das weiß ich nicht", sagte sie.

„Dann ist die Antwort richtig."

„Frau Tang?"

„Wer es weiß, hat aufgehört hinzusehen", sagte sie.

Der Umlauf endete um 08:00.

Und ein Umlauf ihrer Uhr dauerte zwei Stunden und vierzig Minuten, und zwischen der ziehenden und der tragenden Seite lag ein Wechsel von etwa vier Herzschlägen, und dieser Wechsel war neunzehn Jahre lang leer gewesen und war es seit Mitte Juni nicht mehr.

Tang Shu saß dabei am Tisch und hatte eine Liste vor sich und einen Finger an der dritten Zeile.

Dann dauerte er sieben.

Sie zählte sie mit, weil sie gar nicht anders konnte.

Und beim fünften wusste sie, dass es länger war, und beim sechsten hörte sie auf zu lesen, und beim siebten legte sie den Finger von der Liste.

Dann war er zu Ende und alles war wie vorher.

Zwei Dinge waren anders gewesen.

Und das erste war die Länge, und das zweite war schwerer zu sagen: Ihre Uhr ging kalt, seit sie wieder ging, und sie ging in beide Richtungen zugleich, und Tang Shu hatte sich in fünf Wochen daran gewöhnt, dass sich das anfühlte wie ein Fluss unter Eis.

Für diese sieben Schläge war das Eis warm gewesen.

Die Liste hob sich an der Ecke.

Und sie hob sich ungefähr eine Handbreit und legte sich wieder hin, und die junge Heilerin, die zwei Schritte entfernt stand, sah es und sagte nichts und schrieb die Uhrzeit an den Rand ihres eigenen Blattes.

Tang Shu sah das und ließ sie.

Gu Tian kam um 08:03 durch die Tür.

Sie rechnete es hinterher aus, weil sie es nicht lassen konnte.

Und er war um 08:00 im Westflügel gewesen, und der Westflügel lag zweihundertvierzig Meter entfernt, und ein Mann, der zweihundertvierzig Meter geht, braucht ungefähr drei Minuten.

Ein Mann, der zweihundertvierzig Meter kann, wie Gu Tian sie kann, braucht keine drei Sekunden.

Er hatte drei Minuten gebraucht.

Das war das Erste an diesem Morgen, wofür Tang Shu ihm dankbar war, und sie sagte es ihm den ganzen Tag nicht.

Er blieb an der Tür stehen.

„Frau Tang."

„Herr Gu."

„Wie geht es Ihnen?", sagte er.

Und das war dieselbe Frage wie am sechsten Juli bei Sonnenaufgang, und es war dieselbe Reihenfolge, und Tang Shu merkte, dass sie darauf gewartet hatte.

„Gut."

„Und?"

Sie legte die Liste zusammen.

„Und sieben statt vier", sagte sie.

Er sagte darauf ungefähr vier Sekunden nichts.

„Bei mir auch."

„Was heißt bei dir auch?"

Und Gu Tian sah auf seine eigene Hand.

„Es hat geantwortet", sagte er.

Sie gingen zusammen zur Heilhalle, und sie gingen und liefen nicht.

Und auf diesen vierzig Metern kamen ihnen neun Leute entgegen, und alle neun sahen hin, und Tang Shu dachte an einen Satz, den Meifeng ihr im Juli erzählt hatte, und sie fand ihn an diesem Morgen nicht mehr komisch.

Han Meiyu war seit 06:00 in der Halle.

Und sie hatte den flachen Kasten mit den vier Zeigern bereits auf dem Tisch stehen, und das war ungewöhnlich, weil der Kasten sonst im Schrank stand.

„Frau Han, warum steht der schon da?"

„Weil er um 08:00 ausgeschlagen ist."

„Wer war im Raum?"

Han Meiyu trocknete sich die Hände ab.

„Frau Tang, niemand", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Wie weit?"

„Zwei Drittel."

„Wie lange?"

Sie sah in ihr Buch.

„Sieben Sekunden", sagte sie.

Meifeng kam um 08:20.

Und sie kam mit nassen Haaren und ohne Tuch, und sie hatte offensichtlich nicht auf ein Klopfen gewartet, und sie blieb im Türrahmen stehen und sah zuerst Tang Shu an und dann den Kasten.

„Frau Tang."

„Frau Song."

„Setzen Sie sich hin, bevor ich frage", sagte sie.

Tang Shu setzte sich auf die Bank am Fenster.

Und sie streckte den Arm aus, bevor jemand sie darum bat, und Han Meiyu fasste ihr Handgelenk an und sah dabei aus dem Fenster, weil sie beim Zählen immer aus dem Fenster sah.

Sie zählte länger als sonst.

„Frau Tang, sechsundsiebzig."

„Am sechsten August?"

„Zweiundsiebzig", sagte sie.

Sie stellte danach sechs Fragen.

Und sie stellte keine davon anders, als sie sie einer Frau aus der Küchengruppe gestellt hätte, und sie schrieb alle sechs Antworten auf, auch die, die nichts waren.

„Übelkeit?"

„Seit dem ersten August nicht mehr."

„Schlaf?"

Tang Shu antwortete darauf sofort, weil sie den Zettel selbst führte.

„Frau Han, in den letzten sieben Nächten im Schnitt sechs Stunden fünfzig", sagte sie.

Und dann sagte sie das, was sie seit fünf Tagen nicht gesagt hatte.

„Frau Han."

„Frau Tang?"

„Am vierten August um 11:20 musste ich mich hinsetzen."

Und Han Meiyu hielt den Stift an.

„Wie lange?", sagte sie.

„Ungefähr eine Minute."

„Was war davor?"

„Ich bin aufgestanden."

Und Han Meiyu schrieb es auf, und sie schrieb es in ihrer normalen Geschwindigkeit.

„Frau Tang, und warum höre ich das am neunten?", sagte sie.

Es blieb sehr still im Vorderraum.

„Weil ich am sechsten hier war und es nicht gesagt habe."

„Ja."

„Und?"

Tang Shu sah auf ihre eigenen Hände.

„Und weil auf dem Blatt steht, dass ich es sagen soll, auch wenn es nichts ist", sagte sie.

Meifeng sagte dazu genau einen Satz.

„Frau Tang, danke."

„Frau Song, das ist —"

„Nein", sagte sie.

Gu Tian stand an der Wand neben der Tür und sagte ungefähr vier Sekunden lang nichts.

Und Tang Shu wusste ohne hinzusehen, was diese vier Sekunden kosteten, und sie sah trotzdem hin.

„Sag es."

„Nein."

„Warum nicht?"

Und Gu Tian sah nicht auf den Kasten und nicht auf Meifeng.

„Weil du es selbst gesagt hast und weil ich sonst gewinne", sagte er.

Meifeng wusch sich die Hände.

Und sie wusch sie länger als nötig und mit angewärmtem Wasser, und dann zog sie den Ring ab, den sie seit April 2134 trug, und legte ihn in die Schale neben dem Becken.

Tang Shu sah zum ersten Mal genau hin, wie das aussah, wenn jemand einen Ring ablegt, weil Metall an kalten Fingern wehtut.

„Frau Tang, darf ich?"

„Frau Song, ja."

„Wenn Sie nein sagen?"

Tang Shu legte die Hände hin.

„Frau Song, dann sage ich es beim nächsten Mal, und Sie kommen trotzdem", sagte sie.

Von innen war es so.

Es war nicht wie eine Hand und nicht wie ein Licht und überhaupt nicht wie das, was Leute darüber erzählten, die es einmal erlebt hatten.

Es war, als ginge jemand sehr langsam an einer offenen Klinge entlang, ohne sie anzufassen, und als wäre man selbst die Klinge.

Und ihre Uhr merkte es und tat nichts.

Das war der eigentliche Vorgang, und Tang Shu, die neunzehn Jahre lang mit fremden Kreisläufen gearbeitet hatte, verstand an diesem Morgen zum ersten Mal, warum es niemand außer Meifeng konnte.

Denn eine Uhr, die etwas merkt und nichts tut, hat es entschieden.

Und man entscheidet nur, was man nicht fürchtet.

Es dauerte etwa vierzig Sekunden.

Meifeng kam zurück und ließ die Hände los und sagte drei Sätze.

„Frau Tang, Ihnen geht es gut."

„Und es sitzt richtig."

„Und es ist ruhig", sagte sie.

Han Meiyu schrieb die Uhrzeit auf, bevor sie etwas anderes tat.

„08:44."

„Frau Han."

„Und die Reihenfolge steht auch da", sagte sie.

„Welche Reihenfolge?"

Und Han Meiyu drehte das Buch nicht um.

„Frau Tang, die Mutter zuerst", sagte sie.

Meifeng setzte sich danach auf die Bank am Fenster und rührte den Becher nicht an, der dort stand.

Und Tang Shu sah das ebenfalls, und sie sagte nichts dazu, weil sie inzwischen wusste, dass Meifeng ihn erst um zehn anfassen würde und dann mit beiden Händen.

„Frau Song, was war um 08:00?"

„Drei Dinge im selben Raum."

„Wir waren nicht im selben Raum."

Und Meifeng sah zur Tür.

„Frau Tang, zweihundertvierzig Meter sind für zwei Ursprünge kein Raum", sagte sie.

„Ist das gefährlich?"

„Nein."

„Woher wissen Sie das?"

Meifeng antwortete darauf so genau, wie sie fast alles genau beantwortete.

„Weil es nichts verschoben hat. Es war laut und hat nichts angefasst", sagte sie.

„Herr Gu."

„Frau Song?"

„Hat es etwas gesagt?"

Und Gu Tian sah zu Tang Shu und nicht zu Meifeng.

„Ja", sagte er.

„Wörtlich", sagte Tang Shu.

[Frau Tangs Uhr und deine Wurzel haben um 08:00 gleichzeitig geantwortet.]

[Dauer: sieben Herzschläge.]

[Darüber hinaus habe ich nichts gemessen.]

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Den dritten Satz hat es von selbst gesagt?"

„Ja."

„Du hast nicht gefragt?"

Gu Tian sah wieder auf seine Hand.

„Nein", sagte er.

Meifeng schrieb danach vier Zeilen auf ein Blatt vom Stapel.

Und sie schrieb sie so, wie sie am siebten Juli geschrieben hatte, in Terminen und nicht in Verboten, und sie las sie laut vor, weil sie fand, dass man so etwas vorliest.

Kontrolle jetzt alle sieben Tage. Nächste am sechzehnten August.

Zwei Stunden liegen am Tag. Zu festen Zeiten und nicht, wenn es nicht mehr geht.

Sieben Stunden Schlaf.

Und was Sie merken, hört jemand am selben Tag.

„Frau Song, die zweite geht nicht."

„Frau Tang?"

„Zwei Stunden am Stück kann ich nicht liegen."

Und Meifeng legte den Stift hin.

„Warum nicht?", sagte sie.

„Weil ich dann nach vierzig Minuten anfange, Listen im Kopf zu machen."

„Und?"

„Und dann liege ich zwei Stunden und arbeite eineinhalb", sagte sie.

Meifeng dachte darüber etwa vier Sekunden nach.

„Zweimal eine Stunde."

„Wann?"

„Sagen Sie es mir", sagte sie.

Und Tang Shu sagte es ihr sofort, weil sie es sich in den letzten fünf Wochen bereits ausgerechnet hatte.

„Nach der Listenzeit und um 15:00."

„Warum um 15:00?"

„Weil um 15:00 in der Halle nichts passiert und um 17:00 alles", sagte sie.

Meifeng strich die zweite Zeile durch und schrieb sie neu.

Und darunter schrieb sie noch etwas, das Tang Shu erst später las, und es war kein Termin.

Frau Tang hat die Zeiten selbst gewählt.

Und dann fing Gu Tian an.

Er fing um 08:58 an, und er fing vernünftig an, und das war das Problem.

„Frau Song, ich hätte eine Frage zur Halle."

„Ja?"

„Kann die Listenzeit um eine Stunde nach hinten?", sagte er.

Und das war das Erste.

Das Zweite kam vier Sätze später, und es war praktisch und kostete niemanden etwas.

„Und in der Yin-Yang-Halle sollte jemand sein, der zählen kann, wenn Frau Tang sich hinsetzen muss."

Das Dritte kam, während Meifeng noch schrieb.

„Und Fräulein Luo könnte an der Halle etwas anbringen, das anschlägt."

Das Vierte kam um 09:04.

„Und ich würde die vier Töpfe im Garten von jemand anderem gießen lassen."

Das Fünfte war eine Wache.

Er sagte nicht das Wort Wache, weil er nie das Wort benutzte, das jemanden verletzt hätte, und er sagte stattdessen, dass Frau Chen ohnehin zwei Leute im Wohnbereich habe und dass man einen davon anders einteilen könne.

Tang Shu zählte mit.

Und das war das Einzige, was sie in diesen sechs Minuten tat, und sie tat es an der Handkante, mit dem Daumen, so wie sie an Betten zählte.

Beim Fünften hörte sie auf.

„Tian."

Und sie sagte es vor Meifeng und vor Han Meiyu und mit seinem Namen, und alle drei anderen im Raum merkten es, und Han Meiyu legte den Stift hin.

„Shu."

„Fünf."

„Was fünf?"

Und Tang Shu hielt die Hand hoch, mit fünf Fingern.

„Und keine davon ist falsch", sagte sie.

Es blieb sehr still im Vorderraum.

„Und?"

„Und ich bin heute Morgen an einem Zimmer vorbeigekommen, das seit dem fünften August auf dem Boden steht."

Gu Tian sagte darauf nichts.

„Und es hat eine Tür", sagte sie.

„Shu, es ist ein Raum, in dem Bretter stehen."

„Ja."

„Und?"

Und Tang Shu sah ihn an.

„Und ich habe Herrn Han gefragt, wie viele Türen. Und er wusste es. Und du hast es mir am fünften Abend nicht gesagt", sagte sie.

Es blieb sehr lange still im Vorderraum.

„Das stimmt."

„Ja."

„Und ich habe es nicht gesagt, weil es noch nichts war."

Und Tang Shu nickte einmal.

„Tian, es war schon vier Tage etwas", sagte sie.

Sie sagte den Rest ruhig, weil sie das Thema ruhig sagen konnte.

Und das war eine alte Sache und keine neue: Sie hatte neunzehn Jahre lang neben Leuten gesessen, bei denen es zu Ende ging, und sie hatte irgendwann aufgehört, davor laut zu werden.

„Tian, ich sage dir jetzt, was ich nehme."

„Ja."

„Die sieben Tage nehme ich. Die zwei Stunden nehme ich. Den Schlaf nehme ich, und ich habe ihn bisher nicht geschafft, und ich schreibe es weiter auf", sagte sie.

„Die fremden Uhren?"

„Fasse ich seit dem achtundzwanzigsten Juni nicht mehr an."

„Die Übergänge?"

Und Tang Shu antwortete sofort.

„Halte ich nicht mehr. Ich sitze daneben und sage anderen, was sie tun sollen, und das ist schlimmer, und ich mache es trotzdem", sagte sie.

„Was nimmst du nicht?"

Und sie sagte es in einem Satz, weil sie ihn sich auf dem Weg über den Hof zurechtgelegt hatte.

„Ich nehme nichts, was dazu führt, dass Leute aufhören, mich um etwas zu bitten", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Shu."

„Tian, ein Mensch hört nicht auf einmal auf."

„Nein?"

Und Tang Shu sah auf ihre Hände.

„Nein. Zuerst nimmt ihm jemand etwas ab, weil er es gut meint. Und dann nimmt ihm jemand anders etwas ab, weil der Erste es getan hat", sagte sie.

„Dann?"

„Und dann sitzt er in einem Zimmer, in das nur Leute kommen, die ihm etwas bringen."

Sie hob den Kopf.

„Und dann fängt er an zu sterben, und niemand hat es angeordnet", sagte sie.

Es blieb sehr still im Vorderraum.

Gu Tian sagte danach ungefähr zwanzig Sekunden nichts.

Und dann sagte er etwas, das er in diesem Jahr noch niemandem gesagt hatte, und Tang Shu hörte, dass es ihn Mühe kostete, weil er dabei langsamer sprach.

„Shu, ich bekomme seit dem dreizehnten Juni jeden Morgen um 08:00 eine Zahl aus Fujian."

„Ich weiß."

„Und gestern war ich dort", sagte er.

„Und?"

„Und ich habe elf Stunden neben einem Tor gestanden, das ich nicht anfassen darf."

Tang Shu sah ihn an.

„Warum nicht?", sagte sie.

„Weil ich damit messe, was es tut, wenn ich es anfasse."

„Ja."

„Und weil ich das nicht zurücknehmen kann", sagte er.

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Hier?"

Und Gu Tian sah auf seine Hand und machte sie auf und wieder zu.

„Und hier kann ich alles anfassen", sagte er.

Tang Shu antwortete darauf nicht sofort.

Denn das war der ehrlichste Satz, den er seit dem einunddreißigsten Juli gesagt hatte, und sie hätte ihn gerne vier Tage lang liegen lassen, und dafür war an diesem Morgen kein Platz.

„Tian, und deshalb fasst du hier alles an", sagte sie.

„Ja."

Meifeng sagte danach etwas, und sie sagte es aus dem Fenster heraus und nicht zu einem der beiden.

„Ah Tian."

„Meifeng?"

„Im Herbst 2134 bin ich elf Tage nicht in diese Halle gekommen", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Wer hat das angeordnet?"

„Niemand."

„Und?"

Und Meifeng sah weiter aus dem Fenster.

„Und ich selbst. Und es waren die schlechtesten elf Tage von den ganzen sieben Monaten", sagte sie.

„Frau Song, warum?"

Und Meifeng drehte sich um.

„Frau Tang, weil ich am zwölften Tag wiederkam und alles ging ohne mich", sagte sie.

„Und ist das nicht gut?"

„Doch."

„Und?"

Und Meifeng nahm den Becher endlich in beide Hände.

„Und ich habe an diesem Tag zum ersten Mal gedacht, dass mein Sohn in einer Wohnung zur Welt kommt und nicht in einem Haus", sagte sie.

Sie einigten sich um 09:30, und es war keine Einigung mit Zeremonie.

„Tian, ich will eine Regel."

„Sag sie."

„Du fragst vorher", sagte sie.

„Und wenn du nein sagst?"

„Dann ist es nein."

„Shu."

Und Tang Shu sah ihn an.

„Ja. Auch wenn du recht hast", sagte sie.

Er dachte darüber etwa vier Sekunden nach.

„Und wenn ich vorher frage und du sagst nein und danach passiert etwas?"

Und Tang Shu antwortete darauf, ohne den Blick wegzunehmen.

„Dann ist es passiert, und du hast gefragt", sagte sie.

Es blieb sehr still im Vorderraum.

„Das ist ein schlechter Handel."

„Ja."

„Und?"

Und sie legte die Hand flach auf die Bank zwischen ihnen, so wie am einunddreißigsten Juli unter dem Dach.

„Und der andere ist schlechter", sagte sie.

Han Meiyu schrieb etwas in ihr erstes Buch und klappte es zu.

Und danach nahm sie das zweite unter den Arm und ging hinaus, und sie schrieb an diesem Vormittag um 10:52 eine Zeile hinein, die Meifeng erst im September las.

Tang Shu ging um 09:50 zurück an der Mauer vorbei.

Und Han Da war noch da, und er hatte inzwischen die Bretter herausgetragen und den kaputten Wagen auch, und die vier Kreidelinien waren jetzt vier Kreidelinien in einem leeren Raum.

„Herr Han."

„Frau Tang."

„Bauen Sie es", sagte sie.

Han Da richtete sich auf.

„Frau Tang, ich baue es ohnehin."

„Ja."

„Und?"

Und Tang Shu ging in den leeren Raum und stellte sich an die Außenwand.

„Und hier kommt die zweite Tür hin", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im leeren Raum.

„Frau Tang, dahinter ist der Hof."

„Ich weiß."

„Und im Winter zieht es durch."

Und Tang Shu klopfte einmal mit der flachen Hand gegen die Wand.

„Herr Han, dann machen Sie sie dicht", sagte sie.

Han Da sah die Wand etwa vier Sekunden lang an.

„Das ist mehr Arbeit."

„Ja."

„Und?"

Er nahm den Winkel wieder auf.

„Und ich sage es nur, damit später niemand behauptet, ich hätte mich beschwert", sagte er.

Gu Tian stand in dem Türsturz, in dem an diesem Morgen noch keine Tür war.

„Shu."

„Tian?"

„Das ist derselbe Raum."

Und Tang Shu sah ihn an.

„Nein", sagte sie.

„Und was ist der Unterschied?"

Und sie zeigte auf die Außenwand und dann auf die Wand zur Heilhalle.

„Tian, ein Zimmer mit einer Tür ist ein Ort, an den man jemanden bringt."

„Ja."

„Und ein Zimmer mit zwei Türen ist ein Weg", sagte sie.

Um 10:10 kam ein Kind durch den Türsturz.

Und es war seit dem zweiten August siebzehn Monate alt und lief seit dem einundzwanzigsten Mai und trug keine Schuhe, und es hatte einen Stein mit einer weißen Kante in der Faust, den ihm seit dem einunddreißigsten Juli niemand hatte abnehmen können.

Und er ging quer durch den leeren Raum und an der anderen Wand wieder hinaus, weil dort noch keine Wand war, sondern eine Baustelle.

Han Da sah ihm nach.

„Frau Tang."

„Herr Han?"

„Der hat gerade die zweite Tür benutzt", sagte er.

Tang Shu ging um 10:30 durch den hinteren Gang der Heilhalle.

Und in einem der vier Zimmer saß ein Mann aufrecht im Bett, der siebenundsiebzig war und vierzig Jahre in einem Umspannwerk gearbeitet hatte, und seine Tochter saß seit dem zweiundzwanzigsten Juni auf dem Hocker daneben.

Und das Fenster war zu.

„Herr Liang."

„Frau Tang."

„Es ist zu warm hier."

Und der alte Mann sah zum Fenster, ohne den Kopf zu drehen.

„Ja", sagte er.

„Und wer hat es zugemacht?"

„Meine Tochter."

„Wann?"

Und er zog die Decke ein Stück zurecht.

„Am dritten August, weil es gezogen hat", sagte er.

„Und hat es gezogen?"

„Ja."

„Und?"

Und Herr Liang sah sie an, und er sah dabei so, wie sehr alte Leute sehen, wenn sie sich nicht mehr die Mühe machen, etwas anders auszudrücken.

„Und seitdem hat mich niemand mehr gefragt", sagte er.

Tang Shu ging zum Fenster und legte die Hand an den Griff und drehte ihn nicht.

„Herr Liang, soll ich?"

„Frau Tang, ich bin siebenundsiebzig."

„Ja."

„Und?"

Und er hob eine Hand ungefähr eine Handbreit vom Laken.

„Und Sie sind die Erste seit sechs Tagen, die fragt, statt es zu machen", sagte er.

Sie machte es auf.

Und danach saß sie ungefähr zwölf Minuten auf dem zweiten Hocker und zählte nichts, und die Tochter holte in dieser Zeit Wasser und kam nicht sofort zurück.

Und als sie ging, war das Fenster noch offen.

Meifeng nahm den Ring um 10:52 wieder aus der Schale.

Und Tang Shu war zufällig im Vorderraum, weil sie ihr Blatt vergessen hatte, und sie sah es und sagte nichts, und zwei Stunden und acht Minuten waren eine Zahl, die sie sich merkte, ohne sie aufzuschreiben.

Die Meldung aus Fujian kam um 20:04.

Und Lu Chen meldete seit dem vierundzwanzigsten Juni um 08:00 und um 20:00, und er hatte in siebenundvierzig Tagen keinen dieser Termine verschoben, und Gu Tian ging dafür in den Nebenraum und ließ die Tür offen.

Und Tang Shu hörte ungefähr die Hälfte und fragte hinterher nicht nach Zahlen.

Er kam nach neun Minuten zurück.

„Shu."

„Tian."

„Zwei-Komma-Drei."

Und Tang Shu sah auf.

„Gestern?", sagte sie.

„Zwei-Komma-Vier."

„Und ist das gut?"

Und Gu Tian setzte sich und dachte etwa vier Sekunden nach.

„Nein. Es ist nur weniger", sagte er.

„Und du fährst nicht hin?"

„Nein."

„Warum nicht?"

Und er sah auf das gefaltete Papier in seiner Hand.

„Weil Herr Lu am zwölften einen Stufe-drei-Ausbruch hat, und weil ich dann dort stehe und dabei zusehe, wie er meinetwegen anders entscheidet", sagte er.

Um 21:20 endete der letzte Umlauf des Tages.

Und Tang Shu lag dabei und hatte nichts neben sich liegen, und der Wechsel dauerte vier Herzschläge, und er war nicht leer, und das Eis war wieder kalt.

Und sie zählte die vier und war darüber erleichtert, und sie stellte fest, dass das ein merkwürdiges Gefühl war.

Gu Tian machte die Tür hinter sich zu und blieb daran stehen.

„Shu."

„Ja?"

„Darf ich das Licht auslassen?"

Und Tang Shu sah zur Tür.

„Tian", sagte sie.

„Ich frage vorher."

„Ich weiß."

„Und?"

Und sie machte die Decke auf ihrer Seite ein Stück zurück.

„Und nicht das. Das nicht", sagte sie.

Er kam und legte sich hin und legte die Hand flach auf sie, und das machte er seit dem sechsten Juli jeden Abend, und er hatte kein einziges Mal danach gefragt.

Und Tang Shu hatte es kein einziges Mal verlangt.

„Shu."

„Ja?"

„Wie viele Sachen darf ich morgen?"

Und sie lachte kurz, zum ersten Mal an diesem Tag.

„Eine", sagte sie.

„Und welche?"

„Die, die du zuerst sagst."

„Und wenn ich mir dann die falsche aussuche?"

Und Tang Shu drehte den Kopf.

„Dann hast du gefragt", sagte sie.

Im leeren Raum zwischen dem Westflügel und der Rückwand der Heilhalle lagen um Mitternacht vier Kreidelinien auf dem Boden.

Und in einer davon war seit dem Nachmittag eine Lücke von einem Meter, mit zwei kurzen Strichen an den Enden, so wie Zimmerleute eine Öffnung anzeichnen.

Und Han Da hatte darüber ein Wort geschrieben, weil er alles beschriftete, was er noch nicht gebaut hatte.

Tür.

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