Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 4 · Arc 01
Kapitel 441Der lange Tisch

Meifengs Bestätigung

4.257 Wörter · Band 4 — Vorhänge vor dem Himmel

Meifeng zählte keine Zahlen.

Und das war der Unterschied zwischen ihr und den beiden anderen Frauen, mit denen sie in diesem Haus arbeitete: Fräulein Luo zählte Werte, und Frau Tang zählte Schläge, und Song Meifeng zählte Leute.

Sie zählte sie, ohne es zu wollen, so wie manche Menschen beim Betreten eines Raumes sofort wissen, wo die Tür ist.

Am siebten Juli 2136 war sie um 05:30 wach.

Und sie war es nicht, weil jemand geklopft hatte, und sie war es auch nicht, weil ihr Sohn wach gewesen wäre, denn ihr Sohn schlief seit dem Frühjahr durch und wurde am zweiten Juli sechzehn Monate alt.

Sie war wach, weil sie seit neunzehn Tagen jeden Morgen um diese Zeit wach war.

Am achtzehnten Juni hatte sie auf einer Treppe einen Satz gesagt.

Und wenn Sie mich holen, komme ich sofort. Auch um drei Uhr nachts. Auch am zwanzigsten. Auch, wenn es nichts ist.

Und danach hatte sie neunzehn Tage lang gewartet, dass jemand sie holte.

In diesen neunzehn Tagen hatte sie viermal einen Nachmittag freigehalten, ohne jemandem den Grund zu nennen.

Frau Tang klopfte um 06:20.

Und sie klopfte zweimal und nicht viermal, und sie stand danach im Gang, statt hereinzukommen, und sie hatte die Haare so ordentlich gebunden wie jemand, der sich dafür Zeit genommen hat, weil ihm sonst nichts eingefallen ist.

„Frau Song."

„Frau Tang."

„Ich hole Sie", sagte sie.

Meifeng war bereits angezogen.

„Ich weiß."

„Woher?"

Und Meifeng nahm ihr Tuch vom Haken neben der Tür.

„Weil Sie es sagen und nicht fragen", sagte sie.

Sie gingen zusammen über den Wohnhof.

Und es war der siebte Juli und schon warm um 06:30, und in der Küche brannte Licht, und Fang Xiuying stand in der offenen Tür und sah ihnen nach und sagte nichts, weil zwei Frauen, die vor sieben nebeneinander gehen, entweder zu einer Geburt gehen oder zu einem Tod.

Meifeng zählte auf diesen vierzig Metern neun Leute.

Alle neun sahen hin.

Gu Tian stand vor der Heilhalle und nicht darin.

Und das fiel ihr auf, und sie wusste sofort, warum, und sie fand es an diesem Morgen rührender, als sie zugeben wollte.

„Ah Tian."

„Meifeng."

„Du stehst draußen."

Er sah zur Tür.

„Ja", sagte er.

„Seit wann?"

„Seit 06:10."

„Warum kommst du nicht rein?"

Gu Tian sah nicht Meifeng an, sondern Tang Shu.

„Weil sie noch nicht da war", sagte er.

Han Meiyu war seit 06:00 in der Halle.

Und sie war seit Jahren um 06:00 in der Halle, und sie hatte ihre Liste bereits laut gelesen, obwohl niemand da gewesen war, dem sie hätte widersprechen können, und sie stand am Becken und wusch sich die Hände, als die drei hereinkamen.

Sie sah einmal hin und trocknete sich weiter ab.

„Frau Song."

„Frau Han."

„Der Vorderraum ist frei", sagte sie.

Meifeng sagte ihr, in welcher Reihenfolge es ablaufen würde.

Und sie sagte es in vier Sätzen, und sie sagte es nicht als Bitte.

„Frau Han, Sie messen zuerst."

„Ja."

„Und ich sehe erst danach hin. Und wenn wir uns widersprechen, gilt Ihre Messung, bis wir wissen, warum", sagte sie.

Han Meiyu nahm das ohne jede Regung an.

„Frau Song, das ist Ihre Regel seit vier Jahren."

„Ja."

„Und?"

Sie holte den flachen Kasten mit den vier Zeigern aus dem Schrank, den Fräulein Luo im Winter für die Halle gebaut hatte.

„Und ich sage Ihnen trotzdem jedes Mal, dass sie ungewöhnlich ist", sagte sie.

Meifeng hatte einen Grund dafür, und der Grund war zwei Jahre alt.

Denn im Sommer 2134 hatte sie zuerst sich selbst angesehen.

Und sie hatte gefunden, was da war, und sie hatte es nicht geglaubt, und sie hatte danach vier Tage lang so getan, als sei es eine Frage der Genauigkeit, und am fünften Tag hatte eine Ärztin mit einem Buch und einem Handgelenk und vier Fragen es ihr gesagt.

Erst als es jemand anderes gesagt hatte, war es wahr gewesen.

Tang Shu setzte sich auf die Bank am Fenster und streckte den Arm aus, bevor jemand sie darum bat.

Und Han Meiyu fasste ihr Handgelenk an und sah dabei aus dem Fenster, weil sie beim Zählen immer aus dem Fenster sah.

„Frau Tang, wann war die letzte Blutung?"

„Achtzehnter Mai."

„Die davor?"

Tang Shu antwortete sofort, weil sie eine Heilerin war und weil Heilerinnen solche Daten wissen.

„Zwanzigster April", sagte sie.

„Sie schlafen?"

„Vier bis fünf Stunden."

„Frau Tang, das ist zu wenig."

„Frau Han, das ist bei mir seit zwanzig Jahren zu wenig."

Und Han Meiyu schrieb es trotzdem auf.

„Übelkeit?"

„Zweimal. Am dritten und am fünften Juli, jeweils morgens."

„Wie lange?"

Tang Shu dachte etwa vier Sekunden nach.

„Frau Han, beide Male ungefähr eine halbe Stunde, und beide Male habe ich danach gegessen", sagte sie.

Han Meiyu stellte insgesamt vierzehn Fragen.

Und sie stellte keine einzige davon anders, als sie sie einer Frau aus der Küchengruppe gestellt hätte, und das war der Grund, warum Meifeng sie vor vier Jahren gebeten hatte, in der Halle zu bleiben.

Danach stellte sie den Kasten mit den vier Zeigern auf den Tisch und stellte ihn ein und wartete die vorgeschriebenen zwei Minuten ab.

Meifeng stand dabei am anderen Ende des Raumes, mit dem Rücken an der Wand, und rührte sich nicht.

„Frau Tang."

„Frau Han?"

„Medizinisch spricht alles dafür."

Tang Shu sah auf.

„Und?"

Han Meiyu klappte ihr Buch nicht zu.

„Und ich sage nicht sicher, weil ich es an einem einzigen Tag nicht sicher sagen kann", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Frau Han, das ist ehrlich."

„Ja."

„Was fehlt Ihnen?"

Han Meiyu sah zum anderen Ende des Raumes.

„Frau Tang, mir fehlt nichts. Frau Song sieht jetzt hin", sagte sie.

Meifeng wusch sich die Hände.

Und sie wusch sie länger als nötig, und sie tat es mit Wasser, das sie vorher hatte anwärmen lassen, und sie legte den Ring ab, den sie seit April 2134 trug, und legte ihn in die Schale neben dem Becken.

Sie tat das nicht aus Ehrfurcht.

Sie tat es, weil ihre Hände danach zwei Stunden lang kalt sein würden, und weil Metall an kalten Fingern wehtut.

Dann setzte sie sich Tang Shu gegenüber und fragte sie.

„Frau Tang, darf ich?"

„Frau Song, deswegen bin ich hier."

„Das ist keine Antwort."

Und Tang Shu sah sie an.

„Frau Song, ja. Sie dürfen", sagte sie.

„Wenn Sie nein sagen?"

„Sage ich aber nicht."

„Ich weiß."

Und Meifeng legte die Hände auf die Knie, weil sie noch nicht angefangen hatte.

„Und wenn Sie nein gesagt hätten, hätte ich Ihnen gesagt, was Frau Han gemessen hat, und keinen Satz mehr", sagte sie.

Sie nahm Tang Shus Hände.

Und dann machte sie das, was sie seit vierzehn Jahren machte und was ihr in vierzehn Jahren niemand beigebracht hatte.

Sie machte sich selbst auf.

Es funktionierte so.

Eine fremde Uhr, ein fremder Kreislauf, ein fremdes Leben lässt sich nicht von außen ablesen, weil Leben kein Schriftzeichen ist, das jemand für Fremde hingeschrieben hat.

Und deshalb ging Meifeng nicht mit einem Gerät hinein.

Sie ging mit sich hinein.

Und das hieß: Sie machte die eigene Wurzel weich.

Und sie machte sie so weit weich, dass ein fremder Rhythmus sie berühren konnte, ohne abzuprallen, und sie hielt sie so, und sie hielt sie ruhig, und das war die ganze Kunst.

Es war, als hielte man die Hand nachts ins Wasser und wartete, dass ein Fisch sie anstößt.

Man darf dabei nicht greifen.

Tang Shus Uhr war groß.

Und sie war größer, als Meifeng sie in Erinnerung hatte, und sie ging kalt und gleichmäßig und in zwei Richtungen zugleich, und sie zog auf der einen Seite und trug auf der anderen, und sie machte dabei kein Geräusch, das man Geräusch nennen konnte.

Und Meifeng musste an ihr vorbei.

Das war der schwerste Teil, denn die eigene weiche Wurzel an einer Yin-Yang-Ursprungsuhr vorbeizuführen ist ungefähr so, wie an einer offenen Klinge entlangzugehen, ohne sie anzufassen.

Dahinter war etwas.

Es war klein.

Und es hatte einen eigenen Takt, und der Takt gehörte nicht zu dem, was zog, und er gehörte nicht zu dem, was trug, und er lief unbekümmert neben beidem her, wie jemand, der noch nicht weiß, dass er zwischen zwei sehr großen Dingen steht.

Und er saß richtig.

Er war ruhig.

Meifeng blieb vier Sekunden länger, als sie musste.

Und sie hätte hinterher nicht sagen können, warum, und sie wusste, dass es keinen fachlichen Grund gab, und sie tat es trotzdem.

Dann kam sie zurück.

Und das dauerte etwa vier Atemzüge, und in diesen vier Atemzügen schmeckte ihr Mund nach Metall, und ihre Finger wurden bis zum zweiten Gelenk kalt, und ihr eigener Herzschlag lief für ungefähr eine Minute in einem Takt, der nicht seiner war.

Und nichts davon sah man von außen.

Sie ließ die Hände los und sagte drei Sätze.

„Frau Tang, es ist da."

„Es sitzt richtig."

„Und es ist ruhig", sagte sie.

Tang Shu sagte darauf sehr lange nichts.

Und sie sah dabei nicht Meifeng an und nicht Gu Tian, sondern auf ihre eigenen Hände, die noch genau so lagen, wie Meifeng sie hingelegt hatte.

Und dann sagte sie etwas, das niemand erwartet hatte.

„Frau Song, danke, dass Sie es zweimal gesagt haben."

„Ich habe es dreimal gesagt."

„Ja", sagte sie. „Und das war der Punkt."

Gu Tian stand an der Wand neben der Tür.

Und Meifeng sah nicht zu ihm hin, und sie sah trotzdem, dass seine rechte Hand aufging.

Und sie ging wieder zu.

Dazwischen lagen ungefähr vier Sekunden.

In genau diesem Moment schlugen die vier Zeiger aus.

Sie gingen alle vier bis an den Anschlag.

Und sie blieben dort etwa vier Sekunden, und der Kasten machte dabei ein Geräusch, das er sonst nicht machte, und das Wasser in der Schale neben dem Becken bewegte sich einmal, als hätte jemand gegen den Tisch gestoßen.

Und dann fielen die Zeiger zurück.

Danach war es im Vorderraum genau so warm und genau so hell wie vorher.

Han Meiyu schrieb die Uhrzeit auf, bevor sie irgendetwas anderes tat.

„06:58."

„Frau Han."

„Und alle vier am Anschlag", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Frau Song, war das Ihre Wurzel?"

„Zum Teil."

„Der Rest?"

Und Meifeng sah zur Tür.

„Und der Rest steht an der Wand", sagte sie.

Gu Tian ging vier Schritte zurück, ohne dass jemand ihn darum gebeten hatte.

Und die Zeiger fielen weiter.

Und dann kam er vier Schritte nach vorn, und sie stiegen wieder, und Han Meiyu schrieb beides auf, und Meifeng ließ es zweimal geschehen, weil sie selbst wissen wollte, ob es die Entfernung war.

Es war die Entfernung.

„Frau Song, noch einmal."

„Nein."

„Frau Song, beim dritten Mal wüsste ich, ob es gleichmäßig ist."

Und Meifeng stand auf und stellte sich zwischen den Kasten und die Bank am Fenster.

„Frau Han, und beim vierten Mal wüssten Sie, wie stark", sagte sie.

Es blieb sehr still im Vorderraum.

„Frau Song, das habe ich nicht gefragt."

„Nein."

„Und?"

Han Meiyu hielt den Finger an der Zeile.

„Und Sie haben trotzdem recht", sagte sie.

Meifeng sagte den Rest freundlich, weil sie fast alles freundlich sagte.

„Frau Han, in dieser Halle wird nichts gemessen, das noch nicht da ist."

„Ja."

„Und wenn jemand in vier Jahren fragt, was am siebten Juli 2136 gemessen wurde, dann soll dastehen: die Mutter."

Und Han Meiyu schrieb genau das.

„Frau Song, ich führe zwei Bücher."

„Ich weiß."

„In welches?"

Und Meifeng sah auf den Kasten mit den vier Zeigern.

„Frau Han, in das erste. Und in das zweite schreiben Sie gar nichts", sagte sie.

An der Tür stand seit 06:50 eine junge Heilerin.

Und sie war seit dem Frühjahr in der Halle, und sie war nicht neugierig auf eine unhöfliche Art, sondern auf die Art, in der Zwanzigjährige neugierig sind, wenn ein Instrument etwas tut, das sie noch nie gesehen haben.

„Frau Song, bedeutet der Ausschlag, dass die Wurzel des —"

„Nein."

Es blieb einen Moment still an der Tür.

„Frau Song, ich habe die Frage nicht zu Ende gestellt."

„Ich weiß."

„Und?"

Und Meifeng ging zu ihr und nahm ihr die Liste aus der Hand und sah sie durch, damit das Mädchen etwas zu tun hatte, während sie zuhörte.

„Und deswegen habe ich dazwischen geantwortet und nicht danach", sagte sie.

Dann erklärte sie es ihr einmal.

Und sie erklärte es freundlich und vollständig und in vier Sätzen, weil sie nicht wollte, dass jemand in ihrer Halle eine Regel befolgte, ohne sie verstanden zu haben.

„Fräulein, ein Ausschlag ist ein Ausschlag."

„Er sagt, dass hier drei Dinge gleichzeitig im Raum waren."

„Er sagt nicht, was daraus wird."

„Und wer aus vier Sekunden eine Zukunft macht, misst nicht, sondern wünscht sich etwas", sagte sie.

Die junge Heilerin nahm ihre Liste zurück und sah sie an.

„Frau Song, mein Onkel hat mich mit sechs messen lassen."

„Ja."

„Und?"

Und sie sah dabei nicht weg.

„Und danach hat er vier Jahre lang jedes Mal seufzen müssen, wenn er mich gesehen hat", sagte sie.

Meifeng sagte darauf nichts.

Und sie legte ihr kurz die Hand auf die Schulter, vier Sekunden lang, und nahm sie dann wieder weg.

Und dann schickte sie sie zu Herrn Liang, weil Herr Liang um 07:30 seinen Tee bekam und weil eine Aufgabe an dieser Stelle besser war als ein weiterer Satz.

„Meifeng."

„Ah Tian?"

„Es hat etwas gesagt."

Und sie sah ihn an.

„Wörtlich", sagte sie.

[Frühe Schwangerschaft. Stabil.]

[Klassifikation auf Wunsch der Eltern verschoben.]

Es blieb sehr still im Vorderraum.

„Ah Tian, hast du gefragt?"

„Nein."

„Wann hat es das gesagt?"

Gu Tian sah auf seine Hand.

„Meifeng, um 06:58", sagte er.

Und Meifeng brauchte danach etwa vier Sekunden, um zu entscheiden, was sie davon hielt.

Denn der zweite Satz stand seit dem zweiten März 2135 in einer Akte, und niemand hatte ihn diesmal verlangt, und niemand hatte ihn diesmal beantragt.

Und ein System, das eine Regel von selbst weiterträgt, ist entweder ein Segen oder der Anfang einer Gewohnheit.

Und sie beschloss an diesem Morgen, es für das Erste zu halten.

„Frau Song, was darf ich nicht?"

Und das war die erste Frage, die Tang Shu von sich aus stellte, und sie stellte sie zu schnell, und Meifeng hörte daran, dass sie Angst hatte.

„Frau Tang, ich schreibe Ihnen keine Verbote."

„Was schreiben Sie?"

Meifeng nahm sich ein Blatt vom Stapel neben dem Kasten.

„Termine", sagte sie.

Sie schrieb vier Zeilen.

Alle zehn Tage in diesem Raum. Frau Han misst, ich sehe hin.

Erste Kontrolle am siebzehnten Juli.

Sieben Stunden Schlaf. Nicht vier.

Und Sie sagen es mir, wenn Sie etwas merken. Auch, wenn es nichts ist.

„Frau Song, das steht da wie ein Dienstplan."

„Ja."

„Und?"

Und Meifeng legte den Stift hin.

„Und Sie sind Heilerin. Sie halten sich an Dienstpläne und nicht an Ratschläge", sagte sie.

Tang Shu las die vier Zeilen zweimal.

„Frau Song, hier steht nichts von der Halle."

„Nein."

„Heißt das, ich arbeite weiter?"

Meifeng nahm den Ring aus der Schale neben dem Becken und steckte ihn wieder an.

„Frau Tang, das heißt, ich habe Sie nicht gefragt, ob Sie arbeiten wollen, weil ich die Antwort kenne", sagte sie.

„Was wollen Sie dann?"

Und Meifeng nannte genau eine Sache.

„Frau Tang, keine fremde Uhr mehr in der Hand."

„Übergänge?"

„Keine, die Sie festhalten müssen. Sitzen dürfen Sie", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Frau Song, das habe ich am achtundzwanzigsten Juni schon von selbst gemacht."

„Ich weiß."

„Und woher?"

Und Meifeng lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen.

„Frau Tang, weil die Halle in Suzhou am zweiten Juli einen sehr höflichen Brief geschrieben hat, in dem viermal das Wort bedauerlicherweise stand", sagte sie.

Sie besprachen den Abend im Stehen.

Und es dauerte vier Minuten, und es gab keine Zeremonie, weil in diesem Haus seit zwei Jahren nichts mit Zeremonie beschlossen wurde.

„Wer?"

„Frau Tang, der engste Kreis."

„Und wann?"

Und Gu Tian sah auf die Uhr an der Wand.

„Heute Abend", sagte er.

„Und nicht morgen?"

„Nein."

„Ah Tian, warum nicht?"

Und er antwortete darauf so, wie er in diesem Jahr auf fast alles antwortete.

„Meifeng, weil ich sonst den ganzen Tag ein Gesicht machen würde, das meine Mutter in vier Minuten liest", sagte er.

Und Tang Shu fügte etwas hinzu, das den ganzen Rest des Tages entschied.

„Frau Fang muss es vorher wissen."

„Frau Tang?"

„Sonst kocht sie zu wenig", sagte sie.

Gu Tian ging um 07:40.

Und er ging, weil Fräulein Luo um 08:00 die Nachtwerte aus Fujian hatte, und er kündigte es an, so wie er inzwischen alles ankündigte, und er blieb an der Tür noch etwa vier Sekunden stehen.

Und Meifeng sah, dass die Hand wieder aufging.

Dass sie wieder zuging.

Dann waren die beiden Frauen allein im Vorderraum.

„Frau Tang."

„Frau Song?"

„Er macht die Hand auf."

Tang Shu sah zur Tür, durch die er hinausgegangen war.

„Ich weiß", sagte sie.

„Seit wann?"

„Seit ich ihn kenne."

„Und wann haben Sie es ihm gesagt?"

Und Tang Shu antwortete ohne Umweg, weil sie Umwege nie gekonnt hatte.

„Am neunundzwanzigsten Juni", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Frau Song, und Sie?"

„Ich habe es ihm nie gesagt."

„Und warum nicht?"

Und Meifeng hörte sich selbst antworten und war überrascht, wie schnell die Antwort kam.

„Weil ich es behalten wollte", sagte sie.

Sie setzte sich danach auf die Bank am Fenster, auf der vorher Tang Shu gesessen hatte.

Und sie sagte den Rest, weil man in diesem Haus die kleinen Sätze aussprach, sonst wurden sie mit der Zeit groß.

„Frau Tang, ich habe mich gefreut."

„Ja."

„Und ungefähr vier Sekunden lang habe ich etwas anderes gefühlt", sagte sie.

„Frau Song, was?"

Und Meifeng suchte dafür ungefähr eine halbe Minute nach dem richtigen Wort und fand es nicht und nahm dann das nächstbeste.

„Frau Tang, sein Gesicht war dasselbe."

„Wann?"

„Vor zwei Jahren, als ich es ihm gesagt habe", sagte sie.

Es blieb sehr still im Vorderraum.

„Und?"

„Und ich habe zwei Jahre lang geglaubt, dass dieses Gesicht mir gehört."

Tang Shu sagte darauf nicht, dass das nicht stimme, und sie sagte auch nicht, dass es ihr leid tue.

„Frau Song, das ist ein hässliches Gefühl", sagte sie.

„Ja."

„Und?"

„Und ich habe es trotzdem gehabt."

Tang Shu setzte sich neben sie auf die Bank und tat es ungeschickt, wie sie alles Körperliche ungeschickt tat.

„Frau Song, ich habe seit dem sechsten Juli viermal daran gedacht, dass Sie zuerst da waren", sagte sie.

„Frau Tang."

„Und ich habe jedes Mal geprüft, ob mich das stört."

„Und?"

Tang Shu sah auf ihre Hände.

„Und es stört mich nicht, und ich habe trotzdem viermal geprüft", sagte sie.

Und Meifeng lachte kurz.

Danach war es einen Moment lang leichter im Vorderraum, und beide merkten es, und keine von beiden sagte etwas dazu.

Dann ging Tang Shu, weil um 08:00 in der Yin-Yang-Halle Listenzeit war und weil sie nicht die Frau war, die zu spät kam.

Meifeng blieb sitzen.

Und sie blieb länger sitzen, als sie vorgehabt hatte, und der Grund dafür war einfach: Sie bekam die Schale nicht ruhig hoch.

Sie versuchte es um 08:10 zum ersten Mal.

Und die Schale war halb voll und aus Ton und wog ungefähr so viel wie ein Buch, und Meifeng hob sie an und stellte sie nach etwa vier Sekunden wieder ab, weil das Wasser darin einen Kreis zog.

Und dann saß sie da und wärmte beide Hände daran.

Ihre Finger waren bis zum zweiten Gelenk kalt.

Und das war seit vierzehn Jahren so und seit vierzehn Jahren nicht schlimmer geworden, und es ging nach ungefähr zwei Stunden weg, und sie hatte deswegen nie mit jemandem gesprochen, weil zwei Stunden kalte Finger kein Zustand sind, über den eine erwachsene Frau spricht.

Und an diesem siebten Juli dauerte es bis 10:40.

Han Meiyu kam um 09:00 zurück in den Vorderraum.

Und sie kam nicht mit ihrer Liste, und das war das Erste, was Meifeng auffiel, denn Han Meiyu kam sonst immer mit ihrer Liste.

Sie kam mit dem zweiten Buch.

„Frau Song."

„Frau Han?"

„Das ist das dritte Mal an drei verschiedenen Tagen."

Und Meifeng ließ die Schale stehen.

„Frau Han, was?", sagte sie.

Und Han Meiyu las drei Zeilen vor.

14. März: Frau Song sieht bei einem Anwärter mit inneren Blutungen hin. Danach bis 16:00 keine Termine. Hände kalt.

2. Mai: Frau Song stützt bei einem Übergang. Danach bis zum nächsten Vormittag keine Termine. Hände kalt.

7. Juli: Frau Song sieht bei Frau Tang hin. Nachmittag war seit dem achtzehnten Juni freigehalten.

Es blieb sehr still im Vorderraum.

„Frau Han, woher wissen Sie das mit dem achtzehnten Juni?"

„Weil Sie mich an diesem Tag gebeten haben, den siebten Nachmittag freizuhalten."

„Ja."

„Und den zwanzigsten, den vierundzwanzigsten und den ersten Juli auch", sagte sie.

Meifeng sah auf ihre eigenen Hände.

„Frau Han, das ist nicht viel."

„Nein."

„Und?"

Und Han Meiyu hielt den Finger an der Zeile, so wie sie den Finger immer an der Zeile hielt.

„Und es steht im zweiten Buch, und ins zweite Buch schreibe ich nichts, was weniger als dreimal an verschiedenen Tagen aufgetreten ist", sagte sie.

„Frau Han, was steht da noch?"

Und Han Meiyu drehte das Buch nicht um und schob es nicht hinüber, sondern las den letzten Satz vor, weil sie fand, dass man so etwas vorliest.

Frau Song misst nicht mit einem Gerät. Sie misst mit sich selbst."

Es blieb einen Moment still im Vorderraum.

„Frau Han, so habe ich es gelernt."

„Von wem?"

Und Meifeng dachte etwa vier Sekunden nach und stellte fest, dass die Antwort peinlich war.

„Von niemandem", sagte sie.

„Und wer in dieser Halle kann es außer Ihnen?"

„Niemand."

„Und wie viele Menschen hat der Clan?"

Und Meifeng antwortete darauf, weil sie die Zahl seit dem zwölften Juni kannte wie jeder in diesem Haus.

„Dreihundertsechsundzwanzig", sagte sie.

Han Meiyu klappte das zweite Buch zu.

„Frau Song, das ist keine Kritik."

„Ich weiß."

„Und?"

Sie legte es unter den Arm.

„Und ich schreibe nur auf, was war", sagte sie.

Meifeng ging um 09:40 durch den hinteren Gang.

Und sie ging dort entlang, weil man vom hinteren Gang aus in vier Zimmer sehen konnte, ohne hineinzugehen, und weil sie an diesem Vormittag nicht in ein Zimmer hineingehen wollte, in dem jemand sie ansah.

Und in einem der vier Zimmer saß Herr Liang aufrecht im Bett.

Seine Tochter saß seit dem zweiundzwanzigsten Juni auf dem Hocker daneben und war nicht wieder abgereist.

Er sah sie durch die offene Tür.

„Frau Song."

„Herr Liang."

„Sie gehen komisch."

Meifeng blieb im Türrahmen stehen.

„Herr Liang, wie gehe ich?", sagte sie.

Und Herr Liang war siebenundsiebzig und hatte vierzig Jahre in einem Umspannwerk gearbeitet und ordnete gerade seine Decke.

„Frau Song, mit den Händen an sich."

„Ja."

„Und meine Frau hat das im Winter auch gemacht", sagte er.

Es blieb einen Moment still im Zimmer.

„Herr Liang, in welchem Winter?"

„In allen."

„Und?"

Und er sah zu seiner Tochter, die aufgestanden war und ohne ein Wort ihren Becher hinstellte.

„Und sie hat auch immer gesagt, dass zwei Stunden nichts sind", sagte er.

Meifeng trank den Becher aus.

Und es war Wasser mit Honig darin, und es war zu süß, und sie trank ihn trotzdem aus, weil man einem Mann, der im Sterben liegt und einem etwas anbietet, den Becher nicht halb zurückgibt.

Und sie stellte ihn hin und bedankte sich bei der Tochter und nicht bei ihm.

Beide merkten es, und beide sagten nichts.

Sie aß um 12:00 mit anderen Leuten.

Und sie aß mehr als sonst, und Fang Xiuying stellte ihr ohne Kommentar eine zweite Schale hin, und Meifeng erzählte ihr um 13:20 in der Küche, was am Abend war, und sie erzählte es ihr als Erste im ganzen Haus.

Und Fang Xiuying wischte sich die Hände ab und sagte vier Wörter.

„Dann brauche ich Fisch."

Ihr Sohn kam um 14:00.

Und er kam allein, weil er seit dem einundzwanzigsten Mai lief und weil ihn seit Juni niemand mehr an der Hand über den Hof führte, und er brachte ihr einen Stein mit einer weißen Kante mit, den er offenbar von Frau Tang bekommen hatte.

„Da", sagte er.

Meifeng nahm den Stein.

Und dann hob sie ihn hoch, und das ging, und das war der Unterschied zu einer Schale mit Wasser: Ein Kind wehrt sich nicht dagegen, dass Hände zittern.

Und er legte den Kopf an ihren Hals und war sechzehn Monate alt und schwer.

Meifeng saß so ungefähr vier Minuten.

In diesen vier Minuten dachte sie den Satz zu Ende, den sie seit 09:00 angefangen hatte.

Sie war nicht müde.

Sie war die Einzige.

Und das war kein Kompliment, sondern eine Zahl mit einer sehr kleinen Eins darin.

Um 16:40 waren ihre Hände wieder warm.

Und sie merkte es beim Zuknöpfen, und sie sah auf die Uhr an der Wand, und dann tat sie etwas, das sie in vierzehn Jahren nicht getan hatte.

Sie nahm ein Blatt und schrieb zwei Zeilen.

7. Juli, 06:52 bis 10:40: Hände kalt. Schale nicht ruhig zu halten. Danach warm um 16:40.

Und darunter schrieb sie nach ungefähr vier Minuten die zweite.

Es geht nicht anders, solange ich der einzige Weg bin.

Und danach faltete sie das Blatt nicht.

Und sie legte es auch nicht unter ein Buch und nicht in eine Schublade, sondern in die Mappe, in der die Dienstpläne der Heilhalle lagen, weil ein Blatt in einer Mappe von jemandem gefunden wird.

Dann ging sie zum langen Tisch, an dem an diesem Abend jemand einen Platz mehr decken würde.

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