Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 4 · Arc 01
Kapitel 440Der lange Tisch

Zwei Linien

3.898 Wörter · Band 4 — Vorhänge vor dem Himmel

Der abgeschirmte Raum in Songjiang war im April 2135 gebaut worden.

Und Han Da hatte ihn gebaut, und er hatte dabei geflucht, und er hatte am Ende ein Fenster hineingesetzt, das niemand bestellt hatte.

Das Fenster war vier Handbreit hoch, und es saß in der Ostwand, und es begann dort, wo ein stehender Mensch hinaussehen konnte.

„Junger Herr, ich baue keinen Raum ohne Fenster."

„Herr Han, der Raum soll dicht sein."

„Wer hat Ihnen gesagt, dass ein Fenster undicht ist?"

Gu Tian hatte darauf nichts geantwortet.

„Er ist dicht", hatte Han Da gesagt.

Vierzehn Tage vor dem sechsten Juli war in diesem Raum eine Zahl entstanden.

Und die Zahl hatte achtzig Komma zwei gelautet, und sie war nirgends veröffentlicht worden, und drei Menschen im Haus wussten, dass es sie gab.

Tang Shu ging am fünften Juli 2136 um 19:00 in diesen Raum, um keine Zahl zu machen.

Sie hatte am vierten Juli darum gebeten, und sie hatte es schriftlich getan, und sie hatte dafür eine Zeile gebraucht.

Ich brauche den abgeschirmten Raum für eine Nacht. Ohne Geräte.

Und die Anfrage war am fünften Juli um 07:00 zurückgekommen, und darunter stand ein Name, und daneben stand nichts.

Abgeschirmt hieß in diesem Haus etwas sehr Bestimmtes.

Es hieß, dass die Schutzformation über dem Westflügel draußen blieb, und die Heilhalle, und der Weltenbaumanteil, der auf diesem Grundstück seit Februar 2135 in allem lag, was wuchs.

Und es hieß, dass der Mann, der als SS-9 registriert war, in diesem Raum nicht mehr wahrnehmbar war als ein Handwerker.

Genau deshalb war sie gekommen.

Denn sie hatte am siebenundzwanzigsten Juni vier Möglichkeiten geprüft und drei davon ausgeschlossen, und seitdem waren neue dazugekommen, und die neuen waren schlimmer.

Das Haus. Die Leute darin. Er.

Sie nahm nichts mit, womit man schreiben konnte.

Und das war eine Entscheidung, und sie traf sie am Nachmittag, und sie hielt sie nicht ganz durch: In ihrer linken Tasche lag ein Stein mit einer weißen Kante, und den hatte sie seit dem neunundzwanzigsten Juni jeden Tag bei sich.

Ein Stein war kein Papier.

Sie setzte sich zuerst mit dem Rücken zur Wand.

Und dann saß sie so ungefähr zwei Minuten und stand wieder auf und setzte sich in die Mitte des Bodens, wo nichts hinter ihr war.

Sie fand das albern, und sie blieb trotzdem dort sitzen.

Ihre Uhr ging nicht nach den Uhren im Haus.

Und das hatte sie schon als Kind gemerkt, und sie hatte es nie jemandem erzählt, weil es nichts erklärte: Ein Umlauf dauerte zwei Stunden und vierzig Minuten, und über einen ganzen Tag stimmte das trotzdem nie ganz, und die Abweichung war klein und ging in beide Richtungen.

Sie hatte sich neunzehn Jahre lang nicht dafür interessiert, und danach neun Jahre lang auch nicht.

In dieser Nacht wurde es wichtig.

Der erste Umlauf endete um 21:20.

Und der Wechsel war nicht leer.

Tang Shu machte keinen Strich, weil sie nichts hatte, womit man Striche macht, und sie merkte, dass ihre Hand es trotzdem versuchte.

Danach tat sie zum ersten Mal etwas anderes.

Sie hörte nicht auf ihren Wechsel.

Und sie hörte auf den Raum, in dem nichts war, und sie hörte auf sich selbst, und sie zählte dabei nicht, in welchem Teil ihres Umlaufs sie gerade war.

Um 22:41 war es da.

Und ihr Umlauf war zu diesem Zeitpunkt ungefähr in der Mitte der tragenden Seite, und das war so weit von einem Wechsel entfernt, wie man in ihrer Uhr überhaupt davon entfernt sein konnte.

Es blieb ungefähr vier Herzschläge.

Sie blieb danach sehr ruhig sitzen.

Denn wenn es im Wechsel war, konnte es ihr Wechsel sein.

Und wenn es in der Mitte der tragenden Seite war, konnte es das nicht.

Sie prüfte trotzdem der Reihe nach alles, was sie prüfen konnte.

Sie zählte ihren eigenen Puls und hielt ihn gegen das andere, und das andere war langsamer, und es war unregelmäßig, und ein Herz war nicht unregelmäßig.

Und dann hielt sie die Luft an.

Sie hielt sie ungefähr fünfzig Sekunden an.

Und in diesen fünfzig Sekunden kam es einmal.

Danach atmete sie wieder und fand, dass sie sich lächerlich vorkam, und schrieb es auch diesmal nicht auf, weil sie es nicht konnte.

Blieb der Raum.

Und den konnte sie nicht ausschließen, denn sie war zum ersten Mal in ihm, und sie wusste nicht, was ein abgeschirmter Raum mit einer Ursprungsuhr macht.

Und sie legte diese Möglichkeit zur Seite und nahm sich vor, sie nicht zu vergessen.

Der zweite Umlauf endete um 00:00.

Und der Wechsel war nicht leer.

Und sie merkte, dass sie sich darüber weniger freute als am neunundzwanzigsten Juni, und sie brauchte etwa vier Minuten, um zu verstehen, warum: Ein Wechsel bewies nichts. Er war der Ort, an dem sie es erwartete.

In diesem Raum war es sehr still.

Und still hieß nicht leise, denn draußen stand ein Haus mit über hundert Leuten, und man hörte jede Tür.

Und still hieß, dass nichts an ihr zog.

Tang Shu merkte in dieser Nacht zum ersten Mal, wie viel im Westflügel sonst an ihr zog.

Es war nichts Schlimmes, und es war nichts Absichtliches: Es war eine Schutzformation, und es war eine Heilhalle, und es war ein Grundstück, auf dem seit Februar 2135 alles ein wenig schneller wuchs, als es sollte.

Ohne das alles war sie ungefähr so allein wie mit vierzehn.

Mit vierzehn hatte sie aufgehört hinzuhören.

Sie hatte nie jemandem erzählt, an welchem Tag genau das gewesen war, und sie hätte es auch in dieser Nacht niemandem erzählt.

Sie saß auf dem Boden eines abgeschirmten Raums und hörte zum ersten Mal seit damals wieder so genau hin wie damals.

Zwischen 21:20 und 03:00 hörte sie es elf Mal.

Und vier von den elf lagen in einem Wechsel.

Und sieben lagen irgendwo sonst, und zwei davon lagen so ungünstig, dass sie sie sich nicht hätte einbilden können, weil sie in diesem Moment an etwas völlig anderes gedacht hatte.

Das war das Erste in dieser Nacht, das sie nicht wegerklären konnte.

Ihre Uhr war nie zwei Linien gewesen.

Und das war wichtig, und sie sagte es sich in diesem Raum zum ersten Mal so deutlich: Es gab eine Seite, die zog, und eine Seite, die trug, und das waren keine zwei Linien. Das war eine Linie mit zwei Enden.

Und seit dem achtzehnten Juni war da etwas, das nicht an ihren Enden hing.

Es gab eine Übung, die seit dem Frühjahr jeden zweiten Tag auf ihrem Blatt gestanden hatte.

Und sie hatte sie am achtundzwanzigsten Juni um 09:00 gestrichen, und sie hatte kein neues Datum danebengeschrieben.

Und sie bestand darin, dass sie ihre Uhr im Wechsel offen hielt, statt sie kippen zu lassen.

Ihr Bestwert lag bei vier Minuten und zwanzig Sekunden.

Und in diesen vier Minuten und zwanzig Sekunden stand ihre eigene Linie still, und nichts zog und nichts trug, und danach war sie für einen halben Tag müde.

Und wenn ihre Linie stillstand und das andere weiterging, war das andere nicht ihre Linie.

Sie überlegte danach lange, ob sie das darf.

Denn wenn da etwas war, dann hing es an ihr, und sie wusste nicht, ob eine Uhr, die stillsteht, für dieses Etwas eine Last ist.

Und sie fand keine Antwort, weil es niemanden gab, den sie fragen konnte, ohne es damit zu sagen.

Und dann tat sie es trotzdem.

Sie tat es ein einziges Mal, und sie tat es kurz nach 03:12, und sie tat es sehr vorsichtig, so wie man etwas anhebt, von dem man nicht weiß, wie schwer es ist.

Ihre Linie stand.

Und die andere ging weiter.

Sie kam in diesen vier Minuten und zwanzig Sekunden drei Mal.

Und sie kam nicht im gleichen Abstand, und sie kam nicht auf ein Zeichen, und sie fragte nicht nach, ob es gerade passte.

Und beim dritten Mal ließ Tang Shu ihre Uhr wieder kippen und legte beide Hände flach auf den Boden.

Danach saß sie eine Weile mit gesenktem Kopf.

Und ihre Hände zitterten, und das war normal nach dieser Übung, und sie hatte es im Frühjahr sechsmal erlebt.

Und diesmal war es nicht nur die Übung.

Es war 03:17 am sechsten Juli 2136 in einem Raum, in dem nichts von draußen ankam.

Und da drin waren zwei Linien.

Sie tat danach vierzig Minuten lang nichts.

Und das war das Ungewöhnlichste an dieser Nacht, denn Tang Shu hatte in neun Tagen achtzehn Umläufe geprüft und fünf Spalten angelegt und elf Blätter beschrieben, und jetzt hatte sie den Beweis und tat damit nichts.

Und irgendwann fiel ihr auf, dass sie seit dem letzten Mal nicht mehr nachgehört hatte.

In diesen vierzig Minuten kam die Angst.

Sie kam nicht als Bild und nicht als Gedanke, sondern als etwas sehr Praktisches: Tang Shu hatte ihr halbes Leben an den Betten von Sterbenden gesessen, und sie wusste besser als die meisten Menschen, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das eben noch da war, aufhört.

Sie wusste, dass sie es merken würde.

Das war der Unterschied zu anderen Frauen.

Denn eine andere Frau würde es vielleicht erst nach Tagen wissen, oder gar nicht, und irgendwann müsste jemand es ihr sagen.

Und Tang Shu würde in dem Augenblick, in dem es aufhört, in irgendeinem Zimmer sitzen und es hören.

Und sie dachte diesen Satz in einem abgeschirmten Raum zu Ende und stand danach nicht auf.

Sie hörte auch danach nicht nach.

Um 04:12 setzte sich draußen jemand auf die Stufe vor der Tür.

Und sie hörte es, weil ein abgeschirmter Raum kein leiser Raum ist, sondern ein Raum, der eine dicke Wand hat und darunter eine Schwelle aus Holz.

Und sie hörte es an drei Dingen: an einem Schritt, an einem Stoff, der über Holz strich, und danach an nichts mehr.

Sie wusste, wer da saß.

Denn im Haus gab es hundertzwanzig Leute, die eine Stufe finden konnten, und genau einen, der sich darauf setzte und dann keinen einzigen Laut mehr machte.

Sie machte nicht auf.

Und er klopfte nicht.

Und Tang Shu dachte an eine Wasserkanne, die am siebenundzwanzigsten Juni um 09:30 vor ihrer Tür abgestellt worden war, und sie dachte daran ohne Groll, und sie machte trotzdem nicht auf.

Um 04:58 kam die Sonne über die Mauer.

Und das Fenster, das niemand bestellt hatte, ließ einen Streifen Licht auf den Boden, und der Streifen war vier Handbreit breit und lag schräg über den Dielen, und er begann auf der dritten Diele von der Ostwand.

Und Tang Shu saß da und sah ihm zu.

Dann stand sie auf und machte die Tür auf.

Er saß mit dem Rücken an der Wand.

„Tian."

„Shu."

„Wie lange sitzt du da?"

Und Gu Tian sah zu ihr hoch.

„Seit 04:12", sagte er.

„Warum hast du nicht geklopft?"

Er stand auf.

„Weil die Tür zu war", sagte er.

„Wenn ich sie nicht aufgemacht hätte?"

„Dann wäre ich um 07:00 gegangen."

„Und?"

Er klopfte sich den Staub vom Ärmel.

„Und ich hätte dir mittags nicht erzählt, dass ich da war", sagte er.

„Seit wann weißt du, dass ich hier bin?"

„Seit gestern um 07:00."

„Warum kommst du dann um 04:12?"

Und Gu Tian sah auf die Stufe, auf der er gesessen hatte.

„Weil ich um 22:00 schon einmal hier war und wieder gegangen bin", sagte er.

„Und?"

„Und um 04:12 bin ich nicht mehr gegangen."

Tang Shu sah ihn an.

„Tian, warum nicht?", sagte sie.

Und er antwortete darauf ehrlich.

„Weil um 04:00 in diesem Haus zwei Leute wach sind", sagte er.

Sie ließ ihn herein.

Und er kam vier Schritte in den Raum und blieb im Licht stehen und setzte sich danach auf den Boden, und zwar so, dass er sie ansah und nicht das Fenster.

Und Tang Shu setzte sich ihm gegenüber.

Er sagte zuerst nichts.

Und dann sagte er etwas, und es war keine Frage.

„Deine Hände zittern."

„Ja."

Und mehr sagte sie nicht.

Und er fragte nicht nach.

Es blieb einen Moment still im Raum.

„Tian."

„Shu."

„Ich habe die ganze Nacht gezählt."

Und Gu Tian nickte einmal.

„Und ich habe nichts aufgeschrieben."

„Ja."

„Weißt du, warum ich hier bin und nicht in meinem Zimmer?"

Und er sagte es nicht als Frage zurück.

„Weil hier nichts hereinkommt", sagte er.

Und Tang Shu sah auf den Lichtstreifen.

„Ja", sagte sie.

Und dann sagte sie den Rest selbst, weil er nicht nachfragte.

„Und es kommt trotzdem etwas vor."

Sie sagte es danach so, wie sie es die ganze Nacht gedacht hatte.

„Tian, meine Uhr ist eine Linie mit zwei Enden."

„Ja."

„Und seit dem achtzehnten Juni läuft neben ihr eine zweite."

„Und sie ist nicht meine."

„Nein."

„Und ich habe sie heute Nacht um 03:12 vier Minuten und zwanzig Sekunden lang weiterlaufen lassen, während meine stillstand", sagte sie.

Und dann sagte sie das kurze Wort, weil das lange nicht reichte.

„Tian, ich bekomme ein Kind."

Und Gu Tian sagte darauf nichts.

Der Lichtstreifen lag beim ersten Satz auf der dritten Diele.

Und er lag, als Gu Tian etwas sagte, auf der fünften.

Und Tang Shu, die in dieser Nacht aufgehört hatte zu zählen, zählte das mit.

Sie sah dabei nicht in sein Gesicht.

Denn sie hatte ihm am neunundzwanzigsten Juni gesagt, woran sie ihn erkennt, und seitdem hatte sie es nicht mehr getan, und in diesen zwei Dielen tat sie es wieder.

Und seine Hand ging auf.

Und diesmal ging sie nicht wieder zu.

Dann nahm er ihre Hand.

„Wie geht es dir?", sagte er.

Es blieb sehr still im Raum.

„Mir geht es gut."

„Und?"

„Und ich freue mich."

Gu Tian wartete.

„Ich bin vorsichtig", sagte sie.

„Und?"

Tang Shu antwortete darauf ehrlich, und sie brauchte dafür etwa vier Sekunden.

„Ich weiß nicht, wie man beides gleichzeitig ist", sagte sie.

Er ließ ihre Hand nicht los.

„Shu."

„Ja?"

„Beides ist richtig", sagte er.

„Das ist keine Antwort."

„Nein."

„Und?"

Er sah auf ihre beiden Hände.

„Und ich habe keine bessere", sagte er.

Sie saßen danach eine Weile.

Und draußen fing im Hof jemand an, Wasser zu holen, und es war 05:20, und der Eimer schlug zweimal gegen den Rand.

Und keiner von beiden sah zur Tür.

„Tian."

„Ja?"

„Weißt du, was du zuerst gefragt hast?"

Und Gu Tian dachte etwa vier Sekunden nach.

„Ja", sagte er.

„Und?"

„Und früher hätte ich etwas anderes zuerst gefragt."

„Was?"

Er sah auf das Fenster in der Ostwand.

„Ob es sicher ist", sagte er.

Es blieb einen Moment still im Raum.

„Tian, das wolltest du wissen."

„Ja."

„Und?"

„Und das will ich immer noch wissen", sagte er.

„Warum hast du es nicht gefragt?"

Er antwortete darauf sofort.

„Weil du seit dem achtzehnten Juni jeden Morgen um 04:00 wach bist."

„Ja."

„Und weil ich dann eine Antwort bekommen hätte und du keine", sagte er.

Sie sah ihn eine Weile an.

„Tian."

„Shu."

„Sieh hin", sagte sie.

„Bist du sicher?"

„Ja."

„Warum?"

Tang Shu legte die freie Hand flach auf sich selbst.

„Weil ich es dir gesagt habe und nicht du mir", sagte sie.

Und dann sah Gu Tian hin.

Und das Violett am äußeren Rand seiner goldenen Augen lief schneller, und es lief nur ein wenig schneller, und es griff nicht weiter nach innen.

Es dauerte kürzer, als sie erwartet hatte.

Er sagte danach eine Weile nichts.

Und der Ring ging wieder auf sein gewöhnliches Gold zurück, und Gu Tian sah nicht mehr hin, und er sah auch nicht weg.

„Und?"

„Es ist sehr klein", sagte er.

Und Tang Shu sagte darauf nichts.

Denn genau diese drei Wörter hatte sie am siebenundzwanzigsten Juni um 12:00 selbst gedacht, in einem anderen Zimmer, allein, mit einem Pinsel in der Hand.

Und sie sagte ihm das nicht, weil es ihm nichts genützt hätte.

„Tian."

„Ja?"

„Hast du gefragt?"

Und er wusste sofort, wen sie meinte.

„Nein", sagte er.

„Du könntest."

„Ja."

„Und?"

Gu Tian sah auf den Boden zwischen ihnen.

„Und dann wäre es eine Meldung gewesen", sagte er.

„Jetzt?"

„Jetzt hast du es mir gesagt."

Tang Shu sah auf ihre Hände.

„Tian, das ist derselbe Satz wie in meinem Zimmer am achtundzwanzigsten."

„Ja", sagte er.

Sie erzählte ihm danach die Übung.

Und sie erzählte sie vollständig, und sie ließ auch den Teil nicht weg, den sie am liebsten weggelassen hätte: dass sie nicht gewusst hatte, ob es schadet, und dass sie es trotzdem getan hatte.

Und Gu Tian hörte zu und unterbrach sie nicht.

„Und?"

„Ich mache es nicht wieder", sagte sie.

„Shu."

„Ja?"

„Ich hätte es auch getan."

Sie sah auf.

„Das soll mich beruhigen?", sagte sie.

„Nein."

„Was soll es?"

Er zuckte die Schultern.

„Und es soll heißen, dass du heute Nacht nicht allein warst, sondern nur allein in dem Raum", sagte er.

Er fing danach an, etwas zu sagen.

„Und wir sollten Fräulein Luo bitten, die Ost—"

Und dann hörte er mitten im Wort auf.

„Tian."

„Ja."

„Du hast gerade angefangen zu planen."

„Ja."

„Und?"

Gu Tian sah auf ihre Hand in seiner.

„Und ich höre auf", sagte er.

„Wie lange?"

„Bis heute Abend."

„Dann?"

„Und dann fange ich mit einer Liste an, und sie wird lang, und du wirst sie schrecklich finden", sagte er.

Tang Shu lachte kurz.

Es war 05:44 am sechsten Juli 2136, und das Licht lag inzwischen auf der siebten Diele, und im Hof stritt jemand über eine Lieferung, die zu früh gekommen war.

Sie hörte auf zu lachen und wurde danach sehr still.

„Tian."

„Shu."

„Ich habe dir vorhin gesagt, dass ich vorsichtig bin."

„Ja."

„Und ich habe dir nicht gesagt, wovor", sagte sie.

„Sag es."

Und Tang Shu sagte es, und sie sagte es so ruhig, wie sie in ihrer Halle über den Tod sprach.

„Tian, wenn es aufhört, dann höre ich es."

Es blieb sehr still im Raum.

„Und?"

„Und ich sitze dann irgendwo und weiß es vier Herzschläge lang vor allen anderen", sagte sie.

Gu Tian sagte darauf nichts Tröstendes.

„Ja", sagte er.

„Und das ist alles?"

„Nein."

„Und?"

Er hielt ihre Hand weiter fest.

„Und ich weiß nicht, wie man dir das abnimmt", sagte er.

„Man kann es nicht."

„Nein."

„Und?"

Tang Shu sah auf den Lichtstreifen.

„Und du hast es wenigstens nicht versucht", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Raum.

„Tian."

„Shu."

„Sag mir, dass nichts passiert."

Und Gu Tian sagte es nicht.

„Nein", sagte er.

Es blieb einen Moment still im Raum.

„Warum nicht?"

„Weil ich es nicht weiß."

„Und?"

Er sah sie an.

„Und weil ich seit dem elften Februar sieben Kontakte habe und bis heute nicht weiß, was tastet", sagte er.

„Das ist etwas anderes."

„Nein."

„Tian."

„Shu, es ist dasselbe: Ich weiß es nicht, und ich sage es nicht trotzdem."

„Und wenn ich es hören will?"

Und er antwortete darauf ehrlich.

„Und dann würdest du es heute glauben und im September nicht mehr", sagte er.

Sie sah eine Weile aus dem Fenster in der Ostwand.

„Tian."

„Ja?"

„Die Kurve in Fujian."

„Ja."

„Ist sie wieder gefallen?", sagte sie.

„Nein."

„Und seit wann?"

„Seit dem vierundzwanzigsten Juni nicht mehr."

„Und?"

Gu Tian sah auf den Boden.

„Und sie ist auch nicht gesprungen", sagte er.

„Gehst du hin?"

„Wenn es nötig ist, ja."

„Und?"

„Und dann komme ich zurück."

Tang Shu drückte seine Hand einmal.

„Tian, das kannst du auch nicht versprechen", sagte sie.

Und Gu Tian nahm es an.

„Nein", sagte er.

Es blieb sehr still im Raum.

„Und was versprichst du dann?"

Und er dachte etwa vier Sekunden nach.

„Shu, dass du mich nie suchen musst", sagte er.

Sie sagte darauf eine ganze Weile nichts.

Und im Hof wurde der Streit über die Lieferung beigelegt, und irgendwo ging eine Tür, und der Lichtstreifen kroch weiter über die Dielen und wurde dabei schmaler.

Und dann sagte sie es doch.

„Tian, ich habe neun Tage lang etwas gesucht."

„Ja."

„Und in sechzehn von achtzehn Fällen habe ich es gefunden, weil ich gesucht habe."

„Ja."

„Und du hast mir gerade das Einzige versprochen, was ich nicht suchen muss", sagte sie.

Er sagte darauf nichts.

Und seine Hand ging auch diesmal nicht wieder zu.

„Frau Song weiß es nicht."

„Nein."

„Und sie hätte es an einem Nachmittag gewusst", sagte Tang Shu.

„Warum ich zuerst?"

Und das war die zweite Frage, die Gu Tian an diesem Morgen stellte, und er stellte sie um 06:10.

Und Tang Shu antwortete darauf sofort.

„Weil ich es sagen wollte, Tian."

„Und?"

„Und nicht bestätigt bekommen."

Sie sah ihn an.

„Und weil Frau Song mich morgen ansieht und es dann eine Untersuchung ist", sagte sie.

„Morgen?"

„Und morgen gehe ich zu ihr."

„Ich?"

Tang Shu dachte etwa vier Sekunden nach.

„Und du kommst mit und stellst dich an die Wand und sagst nichts", sagte sie.

„Das kann ich."

„Ich weiß."

„Und?"

Er sah sie an.

„Und ich habe es am vierzehnten März 2135 schon einmal gemacht", sagte er.

Sie fragte danach eines nicht.

Und sie hätte es fragen können, und sie hätte auch gewusst, wen sie hätte fragen müssen, und es hätte an diesem Morgen vier Sekunden gedauert.

Und sie fragte nicht, was es für eine Wurzel hat.

„Tian."

„Ja?"

„Ich will nicht wissen, was es ist."

Und Gu Tian nickte einmal.

„Nein", sagte er.

„Und wenn jemand fragt?"

„Und dann sage ich dasselbe wie im März 2135."

Tang Shu sah auf ihre Hand in seiner.

„Und was hast du im März 2135 gesagt?", sagte sie.

„Dass wir es verschoben haben."

„Und wenn sie nachfragen?"

„Und dann sage ich, dass wir es weiterhin verschieben", sagte er.

Sie saßen bis 06:40 auf dem Boden eines Raums, der gebaut worden war, um etwas draußen zu halten.

Und in dieser Zeit sagten beide sehr wenig.

Und irgendwann lehnte sie sich zur Seite, und danach saß sie an ihm, und ihre Hand lag immer noch in seiner, und er verlagerte einmal das Gewicht, damit es für sie bequemer wurde.

Sie schlief kurz vor 07:00 ein.

Und sie schlief ungefähr vierzig Minuten, und sie hatte in dieser Nacht nicht geschlafen, und in ihrer Tasche lag ein Stein mit einer weißen Kante.

Und Gu Tian saß in dieser Zeit still und stand nicht auf.

Niemand holte ihn.

Als sie aufwachte, lag der Lichtstreifen nicht mehr auf den Dielen, sondern schräg an der Westwand, und er war schmal geworden.

Der Umlauf, der um 07:20 endete, war nicht leer.

Tang Shu prüfte ihn nicht.

Sie machten die Tür um 07:52 auf.

Und draußen war der sechste Juli, und im Hof lagen Bretter, die seit dem zweiten Juli dort lagen, und an einem davon lehnte ein schiefes Holzgestell, das ein Kind und ein Mann gebaut hatten und das niemand hatte wegräumen dürfen.

Und Gu Tian sah es sich im Vorbeigehen an und richtete nichts daran gerade.

In einem Hof in Songjiang lief an diesem Morgen alles weiter wie an jedem anderen.

In Fujian lief eine Kurve weiter, die seit dem vierundzwanzigsten Juni nicht mehr gefallen war, und ein Mann in einer Provinzstelle bereitete einen Bericht für den fünfzehnten Juli vor.

Weit außerhalb von allem, was auf dieser Welt gemessen werden konnte, tastete etwas weiter und fand nichts.

In einer Frau, die am fünften Juli 2136 um 19:00 in einen abgeschirmten Raum gegangen war, um ganz sicher allein zu sein, liefen zwei Linien.

Die eine war so alt wie sie.

Die andere hatte am achtzehnten Juni angefangen, gehört zu werden, und wie lange sie vorher schon gelaufen war, wusste an diesem Morgen niemand.

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