Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 4 · Arc 01
Kapitel 438Der lange Tisch

Was der Körper weiß

4.156 Wörter · Band 4 — Vorhänge vor dem Himmel

Ihre Uhr brauchte für einen vollen Umlauf zwei Stunden und vierzig Minuten.

Und das hatte sie sich irgendwann selbst ausgezählt, an einem Nachmittag, an dem nichts zu tun gewesen war, und sie hatte es danach nie jemandem gesagt.

Niemand hatte je danach gefragt.

Am siebenundzwanzigsten Juni 2136 fing sie um 04:00 an zu zählen.

Und sie fing um 04:00 an, weil um diese Zeit im Westflügel niemand wach war außer den beiden Frauen in der Küche, und die beiden Frauen in der Küche kamen nicht in den Westflügel.

Weil sie um 04:00 niemandem erklären musste, warum sie mit dem Rücken zur Wand saß.

Sie hatte am achtzehnten Juni etwas gespürt.

Und sie hatte es am achtzehnten nicht ausgesprochen, und am neunzehnten nicht, und am sechsundzwanzigsten auch nicht.

Stattdessen hatte sie neun Tage lang so getan, als sei das eine Frage der Genauigkeit.

Ihre Uhr war keine Uhr.

Und sie nannte sie so, weil das kürzer war als alles andere, und weil sie mit neun Jahren keinen besseren Namen gefunden hatte: Es gab eine Seite, die zog, und eine Seite, die trug, und zwischen den beiden Seiten gab es eine Stelle, an der die eine in die andere kippte.

Diese Stelle dauerte etwa vier Herzschläge.

In diesen vier Herzschlägen war ihre Uhr leer.

Neunzehn Jahre lang hatte sie überhaupt nichts gehört.

Und seit sie wieder hörte, war der Wechsel leer gewesen, und zwar jedes Mal, und sie hatte darüber nie nachgedacht, weil man über eine leere Stelle nicht nachdenkt.

Am achtzehnten Juni 2136 war sie nicht leer gewesen.

Als Kind hatte sie die leere Stelle für einen Fehler gehalten.

Und sie hatte niemanden gehabt, den sie danach fragen konnte, weil sie niemanden kannte, der eine Uhr trug, und weil man ein Kind, das so etwas erzählt, entweder auslacht oder wegbringt.

Mit elf hatte sie aufgehört, sie für einen Fehler zu halten, und mit vierzehn hatte sie aufgehört, überhaupt hinzuhören.

Dann hatte sie neunzehn Jahre lang nichts mehr gehört, und das war keine Entscheidung mehr gewesen.

Der erste Umlauf endete um 06:40.

Und der Wechsel war leer.

Tang Shu machte einen Strich auf ein Blatt Papier, und der Strich war der erste von links.

Der zweite endete um 09:20.

Und er war auch leer.

Sie machte den zweiten Strich, und danach saß sie da und stellte fest, dass sie inzwischen ein Mensch war, der um 09:20 Striche auf Papier machte.

Um 09:30 stellte jemand Wasser vor ihre Tür.

Und sie hörte, wie es abgestellt wurde, und sie hörte die Schritte wieder weggehen, und sie machte die Tür nicht auf.

Das war ungewöhnlich, denn Tang Shu machte sonst immer die Tür auf, und zwar deshalb, weil hinter Türen Menschen standen und Menschen interessanter waren als alles andere im Haus.

Der dritte Umlauf endete um 12:00.

Und der Wechsel war nicht leer.

Es war sehr klein.

Und es zog nicht, und es trug nicht, und es tat nichts von beidem und war trotzdem da, und es war da für ungefähr vier Herzschläge und danach nicht mehr.

Tang Shu, die ihr halbes Leben an den Betten von Sterbenden gesessen hatte, erkannte es sofort, und zwar nicht, weil sie es kannte, sondern weil sie das Gegenteil davon sehr genau kannte.

Sie sah hin.

Und in dem Augenblick, in dem sie hinsah, war es weg.

Und sie wusste nicht, ob es weg war oder ob sie zu fest hingesehen hatte.

Sie prüfte danach vier Möglichkeiten, und sie prüfte sie in der Reihenfolge, in der sie sie am liebsten losgeworden wäre.

Der Rückschlag aus dem Übergang am elften Mai.

Der Tee, den Frau Fang seit dem Frühjahr anders kocht.

Die Schutzformation über dem Westflügel, die im April nachgezogen wurde.

Meine Uhr wird mit dem Reich tiefer und ich höre nur etwas, das immer da war.

Die ersten drei konnte sie ausschließen.

Und für die erste brauchte sie zehn Minuten, und für die zweite vier, und für die dritte hätte sie eigentlich Fräulein Luo fragen müssen, und sie fragte sie nicht und schloss sie trotzdem aus, weil eine Formation nicht alle zwei Stunden und vierzig Minuten atmet.

Und die vierte konnte sie nicht ausschließen.

Deshalb zählte sie weiter.

Sie saß danach etwa vier Minuten mit dem Pinsel in der Hand.

Und sie machte in diesen vier Minuten keinen Strich.

Und dann machte sie doch einen, und daneben schrieb sie eine Vier, und daneben ein Fragezeichen.

Der vierte Umlauf endete um 14:40.

Und er war leer.

Der fünfte endete um 17:20.

Und er war es nicht.

Und diesmal sah sie nicht hin, sondern ließ es stehen, und es blieb ungefähr vier Herzschläge, genau wie um 12:00, und danach kippte ihre Uhr weiter, als sei nichts gewesen.

Danach fing sie an, es aufzuschreiben, als wäre es Arbeit.

Sie legte vier Spalten an.

Uhrzeit. Umlauf. Da oder nicht da. Dauer in Herzschlägen.

Und sie war damit um 17:40 fertig und fand, dass es ordentlich aussah.

Gu Tian kam um 19:00.

Und er klopfte, und er wartete, und er kam mit einer Schale herein, und die Schale war voll.

„Shu."

„Tian."

„Du warst nicht am Tisch", sagte er.

„Nein."

„Und?"

Tang Shu sah auf die Schale.

„Und du bringst mir zu viel", sagte sie.

„Ja."

„Und?"

Gu Tian stellte sie ab.

„Und Frau Fang hat es abgemessen, nicht ich", sagte er.

Sie aß.

Und sie aß langsamer, als sie im Mai gegessen hatte, und sie wusste das, weil sie es sich am dreiundzwanzigsten Juni selbst notiert hatte, in einer Spalte, die es vorher nicht gegeben hatte.

Und Gu Tian setzte sich auf den Hocker an der Tür und sagte vier Minuten lang nichts.

„Tian."

„Ja?"

„Du siehst auf mein Papier."

Und Gu Tian sah nicht auf ihr Papier.

„Nein", sagte er.

„Was siehst du an?"

„Deine Hand."

Tang Shu sah auf ihre eigene Hand.

„Was ist mit meiner Hand?", sagte sie.

„Sie hat Tinte an vier Fingern."

„Ja."

„Und?"

Er sah weiter hin.

„Und du schreibst seit Jahren mit zweien", sagte er.

Es blieb einen Moment still im Zimmer.

„Tian."

„Shu."

„Fragst du?"

Und Gu Tian nahm die leere Schale.

„Nein", sagte er.

Sie hörte ihn den Gang hinuntergehen.

Und sie hörte, dass er dabei nicht schnell ging, und dass er unten an der Treppe stehen blieb und mit jemandem zwei Sätze wechselte, und dass er danach in den Hof ging und nicht in den Messraum.

Und das war die dritte Beobachtung, die sie an diesem Abend machte, und sie schrieb keine davon auf.

Der sechste Umlauf endete um 20:00.

Und er war leer.

Und sie merkte, dass sie darüber enttäuscht war, und sie merkte es deutlich, und danach saß sie sehr lange still und mochte sich selbst dafür nicht.

Sie schlief um 23:10 ein.

Und sie wachte um 02:40 auf, und sie wachte nicht auf, weil etwas im Haus war, sondern weil ein Umlauf zu Ende ging.

Und der Wechsel war nicht leer.

Tang Shu lag im Dunkeln und zählte vier Herzschläge und stand danach auf und machte Licht und schrieb es auf.

Am achtundzwanzigsten Juni um 05:00 hatte sie elf Blätter.

Und auf den elf Blättern standen achtzehn Umläufe, und von den achtzehn waren sieben nicht leer gewesen, und die sieben lagen nicht in einem Muster, das sie erkennen konnte.

Und sie legte eine fünfte Spalte an.

Ob ich danach gesucht habe.

Und in dieser Spalte stand bei sechzehn von achtzehn Umläufen dasselbe Wort.

Ja.

Die Anfrage kam um 08:10 auf Papier.

Und sie kam aus der Yin-Yang-Halle, und sie war höflich, und sie war so geschrieben, wie man an jemanden schreibt, von dem man nie ein Nein bekommen hat: ein Übergang in Suzhou, vier Tage, eine Familie, die gefragt hatte, ob Frau Tang selbst kommt.

Und Tang Shu las sie zweimal.

Sie antwortete um 08:40.

Und sie schrieb, dass sie nicht kommt.

Und sie schrieb zwei Namen dazu, und beide Namen waren gut, und sie hatte beide selbst ausgebildet, und der ältere von beiden hatte im Mai vier Übergänge allein geführt.

Darunter schrieb sie vier Zeilen Anweisung.

Nicht vor dem dritten Tag festhalten.

Wenn die Familie drängt, sagt ihr, dass ich es genauso gemacht hätte.

Wenn er selbst drängt, hört auf ihn und nicht auf sie.

Und schickt mir am vierten Tag eine Zeile, egal wie sie ausgeht.

Sie schrieb keinen Grund dazu.

Und das war das erste Mal seit vier Jahren, dass sie einen Übergang abgegeben hatte, und sie wusste, dass die Halle darüber reden würde, und sie wusste auch, dass niemand sie fragen würde.

Und sie faltete das Blatt und legte es nach draußen und machte die Tür wieder zu.

Danach prüfte sie, ob sie es aus Angst getan hatte.

Und sie brauchte dafür etwa vier Minuten, und am Ende der vier Minuten fand sie: nein.

Und dann prüfte sie es noch einmal.

Beim zweiten Mal war sie sich nicht mehr sicher.

Um 09:00 strich sie die Belastungsübung.

Und die Belastungsübung stand seit dem Frühjahr jeden zweiten Tag auf ihrem Blatt, und sie bestand darin, dass sie ihre Uhr über den Wechsel hinaus offen hielt, und zwar so lange, wie sie konnte, und ihr Bestwert lag bei vier Minuten und zwanzig Sekunden.

Und sie strich sie und schrieb kein neues Datum daneben.

Dann saß sie da und dachte, dass das lächerlich sei.

Denn sie wusste nichts.

Und sie wusste, dass sie nichts wusste, und sie hatte trotzdem einen Strich gemacht, und der Strich stand für etwas, das es vielleicht gar nicht gab.

Und sie machte ihn nicht rückgängig.

Der Garten hinter dem Westflügel war klein.

Und er war klein, weil Han Da im November 2134 gesagt hatte, dass eine Mauer, die man in vier Schritten sieht, billiger ist als eine, die man nicht sieht, und weil danach niemand widersprochen hatte.

Und in diesem Garten standen vier Töpfe, eine steinerne Bank, ein Wasserbecken und ein Baum, der nicht besonders war.

Drei der vier Töpfe waren seit dem neunzehnten Juni nicht gegossen worden.

Sie setzte sich um 10:00 auf die Bank.

Und sie legte die elf Blätter neben sich, und sie legte den Pinsel darauf, damit sie nicht wegwehten, und dann schloss sie die Augen und wartete auf den Wechsel.

Und der Wechsel war um 10:40.

Sie hörte ihn spät.

Und sie hörte ihn spät, weil ein Kind von fünfzehn Monaten auf Gras kaum Geräusch macht und weil es dazwischen immer wieder stehen bleibt, und weil man das Stehenbleiben nicht hört.

Und als sie ihn hörte, war er noch etwa vier Meter weg.

Sie machte die Augen nicht auf.

Und das war eine Entscheidung, und sie traf sie in ungefähr einer Sekunde, und sie traf sie falsch: Sie dachte, dass sie den Wechsel noch mitnehmen könnte, wenn sie sich nicht bewegte.

Und der Wechsel kam.

Er war nicht leer.

Gu Lin Aelir legte ihr in genau diesem Augenblick einen Schuh auf das Knie.

„Da", sagte er.

Er konnte am achtundzwanzigsten Juni ungefähr neun Wörter.

Und „Tang" war keines davon, und „da" war eines davon, und er benutzte es für alles, was er jemandem hinlegen wollte.

Und er hatte den linken Schuh noch an und den rechten in der Hand gehabt, und jetzt lag der rechte auf ihrem Knie.

Tang Shu machte die Augen auf.

Und der Wechsel war vorbei, und sie hatte ihn verpasst, und sie wusste nicht, wie lange er gedauert hatte.

Und auf ihrem Knie lag ein Schuh, der ungefähr so lang war wie ihre Hand.

Er sah sie an und wartete.

Und er wartete etwa vier Sekunden, und dann setzte er sich auf ihren Fuß, weil das der nächstgelegene Platz war.

Ihre Uhr tat dabei nichts.

Und über ihm stand eine Möglichkeit, und sie war ruhig, und sie war eine, so wie bei den Frauen in der Küche und bei Han Da und bei dem Mann, der zweimal die Woche das Wasser brachte.

Und Tang Shu sah das und schrieb es nirgends auf, weil es nichts war, was man aufschreibt.

Er stand wieder auf.

Und er ging vier Schritte zum Wasserbecken, und beim dritten fiel er hin, und er fiel auf die Hände und blieb kurz so.

Und er weinte nicht.

Er stand auf und ging weiter und fasste ins Wasser.

Dann kam er zurück und legte ihr einen Stein auf das Knie.

„Da."

Danach ein Blatt.

Danach noch einen Stein.

Und danach den zweiten Schuh, den er sich im Sitzen ausgezogen hatte, wobei er etwa vierzig Sekunden gebraucht hatte und dabei die ganze Zeit geatmet hatte wie jemand, der etwas Schweres hebt.

Und Tang Shu saß auf einer steinernen Bank und hatte vier Minuten lang einen Schuh in der Hand.

Sie hatte seit 10:00 im Garten gesessen.

Und in dieser Zeit war ein Kind vierzig Meter über einen Hof und durch eine Tür und über Gras zu ihr gelaufen, und es hatte sich hingesetzt und einen Schuh ausgezogen und war einmal hingefallen und wieder aufgestanden.

Und sie hatte gezählt.

Es blieb sehr still im Garten.

Sie drehte die elf Blätter um.

Und sie drehte sie nicht weg und legte sie nicht unter die Bank, sondern nur um, mit der beschriebenen Seite nach unten, und legte den Pinsel daneben.

Und das war der ganze Unterschied.

Dann legte sie die Hand flach auf sich selbst.

Und das hatte sie seit dem achtzehnten Juni nicht getan.

Und sie zählte dabei nichts, und sie sah nicht in den Wechsel, und sie wartete auf keinen Umlauf.

Es dauerte etwa vier Minuten.

Der Junge klopfte ihr in dieser Zeit zweimal auf den Handrücken.

Und beim zweiten Mal ließ er die Hand liegen, und seine Hand war warm und feucht vom Wasserbecken, und sie war sehr klein.

Und er sagte dabei nichts.

Tang Shu, die neun Tage lang gerechnet hatte, verstand in diesen vier Minuten etwas, das sie sich vorher nicht eingestanden hatte.

Sie hatte nicht gemessen, weil sie es genau wissen wollte.

Sie hatte gemessen, weil eine Zahl einen nicht enttäuschen kann.

Gu Tian stand an der Tür.

Und sie wusste nicht, seit wann.

„Tian."

„Shu."

„Wie lange stehst du da?"

Und Gu Tian kam vier Schritte in den Garten.

„Etwa vier Minuten", sagte er.

„Warum hast du nichts gesagt?"

„Weil er beschäftigt war."

„Und?"

Er sah auf das Knie.

„Und weil du einen Schuh in der Hand hattest", sagte er.

Sie sah auch auf das Knie.

Und auf dem Knie lagen ein Schuh, zwei Steine und ein Blatt, und der zweite Schuh lag im Gras, und der Junge saß daneben und drehte einen dritten Stein hin und her.

„Tian, er hat einen Schuh ausgezogen."

Gu Tian sah in das Gras.

„Beide", sagte er.

„Wer hat ihn hergelassen?"

„Ich."

„Und?"

Gu Tian setzte sich auf das andere Ende der Bank.

„Und ich habe an der Tür gestanden und ihn laufen lassen", sagte er.

„Wenn er ins Wasser gefallen wäre?"

„Shu, das Becken ist vier Zentimeter tief."

„Wenn er tiefer gewesen wäre?"

Er sah auf seinen Sohn.

„Dann hätte ich an der Tür anders gestanden", sagte er.

Es blieb einen Moment still im Garten.

„Tian."

„Ja?"

„Hast du hingesehen?"

Und er wusste sofort, was sie meinte.

„Nein", sagte er.

„Du könntest es."

„Ja."

„Und?"

Gu Tian hob den zweiten Schuh aus dem Gras auf und klopfte die Erde ab.

„Und dann wäre es meine Sache, bevor es deine ist", sagte er.

„Wenn ich es nie sage?"

„Shu, dann ist es weiterhin deine Sache."

„Du?"

Er stellte den Schuh neben sich.

„Und ich sitze hier", sagte er.

Sie sagte darauf nichts.

Und sie sagte auch danach nichts, und die beiden saßen ungefähr acht Minuten auf einer Bank, an deren einem Ende elf umgedrehte Blätter lagen.

Und der Junge legte in dieser Zeit noch zwei Steine auf das Knie und einen auf Gu Tians Bein.

Um 11:20 nahm Gu Tian ihn mit.

Und er trug ihn nicht.

Und er ging neben ihm her, und der Junge brauchte für die vierzig Meter bis zum Hoftor ungefähr vier Minuten, und er blieb dabei dreimal stehen.

Tang Shu sah ihnen nach, bis sie hinter der Mauer waren.

Sie goss danach die drei Töpfe.

Am Nachmittag zählte sie wieder.

Und sie prüfte vorher, warum, und die Antwort war diesmal eine andere, und sie glaubte sie sich selbst: Sie wollte hinhören, nicht nachrechnen.

Und der Umlauf endete um 15:20, und der Wechsel war nicht leer, und es blieb ungefähr vier Herzschläge.

Sie schrieb es nicht auf.

Danach saß sie im Zimmer und ließ es einfach wahr sein.

Es war zart, und es kam wieder, und es war weder das, was zog, noch das, was trug.

Sie gab ihm an diesem Nachmittag einen Namen, und der Name war klein, und sie sagte ihn nicht laut.

Meifeng hätte es an einem Nachmittag gewusst.

Und Meifeng hätte nicht gelogen, und Meifeng hätte nicht gedrängt, und Meifeng hätte danach genau so viel gesagt, wie Tang Shu gewollt hätte, und keinen Satz mehr.

Und Tang Shu ging trotzdem nicht zu ihr.

Sie hätte Gu Tian bitten können, das System zu fragen.

Das System hätte einen Satz gesagt.

Danach wäre es ein Satz gewesen.

Sie wollte, dass es zuerst etwas anderes ist.

Der Grund dafür war klein, und sie schämte sich ein bisschen dafür, und sie schrieb ihn trotzdem auf, auf ein zwölftes Blatt, in einer einzigen Zeile.

Ich will es zuerst selbst wissen und nicht bestätigt bekommen.

Am neunundzwanzigsten Juni um 05:00 legte sie die elf Blätter in die unterste Schublade.

Und sie legte sie nicht weg, weil sie sie nicht mehr brauchte.

Und sie legte sie weg, weil sie sie am achtundzwanzigsten Juni zwischen 05:00 und 08:00 siebenmal angesehen hatte.

Dann tat sie an diesem Tag Dinge, die sie seit dem achtzehnten Juni nicht getan hatte.

Sie machte um 07:00 die Tür auf, als jemand Wasser abstellte.

Und der Mann erschrak.

„Frau Tang."

„Sie bringen seit neun Tagen Wasser und ich habe nicht aufgemacht."

Er stellte den Krug hin.

„Frau Tang, ich habe es gemerkt", sagte er.

„Und?"

„Und ich habe es niemandem gesagt."

Tang Shu nahm den Krug.

„Warum nicht?", sagte sie.

Und der Mann dachte etwa vier Sekunden nach.

„Frau Tang, weil Sie im Februar bei meiner Tochter gesessen haben."

„Ja."

„Und da hat auch niemand gefragt, was ich mache", sagte er.

Sie beantwortete danach vier Briefe aus der Halle, und drei davon waren langweilig.

Und sie aß um 12:00 mit anderen Leuten an einem Tisch und nicht allein in ihrem Zimmer.

Und am Nachmittag stand eine Kiste in ihrem Zimmer, die dort nicht hingehörte.

Sie war nicht schwer, und Tang Shu hatte im Mai schwerere getragen, und sie hätte sie in vier Schritten vor die Tür stellen können.

Sie ließ sie stehen.

Sie fand das albern.

Sie ließ sie trotzdem stehen, und niemand sah es, und es gab niemanden, dem sie es hätte erklären müssen.

Am Abend war die Kiste weg, weil jemand anderes sie mitgenommen hatte, ohne zu fragen.

Am Tisch fragte niemand.

Und sie hätte gemerkt, wenn jemand nicht gefragt hätte, weil er es wusste, und niemand wusste es, und alle redeten über Salz und über die Karte von Fujian und darüber, dass Herr Lu am vierundzwanzigsten die Bereitschaft übernommen hatte.

Und Tang Shu hörte zu und aß langsam und sagte dreimal etwas.

Um 16:00 ging sie in den Hof, in dem der Junge war.

Und niemand hatte sie darum gebeten.

Und das war der eigentliche Unterschied zum achtundzwanzigsten, und sie merkte ihn beim vierten Schritt und ging trotzdem weiter.

Er hatte den Stein noch.

Und er brachte ihn ihr, und es war derselbe Stein, und sie erkannte ihn an einer weißen Kante.

„Da."

Und Tang Shu nahm ihn und gab ihn ihm zurück.

„Deiner", sagte sie.

Er nahm ihn wieder.

Und dann brachte er ihr etwa vier Minuten später einen anderen Stein.

Und sie behielt diesen.

Um 18:00 stand Gu Tian am langen Tisch neben ihr.

Und er stand dort, weil zwischen ihrem Platz und der Wand vierzig Zentimeter waren und weil er dort immer stand, wenn er auf jemanden wartete.

Und er sah auf ihren Teller.

Dann ging seine Hand auf.

Tang Shu sah es aus dem Augenwinkel, und sie sah auch, dass sie wieder zuging, und dazwischen lagen ungefähr vier Sekunden.

Er sagte etwas über Fujian.

„Herr Lu meldet seit dem vierundzwanzigsten alle zwölf Stunden."

„Und?"

„Und es ist bisher jedes Mal dasselbe."

Tang Shu aß weiter.

„Tian, ist das gut?", sagte sie.

„Das weiß ich nicht."

„Und was weißt du?"

Und Gu Tian sah auf den Tisch, an dem an diesem Abend vierzehn Leute saßen.

„Dass ich heute Abend hier stehe und nicht dort", sagte er.

Gu Tian kam am neunundzwanzigsten Juni um 21:00.

Und er brachte nichts mit, und das fiel ihr auf, und sie sagte es nicht.

Und er setzte sich auf den Hocker an der Tür und sah aus dem Fenster in einen Garten, in dem man nichts mehr erkennen konnte.

„Shu."

„Tian."

„Ich frage seit dem siebenundzwanzigsten nicht."

Tang Shu legte den Stein auf den Tisch.

„Ich weiß", sagte sie.

„Und?"

„Und du hast es dreimal fast getan."

Gu Tian sah auf.

„Wann?", sagte er.

„Am siebenundzwanzigsten um 19:20."

„Ja."

„Im Garten, nachdem er den zweiten Schuh ausgezogen hatte."

„Ja."

„Und heute um 18:00, als du am langen Tisch neben mir gestanden hast", sagte sie.

Es blieb einen Moment still im Zimmer.

„Shu, woher weißt du das?"

Und Tang Shu machte ihre eigene Hand auf und wieder zu.

„Weil du dabei jedes Mal die Hand aufmachst", sagte sie.

„Das wusste ich nicht."

„Nein."

„Und?"

Sie sah ihn an.

„Und du machst es, seit ich dich kenne, und ich sage es dir zum ersten Mal", sagte sie.

Gu Tian sah eine Weile auf seine eigene Hand.

„Shu, warum sagst du es mir heute?"

„Weil ich seit neun Tagen alles zähle."

„Ja."

„Und weil du das Einzige bist, was ich gezählt habe, ohne es aufzuschreiben", sagte sie.

Es blieb sehr still im Zimmer.

„Tian."

„Ja?"

„Warum hast du nicht gefragt?"

Und Gu Tian antwortete darauf ehrlich, und er brauchte dafür etwa vier Sekunden.

„Weil ich früher gefragt hätte, damit ich es weiß", sagte er.

„Und heute?"

„Und heute weiß ich, dass das zwei verschiedene Dinge sind."

Tang Shu sah ihn an.

„Tian, das ist ein schöner Satz."

„Ja."

„Und wer hat ihn dir gesagt?"

Er sah aus dem Fenster.

„Meifeng, im April", sagte er.

Und Tang Shu lachte zum ersten Mal seit dem achtzehnten Juni.

Und sie lachte kurz, und danach war es einen Moment lang leichter im Zimmer, und beide merkten es.

„Tian."

„Shu."

„Es ist nichts Schlimmes."

Und Gu Tian nickte einmal.

„Das habe ich mir gedacht", sagte er.

„Woher?"

„Weil du seit dem achtzehnten Juni jeden Morgen um 04:00 wach bist."

„Ja."

„Und weil du niemanden weckst", sagte er.

Es blieb einen Moment still im Zimmer.

„Tian, du zählst also auch."

„Ja."

„Und?"

Er sah auf seine Hände.

„Und ich habe es nicht aufgeschrieben", sagte er.

„Wenn es doch etwas Schlimmes wäre?"

Gu Tian antwortete sofort.

„Shu, dann wäre ich seit dem siebenundzwanzigsten hier gewesen."

„Du warst hier."

„Ja."

„Und?"

„Und dann wäre ich anders hier gewesen", sagte er.

Sie saßen danach eine Weile.

Und in dieser Weile passierte nichts, und im Haus war es ruhig, und irgendwo unten stritt jemand mit jemandem über eine Lieferung, die zu früh gekommen war.

„Wann sagst du es?"

Tang Shu dachte etwa vier Sekunden nach.

„Wenn ich es finde, ohne danach zu suchen", sagte sie.

„Und wann ist das?"

„Tian, das weiß ich nicht."

„Und was weißt du?"

Sie legte die Hand auf den Stein auf dem Tisch.

„Dass ich bis dahin nichts tue, was ich später bereuen würde", sagte sie.

Er stand um 22:20 auf.

Und an der Tür blieb er stehen, und er blieb etwa vier Sekunden stehen, und sie sah, dass die Hand aufging.

Und sie ging wieder zu.

„Gute Nacht, Shu."

„Tian."

„Ja?"

„Du hast es wieder fast getan", sagte sie.

„Ja."

„Und?"

Gu Tian machte die Tür auf.

„Und ich bin da, wenn du willst, dass ich frage", sagte er.

„Wenn ich nicht will?"

Er sah noch einmal zurück.

„Dann bin ich auch da", sagte er.

Der letzte Umlauf des neunundzwanzigsten Juni endete um 23:40.

Und Tang Shu saß dabei nicht mit dem Rücken zur Wand, und sie hatte kein Papier neben sich, und sie hatte den Pinsel schon am Nachmittag in den Becher zurückgestellt.

Und sie lag im Bett und hatte einen Stein mit einer weißen Kante in der Hand.

Der Wechsel kam.

Er war nicht leer.

Es war sehr klein, und es zog nicht und trug nicht, und es blieb ungefähr vier Herzschläge und war danach nicht mehr da.

Sie sah nicht hin.

Sie legte nur die Hand flach auf sich selbst.

Sie zählte nichts.

Das war am neunundzwanzigsten Juni 2136 die einzige Messung, die sie an diesem Tag gemacht hatte.

Sie hatte sie nicht aufgeschrieben.

Sie war die genaueste von allen.

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