14. Juni 2133
Song Meifeng hatte in acht Jahren gelernt, dass es zwei Arten gibt, in einem Krankenhaus zu stehen.
Die erste war die, in der man arbeitet. Dann sieht man den Gang nicht, sondern die Türen, hinter denen etwas ist, und man geht schneller, als man müsste, und am Ende des Tages weiß man nicht mehr, welche Farbe der Boden hatte.
Die zweite war die, in der man wartet.
Sie stand seit dem neunten Juni zum dritten Mal in der zweiten Art, und sie hasste sie mehr als alles, was ihr im Mai passiert war.
„Frau Song.“
„Ja.“
„Sie können hineingehen.“
Sie ging hinein.
Der Arzt hieß Zhao Bingwen, er war zweiundsechzig, und er hatte in dreißig Dienstjahren vermutlich zwölftausend Menschen untersucht und ungefähr elf davon, die eine Weltenbaumwurzel besaßen.
Das machte ihn nicht unsicher.
Das machte ihn gründlich.
„Setzen Sie sich. Nicht auf die Liege, auf den Stuhl.“
„Herr Doktor —“
„Frau Song, Sie sind vorgestern in der Heilhalle Ihres eigenen Clans erwischt worden, weil Sie einem Mann mit einem verstauchten Handgelenk erklären wollten, wie man eine Schiene anlegt.“ Er schrieb etwas. „Setzen Sie sich auf den Stuhl.“
Sie setzte sich auf den Stuhl.
Die Untersuchung dauerte fünfzig Minuten und bestand zu einem Drittel aus Geräten und zu zwei Dritteln daraus, dass Zhao Bingwen sie Dinge tun ließ, die aussahen wie Kinderspiele.
Sie sollte eine Hand heben und halten.
Sie sollte eine Kerze anzünden, ohne Qi zu benutzen.
Sie sollte dreißig Sekunden auf einem Bein stehen, und sie schaffte einundzwanzig.
„Frau Song, ich sage Ihnen jetzt die Zahlen.“
„Bitte.“
„Meridiane: unbeschädigt. Wurzel: unbeschädigt. Dantian: strukturell in Ordnung.“ Er sah auf. „Das ist die gute Hälfte, und sie ist besser, als ich am neunten Juni erwartet habe.“
„Und die andere Hälfte?“
„Reserve bei etwa einem Sechstel. Gewicht vierundvierzig Kilo bei einer Frau, die im April achtundfünfzig gewogen hat. Und Sie schlafen zehn Stunden und sind danach müde.“
„Wie lange?“
„Acht bis vierzehn Wochen.“
Song sah auf ihre Hände.
„Herr Doktor, ich habe im März auf einer anderen Welt gestanden und dort in achtunddreißig Tagen einhundertneunzehntausend Menschen durch ein Tor bringen helfen.“
„Ich weiß.“
„Und danach habe ich zwei Wochen gebraucht.“
„Damals haben Sie nicht einhundertzehn Stunden lang drei Bezirke gehalten“, sagte Zhao Bingwen.
Er legte den Stift hin.
„Frau Song, ich sage Ihnen etwas, das nicht in dem Befund steht, den Sie gleich bekommen.“
„Sagen Sie es.“
„Ich habe in dreißig Jahren vier Kultivierende gesehen, die eine Reserve so weit heruntergefahren haben wie Sie.“ Er faltete die Hände. „Zwei sind nie wieder auf mehr als die Hälfte gekommen.“
„Und die anderen zwei?“
„Sind vollständig zurückgekommen.“ Er sah sie an. „Und beide haben in der Erholungsphase nichts getan. Nicht wenig. Nichts.“
Sie bekam den Befund um 19:36.
Sie ging um 19:38 auf den Gang und stellte sich an das Fenster am Ende, weil sie eine Minute brauchte, in der niemand sie ansah.
Draußen war es noch hell. Der Juni in Shanghai war um diese Zeit grau und feucht, und von hier oben sah man über die Dächer eines Viertels, das nicht Yangpu war und in dem im Mai nichts passiert war.
Acht bis vierzehn Wochen.
Sie rechnete es zweimal, und beide Male kam heraus, dass sie im August wieder arbeiten konnte, wenn es gut lief, und im September, wenn es normal lief.
Und Gu Tian würde Anfang Juli nach Nordwesten fahren.
Sie nahm den falschen Aufzug.
Es war kein Zeichen und keine Fügung, sondern schlicht das, was in diesem Gebäude jedem passierte: Im dritten Stock lagen zwei Aufzüge nebeneinander, und nur der linke fuhr durch bis ins Erdgeschoss. Der rechte fuhr Material und hielt im vierten und im sechsten.
Song stieg in den rechten.
Er hielt im Vierten.
Und weil sie müde war und weil die Tür ohnehin offen stand, ging sie hinaus, um den anderen Aufzug von dort zu nehmen.
Der vierte Stock war eine Langzeitstation.
Man sah es sofort, ohne ein Schild zu lesen: Die Gänge waren breiter, es standen Stühle an den Wänden, und an den Türen hingen kleine Zettel mit Namen statt mit Nummern.
Es roch anders als unten.
Unten roch es nach Desinfektion und Eile. Hier roch es nach Wäsche und danach, dass Menschen lange blieben.
In drei Zimmern brannte Licht.
Im letzten saß jemand.
Song sah es von etwa fünfzehn Metern Entfernung, und sie sah es zuerst nur als Umriss: ein Bett am Fenster, ein alter Mann darin, ein Stuhl daneben und ein kleiner Mensch auf dem Stuhl.
Das war nichts Besonderes.
Sie blieb trotzdem stehen.
Es lag daran, dass geredet wurde.
Song hatte in acht Jahren viele Angehörige an Betten sitzen sehen, und sie hatte gelernt, dass es dabei ungefähr drei Tonlagen gibt. Es gibt das Flüstern, bei dem der Sterbende nicht gestört werden soll. Es gibt das zu laute Sprechen, bei dem jemand seine eigene Angst übertönt. Und es gibt das Schweigen, das am häufigsten ist.
Das hier war keine davon.
Das Mädchen redete, wie man mit einer Nachbarin redet.
„— und Sie haben trotzdem gesagt, dass es gut war.“
Der alte Mann sagte etwas. Es war undeutlich, es kostete ihn sichtbar Kraft, und es dauerte lange.
„Ja“, sagte das Mädchen. „Weil Sie ein Feigling waren.“
Er machte ein Geräusch, das man mit gutem Willen für ein Lachen halten konnte.
„Ich sage nur, was Sie mir gestern erzählt haben, Herr Cui.“
Song ging drei Schritte näher und blieb an der Tür stehen, ohne hineinzugehen.
Von hier aus sah sie es besser.
Der alte Mann war vielleicht achtzig. Er war sehr dünn, seine Haut hatte die Farbe, die Song bei zu vielen Menschen gesehen hatte, und das Gerät neben ihm zeigte Werte an, die Song in etwa zwei Sekunden las und nach denen er noch etwa eine halbe Stunde hatte.
Das Mädchen war neunzehn oder zwanzig.
Sie hielt seine linke Hand mit beiden Händen, und sie tat es so, wie man die Hand von jemandem hält, den man seit Jahren kennt.
„Herr Cui.“
Er sagte etwas.
„Nein, das mache ich nicht“, sagte das Mädchen. „Ich habe Ihnen am Dienstag gesagt, dass ich Ihre Frau nicht anrufe, und daran hat sich nichts geändert.“
Er sagte wieder etwas, länger diesmal.
Das Mädchen hörte zu, bis er fertig war.
„Weil sie seit vierzehn Jahren tot ist“, sagte sie ruhig. „Und weil Sie das wissen, wenn Sie wach sind.“
Song stand an der Tür und atmete flach.
Es war nicht der Satz.
Es war die Art, wie das Mädchen ihn sagte — ohne Mitleid, ohne Ausweichen, ohne diesen Ton, den Pflegekräfte lernen und der freundlich klingt und in Wahrheit eine Wand ist.
Sie sagte es so, wie man jemandem sagt, dass es regnet.
„Herr Cui, ich bleibe noch.“
Der alte Mann sagte etwas.
„Bis nachher“, sagte das Mädchen. „Und dann geht mein Bus.“
Er lachte wieder, oder etwas in der Nähe davon.
Und dann, ungefähr eine Minute später, änderte sich etwas im Zimmer, und das Mädchen bemerkte es zuerst.
Song sah es genau.
Das war der Punkt, den sie hinterher viermal durchging und bei dem sie jedes Mal zum selben Ergebnis kam.
Das Gerät am Bett zeigte um 19:51 noch dieselben Werte wie um 19:48. Der Atem des alten Mannes hatte sich nicht hörbar verändert. Seine Hand hatte sich nicht bewegt.
Und das Mädchen hörte um 19:51 auf zu reden, beugte sich vor und legte ihre zweite Hand über seine.
Achtzehn Sekunden später fing das Gerät an, einen einzelnen Ton zu machen.
Song öffnete ihre Wahrnehmung nicht.
Sie hatte ein Sechstel, sie hatte Zhao Bingwen vor fünfzehn Minuten zugehört, und sie war seit dem achten Juni in einem Zustand, in dem sie sich jede unnötige Öffnung selbst verbot.
Und sie brauchte auch nichts zu öffnen.
Man konnte das so sehen, wenn man acht Jahre lang gelernt hatte, worauf man sieht.
Das Mädchen saß noch etwa eine Minute still.
Dann legte sie die Hand des alten Mannes auf die Decke, strich einmal den Ärmel glatt, was vollkommen sinnlos war, und stand auf.
An der Tür sah sie Song.
Sie erschrak nicht.
Das war die zweite Sache, die Song bemerkte. Ein Mädchen von neunzehn, das in einem fremden Krankenzimmer bei einem Toten sitzt und plötzlich eine Frau in der Tür stehen sieht, erschrickt normalerweise.
Diese hier sah nur hoch, stellte kurz etwas fest und sagte dann höflich: „Entschuldigung. Sind Sie von der Station?“
„Nein.“
„Ah.“ Sie sah in den Gang. „Dann sollte ich jemanden holen.“
„Warten Sie.“
Das Mädchen blieb stehen.
Sie war klein — vielleicht einen Meter achtundfünfzig —, sie trug eine graue Jacke, die zwei Nummern zu groß war, und sie hatte kurze schwarze Haare, die aussahen, als hätte sie sie selbst geschnitten, weil sie das vermutlich hatte.
Ihre Augen waren dunkelbraun.
Und sie hatte nicht geweint.
„War er Ihr Großvater?“, fragte Song.
„Nein.“
„Ihr Verwandter?“
„Nein.“ Sie sagte es ohne Ausweichen und ohne Verlegenheit. „Ich habe ihn am Montag im Aufzug getroffen.“
Song sah sie an.
„Und dann sind Sie geblieben?“
„Er hatte niemanden“, sagte das Mädchen, als wäre das eine Antwort.
Für sie war es eine.
Das begriff Song etwa zwei Sekunden später, und es war der Moment, in dem sich das Gespräch drehte.
„Wie heißen Sie?“
„Tang Shu.“
„Frau Tang.“ Song trat einen Schritt in den Gang, damit die Tür frei war. „Ich heiße Song Meifeng. Ich bin Heilerin, und ich stehe hier, weil ich in den falschen Aufzug gestiegen bin.“
Tang Shu sah sie an.
„Das passiert vielen“, sagte sie.
Sie holten zusammen jemanden von der Station.
Es dauerte vier Minuten, und in diesen vier Minuten lernte Song mehr über Tang Shu, als sie in einem Gespräch gelernt hätte.
Die Pflegerin, die kam, war Mitte dreißig und kannte Tang offensichtlich.
„Shu-Shu, Herr Cui?“
„Ja.“
„Wann?“
„19:51“, sagte Tang.
Die Pflegerin schrieb es auf, ohne nachzufragen.
Song bemerkte das.
Sie bemerkte auch, dass die Pflegerin danach kurz Tangs Schulter drückte, und dass Tang das zuließ, ohne darauf zu reagieren, so wie man Regen zulässt.
Und sie bemerkte den Satz, den die Pflegerin im Hinausgehen sagte.
„Der Dritte diesen Monat.“
„Ja“, sagte Tang.
„Frau Tang.“
„Ja?“
„Darf ich Sie etwas fragen, das unhöflich ist?“
Tang Shu überlegte kurz.
„Sie dürfen fragen.“
„Wie oft sitzen Sie hier?“
„Das kommt darauf an.“
„Worauf?“
„Wie viele hier sind, die niemanden haben.“ Tang steckte die Hände in die Jackentaschen. „Manchmal drei Wochen gar nicht. Manchmal jeden Tag.“
„Und bezahlt Sie jemand dafür?“
Tang sah sie an, als hätte sie die Frage nicht verstanden.
„Wofür?“
Song lehnte sich an die Wand.
Sie tat es, weil sie stehen musste und weil ihre Beine seit vierzig Minuten das taten, was sie seit dem achten Juni taten, und sie tat es auch, weil sie eine Sekunde brauchte.
„Frau Tang, ich frage Sie jetzt etwas als Heilerin.“
„Gut.“
„Woher wussten Sie es?“
„Was?“
„Um 19:51“, sagte Song. „Sie haben aufgehört zu reden und seine Hand genommen, achtzehn Sekunden bevor das Gerät reagiert hat. Und Sie haben nicht auf das Gerät gesehen.“
Tang Shu wurde zum ersten Mal in diesem Gespräch unsicher.
Nicht ängstlich. Unsicher.
„Ist das schlimm?“
„Nein.“
„Die Ärzte finden es manchmal unangenehm.“
„Ich bin keine Ärztin“, sagte Song. „Und ich finde es interessant.“
Tang sah zu Boden.
„Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.“
„Versuchen Sie es falsch.“
Das half.
Song hatte diesen Satz von Nel gelernt, über Lin Zhu, im März auf einer anderen Welt, und sie benutzte ihn seitdem etwa einmal im Monat und er funktionierte fast immer.
Tang Shu zog die Schultern hoch.
„Leben ist warm“, sagte sie. „Nicht wie Fieber. Wie eine Hand unter einer Decke.“
„Ja.“
„Und Tod ist —“ Sie suchte. „Es ist kein Kälterwerden. Es ist ein Ticken, das langsamer wird.“
Song stand sehr still.
„Ein Ticken.“
„Ich weiß, dass das komisch klingt.“
„Frau Tang, ich habe im März drei Wochen lang mit einer Frau gearbeitet, die keine gemeinsame Sprache mit mir hatte, und wir haben uns über Zeichnungen verständigt“, sagte Song. „Ich habe eine sehr hohe Toleranz für komisch.“
Tang lächelte kurz. Es war das erste Mal.
„Bei Herrn Cui war es seit Dienstag langsamer. Und heute Abend hat es —“ Sie hob eine Hand und ließ sie fallen. „Es hat nicht aufgehört. Es hat aufgehört, gleichmäßig zu sein.“
„Und dann haben Sie seine Hand genommen.“
„Ja.“
„Warum?“
Tang Shu sah sie an.
„Damit er es nicht allein macht“, sagte sie.
Song prüfte sie danach.
Sie tat es vorsichtig und mit dem, was sie hatte, und sie tat es ausdrücklich als Heilerin: keine Domäne, keine Wurzelabtastung, nichts, was Zhao Bingwen ihr am Telefon vorwerfen könnte. Nur das, was jede Heilerin mit ein bisschen Qi in den Fingerspitzen an einem Handgelenk feststellen kann.
Sie fragte vorher.
„Frau Tang, darf ich Ihr Handgelenk nehmen?“
„Warum?“
„Weil ich neugierig bin, und weil ich Ihnen dann sage, was ich finde.“
Tang hielt ihr das Handgelenk hin.
Song fand fast nichts.
Das war die dritte Sache dieses Abends, und sie war die merkwürdigste.
Ein Mensch ohne Wurzel fühlt sich nicht leer an. Er fühlt sich an wie ein Mensch: Blut, Wärme, ein flacher, unregelmäßiger Qi-Fluss, der aus Essen und Schlaf kommt und aus sonst nichts. Song hatte in acht Jahren Tausende von solchen Handgelenken gehalten.
Tang Shus Handgelenk fühlte sich an wie ein Mensch ohne Wurzel.
Und dahinter war etwas, das sich nach gar nichts anfühlte.
Nicht nach Leere.
Song suchte hinterher lange nach dem richtigen Wort und fand es erst zwei Tage später, in einem Gespräch mit Luo Shuang, und es war ein Wort, das Luo Shuang benutzte und das Song sofort erkannte.
Neutralisiert.
Als hätte jemand eine Fläche so bearbeitet, dass sie keine Eigenschaft mehr hat.
„Und?“, fragte Tang.
Song ließ das Handgelenk los.
„Sie haben eine Wurzel.“
Tang sah hoch.
„Nein.“
„Frau Tang —“
„Ich bin zweimal gemessen worden.“ Sie sagte es ohne Trotz, wie eine Auskunft. „Einmal mit vierzehn in der Schule und einmal mit siebzehn, weil das Heim eine Liste brauchte. Beide Male stand keine.“
„Mit welchem Gerät?“
„Das weiß ich nicht.“
„Wie lange hat es gedauert?“
Tang überlegte.
„Man legt die Hand auf eine Platte und es leuchtet oder nicht.“
„Das ist ein Schulmessgerät“, sagte Song. „Das findet die unteren fünf Ränge und sonst nichts.“
Es blieb einen Moment still im Gang.
„Frau Song, ich glaube, Sie irren sich.“
„Das ist möglich.“
„Ich kann nichts.“ Tang sagte es sachlich. „Ich kann nicht schneller laufen als andere Leute, ich werde nicht seltener krank, und ich habe im Winter kalte Hände wie alle. Wenn ich eine Wurzel hätte, hätte ich in neunzehn Jahren irgendwann etwas gemerkt.“
„Sie haben etwas gemerkt“, sagte Song.
„Was?“
„Ein Ticken.“
Tang Shu sah sie an, und für etwa zwei Sekunden war in ihrem Gesicht etwas, das nicht zu einer Neunzehnjährigen gehörte.
Dann war es weg.
„Frau Song, ich muss meinen Bus bekommen.“
„Wann fährt er?“
„In zwölf Minuten.“
„Und wohin?“
„Nach Baoshan“, sagte Tang. „Ich wohne dort.“
Song ging mit hinunter.
Sie tat es, weil sie ohnehin hinunter musste, und sie sagte sich das auf der Treppe zweimal, und beide Male glaubte sie es nicht ganz.
Im zweiten Stock passierte es.
Es war ein Ziehen zwischen den Schulterblättern.
Song kannte es seit dem August 2132, aus Kher Vaneth, aus einer Halle mit vierhundert Betten und aus etwa vierzehn Nächten, in denen ein Fuchs von der Größe eines Hundes irgendwo saß und nicht schlief.
Im Clan nannte man es den Sternenschleier, weil Luo Shuang im September 2132 einen Namen gebraucht hatte.
Yueying war seit dem elften Juni in Yangpu.
Das waren dreizehn Kilometer.
Song blieb nicht stehen.
Das war die wichtigste Entscheidung des Abends, und sie traf sie in weniger als einer Sekunde: Wer stehen bleibt, sagt dem Beobachter, dass er bemerkt worden ist.
Sie ging weiter, sagte etwas Belangloses über den Bus nach Baoshan und zählte dabei die Fenster.
Im Treppenhaus waren es vier.
Drei davon zeigten nach Osten, auf ein Parkhaus, das etwa achtzig Meter entfernt stand und sechs Etagen hatte.
„Frau Tang.“
„Ja?“
„Bleiben Sie kurz hier stehen. Nicht vor dem Fenster.“
Tang blieb stehen.
Und sie fragte nicht warum, was Song später als die vierte merkwürdige Sache dieses Abends notierte.
Song sah aus dem Fenster.
Sie sah es nicht direkt — sie sah es so, wie man in einer dunklen Scheibe etwas sieht, das dahinter ist: eine Bewegung im dritten Stock des Parkhauses, an einer Stelle, an der kein Auto stand.
Es war klein.
Und es war da.
Sie hatte kein System.
Das war der Satz, den Song sich in diesem Moment sagte, und er war nicht bitter, sondern praktisch. Gu Tian bekam in solchen Situationen einen Kasten mit einer Analyse. Sie bekam ein Ziehen zwischen den Schulterblättern und acht Jahre Erfahrung.
Acht Jahre Erfahrung reichten für drei Feststellungen.
Erstens: Der Beobachter stand hoch genug, um in den vierten Stock zu sehen.
Zweitens: Er hatte dort mindestens seit 19:40 gestanden, weil Yueyings Schleier langsam war und über dreizehn Kilometer noch langsamer.
Und drittens: Er sah nicht ihr zu.
Sie prüfte das dritte, indem sie etwas Dummes tat.
Sie ging drei Schritte nach links, vollständig ins Sichtfeld des Fensters, blieb dort acht Sekunden stehen und ging zurück.
Nichts.
Dann schickte sie Tang Shu allein zwei Meter weiter zur Treppe.
Und die Bewegung im dritten Stock des Parkhauses folgte.
Song stand im Treppenhaus und ihr wurde kalt.
„Frau Tang.“
„Ja?“
„Kennen Sie das Parkhaus gegenüber?“
Tang sah zum Fenster.
„Warum?“
„Weil dort seit ungefähr einer Minute jemand steht und in dieses Treppenhaus sieht“, sagte Song. „Und weil er nicht mir zusieht.“
Tang Shu wurde nicht blass.
Das war die fünfte Sache, und sie war die, die Song am meisten beschäftigte.
Sie sagte: „Ah.“
Und dann: „Der von letzter Woche?“
Song drehte sich um.
„Sagen Sie das noch einmal.“
„Letzte Woche stand jemand im Hof vom Heim.“ Tang zog die Jacke enger. „Und im Mai zweimal an der Bushaltestelle. Ich dachte, das sind Leute, die da eben stehen.“
„Frau Tang, wie oft?“
„Fünf- oder sechsmal seit April.“
„Und Sie haben es niemandem gesagt?“
„Wem?“, fragte Tang.
Und das war keine Trotzfrage.
Song sah ein Mädchen von neunzehn an, das keine Familie hatte, kein Heim mehr, in dem sie gemeldet war, keine Ausbildung, keinen Arbeitgeber und keine Behörde, die eine Akte über sie führte, außer einer Liste, auf der bei Wurzel das Wort keine stand.
„Verstanden“, sagte Song.
Sie rief nicht Gu Tian an.
Sie überlegte es, sie überlegte es ungefähr vier Sekunden lang, und dann verwarf sie es aus zwei Gründen.
Der erste war, dass Gu Tian in Songjiang war und dass ein Mann, der dreiundzwanzig Minuten braucht und dabei sehr schnell fährt, in dieser Situation nichts nützte.
Der zweite war schlechter und ehrlicher.
Wenn sie ihn anrief, dann kam er, und dann stand er hier, und dann war dies eine Sache von Gu Tian.
Und das hier war ihre.
Sie rief Luo Shuang an.
„Frau Luo.“
„Frau Song, es ist 20:14, und wenn Sie mich wegen einer Heilhalle anrufen, lege ich auf und rufe Frau Han an.“
„Ich rufe wegen einer Spähmarke an.“
Eine Pause.
„Sagen Sie den Ort.“
Song sagte den Ort, das Parkhaus, die Etage und die Uhrzeit, seit der sie es bemerkt hatte.
Luo Shuang stellte drei Fragen, und alle drei waren nützlich.
„Erstens: Haben Sie sie beschädigt?“
„Nein.“
„Gut. Zweitens: Haben Sie sie angesehen?“
„Nur durch eine Scheibe.“
„Noch besser.“ Man hörte sie schreiben. „Drittens: Wie sicher sind Sie, dass es Ihnen nicht gilt?“
„Sehr sicher.“
„Frau Song, das ist keine Antwort, die ich in ein Heft schreiben kann.“
„Dann schreiben Sie: Beobachtungsobjekt bewegte sich, Marke folgte. Kontrollperson bewegte sich, Marke folgte nicht.“
Es blieb einen Moment still in der Leitung.
„Das ist eine sehr gute Antwort“, sagte Luo Shuang. „Frau Song, lassen Sie sie stehen.“
„Warum?“
„Weil eine Marke, die man zerstört, nur sagt, dass man sie gefunden hat“, sagte Luo Shuang. „Und eine Marke, die man stehen lässt, sagt in ungefähr vier Tagen, wohin sie meldet.“
Song brachte Tang Shu nicht zum Bus.
Sie stellte ihr stattdessen um 20:22 im Eingangsbereich des Krankenhauses eine Frage, über die sie auf der Treppe nachgedacht hatte, und sie formulierte sie sehr genau, weil ihr die Formulierung wichtig war.
„Frau Tang, ich möchte Ihnen etwas anbieten, und ich sage Ihnen vorher, was es nicht ist.“
„Gut.“
„Es ist keine Anstellung. Es ist keine Aufnahme in irgendetwas. Und es ist keine Bedingung dafür, dass ich Ihnen weiter helfe.“
Tang sah sie an.
„Was ist es dann?“
„Ein Gästezimmer für ein paar Tage.“
„Wo?“
„Songjiang. Der Gu-Clan des Ewigen Dao.“
Tang Shu blinzelte.
„Der aus dem Fernsehen?“
„Der“, sagte Song. „Frau Tang, ich bin die Verlobte des Clanoberhaupts, und das sage ich Ihnen jetzt, damit Sie es nicht in vier Tagen von jemand anderem hören und denken, ich hätte Sie hereingelegt.“
Tang stand eine Weile im Eingangsbereich und sah auf den Boden.
Dann fragte sie: „Warum?“
„Weil im dritten Stock eines Parkhauses jemand steht, der Ihnen zusieht.“
„Und?“
„Und weil ich in acht Jahren gelernt habe, dass man in so einem Fall nicht allein in einem Zimmer in Baoshan schlafen sollte“, sagte Song.
„Frau Song, ich habe kein Geld.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
„Und ich kann nichts, was Sie brauchen.“
„Das habe ich auch nicht gefragt.“
Tang Shu sah auf.
„Was haben Sie denn gefragt?“
„Ob Sie mitkommen wollen“, sagte Song. „Nur das. Und Sie können jederzeit wieder gehen, und ich schreibe das auf ein Blatt und unterschreibe es, wenn Ihnen das lieber ist.“
Und dann tat Tang Shu etwas, das Song später Gu Tian erzählte und das er sich merkte.
Sie zog die rechte Hand aus der Jackentasche und legte sie kurz auf ihre linke Brusttasche.
Es war eine Bewegung ohne Absicht, so wie Song prüfte, ob ihre Nadeln da waren. Etwas Rundes, Flaches, offensichtlich Schweres lag darin.
Tang sah einen Moment darauf hinunter.
Dann sagte sie: „Ich habe ohnehin keinen Ort, an den ich zurückmuss.“