Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 1 · Arc 05
Kapitel 057Die Wahrheit unter dem Weltenbaum

Schützen, ohne zu zerstören

2.692 Wörter · Band 1 — Nightfall über Shanghai

Er kam vier Schritte zu spät und machte es mit einer Barriere wett.

Die Chaos-Barriere wuchs zwischen Lianeth und dem grünen Strom auf, eine Fläche von zwei mal zwei Metern, kaum sichtbar, nur eine Verzerrung in der Luft — und im Gegensatz zu einer Wand aus Erde oder Eis hielt sie nicht durch Härte. Sie hielt, weil das, was durch sie hindurchwollte, auf der anderen Seite nicht mehr dasselbe war.

Das Licht traf sie und wurde farblos.

Lianeth sackte in die Knie und holte Luft, so laut, dass Song zusammenzuckte.

„Frau Lianeth.“ Gu Tian stand über ihr, den Blick nach vorn. „Antworten Sie mir mit einem Wort. Können Sie stehen?“

„Ja.“

„Können Sie kämpfen?“

Eine Pause. „Nein.“

„Gut, dass Sie es sagen.“ Er verlagerte das Gewicht. „Song.“

„Ich habe sie.“

Song war schon da, hatte den Arm ihrer Tante über die eigene Schulter gezogen und schleppte sie rückwärts aus der Linie, und sie tat es, ohne ihre Verbindung zum Boden ganz loszulassen — Gu Tian spürte es an der warmen Stelle in der Brust, die dünner wurde, aber nicht abriss.

Der Wächter richtete sich zu voller Höhe auf.

Und die Krone öffnete sich ganz.

Was darunter lag, war kein Gesicht und kein Auge. Es war eine Schale aus verwachsenen Ästen, und in ihr saß ein Kern von der Größe eines Kinderkopfs, milchig, halb durchsichtig, und in seinem Inneren bewegte sich etwas sehr langsam im Kreis.

[Das ist der Prüfungskern.]

[Solange er intakt ist, führt der Wächter seinen Befehl aus. Er kann nicht müde werden, sich nicht zurückziehen und nicht verhandeln.]

„Und wenn ich ihn zerschlage?“

[Dann stirbt die Prüfungsfunktion. Und mit ihr sehr wahrscheinlich der Pfad.]

[Rückschlagabschätzung: Frau Lianeths Anker ist bereits zerrissen. Bei einem Strukturkollaps ist unklar, ob und wo ihr wieder herauskommt.]

Gu Tian sah nach oben in eine geöffnete Krone.

„Also nicht zerschlagen.“

[Es ist deine Entscheidung. Ich sage dir nur die Rechnung.]

„Ich weiß.“ Er nahm den Jian in die linke Hand und ließ die rechte offen. „System, ich sage dir jetzt, was ich vorhabe, damit du mir widersprichst, falls es Unsinn ist.“

[Sprich.]

„Ich will den Befehl vom Kern trennen. Nicht den Kern.“

Diesmal kam die Pause, die er kannte — die halbe Sekunde, in der etwas geprüft wurde, das keine Meinung war, sondern eine Struktur.

[Ursprungstrennung. Ja. Das ist möglich.]

[Bedingung: Du musst die Bindung verstehen, bevor du sie schneidest. Ursprungstrennung ist keine Abkürzung — was du nicht erkannt hast, kannst du nicht trennen.]

[Zweite Bedingung: Du musst nahe genug heran.]

„Wie nahe?“

[Berührung.]

Zwölf Meter. Es hätte ein Schritt sein können.

Zwischen ihm und dem Wächter stand nur der Wächter.

Gu Tian ging in Bewegung, und diesmal ohne Rücksicht auf Eleganz. Der Boden brach vor ihm auf — der Mechanismus hatte gelernt, dass er schnell war, und schickte die Wurzeln nicht mehr auf ihn zu, sondern dorthin, wo er in einem halben Herzschlag sein würde.

Also war er dort nicht.

Chaos-Blitz ging diesmal nicht nach vorn, sondern nach innen: in die Beine, in die Fußsohlen, in die Wirbelsäule, ein feines, tiefes Vibrieren, das jede Bewegung um einen Bruchteil verkürzte. Es war eine Anwendung, die er von einem Bewegungstext hatte, den ihm das System im April übertragen hatte, und er hatte sie nie üben müssen; das Muskelgedächtnis war mit dem Wissen gekommen.

Er lief zwölf Meter in etwas mehr als einer Sekunde und war trotzdem nicht schnell genug, um einfach durchzugehen.

Zwei Wurzelstränge dick wie Oberschenkel kamen von links und rechts gleichzeitig.

Er nahm den linken mit Chaos-Wind — nicht als Schneide diesmal, sondern als Kissen, das den Strang um eine Handbreit ablenkte, und eine Handbreit genügte. Den rechten ließ er kommen, setzte den Fuß darauf und benutzte ihn als Stufe.

Vier Meter über dem Waldboden warf der Wächter das Licht.

Es traf ihn voll.

Diesmal war es nicht warm.

Diesmal war es ein Brand — nicht Feuer, sondern Leben, das zu schnell lief. Gu Tian spürte, wie in seinem Brustkorb etwas zu wuchern begann, wie sich Gewebe teilte, das sich nicht teilen sollte, wie Blut Wege nahm, die es nicht gab. Der Chaos-Dao-Körper griff sofort ein, aber diesmal war das Volumen zu hoch, und ein Teil kam durch.

Er tat das Naheliegende und es war falsch.

Für einen Sekundenbruchteil griff er nach Chaos-Feuer, weil Feuer verbrennt, was wuchert. Und begriff im selben Moment, dass er sich damit von innen ausbrennen würde, in einer Struktur, die aus Leben bestand, unter einer Krone, die achtzehn Meter Wald in Brand setzen würde.

Er nahm stattdessen Wasser.

Chaos-Wasser war die Energieform, die er am wenigsten benutzte, weil sie langsam war und selten etwas erledigte. Sie erledigte auch jetzt nichts. Sie dämpfte. Er ließ sie unter der Haut laufen, kühl und träge, und der Lebensbrand verlor die Geschwindigkeit, mit der er ihn hätte töten können, und wurde zu etwas, das der Körper in Chaos zurückdrehen konnte.

Es kostete ihn drei Sekunden und eine Rippe, die auf dem Weg nach unten an einem Ast brach.

Er landete auf einem Knie, mit dem Jian im Boden, und die Klinge hatte die grüne Holzschicht verloren.

„Ah Tian!“

„Es geht.“ Er stand auf. Die Rippe setzte sich bereits wieder — nicht schnell, aber sichtbar; er spürte das dumpfe Ziehen, mit dem der Chaos-Dao-Körper Dinge reparierte, für die andere Leute sechs Wochen brauchten. „Song, wie viel hast du noch?“

Eine Pause, zu lang.

„Genug.“

„Song.“

„Achtunddreißig Prozent.“ Es kam ärgerlich. „Und ich weiß, dass du gleich sagst, ich soll aufhören.“

„Nein.“ Er sah nach oben in die Krone. „Ich sage, dass ich achtunddreißig Prozent brauche und keine Sekunde länger. Halt ihn genau einmal an. Nicht lange. Ein Atemzug reicht.“

„Wann?“

„Wenn ich es sage.“

[Ich habe die Bindung.]

[Sie läuft nicht durch den Wächter. Sie läuft durch die Struktur zu ihm.]

„Zeig mir, wo sie in ihn eintritt.“

Gu Tian öffnete die Dao-Sicht bis an die obere Grenze dessen, was er zu tragen bereit war, und der goldene Ring am Rand seiner tiefschwarzen Iris flammte auf, hell genug, dass Lianeth vierzig Meter entfernt den Kopf hob.

Und der Wald wurde durchsichtig.

Nicht wörtlich. Aber die Bäume verloren an Bedeutung, und was blieb, war das Netz: eine Struktur aus Lebenslinien, die vom Boden aufstiegen, sich verzweigten, wieder zusammenliefen, und in der Mitte dieses Netzes stand der Wächter — nicht als Ding im Netz, sondern als Knoten des Netzes, mit einigen hundert Strängen, die in ihn hineinliefen.

Und einer davon war anders.

Er war dünner als die anderen und lief nicht vom Boden, sondern von oben herab, aus der Richtung der Krone dieses Waldes, die kein Himmel war. Er war älter. Und er endete nicht im Prüfungskern, sondern legte sich um ihn herum wie eine Hand um ein Ei.

„Das ist er“, sagte Gu Tian.

[Das ist er.]

[Ich melde dazu, was ich sehe, und du hörst es dir an, bevor du schneidest.]

„Sprich.“

[Der Kern ist nicht der Wächter. Der Kern ist eine gespeicherte Anweisung.]

[Der Wächter ist der Wald.]

Gu Tian brauchte einen Moment.

„Wenn ich das trenne, verliere ich nicht das Ding vor mir.“

[Nein. Du gibst dem Wald zurück, was er vor sehr langer Zeit an eine Anweisung abgegeben hat.]

„Und wer hat die Anweisung hineingelegt?“

[Das kann ich nicht sehen. Der Faden führt aus der Struktur hinaus.] Eine Pause. [Ich kenne die Bauart. Ich kenne den Absender nicht.]

Der Wächter kam.

Er kam anders als vorher — kein Prüfen, kein Licht, keine Einordnung. Er hob beide Vorderbeine und ließ sich fallen, mit acht Metern Höhe und dem Gewicht eines Hauses, direkt auf die Stelle, an der ein Mann stand, der sich als nicht entfernbar erwiesen hatte.

„Song. Jetzt.“

Song legte beide Hände in den Boden und sang.

Es war kein Lied. Es waren vier Töne, und sie hatte sie nie gelernt; sie kamen aus einer Wurzel, die seit dem dreißigsten März drei von fünf Knoten offen hatte, und sie liefen nicht durch die Luft, sondern durch das Moos, durch die Wurzeln, durch das Netz aus Lebenslinien, das Gu Tian in diesem Augenblick mit offenen Augen sah.

Der Wald hörte sie.

Und weil der Wald der Wächter war, hielt der Wächter mitten in der Bewegung inne — acht Meter Holz, drei Meter über dem Boden, für die Dauer eines einzigen Atemzugs.

Gu Tian ging darunter hindurch.

Er sprang nicht. Er lief die vier Meter unter dem angehobenen Rumpf durch, drehte im Laufen ab, setzte den Fuß gegen ein Hinterbein und war mit dem zweiten Schritt auf der Schulter des Wächters, und mit dem dritten am Rand der geöffneten Krone.

Der Prüfungskern lag zwei Handbreit vor ihm.

Der dünne alte Faden lag um ihn herum wie eine Hand um ein Ei.

Gu Tian legte die rechte Hand darauf.

Ursprungstrennung war keine Technik, die man sah. Sie hatte keine Farbe, kein Geräusch und keinen Lichtbogen. Sie war eine Sache des Verstehens: Man begriff, wo ein Ding aufhörte und ein anderes anfing, und dann bestand man darauf.

Er begriff zuerst den Faden. Dann den Kern. Dann die Stelle dazwischen, die es seit sehr langer Zeit nicht mehr gab, weil niemand mehr hingesehen hatte.

Dann bestand er darauf.

Der Faden ging auf.

Nicht mit einem Knall. Er ging auf wie ein Knoten, an dem man an der richtigen Schlaufe zieht, und dann war er einfach nicht mehr um den Kern gelegt, sondern hing frei, und das milchige Ding in der Schale wurde in vier Herzschlägen klar wie Wasser.

Der Wächter setzte die Vorderbeine ab.

Sehr langsam, sehr vorsichtig, wie ein schweres Möbelstück, das jemand endlich abstellen darf.

Und dann senkte er die Krone.

Gu Tian stand acht Meter über dem Waldboden auf der Schulter eines Dings, das aufgehört hatte, ihn entfernen zu wollen, und ließ die Dao-Sicht zurücksinken.

Unter ihm lag der Wald still.

„System.“

[Der Prüfungsbefehl ist getrennt. Die Struktur ist intakt. Der Wächter ist intakt.]

[Er hat keinen Auftrag mehr.]

„Und was macht er jetzt?“

[Das, was er ohne Auftrag ist.] Eine Pause. [Ein sehr alter Teil eines Waldes.]

Gu Tian sprang herunter und landete leichter, als er sich fühlte. Die Rippe zog. Der linke Unterarm war an zwei Stellen aufgerissen, ohne dass er wusste, wann. In seiner Brust saß ein Rest von etwas, das nicht Leben und nicht Chaos war und das in den nächsten Stunden verschwinden würde.

Song kam ihm entgegen, und sie kam schnell, und sie sagte kein Wort, sondern nahm sein Gesicht in beide Hände und sah ihn an, so wie Heiler Leute ansehen, und danach — als sie fertig war und wusste, dass er nicht ernsthaft kaputt war — küsste sie ihn hart und kurz und ärgerlich.

„Du bist unter ein achtzehn Tonnen schweres Ding gelaufen.“

„Es waren eher zwölf.“

„Ah Tian.“

„Ich weiß.“ Er legte kurz die Stirn an ihre. „Es war der einzige Weg, bei dem der Wald stehen bleibt.“

„Ich weiß“, sagte sie ins gleiche Schweigen hinein, und da war ihr Ärger schon nicht mehr echt.

Lianeth kam als Letzte.

Sie ging langsam, weil ihre Beine noch nicht wieder ganz ihr gehörten, und sie blieb vier Meter vor dem Wächter stehen, der sich inzwischen bis fast auf den Boden gesenkt hatte.

Dann sah sie Gu Tian an, und in ihrem Gesicht stand etwas, für das sie eine Weile brauchte.

„Sie hätten ihn töten können“, sagte sie.

„Ja.“

„In wie vielen Sekunden?“

Gu Tian überlegte tatsächlich kurz. „Mit Blitz? Vier. Vielleicht sechs, weil er groß ist.“

„Und Sie haben stattdessen dreieinhalb Minuten gebraucht und sich eine Rippe brechen lassen.“

„Ja.“

„Warum?“ Lianeth sagte es nicht vorwurfsvoll. Sie sagte es wie jemand, der eine Antwort seit einhundertneunzig Jahren nicht bekommen hat. „Und sagen Sie mir nicht, dass Sie Angst um den Wald hatten. Ich habe heute Morgen gesehen, wie Sie mit einer Formation umgehen, die Ihnen im Weg steht.“

Gu Tian sah zu dem gesenkten Ding hinüber.

„Frau Lianeth, dieses Ding hat versucht, mich umzubringen, weil man es vor sehr langer Zeit dazu angewiesen hat und weil niemand die Anweisung je zurückgenommen hat“, sagte er. „Es hat sich nicht dafür entschieden. Es hat nichts falsch gemacht. Es ist auch niemandes Feind — es ist ein Rest von etwas, das Ihrer Familie gehört hat, und davon gibt es auf dieser Welt vermutlich genau ein Exemplar.“

Er zuckte mit der Schulter und bereute es sofort, weil die Rippe es übel nahm.

„Ich töte, was sich entschieden hat. Das hier hat sich nicht entschieden.“

Lianeth stand sehr lange still.

„Meine Mutter hat einmal etwas Ähnliches gesagt“, sagte sie schließlich. „Sie hat es nicht so gut gesagt wie Sie, und sie hat sich nicht daran gehalten.“

Es war Song, die den Anker fand.

Sie hob die zerrissene Schnur mit der kleinen geschnitzten Knospe aus dem Moos, wischte sie am Ärmel ab und hielt sie ihrer Tante hin, und Lianeth nahm sie und schloss die Hand darum, und es passierte nichts.

„Tot“, sagte sie.

„Kommen wir hier raus?“, fragte Song.

„Ich weiß es nicht.“

[Ich weiß es.]

Alle drei sahen in dieselbe Richtung, obwohl es keine Richtung gab.

[Der Pfad hing an einem Anker, den Frau Lianeth mitgebracht hat. Dieser Anker ist zerstört.]

[Der Pfad hängt jetzt an dem, was ihn stattdessen hält.]

„Und was hält ihn?“, sagte Gu Tian.

[Ihr beide.]

[Seit Frau Song vor zwei Minuten in den Boden gegriffen hat und du dem Wald seinen ältesten Faden zurückgegeben hast, ist die Struktur an eure Resonanz gebunden.]

[Das ist die gute Nachricht: Ihr kommt heraus, wann ihr wollt.]

Gu Tian wartete.

„Und die schlechte?“

[Der Pfad ist jetzt an euch beide gebunden. Nicht mehr an dieses Erbe.]

[Wenn ihr geht, geht er mit.]

Es war Lianeth, die als Erste begriff, was das hieß.

Sie ließ sich auf einen Stein sinken, langsam, mit geradem Rücken, und sah eine Weile ins Moos.

„Einhundertneunzig Jahre“, sagte sie.

„Frau Lianeth?“

„Es gibt drei Wahrheitspfade, von denen ich weiß.“ Sie sprach zum Boden. „Zwei sind mit dem Wald gestorben, in dem sie standen. Dieser hier ist der letzte, und ich habe ihn heute Morgen geöffnet, ohne dazu berechtigt zu sein, weil ich wissen wollte, ob ein junger Mann meine Nichte verdient.“

Sie hob den Kopf.

„Und jetzt gehört er ihm.“

„Frau Lianeth —“

„Nicht ihm.“ Sie hob die Hand. „Beiden. Ich weiß. Das macht es nicht besser und nicht schlechter. Es macht es nur wahr.“ Sie sah zwischen ihnen hin und her, zwischen dem Mann mit der gebrochenen Rippe und der Frau bei achtunddreißig Prozent. „Ich bin heute Morgen hergekommen, um zu prüfen, ob Sie würdig sind. Und ich habe dabei etwas verloren, das seit dem Fall unserer Welt gehalten hat.“

„Sie haben es nicht verloren“, sagte Song.

„Meifeng —“

„Tante.“ Song setzte sich neben sie auf den Stein und war in diesem Moment sehr die Nichte und sehr nicht die Untergebene. „Es steht noch. Es ist nur nicht mehr Ihres.“

Lianeth atmete einmal aus.

„Das“, sagte sie trocken, „ist ungefähr die schmerzhafteste Art, recht zu haben.“

Der Wald veränderte sich, während sie noch saßen.

Es fing damit an, dass das grünliche Dauerlicht seine Richtung fand — es kam nicht mehr von überall, sondern von oben, aus der Krone, die kein Himmel war, und mit der Richtung kam Schatten, und mit dem Schatten wurde der Wald zum ersten Mal an diesem Tag wie ein Ort und nicht wie ein Zustand.

Dann öffnete sich der Boden zwischen den drei weißen Steinen.

Nicht als Loch. Als Bild.

Es war eine Lichtung — eine andere, mit anderem Licht, weißer und höher —, und darauf standen zwei Frauen. Die eine war alt, sehr alt, mit einer Haltung, die keine Anstrengung kannte. Die andere war jung und lachte über irgendetwas, das das Bild nicht zeigte, und sie hatte den Kopf in genau dem Winkel schräg gelegt, in dem Song Meifeng ihren Kopf schräg legte, wenn ihr etwas gefiel und sie es nicht zugeben wollte.

Song stand auf, ohne es zu merken.

„Tante“, sagte sie mit einer Stimme, die plötzlich zwölf Jahre alt klang. „Wer ist das?“

Lianeth sah in das Bild im Boden, und ihr Gesicht tat etwas, das Gu Tian bei ihr nicht für möglich gehalten hätte.

„Die Alte ist deine Großmutter“, sagte sie. „Elenneth. Zwanzigste Heilige Priesterin des Weltenbaums.“

„Und die Junge?“

Lianeth brauchte lange.

„Das ist Sheilan“, sagte sie. „Meine Schwester.“

Sie sah nicht auf.

„Deine Mutter.“

Wächter der Welt der Wahrheit
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