Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 1 · Arc 04
Kapitel 040Die Heimkehr der Treuen

Der Herr des neuen Gu-Clans

3.554 Wörter · Band 1 — Nightfall über Shanghai

Gu Tian sah den Anhänger an und rührte ihn nicht an.

„Nicht heute Abend“, sagte er.

Mu Qingzhao hielt inne.

„Junger Herr, ich habe elf Jahre auf diesen Moment gewartet.“

„Ich weiß.“ Er schob die Schale zur Seite. „Frau Mu, ich sitze seit Montag mit neun Leuten in einem Haus, denen niemand gesagt hat, was sie hier sind. Zwei davon sind über sechzig und haben in vier Tagen dreimal gefragt, ob sie hier arbeiten müssen.“

„Und morgen früh sage ich es ihnen.“

„Wenn ich heute Abend erfahre, was mit meiner Mutter passiert ist, dann stehe ich morgen früh vor dreizehn Leuten und denke an etwas anderes.“

Er sah sie an.

„Das ist keine Kaltblütigkeit. Ich habe elf Jahre auf eine Antwort gewartet, ohne zu wissen, dass es eine Frage gibt. Ich halte noch einen Tag aus.“

Mu Qingzhao steckte den Anhänger zurück in den Kragen.

„Ihr Vater hätte das genauso gemacht“, sagte sie.

„Ist das gut?“

„Es hat ihn umgebracht“, sagte Mu Qingzhao. „Aber es war gut.“

Am Freitagmorgen, dem fünften April, um neun Uhr, standen dreizehn Menschen im Zentralhof.

Es war ein sehr großer Hof. Er war für ungefähr achthundert Personen gebaut, mit einem Podest an der Nordseite und Wegen aus grauem Stein und, seit vier Wochen, einem grauen Kreis von vier Metern Durchmesser, den Gu Tian dem Gras angetan hatte.

Dreizehn Leute sahen darin aus wie ein Versehen.

Yan Bo hatte in aller Frühe versucht, Stühle aufzustellen, und Gu Zhong hatte gesagt, das sei albern, und Yan Bo hatte gesagt, es sei würdevoll, und am Ende standen sieben Stühle da, auf denen vier Leute saßen.

Gu Tian stellte sich nicht auf das Podest.

Er stellte sich auf die unterste Stufe, was ihn dreißig Zentimeter höher machte, und das war ihm bereits zu viel.

„Ich mache das kurz“, sagte er.

„Ich bin nicht besonders gut in Reden. Ich habe in meinem alten Beruf ungefähr vierzig gehalten und die meisten waren zu lang.“

Wei Lao, der auf einem Stuhl saß, nickte anerkennend.

„Sie sind seit Montag hier. Neun von Ihnen sind hergekommen, weil jemand versucht hat, Sie umzubringen, und weil ich zufällig der Einzige war, der davon erfahren hat.“

„Das ist kein guter Grund, irgendwo zu bleiben.“

„Deswegen sage ich Ihnen jetzt, was dieser Ort ist, und dann können Sie entscheiden.“

„Das hier soll ein Clan werden.“

Er ließ es einen Moment stehen.

„Er heißt Gu-Clan des Ewigen Dao. Ich habe den Namen am zwölften März in eine leere Senke gerufen, weil mich jemand gefragt hat, wie das Ding heißen soll, und ich hatte ungefähr zehn Sekunden Zeit.“

„Er hat im Moment ein einziges Mitglied. Mich.“

„Alle anderen hier sind Gäste.“

Fang Xiuying sagte laut: „Was?“

„Sie sind Gast, Frau Fang.“

„Ich koche seit Montag für dreizehn Leute!“

„Ja, und ich habe Sie nie darum gebeten, und ich habe seit Montag jeden Morgen etwas zu essen bekommen, das ich nicht selbst gemacht habe.“ Gu Tian sah sie an. „Sie sind trotzdem Gast. Das ist der Punkt.“

„Ich sage Ihnen die Regeln“, sagte er. „Es sind fünf. Sie sind seit dem zwölften März unverändert und ich habe sie vor zweihundert Leuten in einem Saal aufgesagt, den ich danach nicht wiedergesehen habe.“

Erstens: Niemand wird gegen seinen Willen Mitglied. Und niemand wird gegen seinen Willen darin gehalten.

„Das heißt konkret: Wenn Sie heute beitreten und in vier Monaten gehen wollen, gehen Sie. Sie tragen Ihre Sachen raus und niemand stellt sich Ihnen in den Weg und niemand rechnet Ihnen vor, was Sie gekostet haben.“

Zweitens: Die Starken schützen die Schwachen. Nicht umgekehrt.

„Das ist die Regel, die dieses Haus von dem unterscheidet, aus dem ich komme. In Gu Qingpu hat man ausgerechnet, dass ein Mensch weniger wert ist als dreihundert. Ich mache diese Rechnung nicht auf. Wenn dieser Clan irgendwann in einer Lage ist, in der er jemanden opfern müsste, dann hat er vorher etwas falsch gemacht, und dann repariert man das Falsche und nicht den Menschen.“

Drittens: Rang und Ressourcen richten sich nach dem Beitrag. Nicht nach der Geburt und nicht nach dem Nachnamen.

„Das gilt auch für den Namen Gu. Ich heiße so und Herr Gu Zhong heißt so, und keiner von uns beiden bekommt deswegen irgendetwas.“

Viertens: Kein Verrat. Das ist die einzige Regel ohne zweite Chance.

„Und ich sage Ihnen gleich, was ich damit nicht meine. Ich meine nicht: Widerspruch. Ich meine nicht: schlechte Laune. Ich meine nicht, dass jemand mit einem anderen Clan redet oder eine Meinung hat, die mir nicht passt.“

„Ich meine: jemanden von hier ausliefern.“

Und fünftens: In diesem Clan liegt nie wieder ein Mensch auf einem Tisch, weil ein Vertrag es günstiger macht.

Es war eine Weile still.

„Junger Herr“, sagte Bai Er.

Er war vierundsechzig und hatte seit Montag ungefähr elf Sätze gesagt.

„Ja?“

„Das sind fünf Regeln, die einem Mann sagen, was Sie nicht tun.“

„Ja.“

„Was tun Sie denn?“

Gu Tian dachte einen Moment nach.

„Ich baue eine Familie“, sagte er.

Bai Er sah ihn an.

„Ich weiß, wie das klingt“, sagte Gu Tian. „Es klingt nach etwas, das man auf ein Plakat schreibt. Ich sage es trotzdem so, weil es die Wahrheit ist und weil ich Ihnen keine bessere Formulierung anbieten kann.“

„Ich bin am neunten März dieses Jahres gestorben. Nicht fast — richtig. Man hat mir etwas aus der Brust geschnitten und mich in ein Loch gelegt, und drei Tage später bin ich aufgewacht, und seitdem ist alles, was ich tue, ein Versuch, ein Haus zu bauen, in dem morgens Leute gleichzeitig frühstücken.“

„Das ist kein edles Ziel. Es ist ein sehr kleines. Ich habe fünftausendzweihundert Zimmer und dreizehn Leute und ich weiß, dass das lächerlich aussieht.“

Er sah in die Runde.

„Was ich Ihnen anbiete, ist: ein Zimmer, Essen, Schutz und Arbeit, wenn Sie welche wollen. Und eine sehr gute Chance, dass Sie in zwei Jahren stärker sind als heute, weil dieser Ort Dinge kann, die ich Ihnen später erkläre.“

„Was ich von Ihnen will, ist: dass Sie sich entscheiden.“

„Und wenn wir nicht wollen?“, fragte Zhu Meiling.

Sie sagte es leise und sah dabei zu Boden, und Mu Qingzhao drehte den Kopf zu ihr, und Gu Tian hob die Hand, bevor Mu Qingzhao etwas sagen konnte.

„Dann bleiben Sie Gast“, sagte er. „Unbefristet.“

Zhu Meiling sah auf.

„Was?“

„Frau Zhu, Sie sind achtundfünfzig, Sie haben keine Wurzel, und Sie haben von 2119 bis 2125 die Ausrüstung eines Trupps gewartet, dessen Führer mein Vater war. Sie werden nicht deswegen gejagt, weil Sie stark sind. Sie werden gejagt, weil Sie dabei waren.“

„Sie bleiben hier, solange Sie wollen, ob Sie beitreten oder nicht. Das ist keine Großzügigkeit — das ist Regel zwei.“

„Und ich sage Ihnen ehrlich, warum ich das so mache“, sagte Gu Tian. „Wenn ich Ihnen sage, dass Sie beitreten müssen, um sicher zu sein, dann ist Ihr Beitritt nichts wert. Und dieser Ort funktioniert nur mit Beitritten, die etwas wert sind.“

„Erklären Sie das“, sagte Gu Zhong.

„Was?“

„Sie haben gerade gesagt, dieser Ort funktioniert nur mit freiwilligen Beitritten.“ Gu Zhong stand am Rand, mit einer Kladde, in die er seit zehn Minuten schrieb. „Junger Herr, das ist ein technischer Satz und kein moralischer. Sie meinen das wörtlich.“

Gu Tian sah ihn an.

„Ja.“

„Warum?“

„Weil dieser Ort etwas hat, das nur bei freiwilliger Zugehörigkeit wirkt“, sagte Gu Tian. „Ich nenne es Clan-Segen, weil ich keinen besseren Namen habe. Es macht Cultivation schneller, Durchbrüche stabiler und Regeneration besser.“

„Es wirkt nicht bei Gästen. Es wirkt nicht bei Angestellten. Es wirkt nicht bei Leuten, die bleiben, weil sie müssen.“

„Und ich kann das nicht ändern. Es ist nicht meine Regel, ich habe sie geerbt.“

„Von wem?“, fragte Yan Bo.

„Das“, sagte Gu Tian, „ist die eine Frage, die ich heute nicht beantworte.“

Es gab danach fünfzehn Minuten Diskussion, und sie waren gut.

Yan Bo wollte wissen, wie die Zuständigkeiten aussehen sollten, und bekam zur Antwort, dass er und Gu Zhong das unter sich ausmachen und Gu Tian es unterschreibt.

Mo Qing wollte wissen, ob es eine Wachordnung gibt, und Mo Yan sagte, das habe er schon gefragt, und Mo Qing sagte, er habe besser gefragt.

Wei Lao stand auf.

„Junger Herr.“

„Ja?“

„Ich bin siebzig. Ich habe eine Rang-9-Holzwurzel und in vierzig Jahren nie über C hinaus gekultiviert.“ Er hatte immer noch Erde an den Händen. „Ihr Segen bringt mir nichts. Ich bin zu alt.“

„Wahrscheinlich.“

„Was soll ich hier?“

„Können Sie Boden lesen?“

Wei Lao blinzelte.

„Was?“

„Ich habe hier zwei Kilometer Grasland, das seit vierzig Jahren nichts trägt, und seit dem zwölften März hat sich das geändert und ich weiß nicht wie.“ Gu Tian zeigte über die Mauer. „Ich habe im Nordhof einen Fleck, der grün geworden ist, weil ich dort cultiviere. Ich habe keine Ahnung, ob man darauf etwas anbauen kann.“

„Ich kann Ihnen Spirit-Steine kaufen. Ich kann Ihnen keine Felder kaufen.“

Wei Lao stand ungefähr sechs Sekunden lang still.

Dann sagte er: „Zeigen Sie mir den Fleck.“

Die Entscheidung selbst dauerte weniger als eine Minute und war vollkommen undramatisch.

Gu Tian sagte: „Wer beitreten will, sagt es. Nicht jetzt sofort — Sie können auch morgen kommen oder nächste Woche oder in einem Jahr. Es gibt kein Zeitfenster.“

Und dann stand er da und wartete.

Mu Qingzhao sagte als Erste etwas.

Sie stand auf. Sie tat es mit einem Loch im rechten Oberschenkel, das seit Montag nur halb verheilt war, und sie brauchte dafür lange, und niemand half ihr, weil Song Meifeng eine Hand hob.

Dann ging sie drei Schritte und kniete.

„Frau Mu —“

„Sagen Sie nichts.“

Sie kniete auf einem Bein, weil das andere es nicht hergab, und sie sah zu ihm hoch.

„Junger Herr, ich mache das nicht wegen Ihres Vaters“, sagte sie. „Und ich mache es nicht wegen Ihrer Mutter, obwohl ich elf Jahre lang darauf gewartet habe, jemandem etwas zu sagen.“

„Ich mache es wegen Montagnacht.“

„Sie sind in ein Grasland gekommen, in dem neun Männer eine sechsundfünfzigjährige Frau umstellt haben. Und dann haben Sie den Verband selbst angelegt, schlecht, und haben in ein leeres Feld nach Ihrer Heilerin gerufen.“

„Und danach haben Sie mich gefragt, was ich weiß — und als ich nicht hier gesagt habe, haben Sie kein zweites Mal gefragt.“

Sie sah ihn an.

„Ich habe vierunddreißig Jahre lang für Leute gearbeitet, die ein zweites Mal fragen.“

Gu Tian ging in die Hocke, sodass er auf ihrer Höhe war.

„Frau Mu, ich möchte, dass Sie das aufstehend sagen.“

„Warum?“

„Weil in diesem Clan niemand kniet.“

Mu Qingzhao sah ihn an.

„Junger Herr, ich bin sechsundfünfzig und ich knie seit vierunddreißig Jahren vor niemandem. Ich habe das eben ausgesucht.“

„Und ich sage Ihnen: Lassen Sie mir das.“

Gu Tian schwieg drei Sekunden.

„Verstanden“, sagte er, und stand auf.

Danach ging es schnell und war laut.

Fang Xiuying sagte: „Ich koche sowieso schon“, was Yan Bo später als formal problematisch bezeichnete und Gu Zhong als ausreichend.

Die Mo-Brüder traten gemeinsam bei und stritten anschließend darüber, wer zuerst gesprochen hatte.

Wei Lao sagte: „Erst der Fleck“, und Gu Tian sagte: „Gut.“

Wang Fu sagte ja. Bai Er sagte ja. Zhu Meiling sagte nichts, und niemand sah sie an, was die einzige Freundlichkeit war, die in diesem Moment möglich war.

Yan Bo sagte ja und hielt dazu eine Rede von zwei Minuten.

Und Gu Zhong sagte: „Selbstverständlich, junger Herr“, so, als sei die Frage eine Formalität, die er vor drei Tagen in einem Büro mit zwei leeren Schreibtischen beantwortet hatte.

Song Meifeng trat nicht bei.

Sie hatte es Gu Tian am Vorabend gesagt, und sie sagte es jetzt vor allen, weil sie es für richtig hielt.

„Ich bin nicht im Clan“, sagte sie. „Noch nicht.“

Yan Bo sah verwirrt aus.

„Aber Sie wohnen hier.“

„Ja.“

„Und Sie sind —“ Er suchte nach einer Formulierung.

„Ich bin mit ihm zusammen, ja.“ Song sagte es vollkommen unaufgeregt. „Und ich bin bei einem Sonderteam der Jägervereinigung, und ich habe vor zwei Wochen jemandem gesagt, dass ich beitrete, wenn er mich fragt, und er hat mich noch nicht gefragt.“

Sie sah Gu Tian an.

„Er verschiebt es seit vier Tagen, weil er Angst hat, dass ich nur Ja sage, weil wir zusammen sind.“

Es wurde still.

„Das“, sagte Mu Qingzhao vom Boden aus, „ist das Vernünftigste, was heute jemand gesagt hat.“

[Ich möchte etwas melden.]

„Ja.“

[Der Clan-Segen ist von einem Bruchteil eines Prozents auf Grundstufe gesprungen.]

[Zehn freiwillige Mitglieder. Er wirkt ab jetzt spürbar: etwa vierzig Prozent schnellere Cultivation, stabilere Durchbrüche, verbesserte Regeneration und höhere Qi-Reinheit.]

[Zwei Anmerkungen.]

[Erstens: Frau Zhu Meiling ist nicht beigetreten und der Segen wirkt bei ihr nicht. Das ist korrekt und ich bitte dich, es nicht als Mangel zu behandeln.]

[Zweitens: Wei Lao hat gesagt, der Segen bringe ihm nichts, weil er siebzig ist.]

[Das ist falsch. Es wird ihn nicht stark machen. Aber ein siebzigjähriger Mann mit einer Rang-9-Holzwurzel, der auf einem Boden arbeitet, der vierzig Prozent besser mit ihm zusammenarbeitet, wird in drei Jahren Dinge wachsen lassen, die auf dieser Welt seit der Versiegelung nicht gewachsen sind.]

[Sag es ihm nicht heute. Lass ihn es merken.]

Es gab am Nachmittag noch eine Sache.

Sie kam von Fang Xiaoyu, die siebzehn war und seit Montag da war, weil sie die Nichte von Fang Xiuying war und in Zhujiajiao im selben Haus gewohnt hatte, und die bis zu diesem Nachmittag nicht ein einziges Wort gesagt hatte.

Sie kam in den Zentralhof, als Gu Tian allein dort stand, und blieb sechs Meter entfernt stehen.

„Junger Herr.“

„Ja?“

„Ich kann nicht lesen.“

Gu Tian drehte sich um.

„Ich meine, ein bisschen“, sagte sie schnell. „Zahlen. Und Straßennamen. Aber nicht — meine Tante hat gesagt, es gibt hier eine Halle mit Schriften drin.“

„Ja.“

„Ich wollte fragen, ob ich da rein darf.“

Gu Tian sah sie an.

„Ja“, sagte er.

„Auch wenn ich nicht lesen kann?“

„Fräulein Fang, ich habe diese Halle seit vier Wochen und noch nie jemanden hineingelassen, weil es niemanden gab.“ Er ging drei Schritte. „Sie wären die Erste.“

„Ich bin Küchenhilfe.“

„Und?“

„Und —“ Sie hielt an. „Bei uns zu Hause durften nur die aus der Hauptlinie in die Schriftenhalle.“

„Bei euch zu Hause“, sagte Gu Tian, „ist ein Dreiundzwanzigjähriger auf einen Tisch geschnallt worden.“

Er ging mit ihr hin.

Der Dao-Schriftenpavillon war ein runder Raum mit einem Sockel in der Mitte, und auf dem Sockel lag eine flache, matte Steinscheibe, die seit vier Wochen niemand berührt hatte.

„Legen Sie die Hand darauf.“

„Was passiert dann?“

„Ich weiß es nicht genau“, sagte Gu Tian ehrlich. „Es liest Ihre Wurzel, Ihren Körper und Ihr Verständnis und gibt Ihnen etwas Passendes. Bei mir würde es vermutlich gar nichts tun, weil es nicht für mich gebaut ist.“

Fang Xiaoyu legte die Hand auf.

Sie zog sie nach zwei Sekunden wieder weg.

„Es ist warm!“

„Ja.“

„Ist das schlimm?“

„Nein.“

Sie legte die Hand wieder auf.

Sie stand vier Minuten so da.

Dann nahm sie die Hand weg und sah auf ihre Handfläche und dann auf Gu Tian und dann wieder auf ihre Handfläche.

„Junger Herr.“

„Ja?“

„Ich kann lesen.“

[Grundschrift Lesekundigkeit. Es ist die einfachste Übertragung im Kern und die einzige, die ohne Wurzelanforderung funktioniert.]

[Sie ist im Kern enthalten, weil in jeder Kultur, in der ich Clans kartiert habe, irgendwann jemand vor einer Schriftenhalle stand, der die Schriften nicht lesen konnte.]

Gu Tian stand in einem runden Raum und sah einer Siebzehnjährigen zu, die auf ihre eigene Hand starrte.

„Das ging in vier Minuten“, sagte er.

[Ja.]

„Und es hat nichts gekostet.“

[Nein.]

„Warum hat mir das niemand gesagt?“

[Du hast nie gefragt, was in dem Kern steht. Du hast ihn seit vier Wochen als Gebäudeteil behandelt.]

Eine Pause.

[Das ist keine Kritik. Du hattest in diesen vier Wochen drei Bewohner. Ich sage es dir jetzt, weil du ab heute zwölf hast und weil in dem Kern noch zweiundvierzig weitere Schriften liegen.]

Fang Xiaoyu lief hinaus, um es ihrer Tante zu erzählen.

Gu Tian blieb stehen und legte selbst die Hand auf den Sockel, weil er neugierig war.

Es passierte nichts.

„Nicht für mich gebaut.“

[Nein. Du bekommst Übertragungen direkt von mir, in voller Tiefe. Der Kern ist eine abgeschwächte Version für Menschen, die keinen Systemträger im Haus haben.]

[Und bevor du fragst: Nein, du kannst das nicht weitergeben.]

„Warum nicht?“

[Weil Dao-Übertragung an eine Seele gebunden ist, die eine Bindung mit mir eingegangen ist. Du kannst deinen Leuten Techniken erklären, zeigen, vormachen — wie jeder andere Lehrer auch.]

[Du kannst ihnen nicht in vier Sekunden dreißig Jahre Muskelgedächtnis geben.]

[Ich weiß, dass dich das ärgert. Es ist trotzdem gut so. Ein Clan, dessen Mitglieder ihre Fähigkeiten geschenkt bekommen, ist ein Clan, der beim Tod des Oberhaupts aufhört zu existieren.]

Am Abend saßen sie wieder am dritten Tisch.

Es waren vierzehn, weil Fang Xiaoyu diesmal mit am Tisch saß statt in der Küche zu essen, und weil sie den ganzen Abend über das Menü las, das Yan Bo vormittags handschriftlich aufgehängt hatte, und dabei mit dem Finger unter den Zeichen entlangfuhr.

Gu Zhong kam mit einem Blatt Papier an den Tisch.

„Junger Herr. Zwei Dinge.“

„Ja?“

„Erstens: Wir brauchen ein Zeichen.“

„Ein was?“

„Ein Clanzeichen.“ Gu Zhong legte das Blatt hin. „Ich bin heute Nachmittag dreimal gefragt worden, was auf die Lieferpapiere soll. Ich habe Gu-Clan des Ewigen Dao geschrieben, und der Fahrer hat gefragt, ob wir ein Siegel haben.“

„Und?“

„Und ich habe gesagt, wir seien vier Tage alt.“ Gu Zhong schob das Blatt näher. „Junger Herr, das ist keine Eitelkeit. Ein Haus ohne Zeichen kann nichts bestellen, nichts unterschreiben und nichts beweisen.“

Gu Tian sah auf das leere Blatt.

„Ich kann nicht zeichnen.“

„Ich auch nicht“, sagte Gu Zhong.

„Ich kann“, sagte Luo Shuang, ohne aufzusehen. „Nicht schön. Aber geometrisch korrekt.“

Song sah Gu Tian an.

„Was soll draufstehen?“

Er dachte lange nach.

„Neun Wurzeln“, sagte er dann.

„Neun?“

„Die Skala geht bis neun.“ Er nahm einen Stift und machte neun Striche auf das Blatt, kreisförmig angeordnet, ungeschickt. „Rang neun bis Rang eins. Alle neun. Nicht nur die obere.“

„Weil in diesem Clan eine Rang-9-Wurzel, die arbeitet, über einem Faulen mit Rang vier steht.“

„Und in der Mitte?“, fragte Song.

Gu Tian sah auf die Zeichnung.

„Nichts“, sagte er.

„Nichts?“

„Kein Symbol. Keine Form. Nur eine leere Stelle.“ Er legte den Stift hin. „Weil in der Mitte das Chaos steht, und Chaos hat keine Form, und wer versucht, ihm eine zu geben, hat es nicht verstanden.“

Luo Shuang zeichnete es in elf Minuten sauber nach.

Neun goldene Wurzeln in einem Kreis, nach innen gerichtet, und in der Mitte eine Fläche, auf der nichts war.

Yan Bo sah es an und sagte: „Das ist sehr schlicht.“

„Ja.“

„Andere Häuser haben Drachen und Phönixe und Berge.“

„Ich habe einen Drachen“, sagte Gu Tian. „Sie liegt auf dem Dach und würde es hassen.“

Vom Dach kam ein Geräusch, das die halbe Tischgesellschaft zusammenzucken ließ.

»ICH HÖRE DAS.«

„Zweitens“, sagte Gu Zhong.

„Ja?“

Der alte Mann strich sein Hemd glatt.

„Junger Herr, wann gründen Sie den Clan eigentlich offiziell?“

Gu Tian sah ihn an.

„Ich habe ihn am zwölften März gegründet.“

„Sie haben in eine leere Senke einen Namen gerufen.“ Gu Zhong sagte es ohne jede Schärfe. „Das ist eine Absichtserklärung. Heute Vormittag haben zehn Menschen gesagt, dass sie dazugehören wollen. Das ist etwas anderes.“

„Und Sie haben es nicht abgeschlossen.“

„Was fehlt denn?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Gu Zhong. „Ich bin Verwalter, kein Priester. Aber ich habe vierzig Jahre in einem Haus gearbeitet, und ich weiß, dass Menschen einen Moment brauchen, an den sie sich später erinnern.“

„Sonst erzählen sie in zwanzig Jahren, sie seien irgendwann im April dazugestoßen.“

Gu Tian saß eine Weile still.

„Herr Gu.“

„Junger Herr.“

„Sie haben recht, und ich verschiebe es trotzdem.“

„Um wie lange?“

„Ein paar Tage.“ Gu Tian sah über den Tisch, an dem vierzehn Leute saßen. „Wir sind seit heute Vormittag ein Clan mit zehn Mitgliedern und ohne Verwaltung, ohne Wachordnung, ohne Vorräte, ohne Konto und ohne Schutz.“

„Wenn ich das morgen offiziell mache, feiern wir etwas, das noch nichts ist.“

„Machen Sie zuerst Ihre Arbeit. Sie und Yan Bo. Und wenn Sie mir sagen, dass dieses Haus steht, dann machen wir es richtig.“

Gu Zhong nickte langsam.

„Das ist eine gute Antwort, junger Herr.“

„Es ist eine feige.“

„Nein“, sagte Gu Zhong. „Feige wäre, es nie zu machen. Sie haben mir gerade eine Frist gegeben, die ich einhalten kann, und mir die Verantwortung dafür übertragen.“

Er schrieb etwas in seine Kladde.

„Ich brauche neun Tage.“

Später, als der Saal leer war, blieben drei sitzen.

Gu Tian, Song Meifeng und Mu Qingzhao, die immer noch nicht gut gehen konnte und die den ganzen Abend gewartet hatte, ohne es zu sagen.

„Jetzt?“, fragte sie.

„Jetzt.“

Mu Qingzhao griff in den Kragen und zog den schwarzen Anhänger heraus und legte ihn auf den Tisch.

Und in dem Moment, in dem er das Holz berührte, veränderte sich etwas an Gu Tians Blut.

Er merkte es zuerst nicht als Gedanke. Er merkte es an seinem Ursprungsboden: Etwas darin bewegte sich, ohne dass er es angewiesen hätte, und richtete sich aus — nicht auf den Anhänger, sondern auf etwas durch ihn hindurch, in eine Richtung, die es in diesem Speisesaal nicht gab.

Song sah ihn an.

„Was ist?“

Gu Tian sah auf den daumennagelgroßen schwarzen Stein mit einer eingeschnittenen Schildkröte.

„Er antwortet“, sagte er.

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