Es kam in einer Linie.
Vier Meter Schattenwolf, ausgezehrt, ohne Rüstung, und schneller als vorher — das war die unangenehme Überraschung. Die Platten hatten Gewicht gehabt. Ohne sie war das Tier ein Pfeil.
Gu Tian setzte den Leerenversatz.
Zwei Meter nach rechts, aus der Linie heraus, und im selben Moment kam der erste Seelenstoß, und der Stoß kam nicht dorthin, wo Gu Tian gewesen war, sondern dorthin, wo er sein würde.
Es traf.
[Sieben.]
Gu Tian ging auf ein Knie, und der Wolf war über ihm.
Er benutzte etwas, das er den ganzen Nachmittag nicht benutzt hatte.
Chaos-Barriere.
Sie stand in seinem Technikbaum unter Verteidigung, und das System hatte in Zelle sieben gesagt, sie sei gesperrt — was nicht ganz stimmte: Die vollen Formen waren gesperrt. Die Grundstufe konnte er, und die Grundstufe war eine Handbreit dick, einen Meter im Durchmesser und hielt genau einen Treffer.
Er warf sie schräg über sich, nicht flach.
Der Wolfskiefer traf sie im Winkel, rutschte ab und ging daneben in den Boden.
Gu Tian rollte unter dem Bauch des Tieres hindurch und schnitt im Rollen nach oben.
Das Jian ging durch. Kein Widerstand, keine Platte, nichts — die Klinge lief vom Brustbein bis zur Leiste, und diesmal kam Blut, richtiges, warmes, tierisches Blut, und es kam sehr viel davon.
Der Schattenwolfkönig brach mit den Vorderläufen ein.
»Du kannst mich nicht töten.«
„Ich kann den Wolf töten.“
»Und dann?« Die Stimme war völlig ruhig, während der Körper darunter verblutete. »Dann springe ich. Dorthin.«
Gu Tian folgte der Richtung, ohne den Kopf zu drehen.
Nach Nordosten. Zum Hang.
»Acht Menschen. Ich nehme den Größten. Er hat keine Wurzel und keine Kanäle, in denen ich mich verheddern könnte. Ein leeres Haus mit dicken Wänden.«
„Lu Chen.“
»Wenn du willst, dass er einen Namen hat.«
Gu Tian stand vier Meter entfernt und atmete.
„System.“
[Ich rechne bereits.]
„Kann ich es aus dem Kern holen, bevor es springt?“
[Nein. Ein Fragment springt in dem Moment, in dem der Träger stirbt, und der Sprung ist schneller als jede Bewegung, die dir zur Verfügung steht.]
„Kann ich es festhalten?“
[Nicht mit Gewalt. Es hat keinen Körper, an dem man festhält.]
Eine Pause.
[Aber es hat einen Ort.]
„Erklär.“
[Es sitzt im Beast-Kern. Der Beast-Kern ist eine Struktur; das Fragment hat sich darin verankert, so wie eine Wurzel sich in Erde verankert. Es springt nicht frei durch die Luft — es löst die Verankerung und legt sie in einem Moment woanders neu.]
[Zwischen Lösen und Neusetzen liegt eine sehr kurze Zeit, in der es ungebunden ist.]
„Wie kurz?“
[Etwa ein Fünfzigstel einer Sekunde.]
„Und in dieser Zeit?“
[In dieser Zeit ist es reine Seelensubstanz ohne Struktur. Und reine Substanz ohne Struktur kann man —]
„— zurückführen.“
[Ja.]
Gu Tian sah auf den blutenden Wolf.
„Was passiert mit mir, wenn ich ein Sechshundertstel einer Dämonengeneralsseele in meinen Ursprungsboden nehme?“
[Nichts Gutes, wenn du es am Stück nimmst.]
[Zur Erinnerung: Kapazität realmbegrenzt. Ein Sechshundertstel hat immer noch eine Gesetzesqualität weit über deinem Reich. Wenn du es vollständig aufnimmst, hältst du es vielleicht vier Sekunden, und dann schreibt es in dir weiter, was es im Wolf geschrieben hat.]
„Also portionsweise.“
[In einem Fünfzigstel einer Sekunde gibt es keine Portionen.]
Gu Tian stand still.
Dann sagte er: „Doch. Wenn ich vorher etwas anderes daneben halte.“
Es dauerte zwei Sekunden, ihm zu erklären, was er vorhatte.
[Das ist —]
Das System hielt an.
[Sag mir, warum du glaubst, dass es funktioniert.]
„Weil Chaos-Feuer nichts verbrennt“, sagte Gu Tian. „Es führt zurück. Es ist dasselbe wie meine Absorption, nur außerhalb meines Körpers.“
„Ich habe damit einen Dao-Ursprungsknochen aufgelöst. Ich habe ihn nicht aufgenommen — ich habe ihn in der Luft zurückgeführt und den Rest davontreiben lassen.“
„Wenn ich das Fragment in dem Moment, in dem es ungebunden ist, in eine Chaos-Flamme lege, muss ich es nicht durch meinen Ursprungsboden schicken. Es wird außerhalb von mir zu nichts.“
[Und die Menge?]
„Ist mir dann egal. Eine Flamme hat keine Meridiane.“
Sehr lange Pause.
[Das ist richtig.]
[Ich sage dir zwei Dinge dazu, und dann tu es.]
[Erstens: Du musst die Flamme vor dem Tod des Wolfes stehen haben, und zwar exakt an der Stelle, an der der Kern liegt. Ein Fünfzigstel Sekunde reicht nicht zum Zünden.]
[Zweitens: Du hast bisher Chaos-Feuer aus einer Handfläche erzeugt und über eine Klinge gelegt. Du hast noch nie eine frei stehende Flamme im Körper eines anderen Wesens gehalten.]
„Dann wird es Zeit.“
Er ging hinein.
Der Wolf hatte in den letzten zwanzig Sekunden nicht aufgehört zu kämpfen — er blutete aus einem Schnitt vom Brustbein bis zur Leiste und stand trotzdem wieder auf den Vorderläufen und schlug nach ihm.
Gu Tian ließ den Schlag kommen und ging unter der Pfote durch.
Grenzenloser Chaos-Schritt — sechs Meter, hinter das Tier.
Der Wolf drehte.
Chaos-Eis, nicht auf den Boden diesmal, sondern auf die Hinterläufe: eine dünne Schicht, keine Handbreit dick, gerade genug, um die Sehnen für anderthalb Sekunden zu blockieren.
Der Wolf sackte hinten weg.
Und Gu Tian war unter ihm.
Es war die unbequemste Position, in der er je gekämpft hatte: auf dem Rücken, unter dem Brustkorb eines vier Meter langen Tieres, das über ihm zusammenbrach, mit Blut, das auf sein Gesicht lief.
Er sah durch die Dao-Sicht nach oben.
Der Beast-Kern war ein Punkt von der Größe einer Walnuss, eine Handbreit hinter dem linken Schulterblatt.
Und darin, in der Mitte, saß etwas, das nicht dorthin gehörte: ein Splitter, sehr klein, sehr dicht, und wenn man ihn zu lange ansah, sah er zurück.
Gu Tian hob die linke Hand.
Nicht mit der Waffe. Er drückte die offene Handfläche flach gegen die Flanke des Tieres, direkt über dem Kern, und ließ Chaos-Qi hinein.
Es war das erste Mal, dass er versuchte, eine Flamme in einem lebenden Körper zu zünden.
Es funktionierte nicht.
Chaos-Qi brauchte im Inneren eines fremden Wesens Raum, und Fleisch war kein Raum. Die Energie lief in das Gewebe und verteilte sich und wurde nichts.
[Fünf Sekunden bis zum Verbluten.]
„Ich weiß.“
[Vier.]
Gu Tian dachte sehr schnell.
Es braucht Raum. Es braucht eine Höhle.
Also machte er eine.
Er zog die Hand zurück, nahm das Jian in die Rechte und stieß es senkrecht nach oben in die Flanke — eine Handbreit neben dem Kern, nicht hinein.
Die Klinge ging bis zum Stichblatt durch.
Er drehte sie um neunzig Grad.
Und legte die linke Handfläche auf das Heft, und schickte das Chaos-Qi nicht in Fleisch, sondern an der Klinge entlang, so wie er es an diesem Nachmittag ein Dutzend Mal getan hatte, und am Ende der Klinge, in dem Hohlraum, den die Drehung geschaffen hatte, direkt neben einer Walnuss aus verdichteter Beast-Energie —
— zündete es.
Die Flamme stand.
Sie war klein. Ein Kern grau-schwarz, ein Rand orange, kaum größer als eine Faust, in einer Wunde in der Flanke eines sterbenden Tieres.
Und sie stand genau da, wo sie stehen musste.
»…was.«
Zum ersten Mal an diesem ganzen Tag hörte Gu Tian in der Stimme etwas, das nicht Neugier, nicht Wut und nicht Eile war.
„Ich habe dir gesagt, dass ich es nicht in mich hineinnehme.“
»Du kannst nicht —«
„Ich nehme es überhaupt nicht.“
Gu Tian zog das Jian heraus und schnitt im Herausziehen quer durch die Halsschlagader.
„Ich lasse dich nur da draußen zu Ende gehen.“
Der Schattenwolfkönig starb.
Es dauerte weniger als eine Sekunde. Der Kopf sackte weg, die Vorderläufe knickten, vier Meter Beast fielen zur Seite auf den zertretenen Boden, und die gelblichen Augen wurden das, was Augen werden.
Und in dem Beast-Kern löste sich eine Verankerung.
Gu Tian sah es durch die Dao-Sicht mit der schrecklichen Klarheit eines Menschen, dessen Wahrnehmung schneller ist als seine Reaktion: Der Splitter zog sich zusammen, ließ los, und war für ein Fünfzigstel einer Sekunde freie Substanz ohne Struktur.
Er sprang.
Er sprang nach Nordosten, den Hang hinauf, dorthin, wo acht Menschen standen und einer davon keine Wurzel hatte.
Er kam ungefähr vier Zentimeter weit.
Dann lag er in der Flamme.
Es gab kein Aufheulen. Es gab kein letztes Wort. Die Vorstellung, dass etwas in einem solchen Moment noch redet, gehörte in die Geschichten, die man auf dieser Welt über große Kämpfe erzählte, und Gu Tian hatte an diesem Nachmittag gelernt, dass nichts daran stimmte.
Die Flamme wurde für zwei Sekunden hell.
In diesen zwei Sekunden sah Gu Tian, durch die Dao-Sicht, was in dem Splitter gewesen war, bevor er zurückkehrte — nicht als Erinnerung, sondern als Struktur, so wie man einen Bauplan sieht:
Eine Ebene, auf der sehr viele Dinge in geraden Linien standen. Ein Himmel, der kein Himmel war. Etwas Großes, das ging und nicht ankam. Und, ganz kurz, eine Zahl, die keine Zahl war, sondern eine Ordnung: sechshundert.
Dann wurde es grau.
Dann wurde es weniger.
Dann war es nichts, und was blieb, war ein kaum wahrnehmbarer Zug von etwas Gestaltlosem, der sich über einer Lichtung im Wald von Sheshan verteilte und in den nächsten Minuten von den Bäumen, dem Boden und der Luft aufgenommen wurde.
Gu Tian nahm nichts davon.
[Fragment vollständig aufgelöst.] [Rückführung außerhalb des Trägerkörpers durchgeführt. Keine Seelenbelastung.]
Und dann, nach einer Pause, die für ein System sehr lang war:
[Das war klug.]
Gu Tian setzte sich auf einen umgestürzten Baum und atmete zwanzig Sekunden lang.
Er war voller Wolfsblut. Seine linke Hand zitterte, und zwar so, dass er sie in die Jacke steckte, als er hörte, dass jemand den Hang herunterkam.
Es waren vier: Chen Ruolan vorneweg, Lu Chen, Luo Shuang, Song.
Chen Ruolan blieb am Rand der Lichtung stehen und sah sich um: umgestürzte Kiefern, eine Eisfläche, dunkelroter Staub in einem Ring, vier Meter totes Beast.
„Ist es tot?“
„Beides.“
„Beides?“
„Der Wolf und das, was in ihm war.“
Chen Ruolan nickte langsam.
Dann sagte sie: „Sie haben zurückgesehen.“
„Ja.“
„Ich hatte Sie darum gebeten, es nicht zu tun.“
„Ich weiß.“ Gu Tian sah zu ihr hoch. „Es tut mir nicht leid.“
Chen Ruolan sah ihn eine ganze Weile an.
„Vierzehn“, sagte sie schließlich. „In einer halben Sekunde. Aus achthundert Metern.“
„Ja.“
„Ich schreibe das in den Bericht.“
„Ich weiß.“
„Es wird Ihr Leben ändern.“
„Das ist es schon.“
Song ging um den toten Wolf herum, hockte sich neben ihn und legte die Hand auf die Flanke, die keine Rippen mehr verdeckten.
„Er war ausgehungert.“
„Ja.“
„Wie lange?“
„Drei Wochen.“ Gu Tian sah nicht hin. „Es hat ihn aufgebraucht, um sich eine Rüstung zu bauen. Er hätte noch vier Tage gehabt.“
Song sagte nichts.
Dann stand sie auf, kam zu ihm und nahm ohne zu fragen seine linke Hand aus der Jacke.
Sie zitterte immer noch.
„Wie oft?“, fragte sie.
„Was?“
„Wie oft hat es Sie getroffen. An der Seele.“
Gu Tian überlegte, ob er lügen sollte.
„Sieben Mal.“
„Und was ist die Grenze?“
„Acht.“
Song Meifeng schloss kurz die Augen.
„Ah Tian.“
„Ich weiß.“
„Nein, Sie wissen es nicht, sonst hätten Sie es nicht getan.“ Sie hielt seine Hand immer noch. „Seelenschaden heilt nicht. Nicht mit Lebens-Qi, nicht mit Pillen, nicht mit Zeit. Ich habe zwei Menschen gesehen, bei denen es zu weit ging. Der eine hat aufgehört zu sprechen. Der andere hat aufgehört, seine Frau zu erkennen.“
„Ich weiß.“
„Sagen Sie das nicht dauernd.“
Sie ließ los und drehte sich weg, und Gu Tian merkte, dass sie das tat, weil sie sonst geweint hätte, und dass sie nicht weinen wollte, wo vier Leute zusahen.
Luo Shuang rettete die Situation, ohne es zu merken.
„Es ist immer noch da!“
„Was?“
Sie hielt ein Gerät hoch, das wieder Strom hatte, weil sie zwei Batterien aus dem Fernglas ausgebaut hatte.
„Der Kern! Das Ritual läuft weiter! Frau Chen, die Korruption steht bei — bei siebenundvierzig Prozent, und die Sprünge kommen immer noch alle sechs Sekunden!“
Gu Tian stand auf.
„Tao Shun lebt noch.“
„Wie lange?“, fragte Chen Ruolan sofort.
Gu Tian sah in die Richtung des Kerns und öffnete die Dao-Sicht.
Achthundert Meter. Der faustgroße Punkt, jetzt deutlich dunkler als am Nachmittag. Einundsechzig Fäden. Und, direkt darunter, sehr schwach, ein menschliches Muster, das immer noch pulsierte.
Sehr langsam.
„Vierzig Minuten. Vielleicht dreißig.“
Chen Ruolan drehte sich um.
„Lu, hol die anderen runter. Ding trägt die Ausrüstung, Ma und Zhou sichern, Xu geht vorn. Wir gehen zum Kern. Alle.“
„Frau Chen —“
„Es sind vierundzwanzig Wölfe tot. Es ist nichts mehr da draußen.“ Sie war schon in Bewegung. „Und ich bin nicht bereit, hier zu stehen und zu warten, während ein Mann, den ich seit sechs Jahren kenne, achthundert Meter weiter verblutet.“
Sie brauchten neunzehn Minuten.
Der Kern lag in einer Senke am Talboden, wo früher ein Bachbett gewesen war, und was sie dort fanden, war so schlicht, dass Luo Shuang später schrieb: Es sah aus wie eine Baustelle.
Ein Kreis aus zwölf flachen Steinen, sorgfältig gesetzt. Ein Muster aus etwas Dunklem auf dem Boden, das nicht Farbe war. Ein zusammengeklappter Wartungskoffer der Jägervereinigung Songjiang, geöffnet, mit sauber sortiertem Werkzeug. Eine Trinkflasche. Ein Foto, in eine Plastikhülle geschoben und mit einem Stein beschwert: drei Kinder auf einer Treppe.
Und, in der Mitte des Kreises, ein Mann.
Tao Shun war Anfang vierzig und sah aus wie sechzig. Er saß im Schneidersitz, den linken Arm auf dem Knie, und aus einem sehr sauberen Schnitt an seinem Unterarm fiel alle sechs Sekunden ein einzelner Tropfen in eine flache Schale.
Er war bei Bewusstsein.
Als sie kamen, hob er den Kopf.
„Ihr habt lange gebraucht“, sagte er.
Chen Ruolan ging auf ihn zu.
„Nicht!“ Er hob die rechte Hand. „Nicht in den Kreis. Wenn der Takt aussetzt, bevor der Kern gestützt ist, kippt die Membran, und dann fällt sie auf uns statt über uns.“
Luo Shuang war in zwei Sekunden neben ihm, hockte sich hin und sah auf das Muster, und was in ihrem Gesicht passierte, war schwer anzusehen.
„Das ist Ihre Handschrift.“
„Ja.“
„Warum?“
Tao Shun sah sie an, und es war der Blick eines Mannes, der seit sieben Stunden auf genau diese Frage gewartet hatte.
„Weil sie meine Kinder haben“, sagte er.
Niemand sagte etwas.
„Seit dem Achten. Drei Männer. Sie haben mir gesagt, was ich bauen soll, und sie haben mir gesagt, dass ich es nicht melden soll, und sie haben mir ein Foto geschickt, auf dem meine Tochter aus der Schule kommt.“
Er sah auf die Schale.
„Sie haben nicht gesagt, dass ich es selbst speisen muss. Das stand in dem Plan, den sie mir gegeben haben, ganz unten, in einer Zeile, die ich erst am Fünfzehnten verstanden habe.“
Er lachte, ein hässliches, trockenes Geräusch.
„Ich habe dreiundzwanzig Leute aus Jinshan geholt. Wusstet ihr das?“
„Ja“, sagte Chen Ruolan.
„Und heute habe ich acht eingesperrt.“
„Sieben“, sagte Chen Ruolan.
„Was?“
„Sie haben acht Leute eingesperrt und keiner ist tot. Also haben Sie sieben eingesperrt und sind selbst der Achte.“ Sie ging in die Hocke, außerhalb des Kreises. „Tao. Sehen Sie mich an. Wir holen Sie hier raus.“
„Der Kern —“
„Frau Luo“, sagte Gu Tian.
Luo Shuang sah hoch.
„Sie haben mir heute Nachmittag gesagt, Sie können den Kern stützen, während jemand die Korruption entfernt. Sie haben gesagt: Strom, vierzig Minuten, und niemand darf Sie anfassen.“
„Ja.“
„Sie haben keinen Strom und keine vierzig Minuten.“
„Ich weiß.“ Sie war schon dabei, den Wartungskoffer auszuräumen. „Aber er hat Strom. Das ist ein Wartungskoffer der Vereinigung, da ist eine Zelle drin, die reicht für zwei Stunden. Und vierzig Minuten waren für den ordentlichen Aufbau. Der unordentliche geht in zwölf, und dann habe ich hinterher eine Ermahnung.“
„Sie haben heute drei Ermahnungen.“
„Vier“, sagte Luo Shuang, ohne aufzusehen. „Der Geröllimpuls zählt doppelt.“
Sie arbeiteten dreiundzwanzig Minuten.
Es war, wie fast alles, was an diesem Tag wirklich funktioniert hatte, nicht spektakulär.
Luo Shuang setzte sechs Kontaktscheiben um den Kreis und rechnete laut, während sie es tat, weil sie nicht anders konnte. Ding Wei hielt ihr Gerät. Ma Lin und Zhou Kai standen mit Schilden im Rücken der beiden, obwohl nichts kam. Xu Yanyan saß auf einem Felsen und sah in einen Wald, in dem nichts mehr war, und sah trotzdem nicht weg.
Song kniete am Rand des Kreises, so nah, wie sie durfte, und redete mit Tao Shun.
Sie redete die ganze Zeit. Nicht über das Ritual. Sie fragte ihn nach seinen Kindern, und er erzählte, und sie stellte Zwischenfragen, und Gu Tian begriff nach einer Weile, dass sie das nicht aus Freundlichkeit tat, sondern weil ein Mann, der seit sieben Stunden im Takt Blut verliert, wach bleiben muss.
Und Gu Tian stand im Kreis.
Es war anstrengender als der Wolf.
Er nahm nicht alles auf einmal. Er hatte an einer Verankerung gelernt, wie viel er tragen konnte, und er hielt sich daran mit einer Genauigkeit, die ihn selbst überraschte: sechs Sekunden aufnehmen, vier Sekunden ruhen, sechs aufnehmen.
Die Korruption kam bereitwillig. Sie kam immer bereitwillig.
Jedes Mal, wenn sie an die erste Meridiankreuzung kam, versuchte sie, die Beschriftung zu lesen.
Jedes Mal ließ Gu Tian los, und jedes Mal fiel sie zurück, und jedes Mal kam grau und still und ohne Eigenschaft in seinem Ursprungsboden an, was Sekunden vorher ein Umschreibbefehl gewesen war.
Nach elf Minuten stand die Korruption bei dreißig Prozent.
Nach achtzehn bei vierzehn.
Nach dreiundzwanzig sagte Luo Shuang, mit einer Stimme, die ganz dünn war vor Konzentration: „Jetzt der Rest. Auf einmal. Ich halte die Struktur nicht länger.“
Gu Tian nahm den Rest auf einmal.
Es tat weh.
Er hatte in fünf Tagen nichts erlebt, das so wehtat — nicht die Wurzelbindung, nicht die neun Sekunden mit dem System, nicht die sieben Seelenstöße.
Vierzehn Prozent eines Portalkerns liefen in vier Sekunden durch ein Meridiannetz, das für ein Zehntel davon gebaut war, und Gu Tian stand in einem Kreis aus zwölf Steinen und ließ los, und ließ los, und ließ los.
Und dann war es vorbei.
Der Himmel ging weg.
Nicht schlagartig. Die schwarze Membran über zweieinhalb Kilometern Wald wurde erst dünn, dann durchscheinend, dann sah man Wolken dahinter, und dann sah man, dass es 19:40 war und dass die Sonne seit einer halben Stunde unter dem Horizont stand und dass der Himmel über Sheshan in einem sehr gewöhnlichen, sehr schmutzigen Orange lag, wie über jeder Stadt.
Es war der schönste Himmel, den Gu Tian in zwei Leben gesehen hatte.
Irgendwo weiter oben am Hang begannen gleichzeitig sieben Funkgeräte zu rauschen.
„— 7-C, hier Songjiang, bitte kommen, 7-C, hier Songjiang, wir haben seit fünf Stunden keine —“
Chen Ruolan nahm ihr Gerät.
Sie brauchte einen Moment.
„Songjiang“, sagte sie dann. „Hier 7-C. Wir sind acht. Wir sind vollzählig.“
Und, nach einer Pause:
„Neun. Wir haben Tao Shun. Er braucht sofort einen Hubschrauber.“
Sie holten ihn aus dem Kreis, und er verlor das Bewusstsein, sobald der Takt abriss, und Song hatte ihre Hand schon an seinem Arm.
„Song.“
„Ich weiß.“ Sie sah nicht auf. „Ich benutze kein Qi. Ich drücke ab. Das ist ein Verband, Ah Tian, das darf ich.“
Ma Lin kniete auf der anderen Seite und tat, was sie sagte.
Und in der Mitte des Kreises, wo eine flache Schale und ein Muster aus etwas Dunklem gewesen waren, schwebte jetzt ein faustgroßer Punkt einen Meter über dem Boden — farblos, still, ohne den geringsten roten Ton.
Er sah aus wie ein Loch in der Luft.
Gu Tian sah ihn an.
[Portalkern vollständig gereinigt.] [Korruption: 0 Prozent. Innenraum aufgelöst. Fremdanschluss entfernt.]
Und dann, in einem Tonfall, den Gu Tian in fünf Tagen erst einmal gehört hatte — nämlich in der Nacht, in der auf einem leeren Grundstück ein Palast entstanden war:
[Ort erkannt.]
[Bedeutender Check-in verfügbar.]