[Analyse abgeschlossen.]
[Ich sage dir zuerst, was es ist. Dann sage ich dir, was das bedeutet. Unterbrich mich nicht dazwischen; die Reihenfolge ist wichtig.]
Gu Tian stand in der Mitte der Terrasse.
Um ihn herum lagen sieben Menschen oder hielten sich an Felsen fest, und der Druck lag weiter auf allen wie eine Hand auf einem Genick.
„Sag.“
[Der Schattenwolfkönig ist ein D-Rang-Beast. Er war vor drei Wochen ein E-Rang. Er ist nicht bemerkenswert.]
[In seinem Beast-Kern sitzt etwas, das nicht zu ihm gehört.]
[Es ist ein Seelenfragment. Sein Ursprung ist ein dämonischer General.]
Gu Tian sagte nichts.
[Zur Größenordnung: Ein dämonischer General führt in einem Invasionsverband typischerweise mehrere hunderttausend Kämpfer. Seine Gesetzesqualität liegt oberhalb dessen, was diese Welt gegenwärtig erzeugen kann. Wenn ein solcher General hier stünde, wären alle Menschen in diesem Innenraum innerhalb von zwölf Sekunden tot, und ich würde dir raten, wegzulaufen und nie wieder in diese Provinz zurückzukehren.]
[Er steht nicht hier. Es ist ein Fragment.]
„Wie groß?“
[Nach meiner Messung ungefähr ein Sechshundertstel.]
„Ein Sechshundertstel.“
[Ja. Und es liegt seit vermutlich sehr langer Zeit ohne Verbindung zu seinem Ursprung in dieser Welt. Es ist geschwächt, orientierungslos und an einen Tierkern gebunden, den es nicht selbst gewählt hat.]
[Ich schätze seine tatsächliche Kampfkraft auf oberes C bis unteres B.]
Gu Tian atmete aus.
„Das ist zu schaffen.“
[Ja.]
[Und jetzt der zweite Teil, und ich möchte, dass du ihn ernst nimmst.]
[Seine Kampfkraft liegt bei B. Seine Qualität liegt weit darüber.]
[Ein Sechshundertstel einer Seele, die Gesetze beherrscht hat, beherrscht sie immer noch — nur mit sehr wenig Substanz dahinter. Es ist wie ein Meister mit einem stumpfen Messer: Er kann dich damit nicht zerteilen, aber er weiß genau, wo er ansetzen muss.]
[Konkret bedeutet das drei Dinge.]
[Erstens: Sein Seelendruck ist keine Aura. Er ist eine Gesetzestechnik, primitiv angewendet. Dein Körper hilft dir dagegen gar nicht. Dein Talisman hält, solange er hält.]
[Zweitens: Der Wolf und das Fragment sind zwei Gegner in einem Körper. Wenn du den Wolf tötest, springt das Fragment auf das nächste geeignete Gefäß. In Reichweite befinden sich achtundzwanzig lebende Schattenwölfe, acht Menschen und du.]
[Drittens: Es ist neugierig auf dich, und das ist gefährlicher als Feindseligkeit. Ein Feind will dich töten. Ein Neugieriger will dich zuerst verstehen, und um dich zu verstehen, wird es in dich hineinsehen wollen.]
„Und wenn es das tut?“
[Dann sieht es eine Rang-1-Chaos-Dao-Wurzel.]
[Und dann weiß es, dass sie existiert. Und Fragmente sind zwar orientierungslos, aber nicht stumm.]
Gu Tian stand still.
„Also darf es nicht entkommen.“
[Also darf es nicht entkommen.]
„Frau Chen.“
Chen Ruolan drehte den Kopf. Sie stand immer noch. Sie blutete immer noch aus beiden Ohren, und der Talisman in ihrer Faust war zu Asche zerfallen.
„Was ist es?“
Gu Tian überlegte drei Sekunden lang, ob er lügen sollte, und verwarf es.
„In dem Wolfskönig sitzt ein Bruchstück einer dämonischen Seele“, sagte er. „Ein sehr kleines. Ungefähr ein Sechshundertstel.“
„Ein Sechshundertstel wovon?“
„Von etwas, das ein paar hunderttausend Dämonen befehligt hat.“
Es wurde sehr still.
Luo Shuang, die im Geröll saß, sagte mit dünner Stimme: „Es gibt keine Dämonen. Es gibt Beast-Zonen und Portalfauna, es gibt in den Klassifikationen keine —“
„Es gibt sie“, sagte Gu Tian. „Seit heute Nachmittag gibt es sie in Ihren Messdaten. Sie haben sie um 14:12 als gerichtete Kerndrift aufgeschrieben.“
Luo Shuang schloss den Mund.
„Kampfkraft?“, fragte Chen Ruolan.
„Oberes C bis unteres B.“
„Und Sie?“
„Höher. Nicht sehr viel.“
Chen Ruolan sah ihn an, und in ihrem Gesicht arbeitete etwas.
„Sagen Sie mir eine Zahl. Ehrlich. Ich habe hier sieben Leute und ich muss entscheiden, ob wir sterben oder ob wir warten.“
„Ich würde sagen: Ich gewinne“, sagte Gu Tian. „Nicht schnell und nicht sauber. Wenn Sie eine Prozentzahl wollen — achtzig.“
„Und die zwanzig?“
„Sind Seelenangriffe. Das ist das Einzige, wogegen ich nichts habe.“
Chen Ruolan nickte langsam.
„Dann gehen Sie.“
„Frau Chen —“
„Ich habe Ihnen heute Nachmittag gesagt, dass ich Sie an der Kante stehen lasse, damit meine Leute etwas lernen.“ Sie wischte sich das Blut vom Kiefer. „Das gilt für Schattenwölfe. Das gilt nicht für das da.“
Sie zeigte mit dem Speer talwärts.
„Sieben von acht meiner Leute liegen auf dem Boden und keiner von ihnen ist berührt worden. Das ist kein Gegner, an dem man wächst. Das ist ein Gegner, an dem man stirbt.“
Es kam nicht allein.
Das war das Erste, was Xu Yanyan meldete, als sie sich wieder auf den Block gezogen hatte — sie ging auf allen vieren hinauf, weil ihre Beine nicht trugen, und sie tat es trotzdem, was Gu Tian sich merkte.
„Achtundzwanzig“, sagte sie. „Und der Große.“
„Wie groß?“
„Ich —“ Sie setzte das Fernglas ab und wieder an. „Frau Chen, der ist so groß wie ein Auto.“
Sie ordneten sich in vier Minuten.
Chen Ruolan machte es schnell und ohne Diskussion: Die Terrasse wurde aufgegeben, weil eine Terrasse gegen einen Gegner, der durch Fels hindurch auf Seelen drückt, keinen Vorteil bot.
Stattdessen gingen sie hundert Meter nach Osten, zu einer Senke hinter einem Kiefernstand, wo die Sicht schlecht war — und Sicht war jetzt egal, weil es sie ohnehin fand.
„Zwei Reihen. Ding, Lu, Ma, Zhou außen. Xu und Luo innen. Song in der Mitte.“
„Ich bin nicht das Kind, Frau Chen.“
„Sie sind die Einzige, die einen Seelenschutz hat, der noch nicht verbraucht ist, und Sie sind die Einzige, die Verletzte wieder hinkriegt. Sie stehen in der Mitte.“
Song stand in der Mitte.
„Eins noch“, sagte Chen Ruolan zu Gu Tian.
Sie standen ein Stück abseits.
„Die achtundzwanzig kommen zu uns. Das schaffen wir — wir haben heute einundsechzig geschafft, und die Leute sind besser geworden. Ich brauche Sie dafür nicht.“
„Und wenn nicht?“
„Dann ist es meine Schuld.“ Sie sagte es ohne jedes Pathos. „Gu Tian. Wenn Sie mitten im Kampf mit diesem Ding zu uns zurücksehen, weil Sie sich Sorgen machen, dann sterben wir alle. Sehen Sie nicht zurück.“
Gu Tian sah sie an.
„Das ist ein sehr schwerer Satz.“
„Ja.“
„Ich kann ihn nicht versprechen.“
„Ich weiß.“ Chen Ruolan drehte den Speer einmal in der Hand. „Ich sage ihn trotzdem, damit Sie ihn im Ohr haben, wenn es so weit ist.“
Song holte ihn ein, bevor er ging.
„Ah Tian.“
Er blieb stehen.
Sie kam die letzten drei Schritte und hielt ihm etwas hin: den halben Seelenschutz-Talisman, den sie zerrissen hatte — die untere Hälfte, unversehrt, mit der Bruchkante nach oben.
„Der ist verbraucht“, sagte er.
„Nein. Ich habe ihn nur halb gerissen.“ Sie sah ihn an. „Ich habe gemerkt, dass die Wirkung kommt, bevor der Riss durch ist. Also habe ich aufgehört. Die untere Hälfte hat noch eine Ladung.“
Gu Tian starrte auf das Stück Papier.
„Das ist —“
„Ich weiß, dass es nicht so funktionieren soll. Ich weiß auch nicht, wie lange es hält.“ Sie drückte es ihm in die Hand. „Aber Sie haben Ihren schon verbraucht, und Sie gehen zu dem Ding, das mit Seelen arbeitet, und ich bleibe hier in der zweiten Reihe hinter vier Leuten mit Schilden.“
„Song —“
„Nehmen Sie es.“
Er nahm es.
„Danke.“
„Und Ah Tian.“ Sie hielt seine Hand einen Moment fest. „Ich weiß, was Frau Chen Ihnen gerade gesagt hat, weil ich sie kenne und weil sie das jedem sagt.“
„Und?“
„Sie hat recht“, sagte Song. „Sehen Sie nicht zurück.“
Sie ließ los.
„Ich sehe hin. Das reicht für uns beide.“
Es wartete auf einer Lichtung, dreihundert Meter talwärts.
Gu Tian kam von Nordosten den Hang herunter, ohne sich zu verstecken, weil Verstecken bei einem Gegner sinnlos war, der ihn seit einer Stunde roch.
Und dann sah er es zum ersten Mal.
Xu Yanyan hatte so groß wie ein Auto gesagt, und das war ungefähr richtig und beschrieb nichts.
Der Schattenwolfkönig war etwa vier Meter lang und an der Schulter höher als ein Mensch. Sein Fell war nicht schwarz — es war nicht vorhanden, so wie ein Schatten nicht vorhanden ist: Man sah eine Silhouette, man sah, wo sie aufhörte, und dazwischen war eine Fläche, auf der das Auge keinen Halt fand.
An drei Stellen brach das auf.
Über den Schultern, entlang des Rückgrats und rings um den Hals lagen Platten aus etwas Hartem, Dunkelrotem, das aussah wie geronnenes Blut, das getrocknet und dann poliert worden war. Es wuchs nicht aus dem Tier heraus. Es lag darauf, wie eine Rüstung, die man einem Tier angeschnallt hat, das nicht gefragt worden ist.
Die Augen waren das Schlimmste.
Sie waren nicht rot und nicht leuchtend. Sie waren die stumpfen, feuchten, gelblichen Augen eines Wolfes.
Und dahinter sah etwas anderes heraus.
»Ah.«
Der Druck verdoppelte sich.
Gu Tian ging in die Knie, und zwar ganz — beide Knie, auf die Kiefernnadeln, mit einer Hand am Boden.
Es war eine vollkommen neue Erfahrung. Er hatte in fünf Tagen zweimal andere Menschen so auf den Boden gebracht, und er stellte in diesem Moment fest, dass es von unten sehr viel unangenehmer war.
»Du bist es also wirklich.«
Die Stimme war nicht laut. Sie war neugierig, geduldig, beinahe freundlich, und sie kam aus einem Punkt hinter Gu Tians eigenen Augen.
»Ich habe dreitausend Jahre in einem Stein gelegen. Dann in einem Fuchs. Dann in einem Fluss, was unangenehm war. Jetzt in einem Hund.«
»Und heute schlägt hier etwas an, das ich zuletzt gerochen habe, als ich noch ganz war.«
Gu Tian riss die untere Hälfte des Talismans durch.
Der Druck fiel.
Nicht ganz. Er blieb bei ungefähr der Hälfte, und Gu Tian stand auf, langsam, und wischte sich die Hand an der Hose ab.
»Oh. Ein Werkzeug.« Die Stimme klang beinahe enttäuscht. »Menschen und ihre Papierchen.«
„Es hat funktioniert.“
»Es hat dich stehen lassen. Das ist etwas anderes.«
Gu Tian ließ die Zehntausend-Dao-Waffe kommen.
Der Riss öffnete sich neben seiner Hüfte, das graue Jian fiel in seine Hand, und der Riss schloss sich.
Der Wolfskönig hielt vollkommen still.
»Was war das.«
„Ein Schwert.“
»Das war ein Raumriss aus einem Ort, den es in dieser Welt nicht gibt.« Der große Kopf senkte sich um eine Handbreit. »Kleiner Ursprung. Wer hat dir das gegeben?«
„Ich rede nicht über meine Ausrüstung.“
»Du redest sehr wohl. Du redest gerade seit einer halben Minute mit mir, und in dieser halben Minute habe ich gelernt, dass du keine Angst hast, dass du gewohnt bist, gefragt zu werden, und dass du hierhergekommen bist statt wegzulaufen.«
Eine Pause.
»Das letzte war ein Fehler.«
Und dann griff es an.
Gu Tian hatte, im Nachhinein, ungefähr dreieinhalb Sekunden lang eine falsche Vorstellung davon gehabt, wie dieser Kampf beginnen würde.
Er hatte erwartet, dass ein vier Meter langes Tier springt.
Es sprang nicht.
Der Seelendruck, der bis dahin gleichmäßig auf der Lichtung gelegen hatte, zog sich in einem Sechzehntel einer Sekunde zu einem Punkt zusammen und trat.
Es traf ihn hinter den Augen.
Gu Tian sah — für einen Moment, in vollkommener Klarheit — eine Wand aus Grauharz und einen Cursor, der an der siebten Zeile blinkte, und eine Hand, die warm war, und eine Stimme, die sagte du bleibst gefälligst da, und dann eine Faust in der Brust, die sich schloss und nicht wieder aufging.
Er stand auf einer Lichtung und starb zum zweiten Mal.
Es dauerte anderthalb Sekunden.
Und dann tat sein Verstand etwas, womit weder Gu Tian noch das Fragment gerechnet hatten.
Er wurde wütend.
Nicht panisch. Nicht verzweifelt.
Gu Tian hatte in den letzten fünf Tagen mit dieser Erinnerung gelebt, jeden einzelnen Tag, und er hatte sie nicht verdrängt und nicht weggeschoben. Er hatte sie in Zelle sieben zu Ende gedacht. Er hatte sie in einem Speisesaal mit zwölf Tischen ausgeweint.
Sie gehörte ihm.
Und irgendetwas hatte gerade danach gegriffen und sie ihm hingehalten wie ein Werkzeug.
„Nein“, sagte Gu Tian.
Die Wand aus Grauharz zerriss.
»…interessant.«
„Das war mein Tod.“ Er richtete sich auf. „Du hast ihn nicht gesehen. Du hast ihn gesucht, weil du gedacht hast, da liegt was Weiches.“
»Bei allen liegt dort etwas Weiches.«
„Bei mir liegt dort ein Cursor an der siebten Zeile“, sagte Gu Tian, „und ich sehe ihn seit fünf Tagen jeden Morgen an, und du bist nicht der Erste, der versucht hat, mich damit zu erwischen. Der Erste war ich selbst.“
Er hob das Jian.
„Nochmal.“
Es kam ein zweites Mal, härter.
Diesmal war es kein Bild. Diesmal war es ein direkter Stoß gegen die Stelle, an der seine Seele saß, und Gu Tian spürte, wie etwas an ihm riss — nicht sein Körper, nicht seine Meridiane, sondern der Kiesel auf dem Grund des Flusses.
[Seelenschaden: gering. Er wird nicht heilen wie eine Wunde. Nicht noch fünfmal.]
„Verstanden.“
Und dann bewegte sich der Wolf endlich.
Es war schnell.
Vier Meter Beast, das in einem einzigen Satz vierzehn Meter zurücklegte, mit Läufen, die keinen Boden zu berühren schienen, und mit einer Schulterrüstung aus geronnenem Blut, die im Sprung nicht mitschwang, weil sie kein Gewicht hatte.
Gu Tian benutzte den Grenzenlosen Chaos-Schritt.
Er war nicht mehr da, als der Wolf ankam.
Er war sechs Meter links, und das Jian war bereits unterwegs — die erste Form der Chaos-Dao-Schwertkunst, Ursprungstrennung, dieselbe Bewegung, mit der er vor vier Tagen einer Rang-5-Wurzel die Mitte durchgeschnitten hatte.
Sie traf die Schulterplatte.
Und ging nicht durch.
Das war der erste ernsthafte Schreck des Tages.
Gu Tian setzte im Rückwärtsschritt ab, drehte die Klinge und sah, was passiert war: Die Ursprungstrennung hatte gearbeitet. Sie hatte die Bindung zwischen der Platte und dem Tier gefunden, sie hatte angesetzt —
— und die Platte hatte sich neu gebunden. Sofort. In derselben Sekunde.
[Die Rüstung ist keine Struktur. Sie ist ein Prozess.]
[Das Fragment schreibt sie jeden Moment neu. Du kannst eine Bindung trennen, die besteht. Du kannst keine trennen, die gerade wieder entsteht.]
„Dann trenne ich die Quelle.“
[Die Quelle ist das Fragment im Beast-Kern, und der sitzt hinter vier Zentimetern dieser Rüstung.]
„Wunderbar.“
Der Wolf drehte im Lauf und kam zurück, und diesmal biss er nicht.
Er stieß.
Er nahm die gepanzerte Schulter und rammte sie seitlich in die Kiefer, an der Gu Tian gerade vorbeiging, und der Baum — vierzig Jahre alt, achtzig Zentimeter Umfang — brach zwei Meter über dem Boden durch und kippte.
Gu Tian ging darunter durch.
Nicht mit einer Technik. Er ließ sich fallen, rollte, kam auf ein Knie und schnitt im Aufstehen nach oben, quer über den Hals, dorthin, wo eine Lücke zwischen zwei Platten war.
Die Klinge fasste.
Der Schattenwolfkönig heulte zum ersten Mal.
Es war ein normaler Laut. Ein Tier, das Schmerzen hat.
Und aus der Wunde, die kein Blut abgab, sondern eine dünne, dunkelrote Schliere, kroch etwas heraus, das sich sofort wieder schloss.
„Es heilt.“
[Ja. Aber langsamer als es baut. Das ist deine Öffnung: Das Fragment kann entweder die Rüstung erneuern oder den Wolf heilen. Nicht beides in derselben Sekunde.]
[Wenn du den Körper verletzt, muss es heilen. Solange es heilt, steht die Rüstung still.]
Gu Tian verstand es sofort.
„Also verletze ich den Wolf, um die Rüstung anzuhalten.“
[Ja.]
„Und der Wolf ist vier Meter lang und hat eine Rüstung.“
[Ja. Das ist der unangenehme Teil.]
Er brauchte elf Minuten.
Es war der erste ernsthafte Kampf seines zweiten Lebens, und es war nichts daran spektakulär im Sinn der Geschichten, die man auf dieser Welt über große Kämpfe erzählte.
Es war Arbeit.
Er machte es so:
Chaos-Wind, quer über die Lichtung, nicht auf den Wolf, sondern auf den Boden — er nahm ihm den Untergrund, riss die Nadelschicht weg und legte nassen Lehm frei. Der Wolf verlor beim nächsten Ansatz einen halben Meter Griff.
Grenzenloser Chaos-Schritt, sechs Meter, immer diagonal nach hinten, nie in einer geraden Linie, weil eine gerade Linie einem Vierbeiner gehört.
Chaos-Eis auf die freigelegte Lehmfläche. Es war das erste Mal, dass er Eis im Kampf benutzte, und es war unsauber und dauerte zu lange und funktionierte trotzdem: Der Wolf setzte auf, rutschte und kam für anderthalb Sekunden aus der Bewegung.
In diesen anderthalb Sekunden setzte Gu Tian zwei Schnitte an die linke Vorderflanke, unter der Rüstung.
Die Rüstung stand still.
Er nutzte es nicht sofort — das war der Fehler, den er beim ersten Mal fast gemacht hätte. Er nutzte es beim dritten Mal, als er den Rhythmus kannte.
Dazwischen kam der Seelendruck immer wieder.
Nicht mehr als Bild. Das Fragment hatte gelernt; es versuchte es nicht noch einmal mit Ebene 44. Stattdessen kam es direkt, als Stoß, alle zwanzig bis dreißig Sekunden, und jedes Mal riss etwas ein bisschen mehr.
[Vier.]
[Fünf.]
[Sechs. Gu Tian, das reicht.]
„Ich weiß.“
Beim siebten Mal tat er etwas anderes.
Er hatte inzwischen elf Minuten Zeit gehabt, das Ding zu beobachten, und er hatte etwas bemerkt, was das System ihm nicht gesagt hatte, weil das System es nicht wusste:
Der Seelendruck kam nicht aus dem Wolf.
Er kam aus der Rüstung.
Gu Tian sah es durch die Dao-Sicht, und der goldene Ring in seinen tiefschwarzen Augen brannte hell genug, um auf dem Eis Reflexe zu werfen: Kurz bevor der Stoß kam, verdichtete sich die dunkelrote Platte am Hals um eine Winzigkeit.
Das Fragment saß im Kern. Aber es sendete über die Rüstung, weil die Rüstung mit dem Portalkern verbunden war und der Portalkern die halbe Talsohle abdeckte.
Es benutzte das Portal als Verstärker.
„Ah“, sagte Gu Tian.
Beim achten Stoß stand er nicht mehr da, wo er hätte stehen sollen.
Er stand direkt an der Halsplatte, weil er den Leerenversatz benutzt hatte — nicht sechs Meter zur Seite, sondern zwei Meter nach vorn, mitten hinein, was jeder vernünftige Kämpfer für Selbstmord gehalten hätte.
Und er absorbierte.
Nicht den Wolf. Nicht die Rüstung.
Die Verdichtung.
Er legte die freie linke Hand flach auf die Platte, öffnete seinen Ursprungsboden und ließ die zusammengezogene Seelenenergie, die im nächsten Zehntel losgeschickt worden wäre, in sich hineinlaufen.
Es war das Widerlichste, was er je aufgenommen hatte.
Es war nicht warm und willig wie das Dämonen-Qi an der Verankerung. Es war alt. Es hatte eine Meinung. Für den Bruchteil einer Sekunde war in Gu Tians Kopf ein Ort, der nicht die Erde war: ein Himmel aus etwas, das kein Himmel war, und darunter eine Ebene, auf der sehr viele Dinge in sehr geraden Linien standen.
Dann fiel es zurück.
Grau. Still. Ohne Eigenschaft.
Der Schattenwolfkönig taumelte.
Es war das erste Mal.
»…was hast du gerade getan.«
Gu Tian setzte drei Meter zurück und drehte das Jian in der Hand.
„Ich habe deinen Angriff getrunken.“
»Das ist nicht möglich.«
„Es war ziemlich unangenehm“, räumte Gu Tian ein. „Ich möchte es nicht oft machen.“
»Kleiner Ursprung.« Die Stimme hatte sich verändert. Die Neugier war weg. Was jetzt da war, war schwerer zu benennen und deutlich schlechter. »Was bist du.«
„Nichts, was dich etwas angeht.“
»Doch.«
Der große Kopf senkte sich, und die gelblichen Wolfsaugen sahen ihn an, und dahinter sah etwas heraus, das jetzt vollständig wach war.
»Ich habe dreitausend Jahre in dieser Welt gelegen und mich gefragt, warum man sie so sorgfältig zugemacht hat. Warum man eine Welt versiegelt, in der nichts ist. Warum sie so viel Mühe gekostet hat.«
Es richtete sich auf.
»Ich habe es nie verstanden.«
Der Seelendruck auf der Lichtung fiel schlagartig ab — nicht, weil er endete, sondern weil er sich sammelte, ganz woanders, in einer Richtung, die nichts mit Gu Tian zu tun hatte.
Nach Nordosten.
Zum Portalkern.
»Jetzt verstehe ich es.«
Und die Stimme, die bis zu diesem Moment nur auf dieser Lichtung gewesen war, ging plötzlich in alle Richtungen gleichzeitig, durch zweieinhalb Kilometer Innenraum, durch den schwarzen Himmel, in achtzehn Köpfe und in etwas anderes, das weit außerhalb lag und zuhörte:
»Die schlafende Kernwelt hat einen Erben bekommen.«