Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 1 · Arc 02
Kapitel 016Das erste Tor von Nightfall

Vom F-Rang zum D-Rang

3.056 Wörter · Band 1 — Nightfall über Shanghai

Der Felsvorsprung war eine gute Wahl.

Gu Tian sah das, als er oben ankam, und er sah auch, warum Chen Ruolan ihn innerhalb von Sekunden ausgewählt hatte: Der Hang stieg dort auf ungefähr zwanzig Meter Breite steil an und endete in einer Wand aus nacktem Fels. Davor lag eine Terrasse, vielleicht fünfzehn mal zehn Meter, und der einzige bequeme Zugang war eine Rinne im Süden, an der schmalsten Stelle keine drei Meter breit.

Rücken gedeckt. Eine Engstelle. Übersicht nach unten.

„Ding, Lu — die Engstelle“, sagte Chen Ruolan. „Ding links, Lu rechts. Ihr steht nicht in der Rinne, ihr steht am oberen Ausgang, sonst kommt ihr nie wieder raus.“

„Verstanden.“

„Ma, du hältst dich hinter Lu. Wenn etwas an ihm vorbeikommt, ist es deins, und es wird nicht viel sein. Xu, du gehst auf den Block da oben, du hast von dort das ganze Feld. Zhou, du bleibst bei mir.“

„Warum?“

„Weil ich jemanden brauche, der mir widerspricht, und du bist bisher der Einzige, der es tut.“

Zhou Kai machte ein Geräusch, das er sofort bereute.

„Und ich?“, fragte Gu Tian.

Chen Ruolan drehte sich um.

Sie sah ihn ungefähr drei Sekunden lang an, und Gu Tian bemerkte, dass sie in diesen drei Sekunden eine Entscheidung traf, die sie danach nie wieder revidierte.

„Sie stehen da“, sagte sie und zeigte auf die Nordwestecke der Terrasse.

„Da ist nichts.“

„Doch. Da ist die Kante.“ Sie ging zwei Schritte und deutete hinunter. „Der Hang fällt hier fünf Meter ab und geht dann in eine Schräge über. Ein Mensch kann da nicht hoch. Etwas mit vier Beinen und Krallen sehr wohl. Wenn heute jemand von hinten kommt, kommt er dort.“

Sie sah ihn an.

„Ich stelle Sie nicht in die Engstelle, weil Sie dort in vier Minuten alles allein erledigt hätten und meine Leute nichts gelernt hätten. Ich stelle Sie an die Stelle, an der ein Einbruch bedeutet, dass er mitten in meinen Sanitätsplatz läuft.“

„Verstanden.“

„Und noch etwas.“ Sie senkte die Stimme, sodass es nur er hörte. „Wenn ich Sie rufe, kommen Sie sofort. Nicht nach dieser Gruppe, nicht gleich. Sofort. Ich rufe Sie nicht oft, und wenn ich es tue, ist es zu spät für Diskussionen.“

„Abgemacht.“

„Gut.“ Sie hob wieder die Stimme. „Luo! Was haben Sie?“

„Nichts Gutes“, sagte Luo Shuang.

Sie hatte drei Geräte im Halbkreis vor sich auf dem Fels aufgebaut und hockte dazwischen wie in einem Nest.

„Die zwölf Anker sind nicht angreifbar. Ich habe zwei davon aus der Ferne vermessen — es sind keine Formationsknoten im klassischen Sinn, das sind Nägel. Sie halten nichts zusammen, sie halten die Hülle unten. Wenn ich einen davon ziehe, was ich vermutlich könnte, weil ich einen Trennimpuls habe, dann —“

„Dann?“

„Dann fällt die Hülle nicht. Dann verteilt sich die Last auf elf Nägel und die Membran wird an dieser Stelle straffer, und ich habe keine Ahnung, was passiert, wenn eine Portalmembran unter Spannung steht.“ Sie sah hoch. „Frau Chen, ich habe darüber nichts gelesen, weil das niemand jemals gemacht hat.“

„Also nicht.“

„Also nicht.“

„Was dann?“

Luo Shuang zeigte nach Nordosten, dorthin, wo der Kernpunkt saß.

„Der Kern“, sagte sie. „Alles läuft dort zusammen. Wenn man die Korruption aus dem Kern kriegt, gehen die Anker von selbst aus, weil sie von dort gespeist werden. Das ist die einzige saubere Lösung.“

„Wie weit ist der Kern?“

„Achthundert Meter. Talwärts.“

Chen Ruolan sah in die Richtung.

„Achthundert Meter durch offenes Gelände, mit steigender Rangregel und einer unbekannten Zahl von Monstern.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nicht mit acht Leuten und vier Anwärtern. Nicht jetzt.“

„Nicht jetzt“, stimmte Gu Tian zu.

Sie sah ihn scharf an.

„Sie denken bereits daran.“

„Ich denke die ganze Zeit daran. Ich sage nur nicht, dass wir es tun sollen.“

Sie kamen um 14:52.

Xu Yanyan sah sie zuerst — sie saß auf dem Block über der Terrasse, hatte das Fernglas seit vier Minuten nicht abgesetzt und sagte, ohne die Stimme zu heben:

„Bewegung. Süd-Südwest. Am Waldrand.“

„Zahl?“

„Moment.“ Pause. „Neun. Nein — vierzehn. Sie kommen aus dem Unterholz nach, ich sehe nur die vorderen.“

„Größe?“

Xu Yanyan brauchte diesmal länger.

„Frau Chen, die sind falsch.“

„Präziser.“

„Schattenwölfe sind kniehoch.“ Ihre Stimme wurde eine Spur höher. „Das sind — die reichen mir bis zur Brust.“

Sie kamen den Hang herauf, und es war nicht wie in den Filmen aus Gu Tians erstem Leben.

Sie rannten nicht. Sie schlichen nicht. Sie kamen einfach, in einer breiten Front, in einem beharrlichen, ökonomischen Trab, und was Gu Tian daran auffiel, war, dass sie nicht heulten.

Es waren magere, langbeinige Tiere mit schwarzem, mattem Fell, das kein Licht zurückwarf. Ihre Umrisse waren an den Rändern unscharf, so wie ein Schatten unscharf ist, und wenn sie durch die Kiefernschatten liefen, verschwanden sie für ein, zwei Sekunden vollständig.

Und sie waren korrumpiert.

Gu Tian sah es durch die Dao-Sicht: In jedem dieser Tiere saß ein Beast-Kern, ein kleiner, dichter Punkt in der Brust — und um jeden dieser Kerne lag ein feiner, dunkelroter Film, wie eine zweite Haut, die dort nicht hingehörte.

[Der Film ist die umgeschriebene Rangregel. Er zwingt den Kern über seine natürliche Grenze.]

[Das ist kein Wachstum. Es ist eine erzwungene Überschreibung, und sie hat einen Preis: Diese Tiere sterben in ungefähr sechs Wochen an dem, was ihnen gerade gegeben wurde. Sie werden es nicht merken.]

„Alle?“

[Alle.]

Gu Tian sagte darauf nichts.

Aber er merkte sich, dass eine Kraft, die man kurz vor der eigenen Vernichtung geschenkt bekommt, in dieser Ordnung offenbar eine Handschrift war.

„Erste Welle“, sagte Chen Ruolan. „Vierzehn. Ding, Lu — Engstelle halten, nicht vorlaufen. Ma, hinter Lu. Xu, du nimmst die, die außen herumlaufen wollen. Zhou, bei mir.“

Sie hob den Speer.

„Und wenn irgendwer von euch heute etwas Heldenhaftes vorhat: Ich habe elf Jahre lang keinen Anwärter verloren und ich habe nicht vor, heute damit anzufangen, nur weil einer von euch beeindrucken will.“

Sie zeigte mit dem Speer auf Gu Tian.

„Der da drüben ist beeindruckend. Ihr müsst das nicht sein. Ihr müsst am Leben bleiben.“

Der Kampf begann schlecht.

Nicht katastrophal — schlecht.

Der erste Wolf kam durch die Rinne, und Ding Wei fing ihn mit dem Schild, und der Schild hielt, aber Ding Wei rutschte anderthalb Meter zurück, was ihn selbst am meisten erschreckte.

„Der ist schwer!“

„Das ist ein D!“, rief Chen Ruolan. „Stemm dich rein, nicht dagegen!“

Der zweite kam an Ding vorbei, sprang und traf Lu Chen quer gegen den Oberkörper.

Lu Chen ging nicht zu Boden.

Er stand mit den Füßen auseinander, fing das Gewicht des Tieres mit der Schulter, und Gu Tian sah in diesem Moment zum ersten Mal, was Chen Ruolan gemeint hatte, als sie außergewöhnliche Konstitution in die Akte geschrieben hatte: Der Wolf wog gute achtzig Kilo und kam aus vollem Lauf, und der Mann bewegte sich um ungefähr eine Handbreit.

Dann schlug er den Schildrand nach oben.

Es machte ein Geräusch, das niemand mochte, und der Wolf flog rückwärts in die Rinne und riss zwei weitere mit.

„HA!“ Lu Chen lachte laut. „Der hat keine Ahnung, wie schwer ich bin!“

„Lu! Nicht reden, atmen!“

Es kippte trotzdem.

Vierzehn Wölfe gegen eine Engstelle wären handhabbar gewesen. Aber vier von ihnen liefen nicht in die Rinne — sie liefen außen herum, den Hang quer, in einer Bewegung, die für ein Tier zu geplant war.

Xu Yanyan traf zwei mit dem Bogen. Sie schoss gut; die Pfeile saßen beide in den Flanken, und beide Wölfe brachen ein.

Beide standen wieder auf.

„Frau Chen, die sterben nicht!“

„Kern!“, rief Luo Shuang, ohne von ihren Geräten aufzusehen. „Brust! Handbreit unter dem Hals! Alles andere heilt sich zu!“

Xu Yanyan schoss noch zweimal und traf einmal, und der eine ging endgültig zu Boden.

Der andere kam durch.

Und mit ihm zwei weitere, und alle drei liefen nicht auf die Engstelle zu, sondern auf die Nordwestkante der Terrasse, dorthin, wo der Hang fünf Meter abfiel und wo ein Mensch nicht hochkam.

Sie kamen hoch.

Der erste erreichte die Kante und war oben, und dahinter, sechs Meter weiter, lag der Sanitätsplatz, an dem Song Meifeng gerade dabei war, Ma Lins aufgeschürften Unterarm zu versorgen.

Gu Tian stand seit vier Minuten an dieser Ecke und hatte nichts getan.

Er tat jetzt etwas.

Er hob nicht das Schwert. Er brauchte für drei Schattenwölfe kein Schwert, und was er in diesem Moment vor allem brauchte, war Zeit, und Zeit bekam man nicht durch Töten, sondern durch Anhalten.

Er ließ die Verschleierung für ungefähr eine Sekunde fallen.

Es hatte auf Wölfe eine andere Wirkung als auf Menschen.

Bei Menschen zog sich das Qi zurück und die Knie gaben nach, weil ein Verstand dazwischen saß, der nicht verstand, was mit ihm geschah.

Ein Beast hat keinen solchen Verstand. Ein Beast hat einen Kern.

Alle vierzehn Kerne auf diesem Hang stockten gleichzeitig.

Es war keine Betäubung. Die Tiere blieben wach, sie blieben stehen, ihre Muskeln funktionierten — aber der Punkt in ihrer Brust, aus dem sie ihre Kraft zogen, hörte für einen Moment auf zu arbeiten, so wie ein Herz kurz aussetzt.

Der Wolf auf der Kante brach mitten im Sprung ein und schlug auf den Fels.

Die beiden hinter ihm rutschten den Hang zurück.

In der Rinne fielen vier Wölfe gleichzeitig auf die Vorderläufe, und Ding Wei, der gerade mit dem Schild gegen einen gestemmt hatte, taumelte nach vorn, weil der Widerstand verschwand.

Und ganz oben auf dem Block sagte Xu Yanyan sehr deutlich: „Was zum —“

Gu Tian schloss die Verschleierung wieder.

Dann trat er einen Schritt vor, an die Kante, und die drei Wölfe, die sich gerade sammelten, sahen zu ihm hoch.

„Chaos-Wind“, sagte er, weil er es sich angewöhnt hatte, seine Techniken zu benennen, seit ihm aufgefallen war, dass es ihm half, sie sauber zu treffen.

Er zog Chaos-Qi in die rechte Hand und ließ es Wind werden.

Es war einfacher als Feuer. Wind wollte ohnehin nirgends bleiben; man musste ihm nur eine Kante geben.

Er gab ihm eine Kante und schnitt seitlich durch die Luft.

Die Klinge aus Wind war ungefähr zwei Meter breit, unsichtbar bis auf eine leichte Verzerrung, und sie lief den Hang hinunter mit einem Geräusch wie reißendes Papier.

Der vorderste Wolf wurde in zwei Teile geschnitten, sauber, quer über die Brust, direkt durch den Kern.

Der zweite verlor die Vorderläufe.

Der dritte drehte ab und rannte, und Gu Tian ließ ihn laufen, weil er in dreißig Metern in Xu Yanyans Schussfeld war und weil eine Neunzehnjährige, die gerade dreimal daneben geschossen hatte, einen leichten Treffer gebrauchen konnte.

Xu Yanyan traf ihn.

Man hörte sie oben auf dem Block „Ja!“ sagen, sehr laut und sofort verlegen.

Danach ging es schnell.

Nicht, weil Gu Tian eingriff. Er trat zurück an die Kante und blieb dort, und das war der eigentliche Punkt.

Denn die Gruppe hatte gerade gesehen, dass die Dinger sterben konnten.

Ding Wei stemmte sich das nächste Mal rein statt dagegen, so wie Chen es gebrüllt hatte, und der Wolf, der ihn treffen wollte, ging über den Schildrand und landete auf dem Rücken, und Ma Lin — der bis dahin nichts getan hatte als warten — trat einen einzigen Schritt vor und setzte das Kurzschwert eine Handbreit unter dem Hals an und drückte.

Es war keine schöne Technik. Es war entschlossen, und das war heute mehr wert.

„Kern!“, rief er, mit einer Stimme, die überschlug. „Ich hab den Kern!“

„Weiter!“, rief Chen Ruolan. „Nicht stehenbleiben und dich freuen! Nächster!“

Luo Shuang tat inzwischen etwas, das Gu Tian erst nach einer Weile verstand.

Sie hatte zwei flache Metallscheiben aus einer Tasche gezogen, sie an zwei Stellen in der Rinne auf den Boden geklebt und tippte auf einem der Geräte.

Zwischen den Scheiben stand plötzlich Luft, die nicht weiterging.

Der nächste Wolf lief hinein und prallte ab.

„Wie lange hält das?“, rief Chen.

„Neunzig Sekunden! Ich hab nur zwei Paare, das ist Bergungsausrüstung, das ist eigentlich für Geröll —“

„Es ist jetzt für Wölfe. Zweites Paar, dreißig Meter tiefer, sofort!“

„Das sagt man mir nie —“

Sie rannte trotzdem los.

Lu Chen bekam seinen Moment ungefähr zwei Minuten später.

Ein Wolf, größer als die anderen und mit einem breiteren Schädel, kam durch die Rinne, sprang über Ding Weis Schild hinweg und ging direkt auf ihn.

Lu Chen warf den Schild weg.

„Lu!“

Er hörte nicht.

Er ging in die Hocke, fing das Tier mit beiden Armen im Sprung — einen achtzig Kilo schweren D-Rang-Schattenwolf, in vollem Lauf, mit bloßen Händen — und ließ sich mit dem Schwung nach hinten fallen.

Sie rollten zweimal.

Als sie stehen blieben, lag der Wolf unten und Lu Chen kniete auf ihm, und dann rammte er ihm die Faust in die Brust.

Nicht auf die Brust. In die Brust.

Es machte ein sehr hässliches Geräusch.

Lu Chen stand auf, mit einem toten Wolf zu seinen Füßen und Blut bis zum Ellenbogen, und sah sich um, und in seinem Gesicht war eine so vollkommene, unkomplizierte Freude, dass Chen Ruolan zwei Sekunden lang nicht schimpfen konnte.

„Ich hab keine Wurzel“, sagte er zu niemand Bestimmtem. „Aber ich hab Hände.“

„LU CHEN.“

„Ja?“

„Heb den Schild auf.“

„Ja, Chefin.“

Nach neun Minuten war die erste Welle vorbei.

Vierzehn Schattenwölfe lagen auf dem Hang. Zwei davon hatte Gu Tian erledigt. Der Rest gehörte der Gruppe.

Bilanz: Ding Wei hatte eine geprellte Schulter. Ma Lin blutete am Unterarm, aber das war von vorhin. Xu Yanyan hatte sechzehn Pfeile verschossen und elf zurückgeholt. Zhou Kai hatte einen Wolf mit dem Speer gehalten, während Chen Ruolan ihn tötete, und wirkte hinterher, als sei ihm etwas klar geworden.

Niemand war ernsthaft verletzt.

Chen Ruolan ging die Linie ab, prüfte jeden Einzelnen, sagte zu Ma Lin „gut“, zu Xu Yanyan „schneller nachladen“, zu Ding Wei „du hast gelernt, dass Schild nicht heißt stehen bleiben“, und zu Lu Chen „wenn du das noch mal machst, schreibe ich es in deine Akte, und zwar positiv, und das ist das Schlimmste, was ich dir antun kann.“

Dann kam sie zu Gu Tian.

Sie blieb stehen und sah eine Weile den Hang hinunter.

„Was war das?“, sagte sie, „vorhin. Als sie alle gleichzeitig eingebrochen sind.“

„Meine Wurzel.“

„Sie haben nichts getan. Ich habe hingesehen. Sie standen da.“

„Ja.“

„Erklären Sie es.“

Gu Tian überlegte, wie viel er sagen sollte.

Dann entschied er, dass er in diesem Portal noch mindestens einen halben Tag mit dieser Frau verbringen würde und dass halbe Erklärungen genau die Sorte Problem waren, die man später nicht mehr einholt.

„Meine Wurzel steht über den ihren“, sagte er. „Nicht stärker. Höher, in dem Sinn, in dem eine Quelle höher liegt als ein Fluss. Alles, was aus dieser Ordnung hervorgegangen ist — Wurzeln, Beast-Kerne, Blutlinien — reagiert darauf instinktiv, wenn ich meine Präsenz nicht zurückhalte.“

„Sie halten sie zurück.“

„Permanent. Seit ich sie habe.“

„Warum?“

„Weil ich sonst nicht in einen Nudelladen gehen kann“, sagte Gu Tian. „Und weil vier Ihrer Leute sonst gerade an demselben Effekt auf die Knie gegangen wären wie die Wölfe.“

Chen Ruolan sah ihn an.

„Wie stark ist der Effekt bei Menschen?“

„Kommt auf die Wurzel an. Bei einem Rang 8 sehr stark.“

„Und bei mir?“

„Ich weiß es nicht. Was ist Ihre?“

„Rang 5.“

„Dann“, sagte Gu Tian, „würden Sie stehen bleiben und es hassen.“

Chen Ruolan sah wieder den Hang hinunter.

„Gut“, sagte sie schließlich. „Ich schreibe das nicht in den Bericht.“

„Warum nicht?“

„Weil ich in elf Jahren gelernt habe, welche Sätze in einer Akte ein Leben ruinieren.“ Sie klopfte einmal mit dem Speerende auf den Fels. „Ich schreibe: Der Anwärter hat einen Durchbruch an der Nordwestflanke ohne Verluste beendet. Das ist wahr, und es ist alles, was Songjiang braucht.“

Sie hatten dann elf Minuten.

Gu Tian nutzte sie, um an die Kante zu gehen und die Dao-Sicht auf den Kernpunkt zu richten, achthundert Meter talwärts.

Das Dämonen-Qi stand jetzt bei einundvierzig Prozent.

Der Anstieg war langsamer geworden — die Sprünge kamen immer noch alle sechs Sekunden, aber sie waren kleiner, als hätte die Quelle, die das Ritual speiste, weniger zu geben.

„Wie lange hält so etwas?“, fragte er.

[Es hängt davon ab, womit es gespeist wird.]

„Was speist es?“

[Blut.]

Gu Tian wurde still.

[Konkret: dämonisches Blut, in geringer Menge, vermischt mit menschlichem. Das ist die übliche Bauweise. Der dämonische Anteil liefert den Umschreibbefehl. Der menschliche Anteil liefert den Takt — deshalb sechs Sekunden.]

[Ein solches Ritual läuft, solange der menschliche Anteil nachgeliefert wird.]

„Von wem?“

[Von dem, der es gebaut hat. Es gibt keine andere Möglichkeit; ein Ritualtakt ist an einen einzelnen Menschen gebunden.]

Gu Tian sah lange in die Richtung des Kernpunkts.

„Also ist er da unten.“

[Ja. Und er verliert seit ungefähr einer Stunde Blut in einem gleichmäßigen Takt.]

„Wie lange überlebt ein Mensch das?“

[Je nach Menge. Bei diesem Anstiegsprofil: noch etwa zwei bis drei Stunden.]

„Frau Chen.“

„Ja.“

„Es ist ein Mensch da unten am Kern“, sagte Gu Tian. „Er speist das Ritual mit seinem eigenen Blut, und er wird in zwei bis drei Stunden tot sein.“

Chen Ruolan drehte sich sehr langsam um.

„Tao Shun.“

„Wahrscheinlich.“

Sie stand da, mit dem Speer in der Hand, und Gu Tian konnte förmlich sehen, wie sie die Rechnung machte: acht Leute, vier Anwärter, achthundert Meter offenes Gelände, eine steigende Rangregel, eine zweite Welle unterwegs — und ein Mann mit drei Kindern, der dreiundzwanzig Leute aus einem C-Tor geführt hatte und der jetzt irgendwo im Tal verblutete, um sie hier einzusperren.

„Sagen Sie mir, dass Sie nicht vorhaben, allein dorthin zu gehen“, sagte sie.

„Ich habe es überlegt.“

„Und?“

„Und Sie hätten hier oben eine zweite Welle ohne Reserve.“ Gu Tian schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht jetzt.“

Chen Ruolan atmete aus.

„Danke.“

„Fragen Sie mich in zwei Stunden noch mal.“

Und dann heulte es.

Es war ein einzelnes Heulen, und es kam von Süden, aus dem Tal, und es war anders als alles, was sie an diesem Nachmittag gehört hatten: tiefer, länger, und es endete nicht, sondern hörte einfach auf.

Der Wald antwortete nicht.

Das war das Beunruhigende. Seit einer Stunde hatte es aus dem Tal Geräusche gegeben — Bewegung, Rufe, das Bellen der Rudel, die sich sammelten.

Jetzt war da nichts.

Nicht ein Laut. Nicht ein Vogel. Vierzehn tote Wölfe auf dem Hang und zweitausendfünfhundert Meter Wald, in denen alles gleichzeitig aufgehört hatte, sich zu bewegen.

Xu Yanyan setzte das Fernglas ab.

„Frau Chen“, sagte sie, und ihre Stimme war ganz dünn geworden. „Da unten stehen sie alle still.“

„Wie viele?“

„Ich kann sie nicht zählen.“

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