Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 1 · Arc 02
Kapitel 013Das erste Tor von Nightfall

Das fehlende Gruppenmitglied

4.196 Wörter · Band 1 — Nightfall über Shanghai

Der Einsatz am 13. März fand nicht statt.

Um 13:20 Uhr, während Gu Tian in einem Nudelladen zwei Straßen von der Prüfstelle entfernt saß und zum ersten Mal seit seinem Tod etwas Warmes aß, ging in Songjiang die Meldung ein, dass das D-Tor im Bezirk Sheshan seine Kernfrequenz nicht hielt.

Nichts Dramatisches. Kein Ausbruch, keine Monsterwelle. Die Werte schwankten um vier Prozent, und vier Prozent lagen einen Zehntelpunkt über dem Wert, ab dem eine Behörde einen betreuten Ausbildungseinsatz absagen muss.

Bai Zhenzhen rief ihn nicht an — er hatte keine Nummer. Sie schickte den jungen Beamten vom Schalter 3, der ihn tatsächlich in dem Nudelladen fand, weil er den einzigen Mann suchte, der an einem Feiertag um halb zwei allein aß und dabei aussah, als überlege er, was er als Nächstes bauen sollte.

„Verschoben“, sagte der Beamte. „Neuer Termin steht noch nicht. Sobald der Kern sich beruhigt.“

„Wie lange dauert das üblicherweise?“

„Zwei Tage. Manchmal drei.“

Es dauerte vier.

Gu Tian nutzte sie.

Er hatte in seinem ersten Leben elf Jahre lang gelernt, dass es einen bestimmten Typ Mensch gibt, der eine unerwartete Verzögerung als Kränkung empfindet, und einen anderen, der sie als geschenkte Kapazität behandelt. Er gehörte zum zweiten Typ, und zum ersten Mal seit vierzig Jahren gehörte ihm die Kapazität selbst.

13. März, Nachmittag.

Er kaufte im System-Shop.

Es war eine unangenehme Erfahrung, und das lag nicht am Angebot, sondern am Kontostand. Fünfzigtausend Systempunkte hatten sich in der Nacht wie eine enorme Zahl angefühlt. Nach zwanzig Minuten im Shop fühlten sie sich an wie das Startkapital eines Mannes, der einen Hafen bauen will.

[Kategorie: Cultivationsschriften. Preisspanne der aktuell freigeschalteten Stufe: 8.000 bis 400.000.]

[Kategorie: Waffen. Du besitzt bereits die Zehntausend-Dao-Waffe. Ich empfehle, hier nichts zu kaufen. Jemals.]

[Kategorie: Blutlinien. Gesperrt.]

[Kategorie: Dao-Wurzeln. Gesperrt, und du willst dort nicht hinsehen.]

„Warum nicht?“

[Weil dort Dinge stehen, die du erst in dreihundert Jahren bezahlen kannst, und weil Menschen, die Preisschilder für unerreichbare Dinge lesen, davon merkwürdig werden.]

„Zu spät.“

[Ich weiß.]

Er kaufte am Ende erstaunlich wenig.

[Seelenschutz-Talisman, mittlere Stufe — 3.000. Drei Stück.] [Reinigungspille gegen Beast-Gift, geringe Stufe — 200. Zwanzig Stück.] [Wundpaste, Kriegsstandard — 60. Vierzig Stück.] [Raumbeutel, klein (drei Kubikmeter) — 4.000. Zwei Stück.]

[Gesamt: 13.400.]

„Der Seelenschutz“, sagte Gu Tian. „Warum drei? Ich bin einer.“

[Weil du in vier Tagen mit acht anderen Menschen in ein Portal gehst und weil das Einzige, wogegen dein Chaos-Dao-Körper keinen nennenswerten Widerstand hat, Seelenangriffe sind.]

[Und weil ich davon ausgehe, dass du zwei davon verschenkst.]

Gu Tian schwieg einen Moment.

„Du kennst mich seit drei Tagen.“

[Ich kenne dich seit einundvierzig Jahren. Ich habe nur zwei davon verpasst.]

14. März.

Er cultivierte.

Es war das erste Mal, und er hatte keine Ahnung, wie das ging — was ihn ehrlich überraschte, weil er zwölf verschiedene Techniken beherrschte, die alle auf Qi beruhten.

„Ich habe eine Schrift“, sagte er. „Chaos-Ursprungsschrift, Grundstufe. Ich weiß, dass ich sie habe. Ich weiß nicht, was ich damit tun soll.“

[Setz dich hin. Atme. Hör auf, es zu wollen.]

„Das ist die unbefriedigendste Anleitung, die ich je bekommen habe.“

[Dann formuliere ich es anders: Deine Wurzel führt jede Energie, die in dich hineinkommt, ohnehin in Chaos zurück. Das ist kein Vorgang, den du steuerst. Die Schrift steuert nicht das Zurückführen. Sie steuert, wie sauber der Ursprungsboden es aufnimmt.]

[Bei jedem anderen Kultivator dieser Welt ist Cultivation ein Kampf: Man saugt widerwillige Energie an, filtert Verunreinigungen heraus, presst den Rest in den Boden. Es dauert Stunden und ermüdet.]

[Bei dir ist es das Gegenteil. Du musst nichts anziehen. Du musst aufhören, es zurückzuhalten.]

Gu Tian setzte sich also auf die Stufen der großen Halle, mit Blick über die leeren Höfe, und hörte auf, etwas zurückzuhalten.

Es dauerte ungefähr zwanzig Sekunden, dann sank die Temperatur im ganzen Hof um zwei Grad.

Und die Qi-Ströme der Senke, die seit der Gründungsnacht in die Anlage hineinflossen, bogen ab und liefen zu ihm.

[Vorsicht. Nicht zu weit.]

„Ich merke.“

[Nein, du merkst es nicht. Deine Meridiane haben Redundanz und dein Boden ist tief; du wirst den Punkt, an dem es gefährlich wird, erst spüren, wenn du zwanzig Meter dahinter bist. Ich sage dir, wo er ist.]

Es war ein seltsames Gefühl: keine Anstrengung, sondern ein Zurücktreten. Wie ein Mensch, der jahrelang gegen eine Tür gedrückt hat und feststellt, dass sie nach innen aufgeht.

Nach zwei Stunden sagte das System: [Stopp.]

Gu Tian öffnete die Augen.

Das harte Gras im Hof vor ihm war grau geworden.

Nicht tot — grau, wie ausgewaschen, in einem Kreis von ungefähr vier Metern Durchmesser um ihn herum.

„Das war ich?“

[Ja. Du hast in zwei Stunden ungefähr so viel Umgebungs-Qi aufgenommen, wie ein guter Kultivator dieser Welt in elf Tagen aufnimmt, und der Ort hat es nicht schnell genug nachgeliefert.]

[Zwei Anmerkungen.]

[Erstens: Wachse nicht zu schnell. Dein Reich steigt nicht durch Menge, sondern durch Verständnis. Wenn du deinen Ursprungsboden über die Verständnisgrenze hinaus vollpumpst, entsteht ein Reich, das du nicht führen kannst. Das ist die häufigste Todesursache begabter Kultivatoren.]

[Zweitens: Cultiviere nicht mitten in deinem eigenen Hof. In vier Wochen wohnen hier hoffentlich Menschen, und was du gerade dem Gras angetan hast, tust du dann ihnen an.]

Gu Tian sah den grauen Kreis lange an.

„Notiert“, sagte er.

Xingchen war die meiste Zeit unbrauchbar.

Sie schlief. Sie schlief mit einer Hingabe, die Gu Tian im Lauf dieser vier Tage von belustigt zu beeindruckt und schließlich zu leicht besorgt trug: elf Meter Chaos-Drache, in drei Windungen auf dem Dach der großen Halle, mit dem Kopf auf dem eigenen Schwanz, seit fünfzig Stunden.

Am zweiten Tag kletterte er hinauf und setzte sich neben sie.

»Was.«

„Nichts.“

»Dann geh weg.«

„Es ist mein Dach.“

Ein goldenes Auge öffnete sich zur Hälfte.

»Es ist mein Dach. Du hast das Haus, ich habe das Dach. Das ist eine faire Aufteilung, und du hast sie bereits akzeptiert, indem du es zwei Nächte lang zugelassen hast.«

„Das ist nicht, wie Eigentum funktioniert.“

»Doch. So funktioniert Eigentum überall, wo keine Menschen mit Papier sind.«

Gu Tian lachte und blieb sitzen.

Nach einer Weile sagte er: „Ich gehe in vier Tagen in ein Portal.“

»Ich weiß. Ich bin an dich gebunden, nicht taub.«

„Kommst du mit?“

Beide goldenen Augen gingen auf.

»In ein D-Tor.«

„Ja.“

»Mit einer Ausbildungsgruppe von Menschenkindern.«

„Ja.“

Der Chaos-Drache sah ihn ungefähr fünf Sekunden lang an.

»Nein.«

„Warum nicht?“

»Weil ich elf Meter lang bin und in ein D-Tor gehören Wölfe von der Größe eines Ochsen.« Sie legte den Kopf zurück. »Ich würde beim Betreten die Hälfte davon vor Schreck töten, und deine Menschenkinder würden nichts lernen. Und dann würde eure Behörde Papier schreiben, und du hast erst seit gestern Papier.«

Sie schloss ein Auge wieder.

»Außerdem hast du gesagt, ich darf sagen, wenn etwas idiotisch ist.«

„Das habe ich.“

»Das war idiotisch.«

Gu Tian saß eine Weile still.

„Und wenn es schiefgeht?“

Das zweite Auge ging wieder auf, und diesmal war der Blick anders.

»Dann weiß ich es.« Sie sagte es ohne Prahlerei. »Ich sitze an deinem Ursprung, Mensch. Wenn du in Gefahr bist, spüre ich es, egal durch wie viele Räume. Und dann werde ich kommen, und dann wird es kein Ausbildungseinsatz mehr sein.«

Eine Pause.

»Versuch, es nicht dazu kommen zu lassen. Ich müsste dafür fliegen.«

17. März, 13:40 Uhr. Sammelpunkt Sheshan.

Das D-Tor lag in einem umzäunten Waldstück am Nordhang, zwölf Minuten Fußweg von einem Parkplatz mit vier Fahrzeugen.

Gu Tian kam zu Fuß und von der falschen Seite, weil er den Weg nicht kannte und die Karte im System nicht dieselbe war wie die Karte der Jägervereinigung.

Er sah die Gruppe, bevor sie ihn sah.

Acht Personen an einem aufgeklappten Feldtisch. Eine Frau in der Mitte, die redete und dabei nicht gestikulierte. Ein sehr großer junger Mann, der neben einem Schild stand, das ihm bis zur Schulter reichte. Eine kleine Frau mit kurzen Haaren, die drei Geräte gleichzeitig bediente und dabei den Kopf schief legte wie ein Vogel.

Und, ein Stück abseits, mit einem Sanitätskasten und einer aufgerollten Trage: Song.

Sie sah ihn zuerst.

„Sie sind zu früh“, sagte Chen Ruolan, ohne aufzublicken.

„Zwanzig Minuten.“

„Ich weiß, wie spät es ist.“ Sie legte das Tablett hin und drehte sich um.

Sie war ungefähr vierzig, mittelgroß, mit dem kompakten, ökonomischen Körperbau von Menschen, die seit zwanzig Jahren dasselbe tun. Kurzes Haar, an einer Schläfe grau. Ein Speer lag hinter ihr auf dem Tisch, nicht in einer Halterung, sondern einfach dort, wo sie ihn im Sitzen erreichen konnte.

Sie hatte eine dünne Akte in der Hand.

„Gu Tian.“

„Ja.“

„Dreiundzwanzig. Erstregistrierung vorgestern. Wurzel: nicht klassifizierbar. Rang: nicht feststellbar. Kampfstufe: IR.“ Sie klappte die Akte zu. „Ich habe in elf Jahren vier IR-Fälle gesehen. Drei davon waren Betrüger, die ihr Messgerät manipuliert hatten. Der vierte hatte eine Wurzelverletzung.“

„Und ich?“

„Weiß ich nicht. Deswegen frage ich.“

Gu Tian sah sie an und traf eine Entscheidung, über die er auf dem Weg hierher zwölf Minuten lang nachgedacht hatte.

„Ich bin stärker als die Einstufung“, sagte er.

Chen Ruolan blinzelte einmal.

„Deutlich stärker“, sagte Gu Tian. „Nicht ein bisschen. Wenn Sie mich einordnen müssten, würden Sie ungefähr bei B landen, und ich bin nicht sicher, ob das nicht zu niedrig ist. Die Prüfstelle konnte es nicht messen, weil das Gerät auf Wurzelmatrix arbeitet und meine Wurzel nicht in der Matrix steht. Frau Bai hat mich deshalb als IR eingetragen und mich hierhergeschickt, damit Sie einen Bericht schreiben, den Shanghai nicht wegwerfen kann.“

Am Feldtisch war es sehr still geworden.

Der große junge Mann mit dem Schild hatte den Kopf gehoben. Die kleine Frau mit den Geräten hatte aufgehört zu tippen.

„Das“, sagte Chen Ruolan langsam, „ist die letzte Antwort, mit der ich gerechnet habe.“

„Welche haben Sie erwartet?“

Ich bin nicht besonders stark, ich mache einfach mit.“ Sie verzog keine Miene. „Zwei von drei Betrügern haben das gesagt. Wer wirklich stark ist, sagt es normalerweise auch nicht — der lässt es einen im Tor merken und genießt das Gesicht.“

„Ich habe keine Zeit für Gesichter.“

„Warum nicht?“

„Weil ich in vier Wochen einen Clan mit fünftausend Plätzen und einem Mitglied habe“, sagte Gu Tian. „Und weil eine Behörde, die mich für einen Angeber hält, mir das Leben um ungefähr zwei Jahre verlängert.“

Chen Ruolan sah ihn eine ganze Weile an.

Dann setzte sie sich auf die Tischkante.

„Gut. Dann klären wir das jetzt, und danach reden wir nicht mehr darüber.“ Sie hob einen Finger. „Erstens: Ich führe. Nicht, weil ich stärker bin — offensichtlich nicht. Sondern weil ich acht Leute in ein Tor bringe und acht wieder herausbringe, und dafür braucht es genau eine Stimme.“

„Verstanden.“

„Zweitens: Das hier ist ein Ausbildungseinsatz. Vier von diesen Leuten haben zusammen elf Toreinsätze. Sie sind hier, um zu lernen, wie man in einem Portal Angst hat, ohne dumm zu werden. Wenn Sie jeden Wolf töten, bevor er in Reichweite kommt, lernen sie gar nichts, und in einem halben Jahr stirbt einer von ihnen an genau der Situation, die Sie ihnen heute abgenommen haben.“

„Auch verstanden.“

„Drittens —“ Sie hielt inne. „Sagen Sie mir, was drittens ist.“

Gu Tian sah kurz zu den vier jungen Leuten hinüber.

„Drittens: Wenn es kippt, will ich es nicht diskutieren müssen.“

Chen Ruolan nickte langsam.

„Genau das.“

„Dann sage ich es Ihnen vorher, damit wir es nicht im Tor aushandeln müssen.“ Gu Tian sah sie an. „Ich werde mich zurückhalten, solange die Gruppe die Gegner selbst schaffen kann. Das ist kein Versprechen, schwach zu spielen — das ist eine Rollenverteilung, und ich halte mich daran.“

„In dem Moment, in dem jemand hier ernsthaft sterben könnte, halte ich mich nicht mehr daran, und ich frage Sie vorher nicht.“

„Ich habe auf Zustimmung gewartet, als ich einundvierzig war, und bin daran gestorben. Das mache ich nicht noch mal.“

Chen Ruolan sah ihn an.

„Sie sind dreiundzwanzig.“

„Das“, sagte Gu Tian, „ist eine lange Geschichte, und Sie werden sie mir nicht glauben.“

Sie stand auf.

„Akzeptiert“, sagte sie. „Beide Punkte.“

„Das ist Gruppe 7-C“, sagte Chen Ruolan. „Vier Anwärter, drei Ausbilder.“

Sie zeigte, ohne die Namen besonders zu betonen, was Gu Tian gefiel.

„Lu Chen. Front.“

Der große junge Mann. Er war ungefähr fünfundzwanzig, breiter als jeder andere hier, mit den Handgelenken eines Menschen, dem Schwerarbeit leichtfällt. Er grinste breit und streckte die Hand aus.

„Also bist du der, den sie uns kurzfristig reingesteckt haben.“

„Ja.“

„Wie stark wirklich?“

„Bei allem Respekt“, sagte Gu Tian, „das ist die Sorte Frage, auf die es keine ehrliche Antwort gibt, bevor jemand versucht, mich umzubringen.“

Lu Chen lachte laut.

„Gut. Dann finden wir's raus.“ Er drückte kräftig zu — kräftiger als nötig, und Gu Tian merkte sofort, dass es keine Machtdemonstration war, sondern schlicht die Art, wie dieser Mann Hände schüttelte. „Ich bin F-9. Wurzel taugt nichts. Aber ich halte mehr aus als alle hier zusammen, und das ist auch was.“

„Das ist eine Menge.“

„Sagst du.“

„Ich meine es.“ Gu Tian sah ihn an. „Konstitution ist der einzige Vorteil, den man nicht simulieren kann.“

Lu Chen sah ihn überrascht an und wurde ein bisschen rot.

„Luo Shuang. Formation und Technik.“

Die kleine Frau mit den kurzen Haaren war Mitte zwanzig und sah nicht auf.

„Einen Moment. Ich habe seit vierzig Minuten eine Drift in der Kernfrequenz, die eigentlich nicht mehr da sein dürfte, weil sie laut Protokoll gestern um 22:00 auf Normalwert zurück ist, aber ich messe hier —“ sie unterbrach sich, „— na ja, das ist nicht wichtig, es sind 0,8 Prozent, das ist im Toleranzband, aber es ist eine Drift, keine Schwankung, und eine Drift hat eine Ursache und eine Schwankung nicht, und ich möchte gern wissen, welche.“

Sie sah endlich hoch.

„Oh. Hallo. Luo Shuang. Sind Sie der IR-Fall?“

„Ja.“

„Faszinierend. Anhang C wird zweimal pro Jahrzehnt landesweit ausgelöst.“ Sie musterte ihn ungeniert. „Darf ich Sie nach dem Einsatz messen? Nicht offiziell. Ich habe eigene Geräte.“

„Kommt darauf an, was Sie messen wollen.“

„Alles.“

„Dann nein.“

„Schade.“ Sie war überhaupt nicht gekränkt. „Fragen Sie mich in zwei Wochen noch mal, dann habe ich bessere Argumente.“

„Ma Lin, Xu Yanyan, Ding Wei, Zhou Kai. Anwärter.“

Die vier standen zusammen.

Ma Lin war zwanzig und der Kleinste, mit einem Kurzschwert und der aufmerksamen Anspannung eines Menschen, der jeden Fehler noch persönlich nimmt.

Xu Yanyan war neunzehn und hatte einen Bogen und die Augen eines Menschen, der Dinge sieht, bevor andere sie sehen; sie sah Gu Tian genau einmal ins Gesicht und dann konsequent auf einen Punkt neben seinem Ohr.

Ding Wei war einundzwanzig und schwer und ruhig und trug einen mittleren Schild.

Zhou Kai war dreiundzwanzig, genau wie Gu Tian, und er war der Einzige, der sofort etwas sagte.

„Ich habe eine Frage.“

„Ja.“

„Sie sind seit vorgestern registriert und heute ist Ihr erster Toreinsatz. Warum steht dann in der Einsatzliste, dass Sie als Reserve geführt werden und nicht als fünfter Anwärter?“

Chen Ruolan hob den Kopf.

„Weil ich das so eingetragen habe“, sagte sie.

„Warum?“

„Weil das eine berechtigte Frage ist und ich sie beantworte, wenn wir draußen sind.“ Sie sah Zhou Kai an. „Merk dir, dass du sie gestellt hast. Das war richtig.“

Zhou Kai nickte einmal und trat zurück.

Gu Tian sah ihm nach und dachte, ohne es zu wollen: Den nehme ich.

Dann korrigierte er sich innerlich, weil es genau die Art von Gedanke war, die ein Haus wie Gu Qingpu hervorbrachte, und er hatte vor vier Tagen vor zweihundert Menschen etwas anderes gesagt.

Den frage ich irgendwann, dachte er stattdessen.

„Und Song Meifeng“, sagte Chen Ruolan. „Sanität und Heilung. Ihr habt euch schon gesehen.“

„Haben wir“, sagte Song.

Sie kam zwei Schritte näher und blieb dann stehen, in einem Abstand, der bewusst gewählt war — nicht zu weit, nicht so nah, dass irgendetwas passieren konnte.

Gu Tian bemerkte es und respektierte es.

„Wie geht es Ihrem Gerät?“, fragte sie.

„Es war nicht mein Gerät.“

„Es war Ihre Schuld.“

„Das“, räumte Gu Tian ein, „ist wahr.“

Sie lächelte, und es war ein völlig unkompliziertes Lächeln, warm und ohne Berechnung, und Gu Tian stellte fest, dass er es zwei Sekunden zu lange ansah.

Er sah weg.

„Frau Song.“

„Song. Nur Song, wenn Sie mögen. Frau Song dauert im Einsatz zu lang.“

„Song.“ Er sagte es und merkte, dass sein Chaos-Qi sich bei dem Wort um eine Winzigkeit bewegte, und schob es beiseite. „Ich habe etwas für Sie. Und für Chen und Lu.“

Er nahm die drei Talismane aus der Tasche.

Es waren schlichte Dinger, Papier mit einer aufgezeichneten Struktur, wie man sie in jedem Laden bekam — aber nicht ganz, denn wer genau hinsah, sah, dass die Zeichen nicht mit Tinte aufgetragen waren, sondern drin lagen.

Luo Shuang sah genau hin.

„Was ist das?“, fragte sie sofort.

„Seelenschutz.“

„Woher?“

„Aus einer Quelle, über die ich nicht rede.“

„Das“, sagte Luo Shuang, „ist die unbefriedigendste Antwort meines Lebens, und ich habe eine Mutter.“

„Warum Seelenschutz?“, fragte Chen Ruolan, ohne den Talisman zu nehmen.

Und da war er, der eigentliche Moment.

Gu Tian hatte darauf gewartet.

„Weil ich mir das Tor angesehen habe“, sagte er. „Vorhin, von da drüben. Und weil Frau Luo eine Drift misst, die nach Protokoll seit gestern Abend nicht mehr da sein dürfte.“

Luo Shuang riss den Kopf hoch.

„Sie haben zugehört.“

„Ich höre immer zu. Das ist die einzige Fähigkeit, die ich aus meinem alten Beruf mitgebracht habe.“

Er ging drei Schritte zum Zaun.

Das Tor stand fünfzig Meter hinter der Absperrung, zwischen zwei Kiefern: ein stehender Riss von ungefähr drei Metern Höhe, an den Rändern unscharf, mit einer Innenfläche, die aussah wie schwarzes Wasser, das man von unten beleuchtet hat.

Gu Tian öffnete die Dao-Sicht.

Der schmale goldene Ring am äußeren Rand seiner tiefschwarzen Iris wurde hell — nicht spektakulär, aber deutlich genug, dass Song Meifeng, die als Einzige direkt neben ihm stand, einen halben Schritt zurücktrat und die Luft anhielt.

„Ihre Augen“, sagte sie leise.

„Ich weiß.“

Was er sah, war schwer zu beschreiben, und er versuchte es trotzdem, weil sechs Leute hinter ihm standen und ein Bericht daraus werden musste.

„Ein Portal ist ein Knoten“, sagte er. „Es hat einen Kern, und aus dem Kern laufen Fäden — vier große, ungefähr sechzig kleine. Die großen halten die Öffnung, die kleinen regeln, was durchkommt und wie stark es ist. So weit stimmt alles mit Ihren Messungen überein, Frau Luo, ich bin ziemlich sicher, dass Ihre vier Hauptfrequenzen genau diese vier Fäden sind.“

„Das —“ Luo Shuang machte ein Geräusch. „Das steht in keinem Handbuch.“

„Es sind einundsechzig“, sagte Gu Tian.

Stille.

„Vier große und einundsechzig kleine. Der einundsechzigste gehört nicht dazu.“

Er sah ihn genau an.

Er lief nicht aus dem Kern heraus wie die anderen. Er lief hinein — von außen, von unten, aus dem Boden, als hätte jemand ein Kabel an eine Anlage angeschlossen, die für dieses Kabel nicht gebaut war.

Er war dunkelrot.

Und das war das eigentlich Falsche daran: Die anderen Fäden hatten überhaupt keine Farbe. Sie waren Struktur, und Struktur ist farblos. Dieser hier hatte eine Farbe, so wie Blut eine Farbe hat, und er war dünn und alt und pulsierte sehr langsam, ungefähr einmal alle sechs Sekunden.

[Signatur erkannt.]

Das System sagte es sofort, und es sagte es in einem Tonfall, den Gu Tian in vier Tagen erst zweimal gehört hatte.

[Dämonisch kompatibel.]

„Erklär.“

[Ich kann es nicht abschließend als Dämonen-Qi identifizieren, weil zu wenig davon vorhanden ist. Was ich sehe, ist eine Struktur, die auf dämonische Weltkorruption ausgelegt ist — ein Anschluss, kein Angriff. Etwas hat diesen Portalkern für etwas anderes vorbereitet.]

[Alter der Manipulation: zwischen sechs und neun Tagen.]

[Urheber: unbekannt. Und das ist echtes Unwissen, kein Siegel. Es war ein Mensch, und ich kartiere keine einzelnen Menschen.]

Gu Tian schloss die Dao-Sicht.

Der goldene Ring wurde wieder schmal.

„Frau Chen“, sagte er.

„Ja?“

„Ich empfehle, den Einsatz abzusagen.“

Chen Ruolan sah ihn an. Dann sah sie zum Tor. Dann wieder zu ihm.

„Begründung.“

„Jemand hat an diesem Portalkern gearbeitet. Vor ungefähr einer Woche. Es ist kein Schaden und keine Beschädigung — es ist ein Anschluss. Etwas ist an den Kern angeschlossen worden, das nicht dazugehört, und es ist noch nicht eingeschaltet.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich sehe es.“

„Das reicht der Behörde nicht.“

„Ich weiß.“

Luo Shuang trat vor, und ihre Stimme hatte sich verändert.

„Frau Chen. Meine Drift ist 0,8 Prozent. Sie ist im Toleranzband und ich kann damit keine Absage begründen.“ Sie sprach schneller. „Aber eine Drift ist gerichtet. Sie geht seit gestern Abend in eine Richtung, und zwar in dieselbe Richtung, in die sie ging, bevor sie gestern um 22:00 angeblich auf Normalwert zurückgegangen ist. Das heißt, sie ist nie zurückgegangen. Jemand hat sie zurückgesetzt.“

Chen Ruolan wurde sehr still.

„Das steht nicht in Ihrem Vorbericht.“

„Ich habe es vor vierzig Minuten gemessen.“

Chen Ruolan stand ungefähr zehn Sekunden lang mit verschränkten Armen da.

Dann nahm sie ihr Funkgerät.

„Songjiang, hier 7-C Sheshan. Ich beantrage Abbruch.“

Rauschen.

„…7-C, hier Songjiang. Begründung?“

„Formationstechnikerin misst gerichtete Kerndrift. Verdacht auf Manipulation.“

Pause.

„…7-C, Kernwerte liegen hier bei 0,8. Toleranzband ist 1,5. Abbruch ohne Überschreitung braucht Freigabe aus Shanghai. Frühester Rückruf Montag.“

Chen Ruolan schloss kurz die Augen.

„Songjiang, ich habe hier vier Anwärter.“

„…verstanden, 7-C. Wenn Sie abbrechen, ist es Ihre Entscheidung und Ihre Akte. Das Tor ist freigegeben.“

Sie hielt das Funkgerät noch einen Moment.

Dann sagte sie: „Verstanden. Ende.“

Sie drehte sich um.

„Wir gehen nicht rein“, sagte sie.

Zhou Kai machte ein Geräusch. Ma Lin sah auf. Lu Chen sagte: „Ernsthaft?“, und klang enttäuscht wie ein Kind.

„Ich habe elf Jahre lang keinen Anwärter verloren“, sagte Chen Ruolan, „und ich habe das geschafft, indem ich auf Leute gehört habe, die etwas messen, das ich nicht sehe.“

Sie sah Gu Tian an.

„Und ich habe kein Problem damit, in Songjiang zu erklären, warum ich einen Ausbildungseinsatz wegen 0,8 Prozent abgebrochen habe. Das ist ein schlechter Nachmittag. Das andere ist ein schlechtes Jahr.“

Sie hob die Stimme.

„7-C, wir packen zusammen. Ding, Ma, Zeltbahn. Xu, Sichtgerät runter. Luo, ich will Ihre Messdaten vollständig, ich schreibe das heute Abend.“

Die Gruppe setzte sich in Bewegung.

Gu Tian sah zu und stellte fest, dass er in diesem Moment mehr Respekt vor Chen Ruolan hatte als vor irgendjemandem, den er in vier Tagen auf dieser Welt getroffen hatte.

Und dann pulsierte der dunkelrote Faden.

Nicht alle sechs Sekunden.

Zweimal hintereinander.

Gu Tian riss die Dao-Sicht auf, so schnell, dass der goldene Ring nicht heller wurde, sondern aufflammte — und diesmal sahen es fünf Leute gleichzeitig.

„Weg vom Zaun“, sagte er.

„Was —“

Weg vom Zaun.

Der Riss zwischen den beiden Kiefern veränderte sich.

Er wurde nicht größer. Er wurde tiefer: Die schwarze Wasserfläche in seinem Inneren sackte nach hinten weg, als hätte jemand hinter ihr einen Raum geöffnet, und aus dem Boden vor dem Tor stieg ein Geräusch, das kein Geräusch war, sondern ein Druck auf den Ohren.

Luo Shuangs Geräte fingen alle drei gleichzeitig an zu schreien.

„Kernfrequenz —“ Sie starrte hin. „Das sind nicht 0,8. Das sind acht. Das sind — Frau Chen, das sind achtzehn Prozent, das Band geht bis fünfzehn, das ist —“

„Rückzug!“, sagte Chen Ruolan sofort. „Alle! Zum Parkplatz, sofort, keine Ausrüstung!“

Sie waren gut.

Das musste man ihnen lassen: Sie diskutierten nicht. Acht Menschen setzten sich in Bewegung, weg vom Zaun, den Hang hinunter, in einer Ordnung, die Chen Ruolan ihnen offensichtlich beigebracht hatte.

Sie kamen ungefähr fünfzehn Meter weit.

Dann schloss sich der Wald.

Es war kein Angriff.

Das war das Verstörende daran, und Gu Tian sah es mit der Dao-Sicht so klar, dass er den Vorgang später Wort für Wort protokollieren konnte: Der Riss zwischen den Kiefern dehnte sich nicht aus. Er kippte.

Die drei Meter hohe Öffnung legte sich flach, wie ein aufgeschlagenes Buch, das man zuklappt, und die Fläche dieses Buches wuchs in einem Sekundenbruchteil auf mehrere hundert Meter, und dann fiel sie über den Nordhang von Sheshan wie ein Tuch über einen Käfig.

Der Himmel wurde schwarz.

Nicht Nacht. Nacht hat Sterne. Das hier war schwarzes Wasser mit Licht von unten, in alle Richtungen, bis zum Horizont — und dort, wo eben noch ein Parkplatz mit vier Fahrzeugen gewesen war, standen Bäume, die nicht dieselben Bäume waren.

Es wurde sehr still.

Die Geräte in Luo Shuangs Händen hörten alle drei gleichzeitig auf zu schreien, und das war das Schlimmste.

„Was“, sagte Lu Chen, „ist gerade passiert?“

Niemand antwortete.

Und dann geschah das Zweite.

Gu Tian spürte es als Erster, weil sein Ursprungsboden ihm eine halbe Sekunde vor allen anderen meldete, dass sich etwas in der Nähe bewegte, das ihm ähnlich war.

Und Song Meifeng spürte es im selben Augenblick, weil es in ihr geschah.

Sie standen drei Meter voneinander entfernt, mitten in einem Wald, der eben noch Sheshan gewesen war.

Und dann trafen sich zwei Wurzeln, die aus derselben Quelle stammten, zum zweiten Mal — und diesmal war kein Amtsraum um sie herum, keine Bai Zhenzhen, kein Messgerät und keine Höflichkeit, die es hätte dämpfen können.

Song schlug die Hand vor den Mund.

Gu Tian machte einen Schritt auf sie zu, ohne es zu wollen.

Und dann verschwand der Wald für beide gleichzeitig.

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