Er brauchte einundfünfzig Minuten.
Die letzten sechs Kilometer legte er zu Fuß zurück, weil seine Reserve auf ein Viertel gefallen war und weil er ohnehin langsamer wurde: Der Boden hatte sich verändert.
Zuerst war es nur die Vegetation. Der Mischwald wurde dünner, ohne dass die Bäume gefällt worden wären; sie standen einfach weiter auseinander, kleiner, mit weniger Unterholz. Dann kam Grasland, aber kein gutes — kurzes, hartes Gras auf sandigem Untergrund, dazwischen kahle Stellen.
Und dann spürte er es.
Es war die Empfindung, die er in Zelle sieben gehabt hatte, als er zum ersten Mal die Strömungen der Welt bemerkt hatte, nur andersherum. Dort hatte das Qi der Umgebung an ihm vorbeigezogen wie Wind. Hier zog es nach unten.
Nicht schnell. Nicht dramatisch. Aber stetig, in einem großen, flachen Trichter, dessen Mitte irgendwo vor ihm im Dunkeln lag.
Gu Tian ging hinein und öffnete die Dao-Sicht.
Der goldene Ring in seinen Augen wurde hell, und in dem Moment sah er, warum hier seit vierzig Jahren niemand mehr wohnte.
Der ganze Landstrich war ein Loch.
Nicht im Boden. Im Qi. Über ein Gebiet von vielleicht drei Kilometern Durchmesser floss alles, was die Welt an spiritueller Energie hergab, in eine Vertiefung und verschwand darin, und was an der Oberfläche übrig blieb, war so dünn, dass Pflanzen kränkelten und Menschen nach ein paar Wochen wegzogen, ohne benennen zu können, warum sie sich hier immer müde fühlten.
„Wie tief?“, fragte Gu Tian.
[Unbekannt.]
Er blieb stehen.
„Das ist das erste Mal, dass du das sagst.“
[Ich weiß. Es ist auch das erste Mal, dass es zutrifft.]
[Ich kann die Ader auf etwa vierhundert Meter verfolgen. Danach geht sie in eine Struktur über, die ich nicht auflösen kann — nicht, weil sie versiegelt ist, sondern weil sie älter ist als meine Kartierung dieser Welt.]
„Und das ist gefährlich?“
[Nicht kurzfristig. Was dort unten liegt, hat vierzig Jahre lang nichts getan als saugen. In den letzten vierhundert vermutlich ebenfalls.]
[Ich bringe es zur Sprache, weil ich dir keine falsche Sicherheit gebe: Du baust dein Haus auf etwas, das ich nicht bis zum Grund kenne.]
Gu Tian sah lange in die Dunkelheit.
„Und die Alternative?“
[Ein militärischer Sperrbezirk oder neun Punkte unter bewohntem Gebiet.]
„Dann bauen wir hier.“
Der Ort selbst war eine flache Senke zwischen zwei bewaldeten Hügeln, ungefähr einen Kilometer breit, mit einem toten Bachbett am Südrand.
Gu Tian stand ungefähr in der Mitte, im Regen, barfuß im harten Gras.
„Was muss ich tun?“
[Sagen, dass du hier gründest.]
„Das war's?“
[Ja. Es ist keine Formalität. Ein Sitz ist eine Verankerung zwischen einem Menschen und einem Stück Welt, und Verankerungen entstehen durch Absicht, nicht durch Rituale.]
[Sag es aber richtig. Der Name, den du jetzt aussprichst, wird in die Weltstruktur eingetragen. Er lässt sich später nur unter erheblichem Aufwand ändern.]
Gu Tian schwieg.
Er hatte, ehrlich gesagt, keinen Namen.
Er hatte im Saal einen eigenen Clan gesagt und war ohne Gepäck durch ein Tor gegangen, und der Weg hierher war fünfzig Minuten Chaos-Schritt in Serie gewesen, was wenig Raum für Namensfindung ließ.
Er dachte an einen langen Tisch.
Er dachte an Ilva Deng, die morgen früh — nein. Vor einundvierzig Jahren, in einer anderen Welt. Er dachte trotzdem an sie, weil sie gefragt hatte: Wofür machst du das?, und er ihr damals nichts hatte antworten können.
Er dachte an einen Vater, der langsam gemacht hatte, damit sein Sohn nicht merkte, wie viel besser er war.
Er dachte an das, was das System ihm vor drei Stunden gesagt hatte: dass die Ordnung selbst nicht handeln darf, und dass es deshalb jemanden braucht, der es tut, und dass dieses Amt seit sehr langer Zeit leer ist.
„Ich habe eine Frage“, sagte er. „Und ich möchte eine ehrliche Antwort.“
[Immer.]
„Wenn ich das hier durchziehe. Wenn ich in dreißig, fünfzig, hundert Jahren tatsächlich dahin komme, wo du mich haben willst. Was passiert dann mit den Leuten, die ich unterwegs aufnehme?“
[Präziser.]
„Ich werde alt werden, oder? Sehr alt. Du hast Lebensspanne erwähnt.“
[Ja. Ein Chaos-Dao-Körper verlängert sie mit jedem Reich erheblich.]
„Und die anderen?“
[Kommt darauf an, was du ihnen gibst.]
Gu Tian nickte langsam im Regen.
„Dann heißt er so“, sagte er.
Und dann, laut, in eine leere Senke westlich von Songjiang, in der seit vierzig Jahren niemand gewohnt hatte:
„Hier gründe ich den Gu-Clan des Ewigen Dao.“
Nichts geschah.
Ungefähr drei Sekunden lang.
Dann veränderte sich der Regen.
Er hörte nicht auf — er drehte. Die Tropfen, die aus einer nordöstlichen Wolkenfront fielen, bogen in einem sanften, unmöglichen Bogen ab und begannen, in einem weiten Kreis um Gu Tian herum nach innen zu wandern, und der Boden unter seinen Füßen wurde warm.
Und der Trichter kehrte sich um.
Das war es, was Gu Tian durch die Dao-Sicht sah und was er nie mehr vergaß: Der Qi-Strom, der seit unbekannter Zeit an dieser Stelle nach unten in die Tiefe gelaufen war, wurde nicht abgeschnitten. Er wurde umgeleitet. Etwas legte sich zwischen die Oberfläche und die alte Ader, wie ein Ventil in eine Leitung, und ein Teil dessen, was hinunterging, blieb jetzt oben.
Die Senke füllte sich.
Das Gras an den kahlen Stellen richtete sich auf. Es wurde nicht grün — nicht in einer Nacht. Aber es richtete sich auf.
[Verankerung hergestellt.] [Sitz eingetragen: Gu-Clan des Ewigen Dao.] [Oberhaupt: Gu Tian.] [Mitglieder: 1.]
[Errichtung beginnt.]
Es dauerte elf Minuten, und Gu Tian sah die ganze Zeit zu.
Er hatte in seinem ersten Leben Baustellen gesehen: Kräne, Fertigmodule, Monate. Das hier war etwas anderes, und es war weniger spektakulär, als er erwartet hatte, und dadurch beeindruckender.
Es wuchs nicht aus dem Boden.
Es war da, in Abschnitten, so wie ein Bild scharf wird. Erst eine Mauerlinie, die man ahnte. Dann Mauer. Erst die Andeutung eines Daches, dann ein Dach mit Ziegeln, auf die der Regen fiel und Geräusche machte.
Höfe. Ein Tor. Wege aus grauem Stein. Ein Hauptgebäude mit breiten Stufen. Flügel nach Osten und Westen. Dahinter, in Reihen, Wohnhäuser — nicht Baracken, richtige Häuser mit Fenstern und kleinen Vorplätzen.
Sehr, sehr viele.
Als es fertig war, stand Gu Tian am Rand einer Anlage, die größer war als das Haus Gu Qingpu. Deutlich größer.
„Für wie viele?“, fragte er.
[Grundausbau: Wohnraum für etwa fünftausendzweihundert Personen. Erweiterbar.]
Gu Tian sah es an.
Die Lampen an den Wegen gingen der Reihe nach an. Das Tor stand offen. Auf den Dächern lief Regenwasser in die Rinnen und aus den Rinnen in gemauerte Kanäle, die jemand geplant hatte, obwohl es niemanden gab, der sie brauchte.
Fünftausendzweihundert Fenster, hinter denen kein Licht war.
„Das ist“, sagte er langsam, „das leerste Ding, das ich je gesehen habe.“
[Ja.]
„Du hättest mir eine Hütte geben können.“
[Ich gebe dir, was der Ort trägt, nicht was du gerade brauchst.]
Eine Pause.
[Und ich habe die Größe nicht gewählt.]
„Wer dann?“
[Du. Vor einundvierzig Jahren, auf einem Boden aus Grauharz.]
Gu Tian sagte darauf nichts.
Er ging durch das offene Tor.
[Erster Check-in am Sitz des Gu-Clans des Ewigen Dao verfügbar.]
[Einchecken?]
„Was ist ein Check-in?“
[Eine Grundfunktion. Du meldest dich an einem Ort an; der Ort gibt etwas zurück. An gewöhnlichen Orten sind es Ressourcen. An bedeutenden Orten ist es mehr.]
[Dieser Ort ist der Gründungspunkt eines Clans, den ich seit achthundert Jahren aufbauen soll. Er ist bedeutend.]
„Dann ja.“
[Check-in durchgeführt.]
[BELOHNUNG — GRÜNDUNGSSITZ]
[▸ 3.000 Systempunkte] [▸ Clan-Segen Stufe 1 (aktiv für alle freiwilligen Mitglieder)] [▸ Dao-Schriftenpavillon — Grundkern] [▸ 1.000 Spirit-Steine, Starterbestand] [▸ System-Shop freigeschaltet] [▸ Chaos-Schutzbiest — Bindungsangebot]
Gu Tian blieb mitten auf dem Hauptweg stehen.
„Der letzte Punkt.“
[Später. Er ist gerade aufgewacht und schlecht gelaunt.]
„…Er?“
[Sie.]
Er ging weiter, während das System die anderen Punkte abarbeitete, und es tat es so, wie es alles tat: kurz.
[Systempunkte sind die Währung des Shops. Zur Einordnung: Ein täglicher Check-in gibt einige hundert. Eine wichtige Mission gibt Zehntausende. Fünfzigtausend zur Gründung ist eine große Summe, und sie wird dir kleiner vorkommen, sobald du den Shop geöffnet hast.]
[Clan-Segen Stufe 1: Jedes freiwillige Mitglied dieses Clans cultiviert etwa vierzig Prozent schneller, regeneriert schneller, hat stabilere Durchbrüche und höhere Qi-Reinheit. Der Segen wirkt nur bei freiwilliger Zugehörigkeit. Er lässt sich nicht erzwingen und erlischt in dem Moment, in dem jemand bleibt, weil er muss.]
Gu Tian blieb stehen.
„Sag das noch einmal.“
[Er erlischt bei erzwungener Zugehörigkeit.]
„Das ist kein Nebeneffekt, oder? Das ist absichtlich so gebaut.“
[Ja.]
„Von dir?“
[Von dem, was mich geschaffen hat. Ich habe die Bedingung nicht geschrieben. Ich habe sie geerbt.]
Gu Tian stand im Regen zwischen fünftausend leeren Häusern und dachte darüber nach, dass er heute Abend vor zweihundert Menschen fünf Regeln aufgesagt hatte, ohne zu wissen, dass die erste davon bereits in dem Ding stand, das ihm diesen Ort gegeben hatte.
„Gut“, sagte er leise. „Das gefällt mir.“
Der Dao-Schriftenpavillon lag im Westflügel.
Er war kein Bibliotheksgebäude, sondern ein einzelner runder Raum mit einem Sockel in der Mitte, und auf dem Sockel lag etwas, das aussah wie eine flache, matte Steinscheibe.
[Grundkern. Er enthält aktuell dreiundvierzig Schriften auf Grundstufe: Cultivationsmethoden, Körperkünste, Waffenformen, Heilgrundlagen, Formationslehre.]
[Nicht für dich. Für Mitglieder.]
„Erklär.“
[Was ich dir gebe, gebe ich per Dao-Übertragung. Was der Pavillon einem gewöhnlichen Menschen gibt, ist angepasst: Der Kern liest die Wurzel, den Körper und das Verständnis eines Mitglieds und übergibt eine passende Fassung — mit einem Teil der Übertragung, aber nicht vollständig.]
[Ein Mensch mit einer Rang-8-Wurzel bekommt hier in zwei Jahren, was er sonst in fünfzehn lernt. Er bekommt keine Rang-2-Wurzel, und aus einem Faulen wird kein Genie.]
„Aber aus einem Fleißigen mit schlechter Wurzel wird jemand, der es wert war, aufgenommen zu werden.“
[Ja.]
Gu Tian legte die Hand auf den kalten Sockel und ließ sie eine Weile dort liegen.
Er dachte an einen dreiundzwanzigjährigen Praktikanten, der um vier Uhr elf einen Fehler gemacht und bis achtzehn Uhr gewartet hatte, ob er von allein weggeht.
„Ich brauche Leute“, sagte er.
[Ja. Das ist ab morgen dein eigentliches Problem, und ich kann es nicht für dich lösen. Ich kann Gebäude bauen. Menschen musst du überzeugen.]
Er fand den Speisesaal, weil er ihn suchte.
Er lag im Hauptgebäude, hinter der großen Halle, und er war lang.
Sehr lang.
Zwölf Tische, jeder ungefähr fünfzehn Meter, in zwei Reihen, mit Bänken auf beiden Seiten. Am Kopfende ein einzelner Tisch quer, kleiner, für vielleicht zwanzig Personen. An den Wänden Lampen, die alle brannten. In der offenen Küche dahinter: Herde, Kessel, Vorratsschränke, Regale mit Geschirr, sauber gestapelt, tausend Schalen.
Gu Tian stand in der Tür.
Er ging hinein, sehr langsam, an dem ersten Tisch entlang, und ließ die Hand über das Holz laufen. Es war warm. Es roch neu.
An der Küche blieb er stehen und sah durch die Durchreiche. Jemand — irgendetwas — hatte Kochlöffel in einen Tonkrug gestellt, so wie Menschen es tun.
Er ging zurück in die Mitte des Saals und blieb dort stehen.
Und dann traf es ihn.
Es kam nicht als Gedanke. Es kam wie damals in Ebene 44 der Druck auf dem Brustbein: von unten, ohne Ankündigung, und dann war es überall.
Er hatte sich das gewünscht.
Genau das. Nicht ungefähr — genau das. Ein langer Tisch. Nicht einer. Zwölf. Ein Raum, der voll sein wollte. Und er stand darin, allein, barfuß, in einer zerrissenen Robe, mit Blut an den Rippen, und die Lampen brannten für niemanden, und in der Küche standen die Kochlöffel im Krug und warteten auf Hände.
Gu Tian setzte sich auf eine Bank.
Er setzte sich nicht an das Kopfende. Er setzte sich in die Mitte des dritten Tisches, dorthin, wo bei einer Familie irgendjemand sitzt, und legte die Unterarme aufs Holz und den Kopf auf die Unterarme.
Dann weinte er.
Es war das zweite Mal in vier Tagen und das zweite Mal in zweiundsechzig Jahren, und diesmal war es nicht der Junge.
Es dauerte nicht lange. Vielleicht drei Minuten.
Das System sagte in diesen drei Minuten kein Wort.
Als er wieder aufsah, war das Licht anders.
Nicht die Lampen. Etwas anderes.
Durch die hohen Fenster des Speisesaals, von Nordosten her, aus der Richtung, in der die Senke am tiefsten war, kam ein Schein, der weder Mond noch Blitz war.
Und dann kam der Druck.
Gu Tian war draußen, bevor er darüber nachgedacht hatte.
Der Regen hatte aufgehört. Über dem nördlichen Hof, ungefähr zwanzig Meter über den Dächern, stand etwas in der Luft und drehte sich langsam.
Es war ungefähr elf Meter lang.
Es hatte keine Flügel.
Es war ein Langdrache in der Form, die auf jeder alten Rolle dieser Welt zu sehen war und die noch nie ein lebender Mensch aus dieser Entfernung gesehen hatte: schlank, schlangenartig, mit vier Klauen, einer Mähne, die sich bewegte, als sei sie unter Wasser, und langen Barteln, die sich in der Luft kräuselten.
Die Schuppen waren schwarz.
Nicht mattschwarz — dasselbe Schwarz wie Gu Tians Augen, tief, ohne Grund, und wenn sich das Tier drehte, lief über die Flanken derselbe galaktische Schimmer, den er in seinem eigenen Haar gesehen hatte.
Und in dem Moment, in dem er in den Hof trat, drehte es den Kopf zu ihm herunter.
Die Augen waren golden.
Der Druck war das eigentlich Bemerkenswerte.
Gu Tian hatte an diesem Abend zweihundert Menschen mit seinem eigenen Ursprung auf die Knie gebracht. Er wusste, wie sich Unterdrückung von der Innenseite anfühlte.
Das hier fühlte sich von außen an, und es war nicht das Gleiche.
Es war nicht Wurzeldruck. Es war Blut. Es war die schlichte, absolut selbstverständliche Ansage einer Existenz, die in der Rangordnung der lebenden Dinge sehr weit oben steht, und sie rollte über die Senke hinweg wie ein tiefer Ton.
Im Wald an den Hügeln geschah daraufhin etwas.
Gu Tian hörte es: Ein Rauschen, das sich vom Zentrum weg ausbreitete. Hunderte von Tieren, die gleichzeitig aufbrachen. Vögel, die nachts nicht fliegen. Etwas Großes, das durch das Unterholz brach und dabei nicht einmal versuchte, leise zu sein.
Innerhalb einer Minute war der Wald in einem Umkreis von drei Kilometern leer.
[Drachenunterdrückung.]
„Ja“, sagte Gu Tian. „Das habe ich gemerkt.“
Der Drache kam herunter.
Er landete nicht — er ließ sich sinken, bis der Kopf auf Höhe des Hofes war, und der Rest des Körpers hing in großen, trägen Windungen in der Luft dahinter, ohne dass irgendetwas ihn hielt.
Der Kopf war größer als Gu Tian.
Die goldenen Augen sahen ihn an, und sie sahen ihn nicht an, wie ein Tier einen Menschen ansieht.
Sie musterten ihn.
Dann sprach sie.
Nicht mit dem Maul. Es kam direkt in seinen Kopf, so wie das System — aber während das System ruhig und knapp klang, war das hier tief, jung und ausgesprochen ungnädig.
»Du riechst nach mir.«
Gu Tian hob eine Augenbraue.
„Guten Abend.“
»Ich habe nicht gefragt, ob du Manieren hast. Ich habe gesagt, du riechst nach mir.« Der Kopf kam näher. Ein Bartel strich durch die Luft dicht an seinem Gesicht vorbei. »Das ist unmöglich. Menschen riechen nach Menschen. Nach Fleisch und Angst und Rauch.«
»Du riechst nach Ursprung.«
„Chaos-Dao-Wurzel“, sagte Gu Tian. „Rang eins.“
Die Bewegung des Drachen hörte auf.
Vollständig. Elf Meter Körper hielten in der Luft still, und einen langen Moment lang war der einzige Laut im Hof das Wasser, das aus den Dachrinnen in die Kanäle lief.
»…Rang eins.«
„Ja.“
»Das gibt es nicht.«
„Sagt das System auch. Es scheint trotzdem so zu sein.“
Der Drache zog den Kopf zurück und richtete sich in der Luft auf, und für einen Moment sah Gu Tian das ganze Tier auf einmal — elf Meter schwarzer, sternenstaubdurchzogener Körper über einem leeren Hof, mit einer Mähne, die sich ohne Wind bewegte.
»Ich bin ein Chaos-Drache«, sagte sie, und in der Stimme lag ein Stolz, der nicht antrainiert war, sondern einfach die Wahrheit über ihre Herkunft. »Es gibt in dieser ganzen Welt keine zweite. Es gibt in den drei Welten, die ich kenne, keine zweite. Meine Linie stammt aus derselben Quelle wie das, was du in dir trägst.«
»Und ich bin heute Nacht aufgewacht, weil etwas diese Quelle in einem Menschen angezündet hat.«
Sie kam wieder herunter.
»Ich bin sehr wütend darüber.«
„Das höre ich.“
»Ich hatte vor, hundert Jahre zu schlafen.«
„Wie viele haben Sie geschafft?“
»Sechs.«
Gu Tian lachte.
Er konnte nichts dafür. Es brach einfach heraus, laut, in einem leeren Hof, um vier Uhr morgens, nach der längsten Nacht seines zweiten Lebens — und der elf Meter lange Chaos-Drache über ihm zuckte tatsächlich zurück, weil das in der Reihenfolge der Dinge nicht vorgesehen gewesen war.
»Du lachst mich aus.«
„Nein.“ Gu Tian wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. „Ich habe gerade sehr viele Dinge auf einmal erledigt, und Sie sind das erste heute Nacht, das nicht schrecklich ist.“
Der Drache sah ihn an.
»…Was hast du erledigt?«
„Ich bin gestorben, wieder aufgewacht, habe ein System bekommen, eine Wurzel, eine Waffe, habe drei Leute zur Rechenschaft gezogen, meine Schwester verloren, ein Haus verlassen, in dem ich aufgewachsen bin, und einen Clan gegründet, der aus mir besteht.“
Pause.
»In einer Nacht.«
„In einer Nacht.“
Der Drache ließ den Kopf sinken, bis die goldenen Augen auf einer Höhe mit seinen waren, und sah ihn sehr lange an.
Dann sagte sie, deutlich weniger ungnädig:
»Das ist eine anstrengende Nacht.«
[Bindungsangebot: Chaos-Schutzbiest.]
[Zur Klarheit, weil du sonst gleich fragst: Sie ist kein Systemgegenstand. Ich habe sie nicht erschaffen. Sie hat in dieser Senke geschlafen, seit sie ein Ei war, und der Grund, warum diese Ader nach unten zieht, hängt mit ihr zusammen — wenn auch nicht so, wie du gerade denkst.]
[Ich kann eine Bindung ermöglichen. Ich kann sie nicht erzwingen. Sie muss zustimmen, und du auch.]
Gu Tian sah zu dem Drachen auf.
„Was bedeutet eine Bindung?“
»Für dich? Dass ich für dich kämpfe.« Ein Schnauben, das den Kies auf dem Hof bewegte. »Für mich, dass ich einen Menschen an mir hängen habe, der in zehn Jahren an einer Erkältung sterben könnte.«
„Ich sterbe nicht an Erkältungen.“
»Menschen sterben an allem.«
„Was bekommen Sie dafür?“
Der Drache wurde still.
»Chaos-Qi«, sagte sie schließlich, und zum ersten Mal war in der Stimme etwas anderes als Stolz. »Meine Linie braucht es zum Wachsen. Es gibt in dieser Welt keins mehr. Es gab hier einmal welches — deswegen ist mein Ei hier gelandet, und deswegen zieht diese Ader, und deswegen habe ich sechshundert Jahre geschlafen, weil ich nichts anderes tun konnte als warten.«
Sie sah ihn an.
»Und dann hat heute Nacht jemand vier Kilometer von hier entfernt eine Rang-1-Wurzel geöffnet.«
Gu Tian dachte an den Saal.
An den Moment, in dem er die Verschleierung vollständig gelöst hatte, für zwei Sekunden, und zweihundert Menschen ihr Qi verloren hatten.
„Ah“, sagte er.
»Ja«, sagte der Chaos-Drache trocken. »›Ah.‹«
„Eine Bedingung“, sagte Gu Tian.
Die goldenen Augen verengten sich.
»Du stellst mir Bedingungen.«
„Eine.“
»…Sprich.«
„Sie sind kein Reittier und kein Wächter und kein Werkzeug.“ Gu Tian sah zu ihr hoch, ohne den Kopf zu senken. „Wenn wir das machen, sind Sie ein Mitglied dieses Clans. Das heißt: Sie können jederzeit gehen. Sie können mir widersprechen. Sie können mir sagen, dass ein Befehl idiotisch ist, und wenn er idiotisch ist, werde ich ihn zurücknehmen.“
„Und ich werde Sie nie in einen Kampf schicken, in den ich nicht selbst gehe.“
Der Drache sagte eine ganze Weile nichts.
»Menschen sagen so etwas«, sagte sie dann. »Ich habe drei Menschen gekannt. Alle drei haben so etwas gesagt.«
„Und?“
»Sie sind sehr lange tot. Ich weiß nicht mehr, ob sie es gehalten haben.« Ein Bartel kräuselte sich. »Das ist das Problem mit euch. Ihr seid zu kurz, um euch zu bewähren.«
„Dann werde ich länger.“
Und der Chaos-Drache lachte.
Es war ein erschreckendes Geräusch — irgendetwas zwischen einem Rollen und einem Zischen, und im Wald am Hügel brach etwas Großes erneut in Panik durchs Unterholz.
»Gut«, sagte sie. »Gut. Ich nehme an.«
Die Bindung war nichts wie die Bindung an das System.
Es tat nicht weh.
Es war, als würde in einem Raum, in dem man allein sitzt, jemand die Tür aufmachen und sich hinsetzen, ohne zu fragen — und man stellt fest, dass das in Ordnung ist.
Gu Tian spürte für einen Moment ihr Blut, und sie spürte seinen Ursprung, und beide zuckten gleichzeitig zusammen, weil es in beide Richtungen zu viel war.
Dann pendelte es sich ein.
[Bindung hergestellt.] [BEAST-Eintrag: Chaos-Drache, weiblich, jung.] [Aktuelle Stufe: entspricht etwa mittlerem B. Blutlinienpotenzial: nicht bewertbar auf aktueller Systemautorität.]
„Sie hat keinen Namen“, sagte Gu Tian.
»Ich hatte einen. Er war in einer Sprache, die es nicht mehr gibt.«
„Wollen Sie einen neuen?“
Der Drache dachte nach. Es war deutlich sichtbar; die langen Barteln bewegten sich.
»Such einen aus«, sagte sie schließlich. »Wenn er schlecht ist, fresse ich dich.«
Gu Tian sah sie an: elf Meter Schwarz über einem leeren Hof, mit Sternenstaub in den Schuppen, unter einem Himmel, der langsam aufklarte.
„Xingchen“, sagte er.
Sternenstaub.
Der Drache hielt still.
Dann drehte sie sich einmal in der Luft — träge, angeberisch, mit dem gesamten Körper —, und der Schimmer lief über sie hinweg wie ein Fluss.
»Akzeptabel.«
Sie legte sich schließlich auf das Dach der großen Halle, rollte sich in drei Windungen zusammen und schlief innerhalb von zwei Minuten ein, mitten im Satz.
Gu Tian stand allein im Hof.
Der Himmel im Osten wurde grau.
„Also gut“, sagte er leise. „Ich habe ein Haus für fünftausend Leute, einen Drachen auf dem Dach, fünfzigtausend Punkte, tausend Spirit-Steine und keine Schuhe.“
[Korrekt.]
„Was fehlt?“
[Menschen. Und bevor du Menschen bekommst: eine Existenz.]
„Erklär.“
[Du bist ein dreiundzwanzigjähriger Mann ohne Registrierung, ohne Bürgerakte, ohne Jägerausweis und ohne jede legale Verbindung zu diesem Grundstück, auf einer Welt, in der seit hundert Jahren Portale aufgehen und in der jeder Mensch mit einer Wurzel bei der Jägervereinigung erfasst wird.]
[Du hast heute Nacht vor zweihundert Zeugen ein großes Haus verlassen. Spätestens am Abend wird jemand offiziell melden, dass der tote Erbe der Zweiglinie Gu Qingpu lebt und einen Ältesten verkrüppelt hat.]
[Wenn du dann keinen Eintrag im Register hast, bist du kein Clanoberhaupt. Du bist ein Vorfall.]
Gu Tian schloss kurz die Augen.
„Ich muss zum Amt.“
[Ja.]
„Ich habe gerade einen Drachen gebunden und muss zum Amt.“
[Ja.]
„Das ist“, sagte Gu Tian, „das erste Mal in zwei Leben, dass ich mich über Bürokratie freue, und ich möchte, dass du das notierst.“
[Notiert.]
[Nebenmission — optional] [Registriere eine legale Identität bei der Jägervereinigung.] [Belohnung: 800 Systempunkte.] [Hinweis: Die Prüfstelle Songjiang öffnet um 08:00.]
Er sah über die leeren Höfe, über fünftausendzweihundert dunkle Fenster, über den langen Schatten auf dem Dach der Halle.
Dann ging er, um sich etwas anzuziehen, das keine Gefangenenrobe war.
