Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 1 · Arc 01
Kapitel 006Der Erbe aus dem Abgrund

Eine Waffe aus dem Void

2.826 Wörter · Band 1 — Nightfall über Shanghai

„Ich könnte jetzt gehen“, sagte Gu Tian.

[Ja.]

„Du hältst mich nicht auf.“

[Ich hindere dich an nichts. Ich weise dich allerdings darauf hin, dass über dir achtzehn Personen in vier Räumen sind, dass drei davon Waffen tragen, und dass du in deinen ersten neun Minuten mit einer Rang-1-Wurzel gelernt hast, wie man einen Blitz erzeugt, aber noch nicht, wie man ihn hält.]

Gu Tian sah zu der faustgroßen Kerbe, die er in die Wand geschlagen hatte.

„Fair.“

[Es gibt außerdem eine Komponente des Starterpakets, die du noch nicht bekommen hast. Sie ist die wichtigste.]

„Wichtiger als eine Rang-1-Wurzel?“

[Nein. Aber die Wurzel entscheidet, wie weit du kommst. Das hier entscheidet, ob du morgen früh noch da bist.]

Es kam ohne Ankündigung und ohne Licht.

Ungefähr eine Armlänge vor ihm, auf Brusthöhe, hörte die Luft einfach auf.

Es war kein Riss im dramatischen Sinn; nichts zerbrach, nichts leuchtete. Ein senkrechter Schnitt von etwa einem Meter Länge stand in der Kammer, und dahinter war nichts. Nicht schwarz — schwarz wäre eine Farbe gewesen. Es war die Abwesenheit von Richtung, und Gu Tian erkannte sie sofort und mit einem unangenehmen Ziehen im Nacken wieder.

Er hatte darin gelegen.

„Das ist —“

[Die Leere. Nicht dieselbe Stelle. Dieselbe Art von Ort.]

Aus dem Schnitt kam ein Griff.

Nur der Griff, zuerst; dann, während die Öffnung sich schloss, der Rest, und das Ganze schwebte einen halben Herzschlag lang frei in der Luft, bevor Gu Tian instinktiv die Hand ausstreckte und es fiel hinein wie etwas, das nach Hause kommt.

Es war ein Jian.

Und es war das unspektakulärste Ding, das Gu Tian an diesem Tag gesehen hatte.

Gerade, beidseitig geschliffen, etwa neunzig Zentimeter Klinge, ein schlichter Griff mit einer glatten Umwicklung ohne Muster, ein rundes Stichblatt ohne jede Verzierung. Die Klinge war grau. Nicht silbern, nicht poliert — mattgrau, wie Stein unter Wolken, ohne Blutrinne, ohne Gravur, ohne Namen.

Er hob es und drehte es im Licht des blauen Kristalls.

Es warf keine Reflexion.

„Das ist“, sagte Gu Tian langsam, „das langweiligste Schwert, das ich je gesehen habe.“

[Ja.]

„Der Kopf dieses Körpers hat Waffen gesehen, die geleuchtet haben. Es gab im Ahnensaal eine Klinge mit einem Drachen darauf.“

[Der Drache war eingeätzt und die Klinge war aus veredeltem Kaltstahl mit einer eingelegten Wärmeformation. Sie ist ein gutes Werkzeug. Sie ist nichts weiter.]

[Was du hältst, ist die Zehntausend-Dao-Waffe.]

Gu Tian ließ die Klinge sinken.

„Erklär.“

[Sie ist an deine Seele gebunden, nicht an deine Hand. Sie kann dir nicht gestohlen, nicht abgenommen und nicht zerstört werden. Sie ist an keinem Ort und wartet nicht in einer Kammer. Wenn du sie rufst, ist sie da.]

[Sie besitzt keine eigene Form. Was du hältst, ist die Form, die dein aktuelles Reich und dein aktuelles Verständnis tragen. Ein Jian, weil dein Körper sieben Jahre Schwerttraining hat und weil dein Verstand Klarheit über Wucht stellt.]

[Später wird sie andere Formen annehmen. Speer. Dao. Bogen. Andere Dinge, für die es hier noch keine Worte gibt. Nicht, weil sie sich verwandelt — sondern weil sie nie etwas Bestimmtes war.]

„Und warum ist sie grau?“

[Weil sie noch nichts ist.]

Gu Tian sah auf die matte, reflexionslose Klinge in seiner Hand und begriff, dass er sie eben unterschätzt hatte, weil er sie mit den Augen eines Mannes angesehen hatte, der Werkzeuge nach Aussehen bewertet.

Er hatte in seinem ersten Leben elf Jahre lang mit Systemen gearbeitet, die keine Oberfläche hatten. Die besten waren immer die unauffälligsten gewesen.

„Gut“, sagte er. „Dann sehen wir, was sie kann.“

Er hob das Schwert.

Und sein Körper wusste, wie man das tut.

Es war nicht der Junge. Das war der Punkt, an dem Gu Tian sich verrechnet hatte: Er hatte angenommen, die sieben Jahre Trainingshof des ursprünglichen Gu Tian würden ihn tragen. Sie waren da — er wusste, wie der Griff liegt, wie das Handgelenk locker bleibt, wie das Gewicht auf dem vorderen Fuß sitzt.

Aber was in diesem Augenblick durch seine Arme lief, war größer als sieben Jahre.

Die Dao-Übertragung hatte vorhin die Chaos-Dao-Schwertkunst, erste Formen abgelegt, und er hatte es kaum bemerkt, weil in derselben Minute acht Elemente und eine Verschleierung dazugekommen waren. Jetzt, mit einer Klinge in der Hand, entfaltete es sich.

Er kannte den Weg der ersten Form.

Nicht theoretisch. Seine Schulter kannte den Winkel. Seine Hüfte kannte den Zeitpunkt, an dem sie sich dreht. Die feinen Muskeln zwischen Daumen und Zeigefinger wussten, wie stark sie im letzten Zehntel greifen müssen, damit die Klinge nicht kippt. Sein Meridiannetz — das neue, mit der Redundanz — kannte die Bahn, auf der Chaos-Qi vom Zentrum durch den rechten Arm in die Waffe läuft.

Gu Tian führte die Form aus, ohne zu üben.

Der Schnitt lief von hoher rechter Schulter diagonal nach unten links, die Hüfte kam mit, der hintere Fuß drehte auf dem Ballen, und die graue Klinge zog eine Linie durch die Luft von Zelle sieben, die so sauber war, dass sie ein Geräusch machte, das er nicht erwartet hatte: kein Zischen. Eine Art Stille im Verlauf des Schnitts, als hätte die Luft sich nicht die Mühe gemacht, Widerstand zu leisten.

Er stand am Ende der Bewegung genau richtig.

Sechzehn Sekunden lang sagte er nichts.

„Das war die erste Form“, sagte er dann.

[Ja. »Ursprungstrennung«, Grundstufe. Von neun Stufen. Du kannst gegenwärtig eins bis drei vollständig.]

„Und die anderen sechs?“

[Sind bereits in dir. Sie sind nicht gesperrt, weil ich sie zurückhalte, sondern weil dein Körper sie nicht überleben würde. Wenn dein Reich steigt, öffnen sie sich von selbst. Du wirst dafür nicht trainieren müssen.]

Gu Tian ließ die Klinge langsam sinken.

„Nur damit ich es richtig verstehe“, sagte er. „Der Junge, dessen Körper das ist, hat sieben Jahre lang jeden Morgen vor Sonnenaufgang tausend Schnitte geübt. Sieben Jahre. Ich habe gerade in vier Sekunden etwas gemacht, das besser war als alles, was in seinen Erinnerungen vorkommt.“

[Ja.]

„Und das ist nicht unfair?“

[Doch.]

Die Antwort kam so schnell und so ohne Umschweife, dass Gu Tian tatsächlich blinzelte.

[Es ist vollkommen unfair. Ich verkaufe es dir nicht als Verdienst. Du hast es nicht verdient, du hast es bekommen, und der Grund dafür ist, dass ich dich brauche und keine Zeit habe, dich langsam zu erziehen.]

[Was du dir verdienen musst, ist etwas anderes, und es ist das Einzige, was am Ende zählt: Verständnis. Ich kann dir die Bewegung geben. Ich kann dir nicht geben, wann du sie einsetzt, warum sie in einer bestimmten Situation die falsche ist, und was das Gesetz dahinter bedeutet.]

[Zehntausend Wiederholungen desselben Schnitts sind auf dieser Welt eine Notlösung. Sie existieren, weil niemand sonst einem Menschen ein Muskelgedächtnis übertragen kann. Sie machen niemanden weise. Sie machen nur die Hand ruhig.]

[Deine Hand ist ruhig. Fang bei den schwierigen Dingen an.]

Gu Tian sah einen Moment lang ins Halbdunkel.

„Das ist“, sagte er, „die vernünftigste Trainingsphilosophie, die ich je gehört habe. Ich habe elf Jahre lang Leuten erklärt, dass sie nicht schneller tippen sollen, sondern besser denken.“

[Ich weiß. Ich habe es gelesen.]

„Du hast — was?“

[Du bist gebunden. Ich kenne beide Leben. Ich lese sie nicht laufend mit; das wäre unhöflich und ineffizient. Aber sie sind zugänglich.]

„Das“, sagte Gu Tian, „besprechen wir später ausführlich.“

[Ich freue mich darauf.]

Er trat in die Mitte der Kammer.

„Elemente auf der Klinge. Geht das?“

[Probier es.]

Er hob das Jian, führte Chaos-Qi durch den Arm in die Waffe und wollte, dass es Feuer wurde — so, wie er es vorhin über der Handfläche getan hatte.

Es wurde Feuer.

Die graue Klinge überzog sich vom Stichblatt bis zur Spitze mit einer dünnen, ungleichmäßigen Schicht aus derselben grau-schwarz gekernten Flamme, und die Kammer wurde plötzlich sehr warm.

Sie brannte nicht sauber. An zwei Stellen flackerte es, und einmal, kurz vor der Spitze, löste sich das Feuer für einen Moment von der Klinge, als habe es vergessen, wo es hingehört.

„Es hält nicht.“

[Nein. Weil du nicht weißt, was Feuer ist. Du kannst es machen. Das ist etwas anderes.]

[Ein Kultivator mit einer Feuerwurzel Rang sieben brächte eine dünnere, schwächere Flamme zustande — und sie würde nicht flackern, weil sein Wesen und die Flamme dasselbe wollen. Deins will nichts. Deins tut, was du sagst, und du sagst es unpräzise.]

„Also nutzlos.“

[Nein. Zünde etwas an.]

Gu Tian sah sich um, fand nichts Brennbares außer der leeren Wasserflasche, zuckte die Schultern und schnitt stattdessen in die Wand.

Die Klinge ging vier Fingerbreit in den Fels.

Er zog sie heraus. Der Schnitt in der Wand glühte an den Rändern dunkelrot, und aus der Kerbe rieselte etwas, das kein Staub war, sondern Stein, der aufgehört hatte, Stein sein zu wollen.

„…in Ordnung“, sagte Gu Tian.

[Feuer auf einer Klinge, die von einer Rang-1-Wurzel gespeist wird, ist auch dann unangenehm, wenn es unsauber ist. Präzision entscheidet gegen Gegner, die es aufhalten können. Gegen alles andere entscheidet Menge.]

Er wechselte.

Wind zuerst — das war ein anderes Gefühl, kein Überzug, sondern etwas, das die Klinge ziehen wollte; sie wurde in seiner Hand plötzlich leichter, und der nächste Probeschnitt war einen ganzen Atemzug schneller, ohne dass er mehr Kraft aufgewendet hätte.

Dann Blitz.

Das war schlecht. Der Faden fuhr an der Klinge entlang, sprang am Stichblatt über und brannte ihm eine kleine, hässliche Linie über den Handrücken, bevor er es abwürgte.

„Autsch.“

[Blitz braucht einen Weg. Du hast ihm einen Leiter in die Hand gegeben und keinen Ausgang. Bei der nächsten Anwendung führst du ihn über die Spitze hinaus, nicht über die Klinge hinweg.]

Er versuchte es noch einmal. Diesmal saß es: Der Blitz lief die Klinge hinauf und riss an der Spitze ab, in einem kurzen, zuckenden weißen Faden, der in die Luft stach und verging.

Der Brandstrich auf seinem Handrücken war bereits verblasst, als er das nächste Mal hinsah.

Er hielt inne und betrachtete die Stelle.

„Wie schnell heile ich?“

[Schneller als jeder Geistboden-Kultivator dieser Welt. Bei gewöhnlichen Verletzungen deutlich. Bei Dao-Verletzungen, Seelenschäden und Gesetzeswunden gar nicht besser.]

[Merke dir den zweiten Teil. Du wirst sonst irgendwann in etwas hineinlaufen, das nicht aufhört.]

„Notiert.“

„Bewegung“, sagte Gu Tian.

[Grenzenloser Chaos-Schritt. Grundstufe.]

„Was macht sie?“

[Auf deinem Niveau: nichts Mystisches. Sie ordnet dein Qi in Sehnen, Waden und Fußgewölbe neu und gibt dir für kurze Strecken eine Beschleunigung, die dein Körper sonst nicht erzeugen könnte. Höhere Stufen sind Raumtechniken. Die hast du nicht.]

„Wie weit?“

[Sechs Meter. Diese Kammer ist sechs Meter lang.]

„Passend.“

Er stellte sich an die hintere Wand, ließ die Waffe in der linken Hand hängen, senkte den Schwerpunkt —

— und war an der anderen Wand.

Es gab keinen Übergang. Es gab keinen zweiten Schritt. Sein Fuß löste sich vom Boden und setzte auf, und dazwischen lagen sechs Meter, die er nicht erlebt hatte.

Er fing sich mit der freien Hand an der Wand ab, weil er zu schnell war, und blieb dann so stehen, die Handfläche gegen den kalten Fels, und lachte.

Es war ein Lachen, das er in seinem ersten Leben ungefähr viermal gelacht hatte. Nicht das höfliche Lachen aus Besprechungen. Nicht das trockene aus Ebene 44.

Das andere.

„Noch mal.“

Er machte es siebenmal.

Beim vierten Mal drehte er in der Mitte ab und stieß sich von der Seitenwand ab. Beim sechsten setzte er die erste Schwertform ans Ende der Bewegung, und die graue Klinge schlug in die Wand, wo er sie haben wollte, mit dem gesamten Impuls von sechs Metern dahinter.

Der Fels riss auf einer Länge von einem halben Meter auf.

Gu Tian stand da, atmete schwer — und stellte fest, dass er nicht schwer atmete. Das Herz ging schneller. Die Lunge arbeitete. Aber es war die Erschöpfung nach einem Sprint, nicht nach einem Kampf.

„Wie viel habe ich davon verbraucht?“, fragte er und legte die Hand auf sein Zentrum.

[Etwa ein Neuntel deiner Reserve.]

„Das ist wenig.“

[Das ist sehr wenig. Es ist der Grund, warum ein perfekter Dao-Ursprungsboden wichtiger ist als jede einzelne Technik, die ich dir gegeben habe.]

[Zur Einordnung, weil du sonst gleich falsch rechnest: Ein durchschnittlicher Kultivator im Geistboden trägt eine Reserve. Ein guter mit sauberem Ursprungsboden trägt das Zwei- bis Dreifache. Deine liegt etwa beim Achtfachen — nicht, weil du stärker bist, sondern weil aus einer Rang-1-Wurzel gewachsene Böden nicht dieselben Verluste haben.]

„Und es lädt sich nach?“

[Von selbst, langsam, aus der Umgebung. Deutlich schneller, wenn du fremde Energie aktiv aufnimmst und zurückführst. Das ist deine eigentliche Fähigkeit, und du hast sie heute erst dreimal benutzt.]

Gu Tian sah nachdenklich zur Wand mit dem trägen, dichten Strom im Fels.

„Also könnte ich mich theoretisch an einem Kampf aufladen.“

[Theoretisch. Praktisch gibt es Grenzen: dein Reich, die Kapazität deines Bodens, die Belastbarkeit deiner Meridiane, deine Seele und die Gesetzestiefe der fremden Energie. Wenn du versuchst, den Angriff von etwas zu verschlingen, das drei Reiche über dir steht, reißt es dich von innen auf.]

„Und im gleichen Reich?“

[Im gleichen Reich, gegen eine gewöhnliche Wurzel, ist es kein Kampf. Es ist eine Mahlzeit.]

Gu Tian sagte darauf nichts.

Aber er merkte es sich, sehr genau, wie man sich eine Zahl merkt, die man in etwa zwanzig Minuten brauchen wird.

Er ging noch einmal die ganze Liste durch, ruhig, methodisch, so wie er in einem anderen Leben vor einer Umstellung die Systemgrenzen durchgegangen war.

„Was kann ich nicht?“

[Gute Frage. Die Antwort ist lang.]

[Du beherrschst keine Gesetze. Du kannst Feuer erzeugen und nicht mit dem Gesetz des Feuers arbeiten. Gegen einen Gegner, der ein Gesetz besitzt, ist dein Element ein Werkzeug gegen eine Regel.]

[Du hast keine Domäne, keine Raumtechnik, keine Seelenangriffe und keine Verteidigung außer deinem Körper und der Klinge. Chaos-Barrieren stehen im Baum und sind gesperrt.]

[Deine Reserve ist für dein Reich enorm und im absoluten Maßstab klein. Ein A-Rang-Kultivator trägt ein Vielfaches. Er müsste dich nicht besiegen. Er müsste dich nur beschäftigen.]

[Und deine Ursprungsunterdrückung wirkt auf Wurzeln, nicht auf Menschen. Ein Mann mit einer Armbrust und ohne jede Cultivation spürt von dir gar nichts. Vergiss das nicht in einem Haus voller Wachen.]

„Das“, sagte Gu Tian anerkennend, „ist die erste Fähigkeitsbeschreibung meines Lebens, die mir auch die Ausfälle nennt.“

[Ich bin nicht deine Werbung. Ich bin deine Dokumentation.]

Er lachte kurz.

Dann wurde er still.

Er stand mitten in Zelle sieben.

Über ihm, dreißig Meter höher, ging jemand mit nachziehendem Bein durch einen Gang. Weiter oben, gedämpft durch Fels und Erde und achtzig Jahre alten Stein, war noch etwas anderes — er hatte es die letzten Minuten immer wieder am Rand der Wahrnehmung gehabt und weggeschoben, weil er beschäftigt gewesen war.

Jetzt hörte er hin.

Musik.

Sehr leise. Verzerrt durch den Fels, kaum mehr als ein Rhythmus. Saiten. Und darunter, tiefer, das gleichmäßige Rauschen vieler Menschen, die gleichzeitig reden.

Die Erinnerung des Jungen lieferte sofort nach, ohne dass er danach fragen musste.

Der Empfang für die Lin. Die Allianzfeier. Sie hatten das Datum um drei Tage vorgezogen, weil der Ursprungsknochen frisch integriert werden musste.

Er ist heute Nacht.

Gu Tian stand sehr still.

Er dachte kurz und ohne besonderes Gewicht daran, dass er hätte warten können. Es wäre klüger gewesen. Zwei Wochen in den Bergen, die Reserve auffüllen, die Techniken sauber bekommen, das Reich stabilisieren. Jeder vernünftige Mensch hätte gewartet.

Er hatte einundvierzig Jahre lang gewartet.

Er hatte auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, um früher nach Hause zu gehen. Er hatte auf das ruhigere Quartal gewartet, um Urlaub zu nehmen. Er hatte auf den passenden Moment gewartet, um seiner Schwester statt eines Geschenks einen Brief zu schreiben, und dann war er auf einem Boden aus Grauharz gestorben, mit sechs von neun Zeilen.

Wartende Männer sterben mit Listen.

„Wie lange dauert so ein Empfang?“

[In diesem Haus, bei diesem Anlass, mit dieser Gästezahl: bis nach Mitternacht.]

„Wie spät ist es?“

[22:14.]

Gu Tian nickte langsam.

Er ging zum Gitter.

Die Formation lag darin, das Frostmuster in der Öffnung, vier gelbe Steine in vier Vertiefungen. Zufuhr unten links. Last unten rechts. Spannung oben rechts. Rückfluss oben links, der schmalste Punkt im ganzen Kreis.

Er sah sie durch die Dao-Sicht an, und der goldene Ring in seinen schwarzen Augen wurde heller, ohne dass er es merkte, weil niemand da war, der es ihm gesagt hätte.

Achtzig Jahre alt. Von einem Kultivator gesetzt, der sechs Tage gebraucht hätte, um zu finden, was Gu Tian in zwanzig Sekunden gesehen hatte.

Sie hatte gehalten, während man einen dreiundzwanzigjährigen jungen Mann mit offenem Brustkorb auf diesen Boden gelegt und die Tür hinter ihm zugemacht hatte.

Bergungsanforderung offen. Bearbeitung nach Feiertag.

Gu Tian hob das Jian.

Er steckte es nicht weg — es gab nichts, wo man es hätte wegstecken können, keine Scheide, keinen Gürtel, nichts an diesem zerrissenen, blutigen Rest von Kleidung, den er trug.

Er öffnete stattdessen die Hand.

Die graue Klinge löste sich auf, geräuschlos, nicht wie etwas, das verschwindet, sondern wie etwas, das aufhört, an dieser Stelle nötig zu sein — und der Punkt in seiner Seele, an dem sie hing, war danach ein Stück wärmer.

Dann ging er zur Tür.

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