„Rang eins“, sagte Gu Tian.
[Ja.]
„Der Körper sagt mir, die Skala geht bis Rang drei.“
[Der Körper sagt dir, was auf dieser Welt seit viertausend Jahren gemessen wurde. Das ist etwas anderes.]
[Die Skala hat neun Stufen, und sie zählt abwärts. Rang neun ist der Boden. Rang drei gilt hier als Legende, weil die letzte dokumentierte Rang-3-Wurzel auf dieser Welt vor der Versiegelung existierte. Rang zwei kommt vor. Selten. In anderen Welten, in alten Blutlinien, gelegentlich hier.]
[Rang eins existiert einmal.]
„Und jetzt bei mir.“
[Nachdem sie achthundert Jahre bei niemandem existiert hat, ja.]
Gu Tian saß an der Wand von Zelle sieben, mit einem aufgeschnittenen Brustkorb und einem halben Becher Wasser, und stellte fest, dass er nicht in der Lage war, das angemessen ernst zu nehmen. Sein Verstand tat, was er immer tat, wenn eine Zahl zu groß war: Er suchte nach dem Haken.
„Was kostet sie?“
[Nichts, was du besitzt.]
„Das ist keine beruhigende Formulierung.“
[Es ist die genaueste. Sie kostet dich nichts, weil du sie nicht kaufst. Sie wird eingesetzt. Was sie kosten wird, ist alles, was danach kommt — und das ist ein Preis, den du in Jahrzehnten zahlst, nicht heute Nacht.]
„Und wenn ich sie ablehne?“
[Dann stirbst du an einer Wundinfektion, und ich suche weitere achthundert Jahre. Ich rate ab.]
„Ich fragte nicht nach Rat.“
[Ich weiß. Du prüfst, ob ich dir eine Wahl lasse, wenn die Wahl mir schadet.] Eine winzige Pause. [Ich lasse sie dir. Sie wäre dumm. Beides ist wahr.]
Gu Tian nickte langsam.
„Dann erklär mir vorher, was sie ist. Nicht was sie kann. Was sie ist.“
[Gut.]
[Vor den Elementen gab es das Chaos. Vor den Gesetzen gab es das Chaos. Feuer, Wasser, Erde, Metall, Holz, Wind, Blitz, Eis, Licht, Dunkelheit, Raum, Zeit, Leben, Tod — alles, was in dieser Ordnung eine eigene Regel besitzt, ist daraus hervorgegangen, so wie Flüsse aus einem Gebirge hervorgehen.]
[Eine gewöhnliche Wurzel bindet dich an einen dieser Flüsse. Eine Feuerwurzel versteht Feuer und ist gegen Wasser taub. Eine hohe Wurzel bindet dich an mehrere oder an einen tieferen Abschnitt.]
[Die Chaos-Dao-Wurzel bindet dich nicht an einen Fluss.]
[Sie bindet dich an das Gebirge.]
Gu Tian sagte eine ganze Weile nichts.
„Das heißt, keine Energie dieser Ordnung ist mir fremd.“
[Keine normale Energie dieser Ordnung ist dir unzugänglich. Das ist nicht dasselbe wie beherrschen. Du wirst Feuer benutzen können, lange bevor du das Gesetz des Feuers verstehst. Diese beiden Dinge nicht zu verwechseln, wird über Jahre hinweg der Unterschied zwischen dir und einer Leiche sein.]
„Verstanden.“ Er dachte kurz nach. „Und die Kehrseite?“
[Es gibt drei.]
[Erstens: Sie ist einzigartig. Nicht kopierbar, nicht vererbbar, nicht übertragbar, nicht transplantierbar. Niemand kann sie dir nehmen. Sehr viele werden es trotzdem versuchen, sobald jemand versteht, was du hast. Das ist kein Vorteil.]
[Zweitens: Sie ist laut. Der Ursprung steht über allem, was aus ihm hervorgegangen ist, und niedrigere Wurzeln spüren das, ob sie wollen oder nicht. Das lässt sich handhaben. Nicht abschalten.]
[Drittens: Sie ist ein Anfang, kein Ergebnis. Sie macht dich heute nicht stark. Sie macht dich zu jemandem, der stark werden kann, ohne an eine Decke zu stoßen. Wer das verwechselt, stirbt im zweiten Jahr an jemandem, der drei Reiche höher steht und nur eine Rang-6-Wurzel hat.]
„Gut“, sagte Gu Tian. „Das klingt nach etwas Echtem.“
[Bereit?]
Er sah an sich hinunter. Auf den Schnitt. Auf die Leere darunter.
„Mach.“
Es begann sanft.
Das war das Erste, was ihn überraschte — nach den neun Sekunden der Bindung hatte er sich auf etwas eingestellt, das ihn in Stücke reißen würde.
Stattdessen: Wärme.
Sie sammelte sich nicht in der Brust. Sie sammelte sich tiefer, drei Fingerbreit unter dem Nabel, in dem leergelaufenen Hohlraum, den er vor Stunden als das zweite Loch identifiziert hatte. Etwas legte sich dort hinein, langsam, wie ein Samen in Erde gelegt wird.
Und dann fasste es.
Der Hohlraum war nicht leer gewesen — das begriff Gu Tian erst in dieser Sekunde. Er war ein Boden. Eine Fläche, auf der etwas gestanden hatte, das man herausgerissen hatte, und die seither vernarbt und stumm dagelegen hatte.
Was jetzt hineinsank, fragte nicht nach Erlaubnis.
Es griff, und es griff nicht in den Boden, sondern durch ihn hindurch, hinunter in die Stelle, an der seit vier Tagen der zweite Bewohner dieses Körpers saß, und Gu Tian spürte, wie sich Wurzel und Seele berührten wie zwei Hände, die einander kennen.
Der erste Schrei kam ohne seine Zustimmung.
Was danach geschah, konnte er später nicht in eine Reihenfolge bringen. Es geschah nicht nacheinander. Es geschah überall.
Die Wege.
Die zerstörten Bahnen — die abgerissenen Straßen, die verbrannten Zonen in der linken Brustseite und der rechten Flanke — wurden nicht geflickt.
Sie wurden ersetzt.
Es war der Unterschied zwischen einer Reparatur und einem Neubau, und Gu Tian, der einundvierzig Jahre lang von diesem Unterschied gelebt hatte, erkannte ihn augenblicklich und beinahe empört. Etwas legte in seinem Körper ein Netz an, das nichts mit dem alten zu tun hatte. Wo vorher Bahnen gewesen waren, die sich verzweigten und irgendwo endeten, entstand eine Struktur mit Redundanz: mehrere Pfade zu jedem Punkt, Knoten, an denen sich Wege kreuzten, ohne sich zu stören, Durchmesser, die sich verbreiterten, wo Last zu erwarten war.
Es tat weh wie das Wachsen eines Kindes, wenn man ein Jahr davon in vier Minuten erlebt.
Die Knochen.
Sie wurden dichter. Er hörte es — ein tiefes, leises Knirschen, das aus ihm selbst kam und in seinem Schädel widerhallte. Sein Brustbein zog sich zusammen und wurde schwerer. Die Rippen, deren Lage er dank des Schnitts unangenehm gut kannte, verschoben sich um Millimeter und lagen dann richtig, so, wie ein Gebäude richtig steht, wenn das Fundament stimmt.
Die Wunde.
Und das war der Moment, in dem Gu Tian aufhörte, den Vorgang zu analysieren, und einfach nur zusah.
Der Schnitt schloss sich von innen nach außen.
Nicht wie Heilung. Heilung ist ein Prozess mit Schorf, Entzündung, Wochen. Dies war Rekonstruktion: Faser fand Faser, Muskel legte sich an Muskel, die Ränder der Haut wanderten aufeinander zu und verbanden sich, und dahinter, unter dem Brustbein, an der Stelle, wo ein faustgroßes Nichts gesessen hatte —
— schloss sich nichts.
Das Loch blieb.
Gu Tian, mitten in dem Schmerz, hätte beinahe gelacht. Natürlich.
„Du reparierst es nicht“, presste er hervor.
[Nein.]
„Warum —“
[Weil dort nichts fehlt.]
Und dann verstand er.
Der Dao-Ursprungsknochen war das Kernstück eines Systems gewesen, das es nicht mehr gab. Es war nicht so, dass sein Körper ein Loch hatte, in das ein Knochen gehörte. Es war so, dass sein Körper jetzt eine Architektur besaß, in der diese Stelle schlicht keine Funktion mehr hatte — ein leerer Sockel in einem Gebäude, das man um ihn herum neu gebaut hatte.
Der Hohlraum füllte sich nicht.
Er wurde bedeutungslos.
Und irgendwo in Gu Tian, in dem Teil, der noch dem Jungen mit dem geflochtenen Zopf auf der Mauer gehört hatte, riss dabei etwas, das seit vier Tagen zu fest gespannt gewesen war.
Sie hatten ihm das Wertvollste genommen, was er besaß.
Und es war ein Kieselstein gewesen.
Er wusste nicht, wie lange es dauerte.
Als es aufhörte, lag er auf dem Rücken auf dem Stein, und das Erste, was ihm auffiel, war das Geräusch.
Er hörte das Wasser tropfen. Das hatte er vorher auch gehört. Jetzt hörte er, dass es zwei verschiedene Tropfstellen waren, elf und siebzehn Meter entfernt, und dass die eine auf Stein fiel und die andere in eine kleine Pfütze.
Er hörte durch den Fels hindurch Schritte, sehr weit oben, vielleicht dreißig Meter, jemand, der ging und dabei ein Bein leicht nachzog.
Er hörte sein eigenes Herz und wünschte sich, dass er es nicht so genau hören müsste.
Er setzte sich auf.
Es ging ohne jede Anstrengung, und das erschreckte ihn mehr als alles andere an diesem Tag. Er hatte vier Stunden gebraucht, um zwei Meter zu einer Wasserflasche zu kriechen. Jetzt hatte er sich aufgesetzt wie ein Mann, der aus einem Mittagsschlaf aufwacht.
Er sah an sich hinunter.
Der Schnitt war weg. Nicht verheilt — weg. Wo der Bogen unterhalb des Schlüsselbeins bis unter den rechten Rippenbogen gelaufen war, lag Haut. Eine feine, hellere Linie war noch zu sehen, wenn man wusste, wo man suchen musste, aber sie war nichts weiter als eine Notiz.
Darunter war ein Körper, den er nicht kannte.
Er war nicht größer geworden — die Erinnerungen des Jungen sagten ihm, dass er immer ungefähr so groß gewesen war, knapp über eins neunzig, dafür hatte man ihn im Trainingshof jahrelang aufgezogen. Aber die Masse hatte sich neu verteilt. Der Brustkorb war breiter, der Rücken über den Schulterblättern dicht wie ein aufgespanntes Segel, und der Bauch — er legte die Hand darauf und fand Konturen, die vor vier Tagen nicht so ausgeprägt gewesen waren, klar gezeichnet bis zum Ansatz der Rippen.
Nichts davon war aufgepumpt. Es war nichts Angeberisches an diesem Körper. Es war ein Gerät, dem jemand alle unnötigen Teile entfernt hatte.
„Ich habe nicht trainiert“, sagte er.
[Nein. Du hast eine Wurzel bekommen, die den Körper als Teil ihrer selbst behandelt. Das wird sich mit jedem Reich wiederholen. Muskeln, Knochen, Sehnen, Organe, Haut, Blut, Meridiane, Sinne, Regeneration, Leitfähigkeit, Lebensspanne, Wahrnehmung.]
[Es ist kein Geschenk, sondern eine Eigenschaft. Man dankt einem Baum auch nicht für seine Rinde.]
Es gab in der hinteren Ecke der Zelle eine Vertiefung im Boden, in der sich das Sickerwasser sammelte. Gu Tian ging hin — ging, zwei Schritte, ohne Wand, ohne Zittern — und kniete sich hin.
Die Oberfläche beruhigte sich langsam.
Ein Gesicht sah ihn an.
Er kannte es aus zweiter Hand: die Erinnerungen des Jungen enthielten Spiegel, Fensterscheiben, die Reflexion in einer Klinge. Es war dasselbe Gesicht und war es nicht mehr. Es war, als hätte jemand ein gutes Bild genommen und den letzten Rest Unschärfe entfernt: die Linien schärfer, die Kiefer klarer, der Ausdruck älter, als er sein sollte.
Das Haar fiel ihm über die Stirn, verklebt von Blut und Staub, und trotzdem sah er es. Es war schwarz — aber nicht das matte Schwarz von vorher. Wo das Licht des blauen Kristalls schräg darauf fiel, lief etwas darüber hinweg, ein Schimmern in der Tiefe der Strähnen, wie sehr feiner Sternenstaub, der sich bewegte, wenn er den Kopf bewegte.
Und die Augen.
Gu Tian beugte sich näher zum Wasser.
Sie waren tiefschwarz. Nicht dunkelbraun, wie die des Jungen gewesen waren; schwarz bis in die Pupille hinein, sodass man nicht mehr sagen konnte, wo die eine anfing und die andere aufhörte.
Und außen, am äußersten Rand der Iris, lag ein Ring.
Er war golden. Kein warmes Gold, kein Messing — ein klares, sauberes, vollkommen gleichmäßiges Gold, so fein gezogen, dass keine natürliche Iris so etwas hervorgebracht hätte. Er lief einmal ganz herum, ohne Unterbrechung, ohne Verlauf.
Gu Tian sah sich an und dachte einen sehr sachlichen Gedanken.
Das kann ich nicht verstecken.
„Ist der dauerhaft?“
[Ja.]
„Sieht ihn jeder?“
[Jeder, der dir nahe genug ins Gesicht sieht. Aus drei Metern hält man ihn für eine Lichtspiegelung. Aus dreißig Zentimetern nicht.]
„Wunderbar.“
[Du hast eine Wurzel bekommen, die es seit achthundert Jahren nicht gab. Es wäre seltsam, wenn sie unsichtbar bliebe.]
„Und die Sicht“, sagte er. „Der Kopf sagt mir, es gibt so etwas. Qi sehen.“
[Es gibt so etwas. Was du hast, ist nicht dasselbe.]
[Kultivatoren lernen, spirituelle Wahrnehmung auszusenden — sie tasten damit, wie mit einer Hand im Dunkeln. Was du hast, ist eine Eigenschaft deiner Wurzel und funktioniert anders. Du siehst nicht ab, was Dinge tun. Du siehst, woraus sie gemacht sind.]
[Sie heißt Dao-Sicht. Öffne sie einfach. Es gibt keine Technik dafür.]
„Wie öffnet man etwas ohne Technik?“
[So, wie du die Augen öffnest. Du weißt es bereits, seit sechs Minuten. Du hast nur noch nicht nachgesehen.]
Gu Tian schloss die Augen.
Er suchte nach etwas, das man drückt, und fand nichts. Also hörte er auf zu suchen und tat stattdessen das, was er tat, wenn er ein System zum ersten Mal ansah: Er hörte auf, es benutzen zu wollen, und wollte es verstehen.
Etwas in ihm klappte auf.
Er öffnete die Augen.
Und Zelle sieben war nicht mehr aus Stein.
Der Fels war noch da. Er war nur nicht mehr das Wichtigste.
Über allem lag jetzt eine zweite Schicht, so selbstverständlich, wie Farbe über Formen liegt: Bewegung.
Die Luft war voller Strömungen. Blasse, langsame Bänder, die aus dem Schacht in der Decke herabsanken, an der Wand entlangflossen wie kaltes Wasser über Glas und sich am Boden sammelten. Sie hatten keine Farbe, die er benennen konnte, und trotzdem konnte er sie unterscheiden: das Zeug aus dem Schacht war dünn und beweglich, das, was aus dem feuchten Fels sickerte, dichter und träger.
Der blaue Kristall in der Wandnische war keine Lampe mehr. Er war ein Speicher. Gu Tian sah, wie sich in seinem Inneren etwas hielt, und wie es an der Außenkante ganz langsam entwich — Verlust, gleichmäßig, seit Jahren. Er konnte beinahe ausrechnen, wann er leer sein würde.
Und das Gitter.
Gu Tian stand auf und ging zu der offenen Seite der Zelle.
Das Frostmuster war keine Zeichnung. Es war ein Kreis, und Kreise haben eine Richtung. Er sah, wie die Ströme aus der Kammer in den unteren linken der vier gelben Steine hineinliefen — das war die Zufuhr, er hatte es geraten, und er hatte recht gehabt. Von dort lief es an der Kante entlang zum unteren rechten Stein, dort verdichtete sich das Muster: die Last. Dann hoch zum oberen rechten, wo etwas geschah, das er nicht benennen konnte, aber deutlich sah: Der Fluss wurde breit, verteilte sich über die gesamte Öffnung, spannte das Netz, das die Stäbe zu mehr machte als Metall.
Und dann zurück zum oberen linken Stein, und von dort hinunter zur Zufuhr.
Geschlossen.
Gu Tian betrachtete es lange.
„Es hat eine Schwachstelle“, sagte er schließlich. „Der obere linke. Da läuft der Rückfluss durch, und er ist der schmalste Punkt im ganzen Kreis. Wenn man den unterbricht, bricht nicht die Formation zusammen — sie staut. Die Last kann nicht abfließen, der untere rechte überhitzt, und dann zerreißt es sich selbst.“
[Korrekt.]
Eine Pause.
[Das war deine erste Anwendung der Dao-Sicht. Zur Einordnung: Der Kultivator, der diese Formation vor achtzig Jahren gesetzt hat, hätte sechs Tage gebraucht, um dieselbe Schwachstelle zu finden.]
„Ich habe elf Jahre lang Netze mit dreiundzwanzigtausend Knoten repariert“, sagte Gu Tian. „Das hier hat vier.“
[Ich weiß. Deswegen hatte ich vier Kandidaten und einen Techniker.]
Er wollte etwas erwidern.
Er kam nicht dazu, denn in diesem Moment schrie draußen jemand.
Nicht in der Nähe. Weiter oben, im Gang der unteren Kammern, dort, wo vor Stunden Onkel Sanhe und der Junge gestanden hatten. Es war kein Schmerzschrei. Es war der abgehackte, unwürdige Laut eines Menschen, der ohne Vorwarnung auf die Knie geht.
Dann ein zweiter, weiter weg.
Dann ein Scheppern, als fiele etwas Metallenes auf Stein.
Gu Tian erstarrte.
„Was passiert da?“
[Du.]
„Ich stehe hier.“
[Du stehst dort mit einer Rang-1-Wurzel, deren Ursprungsdruck nicht abgeschaltet ist. Sie ist seit sechs Minuten aktiv und breitet sich mit deiner Erholung aus.]
[Über dir befinden sich in Reichweite acht Personen. Höchste Wurzel: Rang sieben.]
[Jede Wurzel, die aus dem Ursprung hervorgegangen ist, erkennt den Ursprung. Nicht mit dem Verstand — die Wurzel selbst reagiert, bevor der Träger überhaupt weiß, dass etwas geschieht. Je niedriger, desto stärker.]
„Was genau spüren die?“
[Rang sieben, ungefiltert: Qi-Fluss stockt. Techniken lassen sich nicht sauber zünden. Druck auf Brust und Nacken. Instinktive Furcht ohne Ursache. Die Knie geben nach, bevor der Kopf begreift, warum.]
Gu Tian hörte einen dritten Laut von oben. Jemand, der versuchte zu rufen, und dem die Stimme wegbrach.
Er dachte an einen alten Mann mit Tabakgeruch, der eine Wasserflasche durch ein Gitter geschoben hatte und dabei gesagt hatte: Dann ist es ja auch keine Verschwendung.
„Mach es aus.“
[Es lässt sich nicht ausschalten. Es lässt sich verbergen.]
[Chaos-Ursprungsverschleierung. Ich übertrage sie jetzt.]
Es war kein Lernen.
Gu Tian hatte in zwei Leben oft genug etwas gelernt, um den Unterschied sofort zu erkennen. Lernen ist Reibung: erst der Gedanke, dann der ungeschickte Versuch, dann tausend Wiederholungen, bis der Körper aufhört, den Kopf zu fragen.
Das hier war, als hätte er es schon zwanzig Jahre lang getan und für einen Moment vergessen.
Es kam als Ganzes: das Verständnis, warum ein Ursprung nach außen drückt; die Führung, mit der man diesen Druck an der Grenze der eigenen Haut umlenkt, statt ihn zurückzuhalten; die genaue Stelle in seinem neuen Meridiannetz, an der die Umlenkung ansetzt; und — das war das Verblüffendste — das Gefühl dafür, wie es sich anfühlen muss, wenn es richtig sitzt.
Sein Körper führte es aus, bevor er sich entschieden hatte, es auszuführen.
Der Druck fiel in sich zusammen wie ein Zelt, dem man die Stangen zieht.
Über ihm, sehr weit weg, hörte das Keuchen auf. Jemand fluchte, mit der wackligen Stimme eines Menschen, der gerade begriffen hat, dass er aufstehen kann, und nicht weiß, warum er lag.
Gu Tian stand mitten in Zelle sieben und atmete.
„Das war…“
[Dao-Übertragung. Wissen, Meridianführung, Qi-Steuerung, Bewegungsablauf, Muskelgedächtnis und Intention werden gemeinsam übergeben. Dein Chaos-Dao-Körper passt sich an die Anforderungen an. Was dein Reich tragen kann, kannst du sofort vollständig.]
[Ich gebe dir keine Bücher. Bücher sind eine Notlösung für Systeme, die nicht sprechen können.]
„Und wie viel kann mein Reich tragen?“
[Aktuell wenig. Du bist im Geistboden — dem ersten Reich. Dein Ursprungsboden ist allerdings ein perfekter Dao-Ursprungsboden, weil er direkt aus der Wurzel gewachsen ist. Das ist innerhalb dieses Reiches der bestmögliche Zustand und wird dir gleich auffallen.]
[Grundpaket übertragen. Was auf deinem Niveau ausführbar ist, beherrschst du vollständig:]
[Chaos-Ursprungsschrift – Grundstufe. Deine Cultivationsmethode. Sie führt jede aufgenommene Energie in Chaos-Qi zurück.] [Chaos-Dao-Schwertkunst – erste Formen.] [Grenzenloser Chaos-Schritt – Grundstufe.] [Chaos-Ursprungsverschleierung – aktiv.] [Dao-Sicht – Eigenschaft, keine Technik.] [Elementare Chaos-Grundformen: Feuer, Wind, Blitz, Wasser, Eis, Erde, Metall, Holz.]
Gu Tian stand sehr still.
„Sag den letzten Punkt noch einmal.“
[Elementare Chaos-Grundformen: Feuer, Wind, Blitz, Wasser, Eis, Erde, Metall, Holz.]
„Alle acht.“
[Alle acht. Es sind nicht acht Wurzeln. Es ist eine Wurzel, aus der acht Flüsse abgeleitet werden. Du wirst es gleich verstehen.]
Er ging zur Wand, an der der blaue Kristall glomm, und legte die Hand auf den nackten Fels.
Die Dao-Sicht zeigte ihm den trägen, dichten Strom im Stein, den er vorhin bemerkt hatte. Er berührte ihn — nicht mit der Hand, mit etwas anderem, für das er noch kein Wort hatte, das aber ganz selbstverständlich funktionierte, als ziehe man an einem Faden.
Der Strom bog ab. Er kam.
Und dann geschah das, was Gu Tian für den Rest seines sehr langen Lebens als den eigentlichen Moment betrachten würde, in dem er verstanden hatte, was er geworden war.
Die Erd-Energie floss in seine Hand, in den Unterarm, durch die neuen Bahnen zum Zentrum unter seinem Nabel — und hörte unterwegs auf, Erde zu sein.
Sie ergab sich.
Es gab kein anderes Wort. Sie widerstand nicht, sie wurde nicht umgewandelt, sie fiel einfach in etwas Einfacheres zurück, wie ein Fluss, der ins Meer läuft und aufhört, ein Fluss zu sein. Was in seinem Ursprungsboden ankam, war nichts Erdiges mehr. Es war grau und still und vollkommen ohne Eigenschaft, und es war das Selbstverständlichste, was er je gespürt hatte.
Chaos-Qi.
Er ließ die Wand los und ging zum Sickerwasser und tat dasselbe. Wasser floss, Wasser ergab sich, Wasser wurde grau.
Er ging zum blauen Kristall, streckte die Hand aus — und zögerte.
[Nicht der Kristall. Er ist die Stromversorgung der Gangbeleuchtung, und ein plötzlicher Ausfall würde jemanden herschicken.]
„Denkst du schneller als ich?“
[Nein. Ich bin nur seit achthundert Jahren wach und du seit sechs Minuten.]
Er nahm stattdessen den Rest des Wassers in der Metallflasche.
Und diesmal machte er es andersherum.
Er zog eine Handvoll Chaos-Qi aus seinem Zentrum, führte es in die rechte Hand, und wollte, dass es Feuer wurde.
Es wurde Feuer.
Nicht sofort und nicht sauber — die erste Flamme, die über seinen Fingern aufstand, war ungleichmäßig und viel zu heiß an einem Punkt und beinahe kalt an einem anderen, und sie flackerte, weil er noch nicht wusste, wie man einen Fluss richtig gießt.
Aber sie brannte.
Sie brannte in einer Farbe, die kein Feuer haben sollte: an den Rändern das übliche Orange, aber im Kern grau-schwarz, mit einem Ziehen darin, als würde etwas nach innen fallen.
Gu Tian sah in die Flamme über seiner Hand, und das Licht warf zwei kleine, klare goldene Ringe in seine tiefschwarzen Augen zurück.
„Und Blitz?“, sagte er leise.
Er schloss die Faust. Das Feuer verging.
Er öffnete sie wieder, und über der Handfläche stand ein daumendicker, zuckender Faden aus weißem Licht, der die Kammer für einen Augenblick weiß machte und Gu Tian die Haare am Unterarm aufstellte.
Er ließ ihn los. Es krachte gegen die Wand, und ein Stück Fels von der Größe einer Faust sprang heraus und schlug scheppernd auf den Boden.
Stille.
„Zu laut“, sagte Gu Tian.
[Deutlich.]
„Ich mache das nachher noch mal, wenn Wände zwischen mir und Zeugen sind.“
[Ich bin sicher, dass du es tust.]
Er ließ die Hand sinken.
Und dann, ohne dass er es geplant hätte, stand er einfach da, in der Mitte von Zelle sieben, mit einer Brust, die geschlossen war, und Bahnen, die trugen, und einem Zentrum, das voll war, und einem Körper, in dem alles saß, wo es hingehörte.
Er hatte einundvierzig Jahre in einem Körper gelebt, der ihm immer ein bisschen weh getan hatte. Schultern von zu langem Sitzen. Ein Rücken, der morgens zehn Minuten brauchte. Augen, die abends brannten. Er hatte das für den Zustand Mensch gehalten.
Er hatte sich geirrt.
Dies hier — das war zu Hause sein. Nicht in einem Haus. In sich selbst.
Gu Tian schloss die Augen und blieb ungefähr eine Minute lang so stehen, ohne zu analysieren, ohne zu planen, ohne irgendetwas zu tun, und das System des Großen Dao sagte in dieser Minute kein einziges Wort, was womöglich das Freundlichste war, das es an diesem Tag getan hatte.
Dann öffnete er die Augen.
Über dem Sickerwasser, das sich wieder beruhigt hatte, sah er sein Gesicht — und diesmal war der Ring nicht mehr fein.
Er brannte.
Die Augen selbst blieben tiefschwarz, so schwarz wie zuvor, und genau das machte den Kontrast unerträglich: zwei Ringe aus flüssigem, hellem Gold auf zwei Flächen aus Nichts, und in dem Gold bewegte sich etwas sehr langsam im Kreis, wie geschmolzenes Metall in einer Rinne.
Gu Tian richtete sich auf und drehte den Kopf zum Gitter.
Die Formation lag darin, in ihrem Frostmuster, seit achtzig Jahren geschlossen, mit vier gelben Steinen und einem schmalen Rückfluss oben links.
Sie hatte den Jungen gehalten, während man ihn hier zum Sterben abgelegt hatte.
Sie sah aus wie ein Türriegel, den ein Kind aus vier Stöcken gebaut hat.