Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 1 · Arc 01
Kapitel 007Der Erbe aus dem Abgrund

Die Tür, die ihn nicht halten konnte

3.126 Wörter · Band 1 — Nightfall über Shanghai

Gu Tian legte die Hand nicht an die Formation.

Er stand einen halben Meter davor und sah sie an, und der goldene Ring in seinen schwarzen Augen wurde heller, während die Dao-Sicht sich ganz öffnete.

Unten links: Zufuhr. Der Strom aus der Kammer lief hinein wie Wasser in ein Rohr. Unten rechts: Last. Dort wurde die Energie zusammengedrückt, dort saß das eigentliche Gewicht. Oben rechts: Spannung. Von dort verteilte sich das Netz über die gesamte Öffnung. Oben links: Rückfluss. Ein schmaler, blasser Kanal, der alles zurück zum Anfang trug.

Und wenn man den Rückfluss schloss, brach die Formation nicht.

Sie staute.

Gu Tian hätte in diesem Moment zehn Wege gehabt, das Gitter zu öffnen. Er hätte es aufschneiden können. Er hätte die vier Steine einzeln herausbrennen können. Er hätte, das war die einfachste Lösung, die Wand daneben zerlegen können, denn Fels ist nur Fels.

Er wollte keinen davon.

Er wollte, dass diese Formation an ihrem eigenen Aufbau zerbrach.

Er hob zwei Finger und schickte einen Faden Chaos-Qi in den oberen linken Stein. Nicht viel — so wenig, dass es in der Dao-Sicht kaum sichtbar war, ein Tropfen graues Nichts gegen den Strom.

Der Rückfluss stockte.

Der Kanal war schmal. Er füllte sich in weniger als einem Atemzug, und dann konnte nichts mehr abfließen, und die Last unten rechts, die seit achtzig Jahren geduldig alles abgegeben hatte, was oben ankam, bekam nichts mehr los.

Das Frostmuster in der Öffnung wurde für einen Moment sehr hell.

Dann schrie es.

Es war kein Geräusch, das Ohren betraf. Die vier Steine hielten drei Herzschläge lang, und im vierten platzte der untere rechte mit einem trockenen, hässlichen Knacken, und das Muster riss von dort aus in alle Richtungen wie Eis unter einem Stiefel. Die anderen drei Steine erloschen einer nach dem anderen, in der Reihenfolge, in der Gu Tian es vorausgesagt hätte.

Die Eisenstäbe waren danach nur noch Eisenstäbe.

Er trat einmal dagegen. Die Verankerung riss aus dem alten Mörtel, und das Gitter kippte in den Gang und schlug scheppernd auf den Stein.

[Ausführung: elegant. Lautstärke: nicht.]

„Ich wollte nicht heimlich raus.“

[Das ist mir aufgefallen.]

Der Gang war schmaler, als er gedacht hatte, und er roch nach altem Wasser.

Zelle sieben war die vorletzte in einer Reihe von neun. Gu Tian ging an den anderen vorbei und sah in jede hinein, weil er ein Mann war, der Bestandsaufnahmen machte, und weil er wissen wollte, was für ein Ort das hier war.

Acht waren leer. In der dritten lagen Knochen, sehr alt, ordentlich in eine Ecke geräumt, als hätte jemand irgendwann einmal aufgeräumt und dann aufgegeben.

Gu Tian blieb einen Moment davor stehen.

„Wie viele?“, fragte er.

[Ich habe die Schlucht nicht vermessen. Anhand von Alter, Bauart und Kammerzahl: über die Nutzungsdauer dieser Anlage vermutlich zwischen sechzig und hundertzwanzig Personen.]

„Verurteilt?“

[Manche. Für die anderen gibt es kein Wort in eurer Sprache, das nicht beschönigend wäre.]

Er ging weiter.

Die Treppe war in den Fels geschlagen, ohne Geländer, und sie stieg in engen Kehren. Nach dreißig Stufen wurde die Luft trockener. Nach sechzig hörte er die Musik nicht mehr nur mit den Knochen, sondern richtig.

Nach neunzig sah er das erste Licht, das nicht von einem Kristall kam, sondern von einer Lampe.

Und hörte Stimmen.

„…dreimal. Dreimal, Onkel. Ich stand hier und dann lag ich, und es hat mich niemand angefasst.“

„Du hast getrunken.“

„Ich habe nicht —“ Die Stimme des Jüngeren kippte. „Wei Ping lag auch. Und der Bote von der Nordtreppe. Der ist über die halbe Galerie gekrochen.“

Schweigen.

Dann, sehr viel leiser, die schleppende ältere Stimme:

„Ich weiß.“

Gu Tian blieb auf der Treppe stehen, zwei Kehren unter der Wachstube, und hörte zu.

„Was war das?“, fragte der Junge.

„Das“, sagte Gu Sanhe, „war etwas, das aus dem Boden kam.“

„Aus dem —“

„Halt den Mund.“ Ein Rascheln, jemand stand auf. „Hol Feng und die anderen. Und sag ihnen, sie sollen die Waffen mitbringen, nicht die Stöcke.“

„Onkel —“

„Sofort.“

Gu Tian ging weiter.

Er kam am oberen Ende der Treppe heraus, und die Wachstube der unteren Kammern lag vor ihm: ein rechteckiger Raum in den Fels geschlagen, ein Tisch, sechs Hocker, eine Wand mit Haken für Schlüssel, die längst nichts mehr aufschlossen, und an der gegenüberliegenden Seite eine breite Öffnung, hinter der eine Galerie ins Freie führte.

Von dort kam die Musik. Von dort kam auch der Geruch: gebratenes Fleisch, Wein, Kerzenwachs, und darunter der süßliche Rauch von etwas Teurem, das man verbrannte, um zu zeigen, dass man es sich leisten konnte.

Sieben Männer standen in der Wachstube.

Sie hatten sich aufgestellt, als er aus dem Treppenschacht trat, und Gu Tian sah, was sie erwartet hatten: einen Eindringling, einen Dieb, einen Beast-Durchbruch, irgendetwas mit einer Erklärung.

Sie sahen einen jungen Mann in den Resten einer blutigen Robe.

Barfuß. Der Oberkörper halb frei, die Haut darunter unversehrt. Schwarzes Haar, verklebt von Staub, mit einem Schimmern darin, wo das Lampenlicht schräg auffiel.

Und Augen, die von hier aus einfach nur schwarz waren.

Der Erste, der ihn erkannte, war Gu Sanhe.

Der alte Mann hatte den Mund geöffnet, um etwas zu rufen, und ließ ihn offen. Das Blut fiel ihm aus dem Gesicht, so vollständig und so schnell, dass Gu Tian es sehen konnte.

„Junger Herr“, sagte er.

Es war kein Gruß. Es war das Geräusch, das ein Mensch macht, wenn zwei Dinge gleichzeitig wahr sind und beide unmöglich.

„Onkel Sanhe.“

„Sie sind —“ Der Alte schluckte. „Sie waren —“

„Ich weiß, was auf der Platte stand.“

Neben Gu Sanhe stand der Junge von vorhin, vielleicht neunzehn, mit einem Kurzschwert, das er nicht wirklich hielt, sondern nur trug. Er war grau im Gesicht.

Die anderen fünf waren älteres Personal: zwei mit Speeren, drei mit Schwertern, alle in der grauen Uniform der Hauswache. Gu Tians Dao-Sicht las sie, ohne dass er es beabsichtigte, und die Antwort kam so beiläufig wie ein Blick auf eine Uhr.

[Sieben Personen. Wurzeln: Rang neun, neun, acht, acht, acht, sieben, sieben. Höchste Kampfstufe entspricht mittlerem D-Rang nach eurer Skala.]

[Zur Einordnung: keine Gefahr.]

Gu Tian ging drei Schritte in den Raum und blieb stehen.

„Ich gehe nach oben“, sagte er. „Ich habe kein Interesse an irgendeinem von euch. Tretet zur Seite.“

Für zwei Sekunden funktionierte es.

Zwei der Wachen wichen tatsächlich zurück — nicht aus Gehorsam, sondern aus dem einfachen tierischen Instinkt eines Menschen, der einen Toten den eigenen Namen sagen hört.

Dann fasste sich einer der Speerträger.

Er war der Größte im Raum, ein breiter Mann mit einem verheilten Riss über der Braue, und Gu Tian sah in seinem Gesicht genau den Moment, in dem die Angst in Wut kippte, weil Angst unangenehm ist und Wut sich besser anfühlt.

„Er ist nicht der junge Herr“, sagte der Mann laut. „Der junge Herr ist tot. Das ist irgendetwas, das im Loch gesessen hat.“

„Feng —“

„Halt's Maul, Alter.“ Der Speerträger senkte die Waffe. „Aura auf. Alle.

Und sie taten es.

Es war nicht eindrucksvoll.

Das war das Erste, was Gu Tian dachte, und es war nicht Verachtung, sondern eine schlichte Feststellung: Sieben Menschen ließen gleichzeitig die Präsenz ihrer Wurzeln los, und es fühlte sich an wie ein Windstoß, der eine Tür zuschlagen will, die aus Stein ist.

Der Junge mit dem Kurzschwert bekam eine Nasenblutung von der Anstrengung.

Für einen dreiundzwanzigjährigen Erben ohne Ursprungsknochen wäre es vernichtend gewesen. Der ursprüngliche Gu Tian hätte an dieser Stelle auf den Knien gelegen.

Gu Tian stand da und dachte an einen sehr einfachen Satz, den ein System vor knapp einer Stunde gesagt hatte:

Es lässt sich nicht ausschalten. Es lässt sich verbergen.

„Ihr wollt Aura“, sagte er.

Und lockerte die Verschleierung.

Nicht ganz. Nicht einmal zur Hälfte.

Er tat, was man mit einem Ventil tut, das man nicht ganz versteht: Er öffnete es einen Spalt, bereit, sofort wieder zuzudrehen.

Der Spalt genügte.

Es war kein Windstoß. Es war überhaupt keine Bewegung. Der Raum veränderte sich nicht, die Lampen flackerten nicht, kein Staub wirbelte auf.

Was geschah, geschah in sieben Menschen gleichzeitig.

Der breite Speerträger hörte auf, sein Qi zu halten — nicht, weil er es entschied. Sein Qi hörte auf, ihm zu gehorchen. Es zog sich zusammen wie ein Tier, das sich unter ein Bett verkriecht, und lief zurück in seinen Ursprungsboden, und das war der Moment, in dem der Mann begriff, dass sein eigener Körper eine Meinung hatte, die nicht seine war.

Zwei Schwertträger gingen auf ein Knie. Sie fielen nicht. Sie setzten sich hin, ordentlich, fast höflich, mit dem verstörten Gesichtsausdruck von Leuten, deren Beine eine Entscheidung ohne sie getroffen hatten.

Der Junge mit dem Kurzschwert ließ die Waffe fallen und fing an zu zittern, ohne zu wissen, warum.

Und Gu Sanhe, der von allen die schwächste Wurzel hatte, machte einen einzigen Schritt rückwärts, stieß gegen den Tisch, hielt sich daran fest und sah Gu Tian dabei die ganze Zeit an, mit einem Ausdruck, den Gu Tian nicht erwartet hatte.

Es war nicht Furcht.

Es war Erkennen.

„Ah“, sagte der alte Mann leise, fast erleichtert. „Ja. Natürlich.“

Gu Tian drehte den Spalt wieder zu.

Der Druck verschwand so vollständig, als hätte es ihn nie gegeben. Zwei der Wachen sogen hörbar Luft ein.

„Ich sagte“, sagte Gu Tian ruhig, „dass ich kein Interesse an euch habe. Ich sage es jetzt zum letzten Mal.“

Sechs von sieben hörten zu.

Der breite Speerträger nicht.

Gu Tian sah es kommen, und das war der Punkt, an dem ihm zum ersten Mal auffiel, wie sehr sich seine Wahrnehmung verändert hatte. Der Mann verlagerte das Gewicht auf den hinteren Fuß. Seine Schulter drehte einen halben Zentimeter. Sein Blick ging nicht zu Gu Tians Gesicht, sondern zu einem Punkt unterhalb des Schlüsselbeins.

Der Angriff war noch nicht begonnen, und Gu Tian wusste bereits, wo die Spitze ankommen würde.

Er hätte ausweichen können.

Er hätte den Speer mit der Hand nehmen können; Chaos-Qi in den Unterarm, und der Schaft wäre gebrochen.

Er hätte sich auch einfach nicht bewegen müssen. Ein Rang-9-Speer gegen einen Chaos-Dao-Körper — das System hätte es vermutlich mit einem einzigen Wort kommentiert.

Er tat nichts davon.

Denn was der Mann tat, war nicht Verteidigung und nicht Pflicht und nicht einmal Dummheit. Er stieß gegen einen Menschen, der zweimal gesagt hatte, dass er gehen wolle, und er stieß auf die Brust, dorthin, wo vier Tage vorher ein Messer gewesen war, und er tat es, weil er Angst hatte und weil Angst ohne Rückgrat immer nach unten schlägt.

Ich habe zwei Leben lang mit Männern zu tun gehabt, die aus Angst nach unten schlagen, dachte Gu Tian.

Der Speer kam.

Gu Tian hob die linke Hand — nicht gegen den Speer, sondern an dem Speer vorbei — und in seiner Handfläche stand für den Bruchteil eines Herzschlags ein weißer Faden.

Er hatte den Fehler von vorhin nicht vergessen.

Blitz braucht einen Weg.

Er gab ihm einen: über die Fingerspitzen hinaus, geradeaus, ohne Umweg über die eigene Hand.

Die Wachstube der unteren Kammern wurde weiß.

Danach war es sehr still.

Der Speer lag auf dem Boden. Der breite Mann lag zwei Schritte hinter der Stelle, an der er gestanden hatte, gegen die Wand mit den nutzlosen Schlüsseln, und der Geruch im Raum hatte sich verändert.

Gu Tian ging hin und sah nach.

Der Mann atmete.

Die Vorderseite seiner Uniform war aufgeplatzt, die Haut darunter verbrannt in einem handbreiten Streifen vom Brustbein zur linken Schulter, und der rechte Arm — der Speerarm — lag in einem Winkel, den Arme nicht haben. Aber er atmete, flach und schnell, und seine Augen bewegten sich.

[Herzrhythmus gestört, aber nicht kritisch. Rechter Arm: Meridiane in Ober- und Unterarm zerstört. Er wird die Hand behalten. Er wird nie wieder mit ihr kämpfen.]

„Absicht?“, fragte Gu Tian leise.

[Deine oder meine?]

„Meine.“

[Du hast die Ladung im letzten Zehntel abgeschwächt und den Weg über die Schulter statt über das Herz genommen. Ich habe nichts korrigiert.]

Gu Tian nickte langsam.

Er stellte fest, dass er darüber weder erleichtert noch enttäuscht war. Er hatte es getan, ohne darüber nachzudenken, und das war die interessantere Information: Sein Verstand hatte die Entscheidung in weniger Zeit getroffen, als er zum Denken brauchte, und sie war die gewesen, die er auch bei Zeit getroffen hätte.

Der Mann würde leben. Er hatte einen Menschen mit einer Waffe angegriffen, der zweimal gewarnt hatte, und dafür bezahlte er mit dem Beruf, in dem er das getan hatte.

Das war keine Gnade und keine Härte. Es war ein Preis.

„Bringt ihn zu einem Heiler“, sagte Gu Tian, ohne sich umzudrehen. „Nicht nach der Feier. Jetzt.“

Niemand rührte sich.

Dann sagte Gu Sanhe, mit einer Stimme, die überraschend fest war: „Xiao Wu. Bing. Nehmt ihn. Über die Nordtreppe, nicht durch die Galerie.“

Zwei Wachen bewegten sich.

Gu Tian ging zur Öffnung, die auf die Galerie führte, und blieb dort stehen, weil hinter ihm jemand sprach.

„Junger Herr.“

Er drehte sich um.

Gu Sanhe stand immer noch am Tisch. Er hielt sich nicht mehr daran fest.

„Sie gehen nach oben“, sagte der alte Mann.

„Ja.“

„Der Empfang ist im großen Saal. Der Herr sitzt links vom Ehrenplatz, die Lin rechts.“ Sanhe sprach schnell und tonlos, als lese er eine Liste ab, und Gu Tian begriff, dass er das tat, um sich selbst zu übertönen. „Es sind vierzehn Gäste vom Haus Lin da, dazu die Nebenlinien, dazu die Dienerschaft. Und die Kinder. Die Kinder sind im Ostflügel, es sind neun, das jüngste ist vier.“

Er hörte auf.

Gu Tian sah ihn an.

„Warum sagen Sie mir das?“

„Weil ich nicht weiß, was Sie sind“, sagte Gu Sanhe. „Und weil ich vor vier Tagen einen Jungen in ein Loch gelegt habe, den ich gekannt habe, als er zwölf war, und ihm eine Flasche Wasser hingestellt habe, damit ich nachts schlafen kann. Ich habe schlecht geschlafen.“

Er sah zu Boden.

„Es sind neun Kinder, junger Herr. Das ist alles.“

Gu Tian schwieg eine Weile.

„Sie haben mir Wasser gebracht“, sagte er dann.

„Es war zu spät.“

„Es war nicht zu spät.“ Gu Tian sah ihn an, und der Alte sah zurück, und der goldene Ring in den schwarzen Augen war aus dieser Entfernung nur ein Lichtschimmer, den man für Reflexion halten konnte. „Onkel Sanhe. Ich bin nicht gekommen, um dieses Haus abzubrennen. Ich bin gekommen, um mit drei Menschen zu reden. Kein Kind wird heute Nacht etwas passieren, und niemand, der die Hände unten lässt, bekommt von mir ein Problem.“

Der alte Mann atmete aus.

„Und die drei?“

„Die haben mich auf einen Tisch geschnallt.“

Gu Sanhe nickte langsam. Er sagte nichts dazu. Das war, dachte Gu Tian später, das Ehrlichste, was der Mann an diesem Abend hätte tun können.

Die Galerie führte im Freien an der Flanke des Berges entlang.

Gu Tian trat hinaus und blieb stehen, weil er drei Tage lang in einem Steinloch gelegen hatte und die Welt vergessen hatte.

Unter ihm lag der Hang, dunkel und bewaldet, und dahinter die Ebene, und in dieser Ebene lag Licht. Sehr viel Licht — mehr, als in den Erinnerungen des Jungen selbstverständlich gewesen wäre, denn der Junge war hier aufgewachsen und hatte nie darüber nachgedacht. Für Gu Tian war es das erste Mal.

Straßen. Türme in der Ferne, weit weg, am Rand der Sicht. Etwas, das langsam und rot blinkend über den Himmel zog. Und mittendrin, ungefähr zwei Kilometer weiter unten am Hang, ein zusammenhängender Komplex aus Höfen und Dächern und Mauern, in dem sehr viele Lampen brannten.

Haus Gu Qingpu.

Die Musik kam von dort.

Gu Tian stand an der Brüstung und sah hinunter, und der Wind kam von Osten und roch nach Regen, der noch nicht angekommen war.

[Möchtest du eine taktische Übersicht?]

„Nein.“

[Möchtest du wissen, wie viele Kultivatoren mit einem Rang über D unten sind?]

„Auch nicht.“

[Warum nicht?]

Gu Tian legte die Hände auf die kalte Steinbrüstung.

„Weil ich sonst anfange zu rechnen“, sagte er. „Und wenn ich anfange zu rechnen, finde ich irgendwann einen Grund, es auf morgen zu verschieben. Das kann ich sehr gut. Ich habe es elf Jahre lang jeden Abend um sieben getan.“

Eine Pause.

[Verstanden.]

„Sag mir nur eins.“

[Ja?]

„Ist unter denen jemand, der mich töten kann?“

[Nein.]

„Danke.“

Er stieß sich von der Brüstung ab.

Die Galerie ging in einen Treppenweg über, und der Treppenweg lief in großen Serpentinen den Hang hinunter, vorbei an alten Steinlaternen, von denen die Hälfte nicht mehr brannte.

Gu Tian ging.

Er schlich nicht. Er blieb nicht im Schatten. Er ging den Weg hinunter wie ein Mann, der von einem Spaziergang zurückkommt, barfuß, in einer zerrissenen blutigen Robe, und er nahm sich nicht die Mühe, seine Schritte leise zu setzen.

Zweimal begegnete er jemandem.

Das erste Mal war ein Diener mit einem Korb, der auf der Treppe zur Seite trat, aus Gewohnheit den Kopf senkte, ihn dann anhob und stehen blieb, mitten in der Bewegung, mit offenem Mund.

Das zweite Mal waren zwei Wachen am unteren Tor.

Sie hoben die Waffen. Gu Tian ging weiter, in demselben Tempo, ohne die Hände zu heben, und drei Schritte vor ihnen sagte er:

„Ich bin es.“

Sie ließen ihn durch.

Nicht, weil sie es entschieden hatten. Später konnte keiner von beiden erklären, warum die Speere gesunken waren; sie hatten nur festgestellt, dass sie unten waren.

Vor dem großen Saal lag ein gepflasterter Vorhof mit einem alten Kampferbaum in der Mitte.

Von hier war die Musik nicht mehr gedämpft. Man hörte die Saiten und die Flöte und die Stimmen, und man hörte, dass es an einem einzelnen Tisch besonders laut war, weil dort gerade jemand eine Geschichte zu Ende erzählte und alle darauf gewartet hatten, lachen zu dürfen.

Die Tür zum Saal stand offen. Warmes Licht fiel in einem breiten Streifen über den Hof.

Gu Tian blieb im Dunkeln unter dem Kampferbaum stehen und sah eine ganze Weile hinein.

Er sah lange Tische. Er sah Menschen, die aßen und tranken und redeten. Er sah zwei alte Frauen, die in einer Ecke saßen und sich über etwas amüsierten, was die junge Generation trug. Er sah einen Diener, der einen Krug fallen ließ und rot wurde, und drei Leute, die ihm halfen.

Es war eine Feier.

Es war genau die Sorte Raum, die er sich in seiner letzten Minute auf einem Boden aus Grauharz gewünscht hatte: ein langer Tisch, an dem geredet wurde, laut und durcheinander, und jemand lachte über etwas, das gar nicht so lustig war.

Und ganz vorn, auf dem erhöhten Platz, saß in einer dunkelblauen Robe ein junger Mann mit sauberen Händen und ließ sich zutrinken.

Gu Tian sah ihn an, sehr lange, ohne dass sich sein Gesicht veränderte.

„Ich habe eine Frage“, sagte er leise.

[Ja?]

„Wie lange braucht ein integrierter Dao-Ursprungsknochen, bis er nicht mehr entfernt werden kann?“

[Bei sauberer Arbeit: etwa neunzig Tage. Es sind vier vergangen.]

Gu Tian nickte.

Dann trat er aus dem Schatten des Kampferbaums in den Lichtstreifen.

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