Aufstieg des Ewigen Dao-Clans · Band 1 · Arc 01
Kapitel 002Der Erbe aus dem Abgrund

Erwachen mit offenem Brustkorb

2.766 Wörter · Band 1 — Nightfall über Shanghai

Der erste Atemzug ging schief.

Gu Tian bekam Luft in die Lunge und einen Teil davon irgendwo hin, wo keine Luft hingehörte, und der Körper reagierte mit einem Husten, den er sich nicht leisten konnte. Der Husten riss etwas in seiner Brust auf, das gerade erst begonnen hatte zu verkleben. Etwas Warmes lief seitlich an seinen Rippen hinunter und wurde am Boden sofort kalt.

Er blieb liegen.

Nicht aus Schwäche — obwohl die Schwäche vollständig war. Er blieb liegen, weil der zweite Atemzug wichtiger war als jede Frage, und weil er in einundvierzig Jahren gelernt hatte, dass Panik grundsätzlich das Teuerste ist, was ein Mensch tun kann.

Der zweite Atemzug ging besser. Der dritte war beinahe brauchbar.

Gut, dachte er. Dann von vorn.

Eins: Wo bin ich.

Stein. Unter seiner Wange, unter seinem Handrücken, unter der halben Länge seines Körpers. Kalter, feuchter, geschliffener Stein mit feinen Fugen. Kein Grauharz. Kein Reinigungsmittel.

Die Luft roch nach nassem Fels, nach Rost und, darunter, nach dem, was er selbst verlor.

Zwei: Wie hell.

Er öffnete die Augen einen Spalt. Über ihm, sehr weit oben, hing ein schmutzig-graues Rechteck aus Licht — kein Fenster, eher ein Schacht. Näher, vielleicht drei Meter über dem Boden, saß etwas in einer Wandnische, das schwach und stetig glomm, kalt und blau, ohne zu flackern. Es sah aus wie ein Stein.

Es war ein Stein.

Drei: Der Körper.

Und da hörte die Ordnung auf.

Gu Tian sah an sich hinunter, und das Erste, was sein Verstand meldete, war vollkommen unsinnig: Das sind nicht meine Hände.

Die Hände am Ende dieser Arme waren jung. Schlank, sehnig, mit langen Fingern und einer Schwiele quer über der rechten Innenhand, wie sie vom Griff einer Waffe kommt. Keine Tastaturkanten an den Fingerkuppen. Keine Narbe am linken Daumen von einem Küchenmesser vor neun Jahren.

Er hob die rechte Hand. Sie gehorchte. Sie zitterte, aber sie gehorchte, und sie tat es mit einer Nervengeschwindigkeit, die einundvierzig Jahre alte Arme nicht haben.

Dann sah er seine Brust.

Der Schnitt begann unterhalb des Schlüsselbeins und lief in einem sauberen, entsetzlich fachmännischen Bogen bis unter den rechten Rippenbogen. Er war offen. Nicht klaffend, nicht wie eine Wunde aus einem Kampf — die Ränder lagen aneinander, säuberlich, jemand hatte sie zurückgelegt wie den Deckel einer Kiste, aber niemand hatte sie geschlossen.

Und in der Mitte, dort, wo unter dem Brustbein etwas hätte sein müssen, war eine Leere.

Kein Loch. Der Körper war vollständig, das Herz schlug, die Lunge arbeitete. Aber es gab eine Stelle, ungefähr faustgroß, tief in seiner Mitte, an der etwas fehlte, und die Abwesenheit war so konkret, dass sie beinahe ein Gegenstand war. So, wie eine Zunge unaufhörlich in die Lücke eines gezogenen Zahnes fährt. So, wie ein System, aus dem man einen Kerndienst entfernt hat, nicht einfach langsamer läuft, sondern falsch.

Gu Tian legte sehr vorsichtig zwei Finger neben den Schnitt.

Der Schmerz, der darauf antwortete, war ehrlich und tief und hatte nichts Entzündliches. Das war die erste gute Nachricht seit einundvierzig Jahren. Keine Infektion. Noch nicht.

Die zweite gute Nachricht: Wer immer diesen Schnitt gemacht hatte, hatte gewusst, was er tat. Kein Gefäß war zerrissen. Die Arbeit war präzise gewesen. Sorgfältig.

Und danach hatte diese sorgfältige Person die Wunde nicht verschlossen.

Gu Tian ließ den Kopf zurück auf den Stein sinken und dachte den einzigen Gedanken, der sich daraus ergab, ohne dass ihn dabei irgendetwas anderes berührte als kalte Neugier:

Ich sollte nicht überleben. Man hat es nur nicht für nötig gehalten, dabei nachzuhelfen.

Er gab sich zehn Minuten.

Zehn Minuten, in denen er nichts tat außer atmen, den Raum ansehen und Daten sammeln. Wer in einem unbekannten System sofort anfängt zu drücken, zerstört Beweise. Das galt für Frachtnetze, und es galt offenbar auch für Zellen aus Stein.

Der Raum war ungefähr vier auf sechs Meter. Drei Wände aus behauenem Fels, so alt, dass die Werkzeugspuren rund geworden waren. Die vierte Seite war offen — nicht wirklich offen: Dort saß ein Gitter, aber es war nicht das Gitter, das den Raum verschloss.

Zwischen den Stäben stand etwas.

Gu Tian sah es erst, als er den Kopf ganz zur Seite drehte und das Licht des glimmenden Steins im richtigen Winkel darauf fiel. Es war Luft. Nur war es Luft mit einer Struktur. Ein Muster aus feinen, silbrig-blassen Linien lag in der Öffnung wie Frost auf einer Fensterscheibe, in Bögen und Winkeln, die sich in vier Punkten trafen — einer in jeder Ecke der Öffnung. In jedem dieser vier Punkte lag ein handgroßer, mattgelber Stein in eine Vertiefung eingelassen.

Es sah aus wie eine Schaltung.

Es war eine Schaltung. Gu Tian starrte sie fast eine Minute lang an, und irgendwo tief in ihm zuckte ein Reflex aus einem anderen Leben: vier Knoten, geschlossener Kreis, Energiezufuhr von unten links, dort sitzt die Last. Er wusste nicht, woher er das wusste. Er wusste nicht, ob es stimmte.

Er wusste nur, dass es kein Metall war und keinen Strom brauchte.

Neben dem Gitter, an der Wand, hing etwas völlig anderes.

Eine schmale schwarze Platte, keine zwei Handbreit groß, mit einem sanft leuchtenden Rand. Darauf standen Zeichen. Chinesische Zeichen, die er lesen konnte — und das war der Punkt, an dem Gu Tian zum ersten Mal wirklich stillhielt, weil er in seinem ersten Leben nie ein einziges chinesisches Zeichen gelesen hatte und diese hier verstand, als hätte er sie mit fünf Jahren gelernt.

Ahnenschlucht — Untere Kammern Zelle 7 Belegung: 1 Statuserfassung: 12.03.2130 · 04:52 Vitalzeichen: erloschen

Und darunter, kleiner, in einem grauen Kasten:

Bergungsanforderung offen. Bearbeitung nach Feiertag.

Gu Tian las es dreimal.

Vitalzeichen: erloschen.

Sein Herz schlug. Er spürte es gegen die Innenseite der offenen Brust, unangenehm deutlich.

Also war die Platte falsch, oder sie war nicht mehr aktualisiert worden, oder — und das war die interessanteste Möglichkeit — irgendetwas an diesem Körper hatte für eine Weile tatsächlich nicht mehr gemessen werden können.

Zwölfter März zweitausendhundertdreißig.

Auf Xenoton hatte man anders gezählt. Andere Zahlen, andere Monate, ein anderer Nullpunkt. Aber Gu Tian hatte elf Jahre lang Kalendersysteme ineinander umgerechnet, und er brauchte keine Umrechnung, um zu erkennen, dass ein Datum, das man versteht, ohne es je gelernt zu haben, nur eines bedeuten kann.

Er lag nicht in einer fremden Welt.

Er lag in einem fremden Kopf, und der Kopf hatte hier gelebt.

Er versuchte, sich aufzusetzen.

Das war ein Fehler, aber ein notwendiger. Er kam bis auf einen Ellenbogen, dann kippte ihm das Blickfeld weg und der Boden kam zurück, und er lag wieder, atmete durch die Zähne und wartete, bis das Rauschen aus seinen Ohren verschwand.

Beim zweiten Versuch nahm er sich mehr Zeit. Rolle auf die Seite. Knie an. Rechter Arm als Stütze — die linke Hälfte des Oberkörpers wollte nicht, dort saß der Schnitt. Dann hoch, Zentimeter für Zentimeter, den Rücken gegen die Wand.

Sitzend war die Welt besser.

Sitzend bemerkte er auch das Zweite.

Die Luft war voll.

Er hatte keine Worte dafür, nicht in diesem Moment. Es war nicht Feuchtigkeit und nicht Geruch. Es war etwas, das seine Haut wahrnahm und sein Verstand nicht einordnen konnte: als stünde er unter einem sehr feinen, sehr langsamen Regen aus etwas, das kein Wasser war. Es lag in der Kälte des Steins. Es lag in dem Licht des blauen Kristalls. Es lag sogar in seinem eigenen Blut auf dem Boden, das nicht so aussah, wie Blut auf Grauharz aussieht.

Und es floss.

Nicht gleichmäßig. Es zog in schwachen Strömen durch die Kammer, von der Schachtöffnung oben herunter, an der Wand entlang, und dann — Gu Tian folgte dem Gefühl mit geschlossenen Augen, weil es mit offenen Augen verschwand — bog es ab. Es bog zu den vier gelben Steinen im Gitterrahmen ab und verschwand dort.

Die Schaltung frisst es, dachte er. Das ist die Last. Ich hatte recht.

Er öffnete die Augen und lachte kurz und lautlos, was ein weiterer Fehler war, weil es in der Brust zog.

Ein Mann liegt mit offenem Brustkorb in einem Steinloch auf einer fremden Welt und freut sich, dass er eine Energiebilanz richtig geraten hat.

Beruhigend, hätte Ilva gesagt.

Der Gedanke traf ihn völlig ungeschützt.

Ilva war tot. Nein — Ilva war nicht tot. Er war tot. Ilva saß irgendwo auf Xenoton mit nassen Haaren und würde morgen früh mit Reis und Fleisch und Dingen mit Farbe in Ebene 44 kommen und dort ein leeres Pult finden und einen Cursor an der siebten Zeile.

Gu Tian legte den Kopf zurück gegen den Stein und atmete flach, sehr lange.

Er trauerte nicht. Dafür war noch keine Zeit. Aber er registrierte den Verlust, ordentlich und vollständig, wie man einen Posten in eine Bilanz einträgt, den man später nicht vergessen darf.

Dann machte er weiter.

Der dritte Befund war der schlimmste, und er brauchte am längsten dafür, weil ihm die Begriffe fehlten.

Als er saß und die Umgebung ausgewertet hatte, ging er den Körper durch, so wie er früher ein System durchgegangen war, wenn die Symptome nicht zur Fehlermeldung passten. Nicht die Wunde. Die Wunde war das Offensichtliche, und das Offensichtliche war fast nie die Ursache.

Er begann bei den Fingerspitzen und arbeitete sich nach innen.

Und stellte fest, dass in diesem Körper Wege existierten.

Er konnte sie nicht sehen. Er konnte sie fühlen wie man Muskelkater fühlt: als Karte einer Struktur, von der man normalerweise nichts merkt. Feine Bahnen, von den Fingern durch die Handgelenke, an den Innenseiten der Arme hoch, über Schultern und Brustkorb, hinunter zu einem Punkt drei Fingerbreit unter dem Nabel, wo alles zusammenlief.

Sie waren zerstört.

Nicht alle. Aber genug. Es war das Gefühl eines Straßennetzes nach einem Erdbeben: Hier eine Bahn, die abrupt endete. Dort eine, die sich in etwas ergoss, das nicht dafür gedacht war. Ganze Bereiche der linken Brustseite und der rechten Flanke, in denen es überhaupt keine Struktur mehr gab, sondern nur noch verbranntes Nichts.

Und im Zentrum, hinter dem Nabel, an dem Punkt, wo alles zusammenlaufen sollte, war ein Hohlraum, der nicht atmete.

Gu Tian saß sehr lange still und begriff langsam, dass er zwei verschiedene Löcher in diesem Körper suchte und beide gefunden hatte.

Das erste war die Faust unter dem Brustbein: eine Sache, die man herausgeschnitten hatte.

Das zweite war der Hohlraum hinter dem Nabel: nicht herausgeschnitten, sondern leergelaufen. Wie ein Speicher, dem man die Zufuhr genommen hat.

Und dann, so ruhig, wie er einmal einen Fehler in einem vier Jahre alten Altdienst gefunden hatte, sah Gu Tian die Verbindung.

Das eine war die Ursache des anderen.

Man hatte diesem jungen Mann etwas aus der Brust genommen, und das, was man ihm genommen hatte, war der Grund gewesen, weshalb der Rest funktionierte.

Sie haben ihm nicht ein Organ gestohlen, dachte Gu Tian. Sie haben ihm die Quelle gestohlen.

Er atmete aus.

Die Wut kam nicht. Nicht jetzt. Wut braucht ein Gesicht, und Gu Tian hatte noch keines.

Was kam, war etwas anderes, viel Kälteres, und es überraschte ihn:

Er war empört.

Nicht persönlich — noch nicht. Fachlich. Jemand hatte eine funktionierende Struktur zerlegt, das Kernstück entnommen und den Rest liegen lassen, mit offenem Gehäuse, in einem Loch, mit einer Bergungsanforderung, die nach dem Feiertag bearbeitet werden sollte.

In seinem ersten Leben hatte Gu Tian für so etwas Menschen aus Projekten geworfen.

Schritte.

Er hörte sie sehr früh — die Ohren dieses Körpers waren erschreckend gut — und tat, was ihm die letzten Minuten geraten hatten: Er ließ sich zur Seite sinken, bis er wieder so lag, wie er aufgewacht war, den Kopf halb im eigenen Blut, den Mund leicht offen, die Augen zu einem Spalt.

Vitalzeichen: erloschen.

Wenn eine Statusplatte ihn für tot hielt, war das kein Fehler, den man korrigieren musste. Das war ein Vorsprung.

Zwei Personen. Eine schwer, eine leicht. Die Schwere blieb weiter weg stehen.

„…muss ja nicht heute sein“, sagte eine junge Männerstimme, unwillig. „Der Alte hat gesagt, nach der Feier.“

„Der Alte hat gesagt, vor dem Empfang der Lin“, antwortete eine zweite, älter, träge, mit dem gelangweilten Nachdruck eines Mannes, der seit dreißig Jahren im selben Rang steckt. „Und wenn morgen Gäste durch die obere Galerie geführt werden und irgendein Lin-Vetter fragt, was in Zelle sieben liegt, will ich nicht derjenige sein, der antwortet.“

„Es riecht aber.“

„Deswegen wird es ja abgeholt.“

Ein Kratzen von Metall auf Stein. Licht kippte über Gu Tians geschlossene Lider.

„Zelle sieben.“ Der Ältere. Er stand jetzt direkt vor dem Gitter. Gu Tian roch Tabak und etwas Süßliches, Alkoholisches. „Da liegt er ja noch.“

„Er hat sich bewegt.“

„Er hat sich nicht bewegt.“

„Ich sag's dir, Onkel Sanhe, gestern lag der Arm anders.“

„Gestern warst du betrunken.“

Pause. Ein Räuspern.

„Trotzdem“, sagte der Jüngere. „Es ist unheimlich. Zwei Tage. Ohne Herz, ohne alles, und er liegt noch da wie —“

„Er hat sein Herz noch.“ Die Stimme des Älteren wurde eine Spur schärfer, und darin lag zum ersten Mal etwas anderes als Langeweile. Etwas Unbehagliches. „Sie haben ihm nicht das Herz genommen. Und du hältst darüber den Mund, verstanden? Vor allem morgen. Vor allem vor den Lin.“

„Ich sag doch gar nichts.“

„Du sagst gerade eine Menge.“

Stille. Dann, leiser, fast entschuldigend:

„Ich hab ihn gekannt, als er zwölf war. Er hat mir mal auf dem Nordhof die Hand geflickt, als ich mich am Kessel verbrüht hab.“ Der Ältere schwieg einen Moment. „Er war nicht der Schlechteste.“

„Warum haben sie es dann gemacht?“

„Weil er der Beste war.“ Ein Schnauben, kurz und ohne jede Freundlichkeit gegenüber sich selbst. „Junge. Wenn man ein Haus wie dieses lange genug ansieht, versteht man das ganz von allein. Man nimmt nicht den Schlechtesten etwas weg. Bei den Schlechtesten lohnt sich das nicht.“

Etwas wurde durch das Gitter geschoben. Es klapperte auf den Stein und rollte ein Stück.

„Was soll das?“

„Wasser.“

„Er ist tot.“

„Ja“, sagte der Mann, den der Jüngere Onkel Sanhe genannt hatte. „Dann ist es ja auch keine Verschwendung.“

Die Schritte entfernten sich. Diesmal langsamer.

Gu Tian wartete, bis das Licht verschwunden war, und noch hundert Atemzüge länger.

Dann öffnete er die Augen und sah zu der kleinen Metallflasche, die zwei Meter entfernt an der Wand lag.

Zwei Meter.

Vier Meter waren an diesem Abend eine Entfernung, die man mit dem Frachtnetz von Veyren hätte planen müssen.

Er lachte nicht. Er kroch.

Es dauerte fünf Minuten, und am Ende zitterten seine Arme so stark, dass er die Flasche zweimal fallen ließ, bevor er den Verschluss aufbekam. Das Wasser schmeckte nach Metall und war das Beste, was er je getrunken hatte.

Er trank die Hälfte. Die andere Hälfte behielt er, weil man das so macht.

Dann lehnte er an der Wand und ordnete, was er hatte.

Ein Haus namens Gu. Ein Ort namens Ahnenschlucht. Ein Empfang für Gäste namens Lin, morgen. Ein alter Mann, der mich als Kind gekannt hat und dem es unangenehm ist. Ein Junge, der Angst hat. Man hat mir etwas genommen, weil ich der Beste war.

Und niemand von ihnen erwartet, dass ich noch atme.

Es war weniger als nichts. Es war der Anfang einer Struktur.

Und in dem Moment, in dem er zufrieden war — in dem Moment, in dem sein Verstand die Ordnung fertig hatte und sich für einen Herzschlag entspannte —

kam der Körper zurück.

Nicht der Schmerz. Etwas anderes.

Es begann als Druck hinter den Augen, wie beim Auftauchen aus zu großer Tiefe, und dann brach es auf, und es war nicht seins.

Ein Hof im Regen. Eine Kinderhand, kleiner als die, die er jetzt hatte, auf einem Steintier mit abgebrochenem Ohr.

Ein Mann mit breiten Schultern, der ihn hochhob, sodass er über eine Mauer sehen konnte, und lachte, und dessen Gesicht Gu Tian nicht kannte und dessen Namen er trotzdem wusste, und das Wissen kam mit einem Stich, der ihm den Atem nahm, weil zu dem Namen ein zweites Wissen gehörte: tot.

Eine Frauenstimme, die eine Melodie summte, ohne Text.

Ein Trainingshof, tausend Morgen, das Gewicht eines Schwerts, das erst zu schwer und dann selbstverständlich war.

Ein Mädchen mit einem geflochtenen Zopf, das auf einer Mauer saß und die Beine baumeln ließ und ihn Ge nannte.

Es ging schneller. Es kippte. Es kam nicht mehr in Bildern, sondern in Schichten, übereinander, dreiundzwanzig Jahre auf einmal —

— und dann stand alles still, mit der grausamen Genauigkeit eines Bildes, das ein Mensch bis zu seinem Tod nicht vergisst.

Ein Raum mit warmem Licht. Ein Tisch, der falsch war: kein langer Tisch, an dem gelacht wurde, sondern ein niedriger, an dem man festgeschnallt wurde.

Ein Mann in grauer Kleidung, der die Hände wusch.

Ein junger Mann in dunkelblauer Robe, der nicht hinsah.

Und daneben, an der Tür, dasselbe Mädchen, nicht mehr auf einer Mauer, sondern erwachsen, mit demselben Zopf, das Gesicht weiß und nass und vollkommen wach.

Jemand fragte sie etwas.

Und Gu Lian sagte: „Tut es.“

Gu Tian Erwachen in Zelle 7
Gu Tian Erwachen in Zelle 7

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