Die Klimaanlage in Ebene 44 arbeitete seit vierzehn Stunden gegen die Abwärme von dreihundert Rechenkernen an, und sie verlor.
Gu Tian merkte es an seinem Rücken. Das Hemd klebte zwischen den Schulterblättern, dort, wo die Lehne des Stuhls den Stoff seit dem Morgen festhielt. Er hatte irgendwann aufgehört, sich zu bewegen. Bewegung kostete Zeit, und Zeit war das Einzige, was auf Ebene 44 wirklich knapp war.
Vor ihm liefen sieben Fenster gleichzeitig.
Das mittlere war das wichtigste: die Routenmatrix des orbitalen Frachtnetzes von Veyren Logistik, dreiundzwanzigtausend Container in Bewegung zwischen vier Umschlagringen, und irgendwo in diesem Netz saß seit sechs Stunden ein Fehler und schnitt Frachtfenster ab wie ein schlecht geschliffenes Messer.
Der Fehler hatte einen Namen. Gu Tian hatte nicht vor, ihn auszusprechen.
„Es sind noch elf Minuten bis zum Ringwechsel“, sagte Ilva Deng hinter ihm.
„Ich weiß.“
„Ich sage es nur laut, weil du seit zwanzig Minuten nicht geblinzelt hast.“
„Ich habe geblinzelt.“
„Nicht überzeugend.“
Gu Tian schob ein Fenster zur Seite und zog ein anderes nach vorn. Der Fehler steckte nicht in der Routenmatrix. Das hatten sie den halben Tag geglaubt, und deshalb hatten sie den halben Tag verloren. Der Fehler steckte in der Zeitzonenkonvertierung eines Unterdienstes, den seit vier Jahren niemand mehr angefasst hatte, weil er funktionierte. Er hatte auch immer noch funktioniert. Nur hatte jemand ihm eine neue Eingabe gegeben, die dreizehn Zeichen zu lang war, und der Dienst hatte getan, was alte, gutmütige Dienste tun: Er hatte nicht protestiert. Er hatte abgeschnitten.
Dreizehn Zeichen. Achtundvierzig Millionen Credits Frachtwert.
Gu Tian legte die Hand flach auf das Pult und betrachtete den Codeblock, ohne ihn wirklich zu lesen. Er kannte ihn bereits. Er hatte ihn vor sieben Minuten verstanden. Was ihn seitdem beschäftigte, war eine andere Frage.
Wer hatte die Eingabe geändert?
Er wusste auch das. Der Änderungsstempel stand direkt daneben, sauber und ehrlich und vollkommen unbarmherzig.
S. VAHL, 04:11.
Somer Vahl saß zwei Reihen weiter, dreiundzwanzig Jahre alt, im vierten Monat, und starrte auf einen Bildschirm, auf dem seit einer Stunde nichts Sinnvolles mehr passierte. Er hatte den ganzen Tag nicht gefragt, ob er helfen könne. Er hatte auch nicht gefragt, wo der Fehler stecke. Junge Leute, die nicht fragen, wissen meistens genau, wo der Fehler steckt.
Gu Tian sah drei Sekunden lang auf den Änderungsstempel.
Dann tat er, was er auf Ebene 44 seit elf Jahren tat.
Er schrieb den Fix, setzte die Konvertierung auf variable Länge, fing den Überlauf sauber ab, schrieb eine Prüfregel dazu, die verhinderte, dass jemand denselben Fehler jemals wieder machen konnte, und trug in das Protokollfeld ein:
Ursache: fehlende Längenprüfung in Altdienst KV-9. Strukturschwäche, kein Bedienfehler. Behoben durch Teamleitung.
Dann drückte er die Freigabe.
Die Routenmatrix zuckte. Vierzehn Sekunden lang rechnete das Netz sich neu. Dann öffneten sich dreiundzwanzigtausend Frachtfenster gleichzeitig wie Fenster in einer Häuserfront, in der jemand endlich das Licht angemacht hatte.
Hinter ihm atmete Ilva aus.
„Du hast es rausgeschrieben“, sagte sie leise.
„Ich habe es richtig geschrieben.“
„Du hast es rausgeschrieben, Tian.“
„Er hätte in der Bewertung eine Vier bekommen.“ Gu Tian schob den Stuhl zwei Zentimeter zurück, mehr Bewegung erlaubte sein Rücken gerade nicht. „Mit einer Vier im vierten Monat kündigen sie ihn im sechsten. Der Altdienst hatte wirklich keine Längenprüfung. Das ist keine Lüge. Das ist nur die Hälfte, die man aussuchen kann.“
Ilva schwieg. Sie war einundvierzig, so alt wie er, und sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass diese Art von Sätzen bei ihm keine Großzügigkeit war. Sie waren Buchhaltung. Er rechnete Menschen gegen Kosten auf, und manchmal kam heraus, dass ein Mensch billiger war, wenn man ihn behielt.
Zwei Reihen weiter hob Somer Vahl den Kopf, las etwas auf seinem Schirm und wurde sehr rot. Er sah zu Gu Tian herüber.
Gu Tian sah nicht zurück.
Um 19:40 kam Ravel Kest.
Man hörte ihn nicht kommen. Ravel Kest hatte weiche Schuhe und eine weiche Stimme und die vollkommen unerschütterliche Ruhe eines Mannes, der niemals selbst etwas reparieren musste. Er blieb an der Schmalseite des Pults stehen, sah einen Moment auf die Routenmatrix, wie ein Mann auf ein Aquarium sieht, und nickte.
„Gute Arbeit.“
„Danke.“
„Achtundvierzig Millionen.“ Kest lächelte knapp. „Der Ring Drei war schon dabei, uns Vertragsstrafen zu schreiben. Jetzt schreiben sie stattdessen eine Empfehlung. So schnell dreht sich das.“
„So schnell.“
„Wie lange bist du heute schon hier?“
Gu Tian dachte kurz nach. Nicht, weil er es nicht wusste. Weil es zwei Antworten gab und er entscheiden musste, welche weniger Ärger machte.
„Seit vier.“
„Vier heute Morgen?“
„Ja.“
Kest nickte wieder, langsam, als sei das eine interessante meteorologische Beobachtung. „Fahr bald nach Hause.“
„Das habe ich vor.“
„Gut.“ Kest wandte sich halb ab. Blieb stehen. Kam zurück. Das war die Bewegung, die Gu Tian seit elf Jahren kannte, so gut wie das Klicken des eigenen Herzens. Die Rückkehr nach dem Abschied. Danach kam immer der eigentliche Satz.
„Eine Sache noch.“
„Ja.“
„Kunhai will morgen um acht die Machbarkeitsbewertung für die Umstellung auf Ring Fünf. Nicht die vollständige. Nur eine Einschätzung, ob es überhaupt geht.“
Gu Tian sah ihn an.
Die Machbarkeitsbewertung für Ring Fünf war vier Wochen Arbeit für drei Leute. Eine Einschätzung, ob es überhaupt geht, war eine Nacht Arbeit für einen einzigen Menschen, der das Netz gut genug kannte, um im Kopf zu simulieren, was drei Leute vier Wochen lang messen würden.
Es gab genau einen solchen Menschen im Gebäude.
„Bis acht“, sagte Gu Tian.
„Wenn es zu viel ist, sag es.“ Kest sagte es freundlich. Er meinte es sogar freundlich. Das war das Unangenehme an ihm: Er war kein Schurke. Er war ein Mann, der selbst einen Vorgesetzten hatte, und dieser Vorgesetzte hatte einen Vorgesetzten, und ganz oben saß niemand mehr, sondern nur noch eine Zahl.
„Es ist nicht zu viel.“
„Danke, Tian.“ Kest klopfte einmal aufs Pult. „Ehrlich. Danke.“
Er ging. Die weichen Schuhe machten kein Geräusch.
Ilva sah ihm nach, bis die Glastür sich geschlossen hatte.
„Sag Nein“, sagte sie.
„Ich habe schon Ja gesagt.“
„Sag es zurück.“
„Ilva.“
„Du siehst aus wie etwas, das man aus einem Fluss gezogen hat.“ Sie beugte sich vor, und zum ersten Mal an diesem Tag klang ihre Stimme nicht nach Kollegin. „Du bist einundvierzig. Du hast im letzten Jahr elf Tage Urlaub genommen und an sieben davon gearbeitet. Deine Wohnung ist zwölf Minuten von hier und du schläfst trotzdem dreimal die Woche in Ebene 41 auf der Liege.“
„Die Liege ist nicht schlecht.“
„Die Liege ist ein Sarg mit Kissen.“
Gu Tian lachte. Es war ein kurzes, echtes Lachen, und es tat weh.
Das war der erste Moment, in dem er es bemerkte.
Nicht wirklich Schmerz. Eher ein Gewicht. Als hätte jemand eine flache, warme Hand mitten auf sein Brustbein gelegt und drücke sanft, ohne Bosheit, aber ohne Absicht, wieder loszulassen.
Er atmete tiefer. Das Gewicht blieb.
„Was ist?“, fragte Ilva sofort.
„Nichts. Sodbrennen.“ Er trank einen Schluck aus dem Becher neben dem Pult. Der Kaffee war seit vier Stunden kalt und schmeckte nach Metall. „Ich habe seit gestern Abend nichts Ordentliches gegessen.“
„Das ist ja beruhigend.“
„Es ist ehrlich.“
„Das ist nicht dasselbe wie beruhigend.“
Er zog die Machbarkeitsbewertung auf den mittleren Schirm.
Um 21:20 ging Ilva.
Sie ging nicht gern. Sie blieb an der Tür stehen, den Mantel schon über dem Arm, und sah zurück in den halbleeren Saal, in dem noch vier Pulte leuchteten.
„Ich bringe dir morgen etwas Richtiges zu essen mit“, sagte sie. „Reis. Fleisch. Dinge mit Farbe.“
„Das musst du nicht.“
„Ich weiß.“ Sie zögerte. „Tian. Wofür machst du das?“
Er sah vom Schirm auf.
Es war eine ehrliche Frage, und sie verdiente eine ehrliche Antwort, und er hatte in diesem Moment keine. Er hatte Geld. Nicht viel, aber genug. Genug für eine Wohnung mit einem Fenster, das nach Osten ging. Genug, um seiner Schwester jedes Jahr zum Geburtstag etwas zu schicken, obwohl sie seit sechs Jahren nicht antwortete. Genug, um nicht Angst zu haben.
Nur nicht genug, um irgendwann aufzuhören.
„Weil es sonst niemand macht“, sagte er.
Ilva sah ihn an. Dann nickte sie, und es war kein zustimmendes Nicken, sondern das Nicken eines Menschen, der ein Argument aufgibt, weil er den Gegner müde weiß.
„Bis morgen, Teamleiter.“
„Bis morgen.“
Die Tür schloss sich.
Zwei Reihen weiter saß Somer Vahl immer noch. Er hatte seit einer Stunde nichts getan, außer dazusitzen.
Um 21:44 stand er auf und kam herüber.
„Herr Gu.“
„Vahl.“
Der Junge hatte sich drei Sätze zurechtgelegt. Man sah es an der Art, wie er den Mund öffnete und wieder schloss. Alle drei Sätze zerfielen unterwegs.
„Das war meine Eingabe“, sagte er schließlich. „Um vier Uhr elf.“
„Ich weiß.“
„Sie haben in das Protokoll geschrieben, dass es der Altdienst war.“
„Es war der Altdienst.“ Gu Tian tippte weiter. „Ein Dienst, der Eingaben ohne Längenprüfung entgegennimmt, ist ein kaputter Dienst. Wenn er nicht heute an dir kaputtgegangen wäre, wäre er in vier Monaten an jemand anderem kaputtgegangen. Du warst nur der, der zuerst darüber gestolpert ist.“
„Aber —“
„Vahl.“ Gu Tian hörte auf zu tippen und sah ihn zum ersten Mal an diesem Tag richtig an. „Willst du wissen, was der einzige Fehler war, den du heute wirklich gemacht hast?“
Somer Vahl nickte stumm.
„Du hast es um vier Uhr elf gesehen. Und du hast bis achtzehn Uhr gewartet, ob es vielleicht von allein weggeht.“
Der Junge wurde rot bis zu den Ohren.
„Das nächste Mal kommst du sofort“, sagte Gu Tian. „Auch um vier Uhr elf. Auch wenn ich schlafe. Besonders dann. Ein Fehler, den man um vier Uhr elf hört, kostet zehn Minuten. Derselbe Fehler kostet um achtzehn Uhr einen ganzen Tag. Das ist die einzige Regel, die auf dieser Ebene wirklich zählt.“
„Ja, Herr Gu.“
„Geh nach Hause.“
Somer Vahl blieb noch einen Moment stehen. Dann sagte er, sehr schnell und sehr leise, als müsse er es loswerden, bevor der Mut versiegte:
„Danke.“
Er ging.
Gu Tian sah ihm nach.
Und dachte, ohne es zu wollen, dass er sich nicht erinnern konnte, wann jemand zuletzt so zu ihm gesagt hatte danke, und dabei etwas anderes gemeint hatte als mach weiter.
Das Gewicht auf seinem Brustbein war schwerer geworden.
Um 23:10 war die Machbarkeitsbewertung zu drei Vierteln fertig.
Sie war gut. Sie war sogar sehr gut. Ring Fünf ließ sich anschließen, aber nicht so, wie Kunhai es geplant hatte — man musste die Umschlagfenster asymmetrisch legen, dreizehn Prozent Leerlauf im Norden akzeptieren und dafür die Südflanke doppelt takten. Niemand außer Gu Tian hätte gesehen, dass das ging. Es war die Art von Einsicht, für die er lebte, und für die ihn niemand bezahlte, weil sie in keiner Zeile stand.
Um 23:22 wurde sein linker Arm taub.
Es begann in den kleinen Fingern. Ein Kribbeln, wie nach zu langem Aufstützen. Er schüttelte die Hand aus. Das Kribbeln wanderte in den Unterarm, in den Ellenbogen, in die Schulter, und war dort plötzlich kein Kribbeln mehr, sondern ein dumpfes, schweres Ziehen, das nicht zum Arm gehörte.
Gu Tian saß sehr still.
Er kannte die Liste. Jeder kannte die Liste; sie hing in jedem Aufzug, in jeder Kantine, in jedem Ruheraum, unter der Überschrift Achten Sie auf sich. Druck auf der Brust. Ausstrahlung in den linken Arm. Kaltschweiß. Übelkeit.
Er hatte drei davon.
Es gab in diesem Moment genau zwei Möglichkeiten.
Die erste: aufstehen, zum Notrufpult an der Wand gehen, den roten Griff ziehen. Der Notruf lief direkt auf die Medizinzentrale von Ebene 12, achtzehn Sekunden Fahrzeit, ein Sanitätsdrohnenpaar, das schon zweimal in diesem Jahr auf dieser Ebene gewesen war.
Die Zweite: die restlichen zwanzig Prozent der Bewertung zu Ende schreiben, weil sie sonst niemand zu Ende schreiben konnte, und danach den Griff ziehen.
Er brauchte für die Entscheidung ungefähr eine Sekunde.
Später — sehr viel später, in einem anderen Körper, auf einer anderen Welt, mit Blut in einer aufgeschnittenen Brust — würde Gu Tian genau an diese Sekunde zurückdenken. Nicht an den Schmerz. Nicht an Ravel Kest. An diese eine Sekunde, in der er wusste, was los war, und weiterschrieb.
Es waren noch neun Zeilen.
Er schaffte sechs.
Der Boden von Ebene 44 war aus gefaltetem Grauharz und roch nach Reinigungsmittel und Staub.
Gu Tian lag auf der Seite. Der Stuhl war irgendwohin gerollt. Der mittlere Schirm leuchtete über ihm wie ein schiefer Mond, und irgendwo darauf blinkte immer noch der Cursor an der siebten Zeile, geduldig, ohne die geringste Ahnung.
Der Schmerz war jetzt kein Gewicht mehr. Er war eine Faust im Brustkorb, die sich schloss und nicht wieder aufmachte.
Er bekam die Hand nicht zum Notrufgriff. Der Griff war vier Meter weg. Vier Meter waren an diesem Abend eine Entfernung, die man mit dem Frachtnetz von Veyren hätte planen müssen.
Er schaffte etwas anderes.
Er drückte mit dem Ellenbogen gegen das untere Pultfeld, dorthin, wo die Sammelmeldung lag, und die Sammelmeldung ging an vier Adressen gleichzeitig, und eine davon war Ilva Deng.
Danach lag er still und atmete flach und sah dem Cursor beim Blinken zu.
Der Sanitätsdroide brauchte einhundertelf Sekunden.
Das war schnell. Das war wirklich schnell, und Gu Tian, dessen Beruf es war, Zeiten zu messen, registrierte es mit einem letzten Anflug beruflicher Anerkennung. Die weiße Kugel schob sich durch die Glastür, entfaltete drei Arme, legte einen Sensorring auf seine Brust, und eine ruhige, angenehme, geschlechtslose Stimme sagte:
„Akuter Koronarverschluss. Wahrscheinlichkeit dreiundneunzig Komma vier Prozent. Sofortige Intervention indiziert.“
Gut, dachte Gu Tian. Dann macht das.
„Deckungsprüfung läuft.“
Der Sensorring war kühl. Der Boden war kalt. Der Cursor blinkte.
„Versicherungsstufe: Vantell-Standard, Klasse drei. Sofortige Koronarintervention ist in Klasse drei nicht vorgefreigegeben. Anfrage an Kostenträger gesendet.“
Gu Tian versuchte zu sprechen. Es kam nur Luft.
„Bitte bleiben Sie ruhig“, sagte die angenehme Stimme. „Der Kostenträger antwortet in der Regel innerhalb von acht bis zwölf Minuten.“
Acht bis zwölf Minuten.
Er hatte elf Jahre lang Frachtfenster von dreiundzwanzigtausend Containern auf die Sekunde genau ausgerechnet, und jetzt lag er auf dem Boden von Ebene 44, und eine Maschine, die ihn in vierzig Sekunden hätte retten können, wartete auf eine Freigabe.
Der Droide gab ihm etwas gegen den Schmerz. Das durfte er. Schmerzmittel waren in Klasse drei vorgefreigegeben.
Es war das Erbärmlichste, was Gu Tian je erlebt hatte.
Die Faust in seiner Brust machte sich nicht auf.
Irgendwann — er konnte nicht sagen, ob nach zwei Minuten oder nach sieben — hörte er Schritte. Rennende Schritte, schlecht, ungeübt, jemand, der seit Jahren nicht mehr gerannt war.
Dann Ilvas Gesicht über ihm, ohne Mantel, mit nassen Haaren, sie musste schon geduscht gehabt haben.
„Tian. Tian.“
Sie fuhr den Droiden an. Sie schrie den Droiden an. Sie schrie eine Maschine an, die keine Ohren hatte, und dann riss sie ihr eigenes Terminal heraus und tippte etwas, und Gu Tian verstand, mit dem letzten klaren Teil seines Verstandes, was sie tat.
Sie versuchte, die Intervention auf ihre eigene Deckung zu buchen.
Das geht nicht, wollte er sagen. Fremdbuchung braucht Verwandtschaftsnachweis. Ich habe es selbst mit konfiguriert. Vor sechs Jahren.
Er brachte es nicht heraus.
Ilva nahm seine Hand. Sie war warm. Sie war so unfassbar warm.
„Bleib da“, sagte sie. „Hörst du? Du bleibst gefälligst da.“
Und dann geschah etwas Seltsames.
Der Schmerz trat zurück.
Nicht, weil er nachließ. Weil etwas anderes wichtiger wurde, und der Körper, dem ohnehin nur noch wenig Kraft blieb, seine letzten Kerzen anders verteilte.
Gu Tian dachte nicht an die Machbarkeitsbewertung.
Er dachte nicht an die achtundvierzig Millionen, nicht an Ravel Kest, nicht an die elf Jahre auf Ebene 44 und nicht an die Empfehlung von Ring Drei, die morgen früh eintreffen und in einer Ablage verschwinden würde.
Er dachte an ein Haus.
Er hatte nie eines besessen. Er hatte nie ernsthaft eines geplant. Aber es war da, vollständig, als hätte es die ganze Zeit hinter einer Tür gestanden, die er elf Jahre lang nicht aufgemacht hatte: ein Haus mit Holzböden und einem breiten Dach und Licht, das morgens von Osten hereinkam.
Ein Tisch. Ein langer Tisch, viel zu lang für einen Menschen, viel zu lang für zwei. Ein Tisch, an dem geredet wurde, laut und durcheinander, und an dem jemand über etwas lachte, das gar nicht so lustig war.
Kinder, die durch den Flur rannten und denen niemand es verbot.
Eine Frau, die ihm die Hand auf den Nacken legte, wenn sie hinter seinem Stuhl vorbeiging, ohne stehenzubleiben, weil es selbstverständlich war.
Menschen, die blieben.
Das war alles. Das war das ganze Leben, das er sich gewünscht hatte, und es war so lächerlich klein, dass es beinahe wehtat: kein Ruhm, keine Macht, keine Rache an irgendjemandem. Ein Haus. Ein Tisch. Menschen, die blieben.
Er hatte es sich in einundvierzig Jahren nicht einmal zugestanden, es laut zu denken.
Ich hätte einfach nach Hause gehen sollen, dachte Gu Tian. Irgendwann. Einmal. Um neunzehn Uhr.
Über ihm sagte die angenehme Stimme: „Kostenträger hat geantwortet. Freigabe erteilt. Beginne Interv—“
Sein Herz hörte auf.
Es tat nicht weh. Das war das Unerwartete daran. Es fiel einfach aus, wie ein Rechenkern, dem man den Strom nimmt, und alles, was darüber lief, fiel mit.
Ilvas Stimme wurde sehr weit weg und war dann nicht mehr da.
Kein Fenster öffnete sich vor seinen Augen. Keine Stimme sprach. Keine Tafel zählte Punkte zusammen, keine Instanz erklärte ihm, was sein Leben wert gewesen war. Es gab nichts, was den Tod eines Teamleiters auf Ebene 44 kommentierte.
Er starb einfach, auf dem Boden, zwölf Minuten von seiner Wohnung entfernt, mit einer Hand in Ilva Dengs Hand und sechs von neun Zeilen fertig.
Danach war Leere.
Nicht Dunkelheit. Dunkelheit ist etwas: Dunkelheit ist Raum ohne Licht, und Raum ist bereits eine Aussage.
Das hier war weniger.
Kein Oben. Kein Unten. Keine Richtung, in die man hätte fallen können, kein Zeitpunkt, an dem man hätte gewesen sein können. Gu Tian dachte in dieser Leere nicht. Denken braucht Abfolge, und Abfolge braucht Zeit, und Zeit war nicht dort.
Und trotzdem hörte er nicht auf.
Das war das Bemerkenswerte, und es war so bemerkenswert, dass es weit jenseits der Leere bemerkt wurde.
Eine Seele, die vollständig stirbt, verliert dort ihre Kanten. Sie löst sich, sie wird wieder Material, sie geht zurück in den Kreislauf wie Wasser in ein Meer, und das ist keine Grausamkeit, sondern Ordnung. So läuft es. So lief es immer.
Diese Seele löste sich nicht.
Sie lag in der Leere wie ein Kiesel auf dem Grund eines Flusses, der alles andere fortgetragen hatte. Ganz. Unverändert. Eine Lebenslinie, die von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Punkt vollständig abgeschlossen war und trotzdem nicht auseinanderfiel.
Etwas sehr Altes und sehr Weites, das nicht in dieser Leere wohnte, sondern durch sie hindurchsah wie durch dünnes Eis, hielt inne.
Es dachte nicht in Worten. Wenn man das, was es tat, in Worte hätte übersetzen müssen, wären es keine drei gewesen, sondern nur eine Feststellung, so ruhig und so endgültig wie das Kippen einer Waage:
Da.
Und die Leere, die kein Oben und kein Unten hatte, bekam eine Richtung.
Schwarz.
Dann Schmerz — nicht im Herzen, sondern in einer aufgeschnittenen Brust.