Der Abstand stimmte nicht, und Tang Shu wachte davon auf.
Und es war der achtzehnte Juni 2136 um 03:41, und sie blieb zuerst liegen und tat das, was sie immer zuerst tat, bevor sie irgendetwas anderes tat.
Sie zählte.
Und ihre Uhr schlug so, wie sie seit ihrem Erwachen geschlagen hatte: Yin, dann Yang, dann wieder Yin, und dazwischen jedes Mal ein Abstand, den sie besser kannte als ihr eigenes Gesicht im Wasser.
Dieser Abstand war nicht gleich.
Er war nicht falsch, und er war nicht laut, und er war nicht kaputt.
Er war um eine Winzigkeit ungleich, und zwar in eine Richtung.
Sie zählte bis vierhundert.
Und sie tat es im Sitzen auf der Bettkante, mit beiden Füßen auf dem kalten Stein, weil sie im Sitzen seit jeher genauer zählte als im Liegen, und sie brauchte dafür etwas mehr als zwölf Minuten.
Bis dreihundertzweiundneunzig war alles gleich.
Dann war der Weg von Yin nach Yang eine Spur länger als der Weg zurück.
Dann war er es wieder nicht.
Dann war er es noch einmal.
Und Tang Shu saß um 03:56 auf der Bettkante und wusste, dass sie dreimal in vierhundert Schlägen etwas gefunden hatte, und sie wusste ebenfalls, dass dreimal in vierhundert keine Zahl war, mit der man in einem schlafenden Haus jemanden weckte.
Sie prüfte danach das Naheliegende, weil sie das Naheliegende immer zuerst prüfte.
Sie hatte vier Stunden geschlafen, und das war wenig, aber für sie nicht ungewöhnlich wenig.
Sie hatte am siebzehnten Juni bis 21:00 in der Heilhalle gearbeitet und dabei nichts gehalten, was schwer gewesen wäre.
Sie hatte seit dem zweiten Mai keinen Übergang festgehalten, und sie hatte seit dem fünfzehnten Juni keine fremde Uhr angefasst.
Und keiner dieser vier Punkte erklärte drei ungleiche Abstände.
Weil keiner von ihnen es erklärte, stand Tang Shu um 04:02 auf und zog sich an und ging in den Wohnhof, statt weiter im Dunkeln zu rechnen.
Sie kannte das Zählen ohne Antwort besser als die meisten Menschen das Atmen.
Denn ihre Uhr hatte neunzehn Jahre lang geschwiegen, und sie hatte in diesen neunzehn Jahren trotzdem gezählt, jede Nacht, ohne dass es einen vernünftigen Grund dafür gegeben hätte.
Und in neunzehn Jahren hatte nie etwas geantwortet.
Deshalb war Tang Shu der einzige Mensch im Clan des Ewigen Dao, der genau wusste, wie lange man an einem Rhythmus horchen konnte, der nicht zurückschlug, ohne dabei verrückt zu werden.
Deshalb wusste sie auch, dass Hoffnung an dieser Stelle das ungenaueste Messgerät der Welt war.
Im Wohnhof brannte um 04:20 bereits Licht in der Küche.
Und Fang Xiuying machte das Feuer an, wie sie es an dreihundertfünfzig Tagen im Jahr um diese Zeit machte, und sie sah nicht auf, als Tang Shu in der Tür stand.
„Frau Tang."
„Frau Fang."
„Sie sind zu früh."
Tang Shu setzte sich auf den Hocker neben der Tür, weil das der einzige Platz in dieser Küche war, auf dem man niemandem im Weg saß.
„Frau Fang, ich bin wach", sagte sie.
„Das ist etwas anderes."
„Ja."
Und Fang Xiuying legte drei Scheite nach und schob den Kessel zurecht.
„Frau Tang, wach ist um sechs. Zu früh ist um vier", sagte sie.
Tang Shu stellte ihr trotzdem eine Frage, weil sie ohnehin da war und weil Fang Xiuying die einzige Person im Haus war, die den Geschmack von Wasser über Monate hinweg im Kopf behielt.
„Frau Fang, schmeckt das Wasser anders?"
„Nein."
„Seit wann nicht?"
Fang Xiuying dachte nach, während sie den Deckel auflegte, und sie dachte kürzer nach, als Tang Shu erwartet hatte.
„Frau Tang, seit April nicht. Da haben sie die zweite Leitung umgehängt und danach hat es zwei Wochen nach Metall geschmeckt."
„Jetzt?"
„Und jetzt schmeckt es wie vorher", sagte sie.
Tang Shu strich damit im Kopf einen weiteren Punkt.
Denn es war nicht das Wasser.
Sie bekam um 04:40 eine Schale Reisbrei, ohne darum gebeten zu haben.
Und sie aß ihn, und sie aß etwa die Hälfte, und sie merkte selbst nicht, dass sie zwischen dem elften und dem zwölften Löffel eine Pause machte, die vier Atemzüge lang war.
Fang Xiuying merkte es.
„Frau Tang."
„Frau Fang?"
„Soll ich Ihnen etwas anderes machen?"
Tang Shu sah in die Schale.
„Frau Fang, warum?"
„Weil Sie langsam essen", sagte Fang Xiuying, und dann drehte sie sich wieder zum Kessel um und sagte an diesem Morgen nichts mehr dazu.
Um 05:10 zählte Tang Shu im Wohnhof ein zweites Mal.
Und sie saß dabei auf der untersten Stufe vor dem Ostgang, wo im Juni die erste Sonne hinkam, und sie zählte wieder bis vierhundert.
Diesmal fand sie es viermal.
Viermal in vierhundert war mehr als dreimal in vierhundert, und Tang Shu wusste sehr genau, dass genau an dieser Stelle die meisten Menschen anfingen, aus zwei Messungen eine Richtung zu machen.
Sie machte keine Richtung daraus.
Stattdessen schrieb sie sich die beiden Zahlen nirgends auf, sondern behielt sie im Kopf, so wie sie sich in neunzehn Jahren Zahlen im Kopf behalten hatte, für die es keine Liste gab.
Meifeng kam um 06:30 in den Wohnhof, und ihr Sohn kam vor ihr.
Denn Gu Lin Aelir lief seit dem einundzwanzigsten Mai, und er lief inzwischen schneller, als es einem fünfzehn Monate alten Menschen zustand, und er lief in einem Bogen um die Stufe herum und blieb dann direkt vor Tang Shu stehen.
Und er hielt ihr einen Holzlöffel hin.
„Danke", sagte Tang Shu.
Und Lin Aelir gab ihn ihr nicht.
Und dann gab er ihn ihr doch, und dann wollte er ihn sofort wieder haben, und Tang Shu gab ihn zurück, und das ganze Verfahren wiederholte sich viermal, bis das Kind das Interesse verlor und weiterlief.
Meifeng setzte sich neben sie auf die Stufe.
Und sie setzte sich nicht dicht, und sie setzte sich auch nicht weit weg, und sie sagte zuerst nichts.
„Frau Tang."
„Frau Song."
„Sie sitzen hier seit fünf."
Tang Shu sah zu ihr.
„Frau Song, woher wissen Sie das?"
„Weil ich um fünf am Fenster war", sagte Meifeng.
„Und?"
„Und Sie haben in einer Stunde nicht einmal die Haltung gewechselt", sagte sie.
Es blieb einen Moment still auf der Stufe.
„Frau Song, ist das eine Frage?"
„Nein."
„Was ist es?"
Und Meifeng sah ihrem Sohn hinterher, der am anderen Ende des Hofes mit beiden Händen an einem Eimer zog, der schwerer war als er.
„Frau Tang, das ist eine Beobachtung", sagte sie.
Und Tang Shu lachte kurz, weil dieser Satz in diesem Haus seit dem zehnten Juni ungefähr sechsmal gefallen war und weil ihn jedes Mal jemand anderes gesagt hatte.
Am Frühstückstisch saßen an diesem Morgen neun Leute.
Und es war der zweimal aufgesägte Tisch, und neun Leute waren an einem Donnerstagmorgen normal, und niemand hatte an diesem Morgen einen Anlass, außer dass Xuan Ling im Juni früh aufstand.
Und Tang Shu saß zwischen Gu Zixuans leerem Platz und Gu Lian.
Sie aß langsam.
Sie aß nicht wenig, und sie aß nicht widerwillig, und sie hörte nur zweimal mitten in einer Bewegung auf, weil sie in diesem Moment gerade zählte.
Gu Tian saß am Kopfende und sagte an diesem Morgen sehr wenig.
Und er sagte wenig, weil er seit dem vierzehnten Juni jeden Vormittag mit Fräulein Shen Messreihen durchging und weil er das Durchgehen von Messreihen nicht mit an den Tisch brachte.
Und er sah trotzdem hin.
„Shu."
„Tian?"
„Du hast zweimal aufgehört."
Tang Shu legte die Stäbchen ab.
„Ja", sagte sie.
„Und?"
Und Gu Tian sah sie an, und er sah sie genau vier Sekunden lang an, und dann tat er etwas, das er vor drei Jahren nicht getan hätte.
Er aß weiter.
„Und du isst heute langsam", sagte er.
„Ja."
„Und mehr habe ich dazu nicht."
Tang Shu nahm die Stäbchen wieder auf.
„Tian, das war nah dran an einer Frage", sagte sie.
„Nein."
„Doch."
Und er sah auf seine Schale.
„Shu, eine Frage hätte ein Fragezeichen", sagte er.
Xuan Ling stellte ihr um 07:20 etwas hin.
Und es war ein kleiner Teller mit eingelegtem Gemüse, und Xuan Ling sagte nichts dazu, und sie stellte ihn so hin, dass es nicht nach Sorge aussah, sondern nach einem Teller, der ohnehin auf dem Tisch stehen musste.
„Frau Xuan."
„Frau Tang?"
„Ich habe nicht darum gebeten."
Und Xuan Ling setzte sich hin und nahm sich selbst davon.
„Frau Tang, das steht da für alle", sagte sie.
Und dann aß sie zwei Stücke, damit der Satz stimmte.
Auf dem Weg zur Heilhalle prüfte Tang Shu ihr Werkzeug.
Denn sie sah über jedem Menschen eine Möglichkeit, und sie hatte das immer getan, und sie tat es meist, ohne es zu wollen, so wie andere Leute hören, ob eine Tür schlecht schließt.
Und sie sah an diesem Morgen über sieben Leuten sieben Möglichkeiten.
Und über Han Da, der um 07:50 vor seiner Werkstatt stand und einen Griff prüfte, stand eine sehr breite und sehr ruhige.
Über einem Anwärter, der ihr im Laufschritt entgegenkam, stand eine schmale und schnelle.
Alle sieben standen gleichmäßig.
Damit war klar, dass ihr Werkzeug nicht kaputt war.
Was nicht ging, ging bei ihr selbst.
Und das war seit dem ersten Tag so gewesen: Tang Shu sah über jedem Menschen eine Möglichkeit, und über sich selbst sah sie nichts.
Kein Flackern, keine Trübung, keinen leeren Platz.
Nichts.
Und sie hatte es in all den Jahren dreimal versucht, und sie hatte es einmal über einer Wasserfläche versucht und einmal über einem polierten Schild und einmal in einem Spiegel im Nordhof, und alle drei Male hatte sie exakt dasselbe gesehen wie immer, nämlich eine Frau mit nassen Haaren und keine einzige Möglichkeit über ihrem Kopf.
Und deshalb war der eine Blick, der ihr an diesem achtzehnten Juni eine Antwort gegeben hätte, genau der Blick, den sie nicht hatte.
In der Heilhalle war um 08:00 Listenzeit.
Und Han Meiyu ging ihre Liste durch, wie sie sie seit Jahren durchging, und sie tat es laut, weil sie es sich angewöhnt hatte, laut zu lesen, damit ihr jemand widersprechen konnte.
„Vier Anwärter mit Prellungen aus dem Nachtlauf."
„Frau Han."
„Einer mit einem Unterarm, der falsch zusammenwächst."
„Und?"
Und Han Meiyu sah auf.
„Und Herr Liang aus dem dritten Hof, der seit Montag nicht mehr allein aufsteht", sagte sie.
Der Anwärter mit dem Unterarm war neunzehn Jahre alt und ärgerlich.
Und er war ärgerlich, weil er glaubte, dass ein falsch zusammenwachsender Knochen bei einem Jäger keine drei Wochen kosten dürfe, und weil ihm bereits zwei Leute erklärt hatten, dass er doch drei Wochen kosten würde.
Tang Shu sah ihn sich an.
Und über ihm stand seine Möglichkeit, schmal und schnell und sehr gleichmäßig, und sie stand so ruhig, dass Tang Shu einen Moment lang neidisch war.
„Ihr Abstand ist sauber", sagte sie.
„Frau Tang?"
„Nichts. Das war für mich", sagte sie.
Herr Liang war siebenundsiebzig und wach und höflich.
Und er saß aufrecht im Bett, obwohl er dafür Hilfe gebraucht hatte, und er hatte sich das Hemd zugeknöpft, bevor die Halle aufmachte, und das sagte über den Mann mehr als jede Messung.
„Frau Tang."
„Herr Liang."
„Sie sehen mich sich an."
Tang Shu setzte sich auf den Hocker neben dem Bett, weil man einem Mann, der nicht aufstehen konnte, nicht im Stehen etwas erklärte.
„Ja", sagte sie.
Und seine Möglichkeit stand nicht mehr breit.
Sie war schmaler als im März, und sie war nicht ausgefranst und nicht unruhig, sondern einfach schmaler, so wie ein Fluss im Sommer schmaler wird, ohne dass jemand etwas falsch gemacht hätte.
„Frau Tang, sagen Sie es."
„Herr Liang, sie wird schmaler."
„Und?"
Und Tang Shu wich dabei nicht aus, weil sie an dieser Stelle noch nie ausgewichen war.
„Und sie ist nicht kurz vor dem Ende, und sie ist nicht mehr im Frühjahr", sagte sie.
Herr Liang nahm das ruhiger als die meisten Leute unter fünfzig.
„Frau Tang, wie lange?"
„Herr Liang, das sage ich nicht in Tagen."
„In Monaten?"
Tang Shu sah noch einmal hin, und sie sah länger hin als vorher, weil dieser Mann sie ausdrücklich gefragt hatte.
„Herr Liang, in Monaten. Nicht in vielen", sagte sie.
Und er nickte einmal und ordnete danach die Decke, als wäre das jetzt die dringlichere Sache.
„Frau Tang, meine Tochter kommt am Sonntag."
„Ja."
„Sagen Sie es ihr nicht vorher."
Tang Shu dachte etwa vier Sekunden nach, und dann sagte sie ihre Bedingung, weil sie zu solchen Zusagen immer eine Bedingung sagte.
„Herr Liang, ich sage es ihr nicht vorher. Und wenn sie mich fragt, lüge ich nicht."
„Frau Tang, das ist fair."
„Und wenn es schneller geht als in Monaten, hole ich sie selbst", sagte Tang Shu.
Und Herr Liang sah sie an und lachte kurz und hustete dann, und beides zusammen dauerte etwa vier Sekunden.
„Frau Tang, Sie sind die Einzige hier, die dabei nicht leiser wird", sagte er.
Han Meiyu fragte sie danach etwas, während sie beide die Hände wuschen.
„Frau Tang."
„Frau Han?"
„Sie waren bei ihm länger als sonst."
Tang Shu trocknete sich die Hände an dem Tuch ab, das links vom Becken hing und das seit Jahren links vom Becken hing.
„Frau Han, er hat gefragt", sagte sie.
„Und Sie haben geantwortet."
„Ja."
Und Han Meiyu schrieb etwas in ihr Buch.
„Frau Tang, das schreibe ich auf", sagte sie.
Und Tang Shu stellte ihr daraufhin eine Frage, die nicht ganz die Frage war, die sie eigentlich meinte.
„Frau Han, wie oft muss etwas passieren, bevor Sie es in Ihr Buch schreiben?"
„Einmal."
„Und wie oft, bevor Sie es glauben?"
Han Meiyu klappte das Buch nicht zu, sondern hielt den Finger an der Zeile.
„Frau Tang, das sind zwei verschiedene Bücher", sagte sie.
„Frau Han?"
„In das erste schreibe ich, was war. In das zweite schreibe ich, was ich für einen Zusammenhang halte."
„Und?"
„Und in das zweite schreibe ich nichts, was weniger als dreimal an verschiedenen Tagen aufgetreten ist", sagte Han Meiyu.
Tang Shu ging um 11:40 aus der Heilhalle und hatte zwei Zahlen, die an einem einzigen Tag aufgetreten waren.
Sie rechnete auf dem Weg zurück in den Wohnhof aus, was das bedeutete, und die Rechnung war unangenehm einfach.
Drei verschiedene Tage.
Sie war am achtzehnten.
Und das machte den zwanzigsten zur frühesten Zahl, die überhaupt eine Zahl sein konnte, und Tang Shu, die neunzehn Jahre gewartet hatte, stellte fest, dass zwei Tage sich plötzlich lang anfühlten.
Um 14:20 dachte sie den Satz zum ersten Mal.
Und sie stand dabei in der kleinen Vorratskammer neben der Yin-Yang-Halle und hatte eine leere Schale in beiden Händen, und sie war eigentlich gekommen, um Ingwer zu holen.
Und sie dachte den Satz nicht zu Ende.
Sie stand danach etwa vier Minuten mit der leeren Schale in der Hand in der Vorratskammer und stellte sie dann zurück ins Regal und nahm keinen Ingwer mit.
Als sie draußen war, merkte sie, dass sie den Satz aus einem einzigen Grund nicht zu Ende gedacht hatte.
Weil ein zu Ende gedachter Satz danach nicht mehr wegging.
Und um 15:00 ging sie in die falsche Richtung.
Denn im dritten Hof wohnte eine Frau aus der Küchengruppe, die im siebten Monat war, und Tang Shu kannte ihre Uhr, weil sie sie im April auf Wunsch der Frau selbst einmal angesehen hatte, und Tang Shu wusste bis auf den Schlag genau, wie diese Uhr klang.
Und wenn sie diese Uhr jetzt noch einmal hörte, dann hätte sie einen Vergleich.
Und sie ging bis auf vier Schritte an die Tür heran.
Dann drehte sie um.
Sie ging zurück und setzte sich in die Yin-Yang-Halle und war ehrlich mit sich, weil sie es sich angewöhnt hatte, sich die unangenehmen Sätze selbst zu sagen.
Sie wollte den Vergleich nicht, um es zu wissen.
Sie wollte den Vergleich, um es heute schon zu wissen.
Und das war ein Unterschied, und dieser Unterschied hatte in ihrem Beruf schon Leute umgebracht, und zwar nicht ihre Patienten, sondern die Heiler.
Und deshalb hörte sie an diesem Nachmittag auf, nach Abkürzungen zu suchen, und tat stattdessen das Langweiligste, was ihr einfiel.
Sie zählte.
Sie zählte von 15:20 bis 16:40 in zwei Durchgängen.
Und der erste Durchgang ging bis vierhundert, und sie fand es viermal.
Und der zweite Durchgang ging bis vierhundert, und sie fand es dreimal.
Beide Durchgänge fanden es an derselben Stelle des Schlages, nämlich immer auf dem Weg von Yin nach Yang und niemals auf dem Weg zurück.
Das war das Einzige an diesem ganzen Tag, das nicht nach Zufall aussah.
Denn Zufall verteilt sich.
Und das hier verteilte sich nicht.
Gu Tian kam um 17:10 an der offenen Tür der Halle vorbei und blieb stehen.
Und er blieb stehen, weil er auf dem Weg zum Westtor war und weil in der Yin-Yang-Halle um diese Zeit normalerweise niemand saß.
„Shu."
„Tian."
„Du sitzt seit wann hier?"
Sie sah auf, und das Violett am Rand seiner goldenen Augen lief an diesem Nachmittag nicht schneller als sonst, was hieß, dass er nicht hinsah, sondern nur schaute.
„Seit drei", sagte sie.
„Und was machst du?"
„Nichts."
Und Gu Tian trat einen Schritt in die Tür und lehnte sich an den Rahmen und blieb dort stehen, ohne hereinzukommen.
„Shu, das ist mein Satz."
„Ich weiß."
„Und du hast ihn dir von mir geliehen."
„Ja", sagte sie. „Und du hast ihn im Juli 2134 zwölf Tage lang benutzt und danach hat ein Gesetz bei dir geklopft."
Und Gu Tian dachte etwa vier Sekunden nach.
„Shu, das ist kein Argument gegen den Satz", sagte er.
„Und was ist es?"
„Und es ist ein Argument dafür, dass ich dich nicht störe", sagte er.
Dann blieb er trotzdem noch etwa eine Minute im Türrahmen stehen, und in dieser Minute sagte keiner von beiden etwas, und Tang Shu merkte, dass sie das nicht unangenehm fand.
Dann ging er zum Westtor, weil Fräulein Luo um 17:30 eine Messreihe fertig hatte.
Er fragte nichts.
Tang Shu saß danach noch zehn Minuten in der leeren Halle und stellte fest, dass sie ihm beinahe geantwortet hätte, wenn er gefragt hätte.
Beim Abendessen saßen vierzehn Leute am Tisch.
Und es war lauter als am Morgen, und Gu Lian und Zixuan stritten über die Schale mit dem Sprung, wie sie seit März über die Schale mit dem Sprung stritten, und Sheilan und Xuan Ling stritten über Salz.
Und Tang Shu aß langsam.
Diesmal fiel es zwei Leuten auf.
„Frau Tang."
„Frau Song?"
„Sie haben Ihre Schale seit acht Minuten nicht angerührt", sagte Meifeng.
Es blieb einen Moment still an dieser Seite des Tisches.
„Frau Song, sind Sie sicher?"
„Ja."
„Und woher?"
Und Meifeng sah auf ihren eigenen Teller.
„Frau Tang, weil ich seit acht Minuten hinsehe", sagte sie.
Und Tang Shu nahm die Schale und aß, und sie aß langsam, und sie aß sie leer, und sie tat es nicht wegen Meifeng, sondern weil sie in diesem Moment gemerkt hatte, dass sie tatsächlich Hunger hatte.
Sie gingen danach zusammen die vier Stufen zum oberen Gang hinauf.
Und Meifeng blieb auf der zweiten Stufe stehen, und sie tat es nicht zufällig, und Tang Shu blieb ebenfalls stehen.
„Frau Tang."
„Frau Song?"
„Ich kann Sie ansehen."
Und das war der Satz.
Denn Meifeng konnte das, und beide wussten, dass sie das konnte, und beide wussten außerdem, was sie damit in etwa zehn Sekunden herausfände.
Tang Shu sagte darauf zuerst nichts.
Und sie sagte etwa acht Sekunden lang nichts, und sie sah dabei nicht weg, was in diesem Haus als Antwort galt.
„Frau Song, ich weiß."
„Ja."
„Und?"
Und Meifeng legte die Hand auf das Geländer und nahm sie nicht wieder weg.
„Und ich tue es nicht", sagte sie.
„Frau Song, warum nicht?"
„Weil Sie mich nicht gefragt haben."
„Das ist nicht der ganze Grund."
Und Meifeng lachte kurz, weil das stimmte.
„Frau Tang, nein."
„Und?"
„Und weil ich dann diejenige wäre, die es Ihnen sagt", sagte Meifeng. „Und das ist der einzige Satz in Ihrem Leben, den Sie zuerst selbst wissen sollten."
Es blieb sehr still auf der Treppe.
„Frau Song, das war jetzt ziemlich nah dran."
„Ja."
„Und Sie haben trotzdem nichts gesagt."
Und Meifeng sah sie an.
„Frau Tang, ich habe gesagt, dass ich es nicht tue", sagte sie. „Und ich habe nicht gesagt, was ich glaube."
Tang Shu stand auf der zweiten Stufe und war zum ersten Mal an diesem Tag ratlos, und zwar nicht wegen ihrer Uhr.
„Frau Song, ich bin schlecht in so etwas."
„Ich weiß."
„Und ich weiß nicht, was man jetzt sagt."
Und Meifeng nahm die Hand vom Geländer und legte sie kurz auf Tang Shus Unterarm, vier Sekunden lang, und nahm sie dann wieder weg.
„Frau Tang, man sagt nichts", sagte sie. „Und wenn Sie mich holen, komme ich sofort. Auch um drei Uhr nachts. Auch am zwanzigsten. Auch, wenn es nichts ist."
Um 21:00 schrieb Tang Shu wieder eine Liste.
Und das war für sie der eigentliche Vorgang des Tages, denn sie hatte am zwölften Juni keine geschrieben, und das war seit Jahren nicht vorgekommen, und Meifeng hatte es damals bemerkt und nichts daraus gemacht.
Und sie schrieb an diesem Abend vier Zeilen.
18. Juni, 03:41: Abstand ungleich. Dreimal in vierhundert.
18. Juni, 05:10: viermal in vierhundert.
18. Juni, 15:20 und 16:00: viermal, dreimal. Immer Yin nach Yang. Nie zurück.
Nicht müde von Arbeit. Nicht Wasser. Nicht Schlaf.
Und sie schrieb kein einziges Wort darunter, das erklärte, was sie davon hielt.
Und das war Absicht.
Danach schrieb sie noch eine fünfte Zeile, und sie schrieb sie, nachdem sie etwa vier Minuten mit dem Stift in der Hand dagesessen hatte.
Bis zum zweiundzwanzigsten weiterzählen. Zweimal am Tag. Dann Frau Song.
Und dann legte sie den Stift hin und faltete das Blatt einmal und legte es unter das Buch, das sie ohnehin jeden Abend anfasste, weil ein Blatt unter einem Buch weniger auffällt als ein Blatt in einer Schublade.
Gu Tian kam um 21:40.
Und er kam nicht, weil ihn jemand geholt hatte, sondern weil er um diese Zeit fertig war, und er machte die Tür nicht ganz auf, sondern nur so weit, dass man sehen konnte, ob jemand wach war.
„Shu."
„Tian."
„Störe ich?"
Und sie überlegte tatsächlich kurz, und dann sagte sie die Wahrheit.
„Nein", sagte sie.
Er setzte sich neben sie und nicht ihr gegenüber, und das war ein Unterschied, den er irgendwann gelernt und danach nie wieder vergessen hatte.
Und Tang Shu lehnte sich nach etwa einer Minute an ihn.
Und sie tat es ungeschickt, weil sie so etwas immer ungeschickt tat, und sie stieß ihm dabei mit der Schulter gegen den Arm, und er verzog keine Miene.
„Entschuldigung."
„Shu."
„Ich bin schlecht darin, das gleichmäßig zu machen", sagte sie.
„Ich weiß."
„Und?"
Und er legte den Arm um sie und zog sie zurecht.
„Und ich bin kein Instrument", sagte er.
Sie saßen so etwa zwanzig Minuten.
Und in diesen zwanzig Minuten erzählte er ihr von der Messreihe des Tages, und zwar in vier Sätzen, weil er wusste, dass sie die Zahlen nicht wollte, sondern nur wissen wollte, ob es schlimm war.
Und es war nicht schlimm.
Dann fragte er sie etwas, und es war die einzige Frage des ganzen Tages, die tatsächlich eine war.
„Shu."
„Ja?"
„Soll ich fragen?", sagte er.
Es blieb einen Moment still im Zimmer.
Und Tang Shu dachte darüber nach, und sie dachte länger darüber nach als über alles andere an diesem achtzehnten Juni, und sie merkte dabei, dass sie beinahe ja gesagt hätte.
„Noch nicht", sagte sie.
„Gut."
„Und?"
Und Gu Tian sah nicht auf und tat nichts, was nach Prüfung aussah, und das Violett in seinen Augen lief genau so langsam wie am Abend zuvor.
„Und wenn du willst, dass ich frage, sagst du es", sagte er.
„Tian."
„Ja?"
„Du bist im März 2134 bei so etwas aufgestanden und hast die halbe Nacht gemessen."
Und er dachte etwa vier Sekunden nach.
„Shu, ja."
„Und heute?"
„Und heute sitze ich hier und weiß nicht, was los ist", sagte er.
„Das ist in Ordnung für dich?"
Er antwortete darauf ehrlich, so wie er in diesem Jahr auf fast alles ehrlich antwortete.
„Shu, nein", sagte er. „Und ich mache es trotzdem."
Sie schlief um 22:30 ein.
Und sie schlief ein, während sie zählte, und das war ihr seit dem Erwachen ihrer Uhr genau zweimal passiert.
Und sie kam bis siebenundachtzig.
Irgendwo zwischen siebenundachtzig und dem, was danach kam, hörte sie auf, ein Ergebnis zu wollen, und hörte einfach nur noch hin.
Ihre Uhr schlug weiter.
Sie schlug ruhig und sie schlug gleichmäßig und sie schlug in der Ordnung, in der sie seit neunzehn Jahren Schweigen und allen Jahren danach geschlagen hatte: Yin, dann Yang, dann wieder Yin.
Auf dem Weg von Yin nach Yang war der Abstand um eine Winzigkeit länger.
Tang Shu wusste nicht, was das war.
Sie hörte weiter hin.